112-Peterson: Kann ich einem Suizidgefährdeten helfen?

Ein User schickte mir folgende Nachricht:

„Unsere Tochter beendete mit 24 ihr Leben aufgrund von Depressionen. Wenn jemand entschlossen ist, seinem Leben ein Ende zu bereiten, wie kann man seinen Entschluss ändern?”

Zuallererst tut mir das furchtbar leid. Das ist einfach schrecklich. In meiner Familie gab es viele Fälle von Depressionen, also geht mir diese Frage sehr nahe (Peterson selbst sowie seine Tocher Mikhaila haben mit Depressionen zu kämpfen. Hier sprechen sie darüber, Anm. d. Red.).

Ich habe eine Freundin, ursprünglich eine Freundin meiner Eltern, deren Enkelin Selbstmord beging. In der Folge zermarterte sie sich das Hirn mit den Fragen: „Was hätte ich tun können, was hätte ich anders machen können?” Das ist das Problem mit dem Selbstmord. Er lässt die Hinterbliebenen zurück, die fortan grübeln: „Oh mein Gott, was hätte ich tun können? Ich hätte die Person besser behandeln können. Ich hätte zuhören können. Ich hätte für sie da sein können.”

Besagte Freundin machte sich also die ganze Zeit fertig, hatte das Gefühl, dass sie keine nützliche Person sei, dass sie als Großmutter versagt hatte. Dabei ist sie ein wundervoller Mensch.

Eines Tages ging ich mit ihr spazieren. Sie ist verheiratet und hat ihren Mann sehr gern, und er ist ein wirklich guter Kerl. Also sagte ich: „Schau, Du gibst Dir die Schuld für den Selbstmord Deiner Enkelin. Gibst Du Deinem Mann auch die Schuld? Setzt Du Dich jemals hin und erzählst ihm, was für ein nutzloser Bastard er als Großvater war, weil seine Enkelin Selbstmord begangen hat und dass er völlig versagt hat?” Sie antwortete: „Nein, das würde ich nie tun”, also sagte ich daraufhin: „Dann tu es Dir auch nicht an.”

Depressionen sind eine schreckliche Sache und können durch die verschiedensten Dinge ausgelöst werden. Einige davon verstehen wir, aber viele von ihnen verstehen wir überhaupt nicht. Manchmal werden Menschen depressiv, weil sie wirklich krank sind. Wir wissen beispielsweise, dass Depressionen eine Entzündungskrankheit sein können, sie können auch in Verbindung mit einer Autoimmunerkrankung auftreten. Es gibt viele Gründe, warum Menschen depressiv werden. Und depressive Menschen gelangen mitunter an Orte, die so dunkel sind, dass man es sich einfach nicht vorstellen kann.

Manchmal kann man nichts mehr tun

Es ist bei weitem nicht so, dass man immer jemanden retten kann. Und sich nach dem Selbstmord einer geliebten Person zu ertränken, ist auch nicht hilfreich. Man kann einfach nur versuchen, sich selbst zu vergeben. Möglicherweise hat man selbst Dinge getan, die man nicht hätte tun sollen, die verwerflich waren, aber es hilft nichts, sich immer wieder Vorwürfe zu machen. Man sollte sich an die Unschuldsvermutung erinnern. Unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Und das muss man auf sich selbst anwenden. Ich denke, es gibt Fälle, wo Menschen so depressiv sind, dass es nichts gibt, was man tun kann.

Vor allem dann, wenn eine depressive Person denkt: „Überall, wo ich hinschaue, gibt es nichts als Katastrophen. Ich kann keinen Ausweg sehen. Ich kann keinen Weg nach vorne sehen. Es ist hoffnungslos, es wird nicht besser werden. Egal, wo ich hingehe, es gibt kein Entrinnen, das Leiden ist unerträglich.” Und dann kommt noch folgendes hinzu: „Ich bin absolut niemand eine Hilfe. Es wäre besser für alle, wenn ich einfach weg wäre. Denn wenn ich jetzt noch keine so große Last bin, dass ich das Leben der anderen zerstöre, dann werde ich in Zukunft so eine Last sein.” Vielleicht ist es die Kombination dieser beiden Gedanken, die Menschen wirklich suizidgefährdet macht.

Versuchen Sie sich also einmal vorzustellen, wie das für diese Menschen ist, es ist schrecklich. Und es gibt viele Möglichkeiten, um an diesen Punkt zu gelangen. Selbstverständlich kann man solchen Menschen zuhören, man kann sie verzweifelt ermutigen, sich die Hilfe zu suchen, die sie brauchen. Ich konnte beobachten, dass Antidepressiva bei sehr, sehr vielen Menschen Wunder wirken. Sie funktionieren nicht bei jedem, sie sind kein Allheilmittel und haben Nebenwirkungen. Aber eine der Nebenwirkungen der unbehandelten Depression ist, dass man sich selbst tötet, und das kann man dann definitiv nicht mehr heilen. Und die Wahrscheinlichkeit für letzteres ist tatsächlich ziemlich hoch.

Sie können Antidepressiva verteufeln, aber wenn ein Mensch nicht aus seinen Depressionen herauskommen kann und suizidgefährdet ist, muss man sich fragen, was es eigentlich zu verlieren gibt. Nach einem Monat mit Antidepressiva weiß man es, manchmal muss man auch länger experimentieren, denn es ist so, dass einige Menschen besser auf bestimmte Sorten Antidepressiva reagieren als andere. Man kann stattdessen verteufeln, dass, wenn jemand in einer Notlage ist, er nicht alles tut, was er kann, damit es ihm besser geht.

Elektrokonvulsionstherapie (EKT) wirkt bei schwerer Depression. Der Gedanke an Elektroschocks ist zunächst furchtbar, die modernen Versionen sind es jedoch nicht. Und nochmal: Vom Tod erholt sich keiner. Wie gesagt – man kann leider nicht jeden retten. Menschen werden krank und sterben. Und manchmal sieht es so aus, als würden sie an Depressionen sterben. Depressionen haben viele Facetten. Man kann für Menschen da sein, zuhören, hinsehen, eingreifen, versuchen zu verstehen, sie zur Verantwortung ziehen. Aber jeder hat sein eigenes Schicksal. Und wir sind nicht allmächtig. Und manchmal kommt es zu Katastrophen wie dem eingangs geschilderten Fall. Und dann kann man als Hinterbliebener nur versuchen, so wenig Elend wie möglich mit sich herum zu schleppen, sobald man sich von seiner Trauer erholt hat.

Dies ist ein Auszug aus einer Frage- und Antwort-Sitzung mit Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Originalbeitrag.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Johannes Schuster / 07.08.2019

Die EKT ist die Hiroshimabombe für einen Zustand, der, von hirnorganischen Zuständen abgesehen, ein änderbarer ist. Dazu zählt aber, daß man den Betroffenen die Systematik der Probleme offenlegt - und damit das falsche Spiel - auch der medizinischen Schauspieler der Gesellschaft. Liebe ist nicht studierbar und Methoden bedeuten kein individuelles Verstehen und Nachvollziehen. Die christliche Welt ist derart falsch, daß es (Erich Fromm) kein richtiges Leben im falschen gibt. Neben Tod und Elektroschock gibt es einen dritten Weg; Die offenbarende Gesellschaftskritik.

Volker Kleinophorst / 07.08.2019

Ich bin auch manchmal deppressiv. Besonders wenn ich dunklen Orten lande. Zum Beispiel am Hamburger Hauptbahnhof.

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