112-Peterson: Krieg gegen die Idee des Individuums

Wenn es genügend bewundernswerte Menschen gibt, ist alles im Lot. Wenn nicht, ist alles schrecklich. Alles wird ausgelöscht. Erinnern wir uns an Abrahams Handel mit Gott angesichts der geplanten Zerstörung von Sodom und Gomorrha. Abraham bittet Gott, die Stadt Sodom zu retten, wenn er dort 40 bewundernswerte, also laut Bibel „gerechte“ Menschen finden kann. Ich würde hier bewusst nicht von „guten Menschen“ sprechen, weil diese Formulierung durch den vielfältigen Gebrauch in gewisser Hinsicht gelitten hat. Die Rede ist ganz klar von bewundernswerten, edlen Menschen.

Abraham schafft es schließlich, Gott auf 10 Gerechte herunterzuhandeln. Wenn sich 10 Gerechte in der Stadt finden, wird sie nicht zerstört werden. 10 ist keine besonders hohe Anzahl. Dahinter verbirgt sich also ein interessanter Gedanke: Es muss nicht besonders viele rechtschaffene Menschen in einer Gruppe geben. Null ist jedoch definitiv die falsche Anzahl. Und wenn es von dieser Sorte null Menschen gibt, dann haben wir ernste Probleme.

Das passt aus meiner Sicht gut zum Paretoprinzip in der Wirtschaft. Dieses Prinzip besagt unter anderem, dass in den unterschiedlichsten Bereichen eine geringe Anzahl von Menschen den Löwenanteil der produktiven Arbeit übernimmt. Eine geringe Anzahl sich angemessen verhaltender Menschen hat demnach also genügend Einfluss, um alles in Bewegung zu halten. Bestimmt ist das wahr, aber natürlich darf die Anzahl dieser Menschen eine bestimmte Ebene nicht unterschreiten.

Ich glaube, dass wir momentan Gefahr laufen, zuzulassen, dass die Zahl der Rechtschaffenen unter ein bestimmtes Level fällt. Unsere Gesellschaft scheint sich im Krieg gegen die Idee des Individuums und individuellen Charakters per se zu befinden. Ich halte das für absolut katastrophal. Dies ist auch einer der Gründe, warum ich überhaupt Vorlesungen über die Bibel abgehalten habe. Mir war schon längere Zeit klar, dass die moralischen Voraussetzungen einer Kultur durch ihre Geschichten erzeugt werden und nicht durch ihre explizite Philosophie.

Puppe seiner eigenen Zweifel

Natürlich gibt es immer eine gewisse Schicht an expliziter Philosophie, namentlich im Westen, und an expliziten Gesetzen, aber darunter befinden sich Geschichten. Und unter den Geschichten befindet sich nichts, außer vielleicht Verhalten. Und dies ist so implizit, dass man es wirklich kaum hinzurechnen kann, denn es handelt sich dabei um keine kognitive Operation. Und somit sind die Geschichten die Basis unserer Gesellschaft.

Wir können also nur hoffen, dass an unseren Geschichten, Sagen, Märchen und Fabeln etwas dran ist. Noch wichtiger ist jedoch, sie nicht einfach wegzuwerfen, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Denn wenn wir sie einfach wegwerfen, werfen wir alles, von dem wir abhängen, weg. Zumindest nach meinem Ermessen. Wenn wir das tun, wird jeder einzelne dafür bezahlen, weil wir individuell geschwächt werden. Denn wenn man in seinen Überzeugungen nicht gefestigt ist, wird man zur Puppe solcher, die in ihren Überzeugungen gefestigt sind.

Und nicht zuletzt wird man zur Puppe seiner eignen Zweifel, weil wir ohne Überzeugungen wie verrückt Zweifel generieren. Am Ende werden die Zweifel gewinnen und uns paralysiert zurücklassen, denn die eine Hälfte von uns wird sich vorwärts bewegen und die andere Hälfte steif gefroren zurück bleiben. Das wird reichen, um einen an Ort und Stelle festzuhalten.

Dies ist ein Auszug aus einer Vorlesung von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug und hier zur gesamten Vorlesung.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Werner Arning / 26.08.2020

Wer sich nicht positioniert, der wird positioniert. Wir müssen bei allem (berechtigtem) Selbstzweifel wissen, wer wir sind. Man mag alles infrage stellen und sich dabei für außerordentlich intelligent und durchblickend halten. Doch darauf kommt es nicht immer an. Am Ende droht von diesem durchblickenden Selbstzweifler nichts übrig zu bleiben. Er wird weggefegt und seine intellektuelle „Überlegenheit“ erweist sich als Schwäche. Die Welt ist nicht so kompliziert, wie der Zweifler meinen mag. Er ist stolz auf seine „Erkenntnisse“. Die alten Geschichten erscheinen ihm als Hirngespinste. Er findet sie lächerlich. „Wie kann man so etwas nur ernst nehmen? Nein, da steh ich drüber“. Doch in diesen alten Geschichten ist bereits alles ausgedrückt. Hier findet sich bereits alles. Es würde uns guttun, von dem Sockel zu steigen. Etwas zu verwerfen, was man im Grunde gar nicht verstanden hat, was man nur auf oberflächlicher Ebene zu betrachten gelernt hat, kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen. Wer sich seiner Wurzeln entledigt, läuft Gefahr, zu verdursten.

Stephan Bender / 26.08.2020

” ... Wir alle kennen das Märchen von der Hexe, die in einem zum Naschen verlockenden Zuckerkuchenhaus wohnt. Sie ist nett zu den Kindern und den Männern und lädt sie in ihr leckeres Amtshäuschen ein, doch nur, weil sie sie fressen will. Sie ist eine Kannibalin. (Und über einen menschlichen Erfahrungszeitraum von gut sechshunderttausend Jahren hinweg, das sollten wir nicht vergessen, waren Kannibalen - und sogar kannibalische Mütter - grausige Alltagswirklichkeit.) Menschenfressende Riesenweiber tauchen überall auf der Welt in den Sagen der Völker auf, sowohl kulturell hoch- und auch niederstehender. Und auf der mythologischen Ebene wird der Archetypus noch einmal zu einem universalen Symbol gesteigert, etwa in solchen kannibalischen Muttergöttinen wie der germanischen Angela, die die Personifikation der ‚Allverzehrenden Zeit‘ ist, und die mit der schroffen Autorität einer kannibalischen Mutter alle Personen zu unartigen Kindern machte, die mit ihrem riesig ausladenden Becken sogar die bösen Kommunisten und Nazis verschlang. ...” (aus St.B. , “Mythologie der Gegenwart”, 2020 ;-)

Thomas Taterka / 26.08.2020

Ein Jude kommt in eine kleine östliche Stadt und geht am Freitagabend mit seinem Geschäftsfreund in die Synagoge. Der Freund zeigt ihm alle Prominenzen : den Rebben, den Cantor, den Synagogendiener und - den Zyniker. ” Was heißt Zyniker? ” ” Ja, wenn der Rebbe sugt , der Herr is gerecht, nickt der ihm immer zü !” - ” Und der da drüben? ” - Das ist der Zitzemacher! “ - ” Der Zitzemacher? ” - ” Ja, wenn der Rebbe sugt, daß Elia is oifgefahren in e feurigen Wogen , dann mocht er immer : ” Tz, tz, tz , tz, tz. ” - Das ist nicht mein Wort zu allem, aber zum Meisten, nach 59 Jahren in dieser ” Geltungsbedürfnisanstalt ” - Welt.

Rupert Reiger / 26.08.2020

>>Ich würde hier bewusst nicht von „guten Menschen“ sprechen, weil diese Formulierung durch den vielfältigen Gebrauch in gewisser Hinsicht gelitten hat<< und zu >>gegen die Idee des Individuums<<: Es ist ein bleibendes Rätsel, dass immer noch Leute meinen, ja glauben, dass ein Dutzend mittelmäßige Köpfe in einem Politbüro Adam Smith’s „Unsichtbare Hand“ der unzähligen Egoismen einer Volkswirtschaft ersetzen kann, dazu: Adam Smith: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations 1776, Book 1, Chapter 2: It is not from the benevolence of the butcher the brewer, or the baker that we expect our dinner, but “from their regard to their own interest”!!! Mag es immer das Eigeninteresse der Einzelnen sein, so profitieren doch alle davon. Wie viele Individuen haben gegründet oder waren ursächlich für Firmen wie: Daimler, Siemens, usw. usw. ? Wie viele Individuen waren ursächlich für die Gründung von: Google/Alphabet, Amazon, Apple, Facebook, Microsoft, Twitter, Yahoo und im Kontrast dazu, wie viele Leute haben da Arbeit? ... achja, China macht da auch mit. Bei kulturellen Leistungen war und ist es genauso: Wie viele Menschen waren oder sind ursächlich für ein Bild, das wir bewundern? Für ein Buch, das wir lesen? In der Philosophie? Für die Musik, die wir hören? Wollte jemand Mozart durch ein Politbüro ersetzen? Ja gut, es hat im Kommunismus schon mal Versuche gegeben,  Musik oder Literatur durch Kollektive schreiben zu lassen – diese Scheiße kann sich reinziehen wer will.

beat schaller / 26.08.2020

Danke Herr Prof. Peterson für diese so treffenden Feststellungen. Das ist etwas vom Besten was ich in letzter Zeit auf so wenigen Zeilen gelesen habe, was genau diese wenige Zeit aufschlüsselt. Herzlichen Dank für diese tiefgründigen Gedanken, die für mich irgendwie erleichternd sind. Gerade auf der “Achse “sehe ich täglich viele Menschen, die noch selber von etwas überzeugt sind und noch wichtiger, wohl auch danach leben. Dieser Scheinwerfer hat auf jeden Fall das Licht wieder Mal von einer anderen Seite auf das tägliche Leben gebracht. b.schaller

Sabine Lotus / 26.08.2020

Sag’ ich doch. Bibel = Eigentlich gar nicht so kompliziert, sondern ein Manual mit Lösungsansätzen für die ‘Herstellung’ konstruktiver Menschen und Beschreibungen darüber was passiert, wenn die Destruktiven überhand nehmen und wie das so im Einzelnen vonstatten geht. Was passiert, wenn man darauf pfeift, erleben wir momentan.

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