112-Peterson: Kunst oder Propaganda?

Ich habe viel über den Unterschied zwischen Propaganda und Kunst nachgedacht. Kunst ist eher ein Prozess als ein Endprodukt. Mit etwas Glück ist dieser Entstehungsprozess in ein Kunstwerk einbettet, sodass es als Nebenprodukt dieses Prozesses erkenntlich wird. Und diesen spiegelt es wieder, wenn man sich das Objekt nach Hause holt.

Kunst wäre demnach also ein kristallisierter Akt der Erforschung und der wahre Künstler wüsste nicht, was er tut. In der Tat wissen Künstler nicht, was sie tun, sie erforschen. Ich kann einen Film empfehlen, der 1956 über Picasso gemacht wurde („Le mystère Picasso”, Anm. d. Red.), ein Schwarz-Weiß-Film, der zeigt, wie er Gemälde erschafft. Er malt auf Glas, damit man erkennen kann, was er tut. Es ist wirklich sehr faszinierend, weil man sehen kann, dass er spielt. Er skizziert etwas, dann radiert er es aus, er skizziert wieder etwas und radiert es wieder aus und man sieht, dass eine echte Dynamik dahinter steckt. Er plant es nicht von vornherein.

Natürlich heißt das nicht, dass am Planen eines künstlerischen Unterfangens etwas auszusetzen wäre, aber Picasso versuchte zu erforschen und zu verstehen. Was er mit seinem Kubismus gemacht hat, war zu versuchen, dem Betrachter zu zeigen, dass man die Dinge nur aus einer Perspektive sieht, aber die Dinge aus mehreren Perspektiven heraus existieren. Ein kubistisches Bild zeigt daher ein Gesicht frontal und gleichzeitig im Profil. Man könnte also sagen: „Das ist eine genauere Art, eine Person darzustellen, als in einem Standard-Porträt”, und Picasso würde antworten: „Nun, in gewisser Weise definitiv, weil dieses Format das transformierende Element und nicht das statische Element erfasst.” Daraus ergibt sich, dass jemand, der ein wahrer Künstler ist, keine politische Botschaft hat.

Mein eigenes Haus ist buchstäblich vollgestopft mit ideologischer Propaganda aus der Sowjetunion in Gestalt von Kunst. Es ist sehr interessant, diese Artefakte zu betrachten. Sie sind sozialistisch-realistisch, aber im Grunde impressionistisch. In den Gemälden selber steckt ein Krieg, den man als Betrachter wahrnehmen kann. Viele der Menschen, die diese Bilder gemalt haben, waren unglaublich talentiert. Denn die Russen haben die Akademische Kunst aufrecht erhalten. Wenn die Russen also etwas können, dann impressionistische Malerei, das ist bemerkenswert. Die Talente dieser Künstler waren in den Gemälden verkapselt, gefangen in dieser Ideologie. Somit gibt es auf jeder Leinwand diesen Krieg zwischen der ideologischen und der künstlerischen Botschaft. Das Positive daran ist, dass je weiter wir uns zeitlich von der Sowjetunion entfernen, desto mehr gewinnt die Kunst. Denn in 300 Jahren wird es von dieser Ideologie nicht einen Funken mehr geben. Und alles, was von den Bildern übrig bleiben wird, ist die Kunst.

(...)

Dies ist ein Auszug aus einem Seminar von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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J.P. Neumann / 14.08.2019

Wenn man der Logik des Autors folgt, sind Michelangelo, Da Vinci, Botticelli und andere Kaliber keine Kunst, sondern Propaganda. Steile These.

Gisela Tiedt / 14.08.2019

Sergej Jessenin hat kurz und treffend gesagt: “Majakowski ist Dichter für etwas. Ich bin Dichter von etwas.” Wirkliche Kunst ist frei, sie dient keinem Zweck, auch wenn sie politische Wirkung entfaltet. Sie wirkt aus sich selbst heraus. Das heißt, wirkliche Kunst lässt auch dem Leser/Betrachter Freiheit zur jeweils eigenen Sicht und Interpretation. Für Georg Lukacs waren die Künstler des Sozialistischen Realismus die “Karnickel auf dem Berg”. Ohne den ideologischen Berg waren sie so gut wie nichts.

Dalek Sander / 14.08.2019

Herr Taterka, Abstraktion und Avantgarde, aber auch Ästhetismus (und Parnassismus in der Lyrik) waren nur in den frühen Jahren Sowjetrusslands eine Alternative, sich der politischen Zwangsvereinnahmung zu entziehen. Schon bald wurden Kunstformen und -inhalte, welche nicht dem verordneten Servilismus folgten, zum „Formalismus“ subsumiert. Das könnte wortwörtlich tödlich sein – für den „Formalisten“. Betroffen war sogar Musik, an sich eine doch als asemantisch geltende Kunst. in der Literatur markiert Majakowskis Suizid das Ende der postrevolutionären Avantgarde-Ära. Erst nach Stalins Tod änderte sich langsam die Doktrin. Leider war da nicht nur der Diktator, sondern zahlreiche als „Formalisten“ gebrandmarkte Künstler tot.

Thomas Taterka / 14.08.2019

In den besonders üblen Phasen der Verfolgung in der Geschichte der UdSSR konnten selbst die allergrößten Künstler nur bestehen, indem sie sich der sensibelsten Abstraktion als Ausdrucksmittel bedienten, versteckt in der Verkleidung des vermeintlich Konventionellen. Am besten war das möglich in der Komposition von Musik, die dem Künstler erlaubte eine unmissverständliche, aber schwer anfechtbare Metaebene der Verständigung mit dem ” oppositionellen ” Hörer anzustreben. Meisterhaft gelang das Schostakowitsch im ” Largo ” seiner 5ten, die als Antwort auf den Mordrausch 36 /37 zu verstehen ist. Mir ist eine Aufnahme mit Solti u. den Wienern besonders lieb, eine seiner letzten ganz grossen.

Werner Arning / 14.08.2019

Es ist wahrscheinlich so, dass der reine Künstler etwas beginnt und nicht weiß, wo er endet. Der einer Ideologie verpflichtete „Künstler“ weiß, wo er enden wird. Der Eine hat kein konkretes Ziel, er überlässt sich einer Eingebung. Der Andere hat ein konkretes Ziel und überlässt nichts dem Zufall.

Rolf Lindner / 14.08.2019

Was in 300 Jahren ist, interessiert mich nur am Rande. Was mich deutlich mehr interessiert, ist die Entwicklung meines Umfelds in den nächsten Jahren. Das realitätsverleugnende Phrasendreschen, das Steinmeier zum 58. Jahrestag des Mauerbaus abgesondert hat, lässt mich befürchten, dass Kunstobjekte in naher Zukunft keinen Nährwert haben werden, denn erst wird das Fressen kommen und dann die Kunst.

Dirk Jungnickel / 14.08.2019

Über Kunst, zumal über Bildende Kunst,  lässt sich trefflich streiten. Das Museum Barberini in Potsdam offerierte neulich eine sehr beachtete Picasso - Ausstellung, wo aber (leider) fast nur Frauen - Porträts gezeigt wurden. Den angesprochenen Film kenne ich nicht. Möglicherweise findet man da eine Begründung, warum er den Frauen seiner Gunst fast durchweg Fleischerpranken verpasst hat. Jedenfalls stand ich als “Banause” kopfschüttelnd davor. - Die Kernaussage des Beitrags ist für mich ist nicht nachvollziehbar.  Selbstverständlich gab es in der Sowjetunion Kunst, die mehr oder weniger ideologisch beeinflußt war, auch im Bereich der Musik. Jedoch gab es gewiss nicht “auf jeder Leinwand diesen Krieg zwischen der ideologischen und der künstlerischen Botschaft”. Man denke an die grauenvoll geschönten Stalin - & Lenin - Bilder !!!!  Was hat das mit Kunst zu tun?  Auch wenn wir uns zeitlich von der SU entfernen,  bleibt KITSCH eben selbstverständlich KITSCH.

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