112-Peterson: Über den Umgang mit Hindernissen

Im Gewirr der Dinge, die uns in den Weg geraten, befinden sich unbestimmte Ereignisse; neuartige oder anomale Vorkommnisse. Im Grunde kann man fast alles, was sich einem in den Weg stellt, als neuartiges Ereignis bezeichnen. Denn normalerweise strukturieren wir unser Verhalten dahingehend, dass wir uns gar nicht erst in eine Situation bringen, in welcher Anomalien mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu erwarten wären. Wenn wir also auf ein Hindernis stoßen, geschehen zwei Dinge zur gleichen Zeit.

Eines davon besteht darin, dass unsere Bewegung in Richtung eines bestimmten Zieles oder mehrerer Ziele blockiert wird. Zugleich sind wir mit einem Mysterium konfrontiert. Und dieses Mysterium lautet: Das, was sich uns in den Weg stellt, sollte nach unseren Berechnungen gar nicht existieren. Doch es existiert. Welche Auswirkungen hat das nun auf alles weitere, was wir vor haben?

Diese Überlegung fällt vielen sehr schwer. Und das ist kein Wunder, denn das Chaos, das unterschwellig unter allem lauert und nur durch unsere Vertrautheit mit einem bestimmten Kontext eingedämmt wird, bricht sich nun Bahn. Ähnlich wie „der weiße Hai“ im gleichnamigen Film. Im Grunde handelt es sich hier natürlich um eine mythologische Geschichte: Eine sichere, paradiesische Insel, die plötzlich eine Bedrohung aus den Tiefen des Untergrunds erfährt, die uns in den Abgrund ziehen kann. Dies zerstört die Harmonie und den Frieden dieser speziellen Gemeinde. Es ist ein Drachenmythos, eine Heldengeschichte, wie sie sich die Menschen schon seit Uhrzeiten erzählen.

Alles wird plötzlich relevant

All dieses Unerwartete – der Hai, der aus der Tiefe auftaucht, oder der Drachen, das Raubtier, der unerwartete Eindringling, der Barbar – alles, was wir vor seinem plötzlichen Auftauchen für unrelevant gehalten haben, manifestiert sich nun. Und wenn wir uns dann  vorstellen, mit wie vielen Dingen wir im täglichen Leben nicht rechnen – wann immer dieses Unerwartete plötzlich auftaucht, liefert es einen Grund für ein Trauma. Man hat es geschafft, 99,9 Prozent des Unerwünschten zu vermeiden und plötzlich tauchen 0,1 Prozent auf, die man übersehen hat. Man hat einen Fehler gemacht! Man weiß plötzlich nicht mehr, wo man ist.

Was ist noch relevant, wenn man auf einmal nicht mehr weiß, an welchem Punkt man sich befindet? Angesichts der Tatsache, dass man sich nicht zurecht findet, wird plötzlich alles relevant. Man kann nur erahnen, welchen Qualen Patienten mit paranoider Schizophrenie fortwährend ausgesetzt sein müssen. Denn was ihnen permanent geschieht, ist im Prinzip das, was ich eben beschrieben habe.

Bei ihnen finden ständig neurophysiologische Umwandlungen statt, die dazu führen, dass alles, worauf sie sich verlassen haben, in ihrer Wahrnehmung verschwindet. Das bedeutet, dass alles plötzlich gleichermaßen relevant wird. Im Frühstadium der Schizophrenie bedeutet das unglaublichen neurophysiologischen Stress. Solche Patienten werden mit dem Stresshormon Cortisol überschwemmt, wodurch in der Folge ihre Gehirne verkümmern. Kein Wunder – es wird einfach zu viel. Wir kommen kaum mit etwas zurecht, wie sollen wir dann mit allem zurecht kommen?

Der Grund für die Beschwerden ist das Unerwartete

Ein Aspekt, der leider bei der Ausbildung klinischer Therapeuten zu kurz kommt, ist der folgende: Wenn man Menschen in einer Krise behandelt, hat man es meistens eben nicht mit Menschen mit einer mentalen Erkrankung zu tun. Meiner Erfahrung nach kommt das sogar ziemlich selten vor. Viel häufiger wurde der Patient von einer Katastrophe überwältigt, wodurch sein Leben in gewisser Hinsicht auseinander fiel und die Person mit ihrem Alltag nicht mehr zurecht kommt.

Vielleicht hat der Ernährer der Familie eine schwere Krankheit bekommen, sodass die finanzielle Situation komplett ins Wanken geraten ist. Oder jemand wurde berufsunfähig und kann nicht mehr seiner regulären Tätigkeit nachgehen. Der Betroffene beginnt dann eine Therapie, weil er unter Angststörungen und Depressionen leidet. Aber der Grund für diese Beschwerden ist ja, dass das Unerwartete seinen Kopf ins Leben des Patienten gereckt hat und auf seine Zerstörung aus ist.

Nicht selten trifft man als Therapeut Menschen, die mit fünf oder sechs Monstern gleichzeitig kämpfen müssen. Es ist keine vermeintliche mentale Krankheit, die sie davon abhält, mit diesen Schicksalsschlägen zurecht zu kommen, auch wenn persönliche Schwächen hier natürlich schon ein Hindernis sind. Ausschlaggebend ist jedoch die Tatsache, dass das, womit sie konfrontiert werden, eine ungewöhnliche Belastung ist. Und jeder andere wäre genauso mit einer solchen Lebenssituation überfordert.

Jeder von uns kann beim Psychologen landen

Und dann versucht man als Therapeut, mit irgendwelchen praktischen Lösungsvorschlägen angesichts dieser ungewöhnlich komlexen Probleme um die Ecke zu kommen. Das ist für beide Seiten schwierig. Denn die meisten wagen sich erst dann zum Therapeuten, wenn sie sämtliche eigene Ressourcen aufgebraucht haben. Sie gehen erst in Therapie, wenn sie komplett am Boden sind.

In solch einem Zustand kann man dann als Therapeut vielleicht Antidepressiva verordnen und hoffen, dass sie der Person dabei helfen, ihre Stress-Resistenz zu erhöhen. Und vielleicht ist es so, dass sie wegen ihrer Depression und ihres Zusammenbruchs die kleineren Monster in ihrem Leben als gefährlicher betrachtet als sie tatsächlich sind. Aber nur weil der Patient jetzt vielleicht stressresistenter ist, hat er damit noch lange keinen neuen Job und mit Sicherheit wird ihm dadurch auch nicht die geliebte Person wiedergebracht, die er gerade an Krebs verloren hat.

Es kommt nicht selten vor, dass beispielsweise ältere, recht isoliert lebende Leute plötzlich eine psychologische Praxis aufsuchen, weil ihr Partner im Sterben liegt und ihre ganze finanzielle Situation auf der Kippe steht. Das hat nichts mit einer mentalen Erkrankung zu tun. Sie haben vielleicht aufgrund eigener Unzulänglichkeiten eine solche entwickelt, aber man sollte sich nicht zu sehr darauf versteifen. Den meisten von passiert es früher oder später, dass wir uns in völlig unvorhergesehenen Lebensumständen wiederfinden. Stellen wir uns lieber schon mal darauf ein. Sowas ist immer bitter, brutal, schmerzhaft und Angst auslösend. Wenn wir jedoch nicht darauf vorbereitet sind, dann ist es zudem noch die Hölle.

Dies ist ein Auszug aus einer Vorlesung von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Sabine Heinrich / 25.11.2020

@U.Eckart: Vielen lieben Dank für Ihren Kommentar! Es tut gut, auf Veständnis zu stoßen! Nachdem ich heute eine weitere Rückmeldung wie die in meinem Kommentar geschilderte erhielt, habe ich mir vorgenommen, niemandem mehr zu erzählen, wie es mir wirklich geht. Die unsensiblen Reaktionen ziehen mich nur noch weiter runter. Tja - es geht eben nichts über eine gebrochene eingegipste Extremität - da bekommt man alles Mitgefühl und Verständnis der Welt! Ich wünsche Ihnen alles Gute und Zuversicht (die mir derzeit etwas abhandengekommen ist, was die Zukunft betrifft).

Esther Burke / 25.11.2020

Fragen, auf die es keine Antwort gibt : warum bin ich gesund, angenommen, versorgt mit dem,was ich brauche, fähig zu so viel Freude - und andere viel weniger ? Hölderlin : “Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog Schön ihn nieder;  DAS LEID BEUGTE IHN GEWALTIGER ; so durchlauf ich des Lebens Bogen und kehre, woher ich kam. ”  Und Matthias Claudius (“An meinen Sohn Johannes”) :”....Es ist nichts groß, was nicht gut ist ; und ist nichts wahr, was nicht bestehet. DER MENSCH IST HIER NICHT ZUHAUSE , und er geht nicht von ungefähr in dem SCHLECHTEN ROCK umher…..er ist sich selbst anvertraut und trägt sein Leben in seiner Hand…Sorge für deinen Leib, doch nicht so. als ob er deine Seele wäre….Und sinne täglich nach über Tod und Leben, ob du es finden mögest. UND HABE EINEN FREUDIGEN MUT….”  Und zuletzt, beim Buchstaben Z angelangt : “Zerbrich den Kopf dir nicht zu sehr, zerbrich den Willen, das ist mehr.” Seltsame stoffliche Existenz, an die wir gebunden sind, die wir das Leben nennen.  Werden wir einst das “Fahrzeug” wechseln ?  - “Der Mensch, fragil ; gefährdet, gefährdend. Und dennoch, machmal : ein Baum, aufrecht und stark, so großzügig verschenkend.  Und doch auch, zuweilen : ein Gefäß, überflutend von Licht; voll Heimweh, voll Zuversicht.” (E.B.)

Werner Arning / 25.11.2020

Hilfreich ist vielleicht, wenn man nichts für selbstverständlich erachtet. Weder das Gute noch das Schlechte. Neugierig auf den nächsten Tag bleiben. Jeder Tag bringt seine eigene Sorge. Dabei aber froh über das Gute sein, welches einem widerfährt und nicht komplett ablehnend gegenüber dem Schlechten. Blöde Laberei? Muss jeder selbst entscheiden.

U.Eckardt / 25.11.2020

@ Sabine Heinrich, so sehr geht Ihre Nachricht nicht am Thema vorbei: Mir gingen die gleichen Gedanken durch den Kopf.  Im 1. “Lockdown” bekam ich erstmals eine Depression und die Antidepressiva helfen da nur vorübergehend. Und es gibt Situationen im Leben die ich schon oft erlebte - wo man von keinem Menschen! verstanden wird.

Johannes Schuster / 25.11.2020

Der Weg des Psychologen zu sich ist doch auch der Gang in die Therapie. Für manche beginnt das schon mit dem Studium dieses Faches und beim Zähneputzen vor dem Zwang sich selber betrachten zu müssen. Mit einem Irrglauben muß ich hier jedoch einmal aufräumen, weil ich es weiß, weil ich es erlebt habe: Das langsame Ersticken eines geliebten Menschen war - bei mir zwar ein Tiefpunkt des Erträglichen, 5 Stunden Folter der Nerven, gefühlte Ewigkeiten: ABER: Ich konnte mich irgendwann mit der Tatsache logisch bekriegen und irgendwann war mir es klar, was Ursache und Wirkung war, damit kann ich leben, mit der Bürde und der Trauer auch: Das Verhalten des Krankenhauses, mich wegen 140,00 € Strom und Reinigungskosten für den Leichenkühlschrank beim Amtsgericht verklagt zu haben hing mir weit aus ärger nach. Daß gewisse Leute mich anfingen zu meiden, wie einen Pestkranken, das war auch verworrener als dem Tod bei seinem Wirken beigewohnt zu haben. Was hätte mir ein Psychiater raten können, “damit leben zu lernen” ? Ich hatte mich vors Klavier gesetzt und gespielt und kam nur näher zum Kern des Menschen, zu meinem und zur Krankhaftigkeit, daß Schwäche bei mir nur die Relative Stärke der Schwachen war, die einmal triumphieren konnten, weil ihnen der Tod auf fremden Wegen geholfen hatte. Mit dem Friedhof lebe ich jetzt schon lange befriedet, mit dem widerlichen Narzissmus der Menschen setzte ich mich jeden Tag auseinander. Was sollte ich bei einem Psychiater, den nächsten Narzissten beim fachlichen Verzweifeln zusehen als Tribut an mein Verharren in der Endlosschleife ? Ich verzage lieber am Schweigen Gottes als an den Antworten des Menschen.

Sabine Heinrich / 25.11.2020

Es ist am Thema vorbei - ich weiß. Aber was tun, wenn es einem von den äußeren Lebensumständen her gut geht, man sich sogar noch über körperliche Gesundheit freuen kann und darf, aber einem durch die derzeitigen Umstände alles - bis hin zu sozialen Kontakten (außer telefonischen und solchen per Mail) - genommen wird, was das Leben wirklich lebenswert macht? Und man eine recht verzagte Mail an jemanden schickt, von dem man sich Verständnis erhofft - und dann als Rückmeldung die Liste der vielen an schlimmen Erkrankungen Leidenden präsentiert bekommt mit dem deutlichen Hinweis, dass ich froh sein kann, dass es mir so gut geht. Das tut dann besonders gut und baut auf… In dieser Krisenzeit habe ich einige Menschen sehr viel besser kennengelernt als all die Jahre vorher. Insofern hat diese bedrückende Zeit des Lockdowns, des Abtötens fast allen gesellschaftlichen Lebens, auch etwas Gutes. Ich hoffe, Herr Peterson, dass Sie es mir nicht übelnehmen, dass ich Sie einmal kurz in Ihrer Eigenschaft als Psychologe behelligt habe.

Joerg Haerter / 25.11.2020

Kind gestorben, Frau geht fremd, Wohnung verloren, Kinder weg, Job weg, Krankenversicherung weg. Was wäre die logische Konsequenz? Therapie machen? Verzweifeln? Trinken? Selbstmord? Als Christ hat man gewisse Vorteile, und das ist keine Theorie.

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