112-Peterson: Mein wichtigster Beziehungs-Tipp

In einer Beziehung haben Sie drei Optionen: Die Fronten sind geklärt, weil sie die Aufgaben traditionell verteilen oder Sie lassen sich auf ewige Zankereien ein – oder Sie verhandeln.

Vielen von uns wird nicht beigebracht, zu verhandeln. Aber darauf kommt es in einer Partnerschaft an. Man kann ein Stück weit darauf verzichten, solangen man in traditionellen Geschlechterrollen lebt, wo beide die Klappe halten und einfach das kopieren, was ihnen ihr Vater beziehungsweise ihre Mutter vorgelebt hat. Dieses Modell funktioniert erstaunlich gut, solange sich die Gesellschaft nicht rapide ändert. Der Vorteil dieser Aufgabenverteilung ist, dass sie eine gewisse Erleichterung mit sich bringt: Denn wie viele verdammte Fragen über das tägliche Zusammenleben will man sich denn stellen?

Sobald man diese Gewissheit in Frage stellt, geht es ans Verhandeln. Aber hier ist es wie bei Dreijährigen, die sich selbst aussuchen sollen, was sie heute anziehen. Bei drei Optionen freut sich das Kleinkind, bei 20 ist es überfordert. Auswahl ist schön, aber bitte in einem gewissen Rahmen. Alle behaupten immer, sie möchten frei sein, dabei ist das kompletter Unfug. Denn bei unbegrenzter Freiheit erlahmt der Wille. Wir wünschen uns ein gewisses Maß an Freiheit, aber nicht zu viel.

Egal ob in meiner Ehe, in der Beziehung zu meinen Kinder oder in meiner klinischen Tätigkeit: Immer geht es ums Verhandeln. Und das ist gleichzeitig mein wichtigster Rat an Paare. Nicht umsonst heißt ein Kapitel in meinem neuen Buch „Verstecken Sie nichts im Nebel“. Besonders pikant wird es beim Thema Sex. Darüber zu reden ist in Beziehungen meist ein leidiger Punkt. Paare haben Sex und führen alle möglichen Praktiken durch, aber sie haben keine Lust, das, was sie im Bett tun, in Diskussionen zu abstrahieren.

Lieber gar keine Diskussion

Was, wenn es zum Beispiel Unstimmigkeiten bezüglich der Häufigkeit gibt? Der erste Schritt wäre ja, dass jeder offen zugeben sollte, wie viel Sex er gerne hätte. Das ist manchen schon zu viel, einige wissen es vielleicht selbst nicht genau, weil sie sich gar nicht trauen, sich selber diese Frage zu stellen. Der nächste Schritt wäre, sich zu fragen, was man tun soll, wenn man vom anderen nicht bekommt, was man will? Und diese Frage ist noch unbeliebter, denn sie könnte die Veranlassung dazu sein, nachtragend, bitter, weinerlich zu werden oder sogar eine Affäre einzugehen. Allein, dass man solche Gedanken haben könnte, möchte sich niemand eingestehen – also lieber gar keine Diskussion.

Denn sobald einem bewusst wird, dass man in dieser Hinsicht Mangel leidet und sexuell  unzufrieden ist, ist die Wahrscheinlichkeit höher, auf Abwege zu geraten. Die meisten schrecken vor dieser Möglichkeit zurück, sodass ihnen der Mut fehlt, dies zu thematisieren. Eine Mann würde sonst zu seiner Frau sagen: „Ich wünsche mir dreimal die Woche Sex, sonst laufe ich Gefahr, in einer Stripbar zu landen und das wäre nicht gut für unsere Beziehung.“

Die Frau würde daraufhin erwidern, dass er ein elender Jammerlappen ist und endlich erwachsen werden sollte, weil sie schließlich total gestresst sei, weil sie 50 Stunden die Woche als Anwältin arbeitet, außerdem drei kleine Kinder hat und ihrem verdammten Mann nichts Besseres einfällt, als ihr mit Ehebruch zu drohen.

Niemand möchte solch ein Gespräch führen, weil beide schließlich gute und berechtigte Argumente haben. Trotzdem würde ich sagen: Die Optionen heißen Tyrannei, Sklaverei oder Verhandeln. Ich habe oft genug in meiner Praxis Paare durch solche Diskussionen geführt. Ich würde sagen, in einer Partnerschaft sollte man anderthalb Stunden pro Woche derartige Gespräche führen: Kinder, Haushalt, Finanzen, Zukunftspläne – Themen gibt es viele.

Außerdem empfehle ich für jede einigermaßen intakte Beziehung, zwei- bis dreimal die Woche auszugehen. Ein weiteres Kapitel in meinem Buch heißt: „Arbeiten Sie sorgfältig daran, die Romantik in Ihrer Beziehung zu erhalten.“ Er hat seine Wünsche, sie hat ihre Wünsche. Verhandeln Sie alles, worüber verhandelt werden muss. Wer deckt den Tisch, wer räumt ab, wer macht die Regenrinne sauber?

Sie haben drei Optionen: Die Fronten sind geklärt, weil sie die Aufgaben traditionell verteilen; Sie lassen sich auf eine Schlacht der Sturheit ein – oder Sie verhandeln.

 

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Gespräch von Jordan B. Peterson mit den britischen Stand-Up-Comedians Konstantin Kisin and Francis Foster. Hier geht's zum Ausschnitt und hier zum gesamten Gespräch.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Stephan Bender / 03.11.2021

112-Peterson: Mein wichtigster Beziehungs-Tipp: ...—-> “Tue einfach immer nur das Richtige, dann kann Dir nichts passieren!” (Deutsche Volksweisheit)

Jörg Nestler / 03.11.2021

Man verhandelt mit seiner geliebten Frau, wie oft man in der Woche Sex mit ihr hat, droht dabei schon mal, seine Abende in einem Striplokal zu verbringen. Dann geht es um die Art des Sex: Hier kann man für eine bessere Verhandlungsposition anklingen lassen, mit einer Gummipuppe (lebensgroß!) im Bett schlafen zu wollen. Tja, wer so leben möchte, soll es tun./Das Dilemma von Herrn Petersen ist, dass er sich mit seiner Dienstleistung als Psychologe verkaufen muss. Seine Kunden kommen mit einer Supermarktmentalität in seine Praxis. Diesmal ist das Sexualleben an der Reihe. Es werden Ratschläge erwartet, die man leicht umsetzen kann und zu einem befriedigenden Ausleben der Sexualität führen. Die Erwartungshaltung seiner Kundschaft schränkt Petersen Ratschläge stark ein, schließlich möchte er bezahlt werden. Er orientiert sich daran, was gewünscht wird und kombiniert es mit seinem psychologischen Fachwissen und seinen Erfahrungen. Wahrscheinlich ist die Kundschaft damit irgendwie zufrieden und lebt irgendwie damit. Aber ist das eine echte Hilfe?/Wie wäre es damit? Herr Petersen fragt beide, warum ihnen Sex so wichtig ist, was ihnen im Leben ganz allgemein wichtig ist, warum sie eine Partnerschaft eingegangen sind, welche Rolle der Partner im eigenen Leben spielt, was sie für den Sinn des Lebens halten und wo sie ihre Lebensaufgabe sehen? Wahrscheinlich würde er seine Kundschaft vor den Kopf stoßen, weil sie solche Fragen nicht erwartet hat und auch gar nicht daran interessiert ist zu erfahren, was sie sich noch nie gefragt hat, nämlich wofür sie überhaupt lebt./Herr Petersen muss das liefern, was sich an seinem Stand im Supermarkt verkaufen lässt – also weiter so.

Fred Burig / 03.11.2021

Die Gleichberechtigung (heute auch Gleichstellung) zwischen Mann und Männin hat da Sachen ans Licht gebracht, die hätte sich - früher, als Männer noch Männer sein durften - keiner träumen lassen! MfG

Thomas Taterka / 03.11.2021

” Remember patience is the great thing, above all things else we must avoid anything like being or becoming out of patience . ” (James Joyce , Finnegans Wake).  - ” Longest way round is the shortest way home .” (James Joyce , Ulysses).

Gerhard Hotz / 03.11.2021

Alles immer, und immer wieder neu, zu verhandeln ist aber anstrengend. Verhandeln bedeutet auch Entscheiden und ständiges Entscheidenmüssen ermüdet. “Decision Fatigue” nennt das die Psychologie. Die Folge: Die Wahrscheinlichkeit von schlechten Entscheidungen und schlechten Verhandlungsergebnissen nimmt zu. Eine fixe Rollenverteilung in einer Beziehung und fixe Gewohnheiten reduzieren diesen Stress. Man hat dann Zeit und Energie übrig für Anderes und vielleicht Wichtigeres.

Jörg Haerter / 03.11.2021

Manche scheinen über den Dingen zu stehen und scheinen Lernen nicht mehr nötig zu haben. Ich denke, Vieles beruht auf Missverständnissen und mangelnder Komunikation, in sofern danke für die Hinweise.

Volker Kleinophorst / 03.11.2021

@ L. Luhmann Trifft es genau.

Ludwig Luhmann / 03.11.2021

Dr. Sommer for grown-ups.

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