Man kann sich fragen, ob man an den göttlichen Geist glaubt? Genauso gut könnte man fragen, ob man glaubt, dass unser Gewissen zu uns spricht? Und glauben wir, dass wir uns an dessen Gebote halten sollten?
Finden Sie, dass Sklaverei und Tyrannei falsch ist? Wenn Sie dies mit ja beantworten, gratuliere ich, weil Sie wenigstens grundsätzlich vom Geist bestimmt werden, der die Menschen aus der Sklaverei führt und sich der Tyrannei entgegenstellt. Als nächstes kann man festhalten, dass dies einfach auf transzendente Weise gut ist und dass Gott nun einmal die Gesamtsumme all dessen ist, was auf transzendentale Weise gut ist. Und das ist nicht nur der bloße Glaube an eine Tatsachenbehauptung, es geht eher um die Frage, wofür wir bereit sind, unser Leben einzusetzen. Denn die Antwort auf diese Frage ist eher eine akkuratere Repräsentation dessen, woran wir glauben, als das, was wir über die Fakten sagen, die wir als aussagekräftig betrachten.
Die Geschichten, die sich in der Bibel finden – die übrigens eine Bibliothek und kein Buch ist –, sind der Versuch einer Annäherung an den höchsten nachzuahmenden – oder gefeierten oder verehrten – Geist. Das Wesen dieses Geistes ist multidimensional und komplex. Man kann seine Gesamtheit nicht vollständig in einer einzelnen Erzählung einfangen. Der Gott des alten Testatmentes beispielsweise ist mehr als die Stimme, die die Sklaven in die Freiheit führt. Oder die Stimme, die im Allgemeinen offnkundige Wahrheiten ausspricht, wie die Überzeugung, dass Sklaverei und Tyrannei als solches falsch sind.
Obwohl es sich dabei um einen sehr fundamentalen und wichtigen moralischen Ausspruch handelt, reicht er nicht aus, um die gesamte Natur des transzendenten Geistes zu konkretisieren, die uns grundsätzlich führen sollte. Darum haben sich weitere Geschichten angesammelt. In der Geschichte von Kain und Abel wird beispielsweise der patriarchale Geist – der Geist von Logos und Männlichkeit – als die Stimme repräsentiert, die uns aus unserem Gewissen heraus ruft, wenn unsere Opfer von mangelhafter Qualität sind.
Nun kann man sich fragen, ob man an diesen Geist glaubt? Man könnte die Gegenfrage stellen, ob man glaubt, dass unser Gewissen zu uns spricht? Und glauben wir, dass wir uns an seine Gebote halten sollten? Natürllich kann dies niemand von sich in Gänze behaupten, denn dann wäre man ja ein Heiliger. Umgekehrt gibt es wohl kaum einen Menschen, der von sich behauptet, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was ihm sein Gewissen sagt. Das wäre in jedem Falll nicht nachahmenswert.
Man hat nur drei Optionen, auf die Stimme seines Gewissens zu reagieren. Man kann ihr folgen, sie ignorieren oder sich gegen sie wehren. Und in allen drei Fällen handelt es sich um einen Akt von Glauben. Es ist ein dreifaches Rätsel. Keine der Optionen ist etwas, das man einfach als Konsequenz einer Beweisaufnahme tun könnte. Denn man weiß ja im Vorhinein weder was passieren könnte, wenn man seinem Gewissen folgt oder es nicht tut. Noch weiß man, was passieren wird, wenn man es ignoriert. Man kann lediglich vermuten. Sie sind in sich selbst so etwas wie ein Glauben an die Sätze, die die Vermutungen leiten. Wir sind also mit der Entscheidung des Glaubens in Bezug auf unser eigenes Gewissen konfrontiert. In der Geschichte von Kain und Abel wird Gott gewissermaßen als Geist des Gewissens dargestellt, das uns ruft.
Dies ist ein Auszug aus einem Video von Jordan B. Peterson.
Es gibt interessante spieltheoretische Überlegungen zu dem Thema. Überdies gilt: „When people stop believing in God, they don’t believe in nothing — they believe in anything.“ (Émile Cammaerts)