112-Peterson: Mechanismen einer Persönlichkeitsstörung

Wie eignen sich Kinder Wissen darüber an, wie sie sich zu verhalten haben? Das ist nicht ganz so explizit zu beschreiben. Denn im Grunde geben alle Erwachsenen potenzielle Rollenmodelle ab. Kinder nehmen eine Menge Informationen auf, indem sie Verhaltensweisen von Erwachsenen nachahmen. Das bedeutet, dass sie beobachten, wie Erwachsene handeln und ihre Körper durch den Raum bewegen. Diese Handlungsmuster duplizieren Kinder verallgemeinern dann daraus. Dies ist eine Möglichkeit, Verhaltensweisen zu vermitteln.

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, explizit auf ein Kind einzuwirken. Eltern tun das, wenn sie ihr Kind belohnen oder bestrafen. Eltern modulieren das Verhalten ihrer Kinder, durch motivierende, bedeutsame Interaktionen mit ihnen. Zumindest sollte man das tun, wenn man ein Elternteil ist. Das ist eine Form des Ausübens von Verantwortung. Wenn wir davon sprechen, jemandem wirkliche Aufmerksamkeit zu schenken, heißt das im Grunde, dass wir das Verhalten einer Person mit unserem eigenen Verhalten und unseren eigenen Gefühlen formen.

Als Mutter oder Vater beobachtet man sein Kind und reagiert positiv, wenn etwas passiert, das uns gefällt und negativ, wenn etwas passiert, das uns nicht gefällt. Wir verteilen Belohnungen, Strafen, Drohungen und Versprechen. Das tun wir auch sonst in unseren zwischenmenschlichen Interaktionen.

Fast, als würden Sie einem Gravitationsfeld unterliegen

Das ist mit ein Grund dafür, warum Menschen mit Persönlichkeitsstörungen so eine unheimliche Wirkung auf uns haben können. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung haben eine feste Erwartungshaltung hinsichtlich dessen, wie sich andere verhalten. In den meisten Fällen rechnen sie damit, dass alle anderen Schweine sind. Wenn Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung auf jemanden treffen, der sich nicht dementsprechend verhält, bedeutet das eine Herausforderung für ihr Glaubenssystem. Menschen mit Persönlichkeitsstörung haben ein erstaunliches Talent dafür, jeden, der ihnen begegnet in denselben Menschen zu verwandeln. Ich glaube, das gelingt ihnen durch subtile und versteckte Impulse.

Nehmen wir an, ein Mensch in Ihrem Umfeld hat eine Persönlichkeitsstörung. Immer, wenn Sie sich angemessen verhalten, ignoriert er Sie, sagt etwas Geringschätziges, schaut weg oder tut etwas anderes Subtiles. Doch jedes Mal, wenn Sie sich daneben benehmen, entspricht das den Erwartungen dieses Menschen. Er wird Ihnen mit Aufmerksamkeit begegnen oder Ihnen sogar signalisieren, dass es ihm gefällt, Sie in seiner Nähe zu haben. Es ist fast, als würden Sie einem Gravitationsfeld unterliegen, weil ihr Verhalten in eine sehr merkwürdige Richtung gezogen wird.

Die Wurzel der Mythologie

Eines darf man nicht vergessen: Unsere Gesellschaften sind sehr groß. Wir alle sind in diese Muster sich gegenseitig verändernder Interaktionen verwickelt. Das, was ich meinen Studenten über Mythologie beibringe, ist die Erkenntnis, dass es dabei um stabile, aus Jahrhunderten gegenseitiger Interaktion hervorgegangenen Eigenschaften geht.

Wann immer sich Menschen miteinander austauschen, passen sie sich einander an. Wir können im einzelnen gar nicht genau sagen, was das bedeutet. Denn wir sind uns nicht über alle Gründe darüber bewusst, warum wir etwas tun. Und je mehr Menschen miteinander interagieren, desto mehr Wechselwirkungen gibt es, die irgendwann nicht mehr überschaubar sind.

Die einzige Möglichkeit ist, diese Interaktionen in stabile Strukturen zu bringen. Es ist gar nicht so ersichtlich, wie das gelingt. Wir können diese stabilen Strukturen der menschlichen Gesellschaften beschreiben, ohne sie jedoch komplett zu verstehen. Und ich glaube, das macht einen Teil unserer Mythologie aus. Wir erzählen einander unser Verhalten, obwohl wir gar nicht genau wissen, wie wir uns verhalten, geschweige denn warum.

Dies ist ein Auszug aus einer Vorlesung Jordan B. Petersons. Hier geht's zum Auszug und hier zur gesamten Vorlesung.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Werner Arning / 12.08.2020

In der Mythologie, in Sagen, Märchen, Geschichten, den alten, nicht in den modernen, wird Wahres ausgedrückt. Erspürtes, jedoch nicht immer Verstandenes. Märchen erzählen vom Leben. Es gilt, das zu verstehen, was in ihnen, in oft kindlicher Sprache beschrieben wird. Häufig geht es darin um Fundamentales. Häufig ist dort die Rede von Manipulation. Verwünschungen, Fluch, Hexerei. Die Protagonisten der Märchen haben sich vom Fluch, von der Manipulation zu befreien. Sie haben sich zu emanzipieren. Sie selbst zu werden. Die Bedrohung, das Lähmende abzuschütteln. Das Gift auszuspucken.Einziges Heilmittel ist häufig erwachsene Liebe.

Thomas Taterka / 12.08.2020

Menschen, die beim Versuch, andere zu manipulieren, ertappt werden und sich dafür persönlich rächen wollen, anstatt über über die eigene Verbissenheit zu lachen, sind gestörte Persönlichkeiten. Deshalb sieht die Welt , trotz ihrer Schönheiten, aus wie eine von Irren zugerichtete Kampfarena, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Trost findet man vielleicht bei ” moon and sand” und Kenny Burrell. Ist jedenfalls ” my ship “. Heute.

Thomas Koch / 12.08.2020

Der Vergleich mit der Gravitation gefällt mir gut. Ich würde sagen, es gibt psychologisch gesehen, analog wie in der Physik, ein paar “Grundkräfte”, mit denen man die Menschen in entprechende Bahnen lenken kann, die auf die niederen bis höheren Instinkte des Menschen abzielen. Erst wenn man das als Person erkannt hat, hat man die Möglichkeit, die entsprechende “Gegenkraft” dazu zu entwickeln, um aus der Schlafschafherde auszubrechen.

Stefan Leikert / 12.08.2020

Schön, mal wieder etwas brauchbares und substantielles abseits des Tagesgeplärres zu lesen. Vielen Dank!

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