Die einzigen Menschen, die heutzutage heiraten, sind Menschen, die relativ begütert sind. Die Tatsache, dass wir die Struktur der Ehe als Institution seit etwa 1965 mehr und mehr zerstören, hatte zur Folge, dass die Vorteile der Heirat jetzt nur noch für privilegierte Menschen zugänglich sind. Ein Blick in die Statistiken verrät, dass die Scheidungsraten der Mittelklasse und darüber sich seit Anfang der 70er Jahre nicht viel verändert haben. Bei der Arbeiterklasse und darunter ist es eine totale Katastrophe. Das bedeutet, dass viele Kinder aus schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen von einer alleinstehenden Person großgezogen werden, die vollkommen und hundertprozentig von ihren vielfältigen Pflichten überwältigt ist. Vollzeitverantwortung für Kinder und im Allgemeinen die Beschäftigung in einer außerordentlich tristen, schlecht bezahlten, instabilen und ausbeuterischen Tätigkeit.(...)
Die Gründe hierfür sind natürlich vielfältig. Zunächst einmal sind Scheidungen gesellschaftlich akzeptabel geworden. Vorher war das nicht so und natürlich kann man sagen: „Das muss sehr schwer für alle gewesen sein, die sich scheiden lassen wollten.“ Und natürlich ist das wahr. Jede Regel ist schwer für die, die sie brechen wollen, aber das bedeutet nicht, dass es keine Regeln geben sollte. Welche Regeln das sind, ist ein ganz anderes Thema.
Außereheliche Kinder sind ebenfalls zur Norm geworden. In den 1960ern war ihre Zahl noch verschwindend gering. Heute ist es akzeptabel. Und das, obwohl alle wissenschaftlichen Erkenntnisse darauf hindeuten, dass es Kindern, die mit zwei Eltern aufwachsen, besser geht als solchen mit nur einem Elternteil. Wenn man das aber den Leuten sagt, dann erzählen sie dir irgendeine Geschichte über jemand, den sie kennen, vielleicht ihre eigene Mutter oder ihren eigenen Vater, der sich als Alleinerziehender wunderbar um die Kinder gekümmert hat. Solche Anekdoten sind aber irrelevant. Die Masse an wissenschaftlichen Beweisen ist relevant. Natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen sich besser trennen sollten als zusammenzubleiben. Und natürlich gibt es Lebenslagen, in denen es besser ist, dass sich eine Person um die Kinder kümmert als zwei, die sich permanent an die Gurgel gehen. Doch die Masse aller Beispiele, die man für eine wissenschaftliche Studie nutzt und die Ergebnisse dieser Studien sind ganz eindeutig.
Eine weitere Sache, die uns sehr bald bevorsteht, ist eine sehr, sehr, sehr große Anzahl älterer Leute, die allein sind. Und älter und allein sein, also ohne Familie, ist etwas, das ich keinem wünschen würde. Vor allem, wenn man sich überlegt, dass man 40 Jahre lang alt ist. Denn, wenn man davon ausgeht, dass man ab 65 zu den Älteren gehört, dann ist es nicht ungewöhnlich, 95 zu werden oder sogar noch älter, vor allem nicht für Menschen, die heute jung sind. Denn jedes Jahr verlängern wir die durchschnittliche Lebenserwartung um etwa drei Monate. Das ist der Grad der technologischen Verbesserung im Verhältnis zur Gesamtmortalität. Außerdem vergrößert sich das Maß, in dem wir diese zusätzliche Lebensdauer erlangen, jedes Jahr, und es könnte so weit gehen, dass wir die durchschnittliche Lebenserwartung jedes Jahr um ein Jahr erhöhen. Dies wiederum würde ich bezweifeln, da es sich vermutlich um eine Asymptote handelt. In jedem Fall erhöht sich der Wert jedoch seit einiger Zeit.
Es ist also eine Sache, über die Maximierung der täglichen Freiheit nachzudenken, wenn man zwischen 15 und 40, 45 Jahren alt ist. Danach ist das eine ganz andere Geschichte, aber moderne Menschen denken nie an die letzte Hälfte ihres Lebens. Warum, weiß ich nicht. Ich kann nur mutmaßen, dass sie Angst davor haben.
Dies ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Maps of Meaning 04a: Narrative, Neuropsychology & Mythology II / Part 1“ von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Ausschnitt und hier zum gesamten Vortrag.
Herr Peterson schreibt von einer Sache, die uns sehr bald bevorsteht, "...eine sehr, sehr, sehr große Anzahl älterer Leute, die allein sind. Und älter und allein sein, also ohne Familie, ist etwas, das ich keinem wünschen würde." Ich behaupte: Es gibt etwas bedeutend Schlimmeres - nämlich älter, allein - vielleicht noch krank sein - MIT Familie! Durch meine Besuche in einem Pflegeheim habe ich mitbekommen, dass nicht wenige Bewohner von ihren Familienangehörigen nur sehr selten Besuch bekommen; oft sind es nur Pflichtbesuche zu Weihnachten, evtl. noch zum Geburtstag - und das, obwohl die Leute z.T. keineswegs in Amerika oder am Südpol leben, ja nicht einmal 50 km entfernt - und Mama/Papa, Oma oder Opa sich zu Zeiten, als es ihr/ihm noch gutgegangen ist, für den Nachwuchs (Kinder und Enkel) in jeder Hinsicht immer da war. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es solche Fälle, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Wenn ich allein bin - was keineswegs gleichzusetzen ist mit einsam sein - dann weiß ich wenigstens, was ich NICHT zu erwarten habe. Wie furchtbar aber, wenn man - trotz vorhandener Familie - zutiefst enttäuscht erleben muss, dass diese kaum noch in Erscheinung tritt, sobald man gebrechlich, krank und verwirrt ist. Etwas ganz anderes, ein Hinweis: In "Psychologie Heute" (8/2019) gibt es einen garstigen Verriss des Werks von Peterson (S. 88/89).
Vermutlich gab es noch nie so viele alleinerziehende Kinder. – Ein sehr bequemes Modell ist die Mutter, die ihr einziges Kind durch Scheidung privatisiert und dann zum unkritischen und gefügigen Ersatzpartner aufbaut. Pflegeleicht und handzahm wird der Nachwuchs zum perfekten Klon seiner Erzeugerin; leider spiegelt und verstärkt er dann ihre Macken statt sie auszugleichen. – In der Natur hat ein Kind zwei Eltern, weil erst durch immer neue Kombinationen das genetische und kulturelle Erbe mutiert. Nun gut, die Selektion kommt derzeit in Gang und verheißt nichts Gutes.