Eric Kaufmann: Wenn man sich die Öffentlichkeit derzeit ansieht – ich habe Umfragen in den USA, Großbritannien und Kanada durchgeführt –, dann lehnt sie in allen drei Gesellschaften mit einem Verhältnis von etwa zwei zu eins das ab, was ich als „Woke“-Position bezeichnen würde. Das bezieht sich zum Beispiel auf Standpunkte, wie Kindern beizubringen, dass Kanada ein rassistisches Land sei oder dass es viele Geschlechter gäbe oder was auch immer. Bei etwa 50 solcher Fragen ergibt sich also dieses Verhältnis von ungefähr zwei zu eins.
In einer Demokratie bestimmt die Demokratie den Lehrplan. Ich denke, die Mehrheit der Bevölkerung würde hier die Idee der politischen Neutralität und Ausgewogenheit unterstützen. Und ich denke, wir haben jetzt die Zahlen, um das umzusetzen. Eine meiner Forderungen im 12-Punkte-Plan (aus Kaufmanns Buch „The Third Awokening: A 12-Point-Plan For Rolling Back Progressive Extremism“, Anm. d. Red.) ist, dass die konservativen Politiker wirklich den Fokus auf Kultur verstärken müssen, weil Sie eine Zwei-zu-Eins-Mehrheit haben. Es geht um klare Streitfragen. Sie spalten die Linke und vereinen die Rechte.
Nehmen wir eine Frage wie: Sollte die Statue von Winston Churchill vom Londoner Parliament Square entfernt werden? Wenn man die konservativen Wähler betrachtet, sind sie überwiegend stark dagegen. Wenn man die Wähler der Labour-Party, der Grünen und der Liberaldemokraten betrachtet, sind sie eher gespalten. Einige sind stark dafür, viele jedoch nicht. Das sind also offensichtliche Themen, die man angehen sollte. Warum sind die Konservativen sie nicht angegangen? Weil sie Angst haben, als Rassisten beschuldigt zu werden.
Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel, nämlich die Affirmative Action, also „positive Diskriminierung“ (zum Beispiel durch Quoten, Anm. d. Red.). Nur vier republikanische US-Bundesstaaten haben die Affirmative Action verboten, 13 haben hingegen Abtreibungen verboten. Nun sind Abtreibungsverbote relativ unpopulär. Sie werden vielleicht von einem Drittel der US-Bevölkerung unterstützt.
Verbote der Affirmative Action könnten jedoch von zwei Dritteln der Bevölkerung unterstützt werden, und dennoch gibt es nur sehr wenige davon in republikanisch geprägten Bundesstaaten. Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Zunächst einmal dadurch, dass dieses Thema für konservative Politiker nicht wichtig genug war (…) Und auch dadurch, dass die Anti-Abtreibungslobby und die Waffenlobby sehr gut organisiert sind. Sie üben zwischen den Wahlen Druck auf republikanische Politiker aus.
Die Lobby gegen Affirmative Action ist völlig unorganisiert und kann daher konservative Politiker nicht unter Druck setzen, wenn diese nichts gegen „positive Diskriminierung“ unternehmen. Diese Organisation zwischen den Wahlen muss sich ändern. Wir müssen viel mehr Druck auf unsere Politiker ausüben, damit sie die Bedeutung dieses Themas hervorheben und in dieser Frage Ergebnisse liefern. Das könnte sich aber ändern.
Die Konservativen sind grundsätzlich sehr schuldbewusst
Jordan B. Peterson: Ich habe mit vielen konservativen Politikern in Kanada und einer ganzen Reihe in den USA gesprochen, obwohl ich glaube, dass diese Tendenz in Kanada viel größer ist, weil es dort eher linksgerichtet zugeht. Vor zehn Jahren hatte der typische Konservative in Kanada Angst, irgendetwas zu sagen, das nach sozialem Konservatismus klang. Und dafür gab es einen ganz bestimmten Grund. Der Grund war, dass, wenn einer von ihnen öffentlich etwas Sozialkonservatives sagte, die woke, psychopathische Meute ihn als Individuum in den sozialen Medien fertiggemacht hätte. Man hätte ihn ins Visier genommen und zerstört. Das war sehr effektiv.
Hinzu kommt, dass die Konservativen grundsätzlich sehr schuldbewusst sind. Die radikal Linken haben hier einen enormen Vorteil, insbesondere die wirklich psychopathischen unter ihnen. Denn Konservative haben Schuldgefühle, radikale linke Psychopathen jedoch keine. Sie können daher Schuldgefühle als Waffe einsetzen, worauf Konservative sehr empfindlich reagieren.
Die Folge ist also eine klare Bedrohung, denn es macht keinen Spaß, gemobbt zu werden. Das ist wirklich sehr, sehr schwer für die Betroffenen. Es treibt sie nicht nur zur Verzweiflung, sondern oft auch in den Selbstmord. Man verliert seinen Job, seine Freunde, seinen Ruf. Niemand hat genug Mut, sich an Ihre Seite zu stellen. Die Radikalen haben die Konservativen daher völlig eingeschüchtert.
Daher ist die Affirmative Action ein echter Prüfstein dafür, denn selbst wenn man sie nur in Frage stellt – auch wenn sich das langsam verändert – aber selbst wenn man sie nur in Frage stellt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man als Rassist beschuldigt wird, extrem hoch. Das passiert sofort.
Eric Kaufmann: Richtig. Aber ich denke, hier haben wir es mit dem zu tun, was Politikwissenschaftler als „Overton-Fenster akzeptabler Debatten“ bezeichnen würden. Wenn man sich außerhalb dieses Fensters bewegt, kann man gecancelt oder von der Presse angegriffen werden. Was wir jedoch in Europa und den USA mittlerweile beobachten, ist, dass ein Thema wie Einwanderung, das früher tabu war, heute in vielen europäischen Gesellschaften kein Tabu mehr ist.
In Schweden beispielsweise konnte man 2014 nicht, wie es ein Minister einer etablierten konservativen Partei versucht hatte, die Einwanderungszahlen zur Debatte stellen. Er wurde damals in den Medien als Rassist angegriffen und gab auf. Das bedeutete aber, dass die (Stimmen für die rechtsgerichteten) Schwedendemokraten bei den damaligen Reichstagswahlen auf 12,5 Prozent anstiegen. Und (bei den Reichstagswahlen 2022 haben sie über 20 Prozent der Stimmen) erreicht.
In den USA war Trump der einzige Kandidat von 17 Vorwahlkandidaten 2015/16, der die Grenze zu einem zentralen Thema machte. Er war bereit, diesen Weg zu gehen. Wenn man einmal das Tabu gebrochen hat, sprechen plötzlich, wie in Schweden, alle Parteien über Einwanderung, und das Tabu ist zwar nicht vollständig verschwunden, aber das Overton-Fenster hat sich ein gutes Stück geöffnet. Und das ist auch in Kanada nötig.
Wir haben das bereits ein wenig beim Thema Geschlechtergleichstellung gesehen, bei Blaine Higgs, dem ehemaligen Premierminister der Provinz New Brunswick und bei Scott Moe, dem Premierminister der Provinz Saskatchewan. Das ist der Beginn der Öffnung für eine Diskussion. Man braucht einen mutigen Politiker wie Higgs, um das Eis zu brechen. (…)
Die Konservativen sind viel weniger eingeschüchtert als noch vor 15 Jahren
Jordan B. Peterson: Hatten Sie Gelegenheit, mit Pierre Poilievre, dem neuen Vorsitzenden der Konservativen Partei Kanadas, zu sprechen?
Eric Kaufmann: Nein, hatte ich nicht. Ich bin ein wenig besorgt. Ich denke natürlich, dass Trudeau in allen Bereichen, über die wir sprechen, eine Katastrophe war. Aber ich mache mir Sorgen, weil Poilievre bisher hauptsächlich über Wirtschaftsthemen gesprochen hat und nur widerwillig über kulturelle Themen. (…)
Jordan B. Peterson: Ja, das spielt sicher auch eine Rolle. Mein Eindruck ist jedoch, dass sich die Konservativen in Kanada stark von denen vor 15 Jahren unterscheiden. Danielle Smith (Premierministerin der Provinz Alberta, Anm. d. Red.) hat Rückgrat, Scott Moe hat Rückgrat, Blaine Higgs hat Rückgrat. Poilievre auch. Er treibt die kulturellen Themen derzeit nicht voran. Aber ich denke, das liegt zum Teil daran, und ich halte das in gewisser Weise für klug, dass man, wenn der Gegner damit beschäftigt ist, sich selbst zu ruinieren, genauso gut einfach zuschauen kann. Im Ernst, es macht keinen Sinn, in einer solchen Situation noch zusätzlich für Unruhe zu sorgen.
Aber die Konservativen in Kanada sind viel weniger eingeschüchtert als noch vor 15 Jahren, und zwar um einiges. Und sie werden sicherlich Themen, wie wir sie gerade diskutiert haben, auf eine Weise thematisieren, die beispielsweise 2010 noch undenkbar gewesen wäre.
Eric Kaufmann: Ich denke, das ist richtig. Aber ich halte es für wichtig, dass die Basis Poilievre in gewissem Maße zur Rechenschaft zieht, wenn er im Amt ist. Wenn er beispielsweise bei der Kürzung der Mittel für die CBC (staatliche Rundfunkgesellschaft Kanadas, Anm. d. Red.) einen Rückzieher macht, wenn er bei den Themen Einwanderung und Kulturkriegen nichts unternimmt oder nichts sagt, dann befürchte ich, dass es so kommen könnte, wie ich es in Großbritannien erlebt habe. Wo die konservative Regierung mit der Unterstützung der Brexit-Wähler an die Macht kam und im Grunde genommen nichts umgesetzt hat, in der Hoffnung, dass die Wähler es nicht bemerken würden. Das ist also meine Befürchtung, aber ich kann mich ehrlich gesagt nicht festlegen. Ich kenne weder ihn noch sein Kabinett.
Dies ist ein Auszug aus einem Video von Jordan B. Peterson.
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Alles eine Frage der Deutungshoheit gegenüber der breiten Gesellschaft. Die liegt im Westen immer noch bei den Sozialisten und Kommunisten – wenn auch mit nachlassender Tendenz. Eine Ausnahme sind derzeit die USA mit Trump.
Wenn jemand mit Geld und politischer Macht nicht in der Lage ist, seinen Standpunkt klar zu benennen und dafür einzustehen, ist das m.E. ein klarer Fall von „No-Balls“…unabhängig davon, ob er nun dem konservativen, linken oder liberalen Lager zugerechnet werden kann…was heutzutage ja an sich schon verwirrend genug ist.
Ob dieser „Lack of Balls“ nun auf zu viele Hormone im Trinkwasser zurückzuführen ist oder auf was auch immer: Früher zeigten alle Seiten gefühlt mehr Kante. Ich denke gerne zurück an einen Herbert Wehner, an einen Franz Josef Strauss…oder an Helmut Kohl, der tatkräftig auf den Eierwurf von Halle reagierte.
Und darum ist es gut, dass The Donald POTUS ist.
Die psychopathische Linke schüchtert mich nicht ein. Ich werde aggressiv, wenn man mich aggressiv angeht. Ein Gespräch mit mir kann traumatisieren. Manche Linke sind schon weinend aus dem Zimmer gelaufen. Bei mir hilft nur Höflichkeit, Freundlichkeit, Sachlichkeit, Korrektheit. Ich bin jedem gegenüber nett, der mir gegenüber nett ist. Als höflicher Mensch überlasse ich die erste Unhöflichkeit dem anderen. Als höflicher Mensch erwidere ich sie auch prompt.
Die psychopathische Linke, die Psychopathologie der Linken, wär das nicht ein schöner Titel für eine psychologische Massenuntersuchung?
Ein sehr interessantes Gespräch , das zumindest teilweise die Antwort auf die Frage, warum Konservative, vor allem Kulturkonservative ( immer) verlieren. Vor allem in Schland. Dazu gibt es sogar Literatur. Aber nur von der „ igitt – Seite“. Die Autoren von Achgut müssten diese Frage übrigens auch beantworten können, denn nicht wenige verraten sich in ihren Artikeln. Mit Angst ist ein Stichwort genannt, Feigheit und Opportunismus sind weitere, natürlich unangenehme. Zudem hat der „ Konservative “ regelmässig das Machtproblem . Er fühlt sich denen da oben, an der Macht , zugehörig und hält es für unanständig, gegen ein Regime anzugehen. Man könnte durchaus vom Fleisch vom Fleisch reden und der Konservative , jedenfalls der hier gemeinte, ist ein überaus treuer Systemling. Alle Bestrebungen , die das System oder ein System betreffen, sind ihm suspekt und ein Graus. Lieber eine kriminelle Ordnung, so wie aktuell, als eine legale bzw legitime Unordnung als Ausgangslage für „ Besseres“. Er, der Konservative, ist den Feinden notorisch strukturell und ideopsychologisch unterlegen, weil sehr leicht zu nötigen. Er hat angesichts der „mittigen“ , heisst de facto nihilistischen Tendenzen seinen „ überzeugten “ Feinden inhaltlich nichts entgegenzusetzen. Alles, was möglich wäre, ist bekanntlich „ rechts“ und damit ist der Konservative nackt. „Gekleidet “wird er nun von „ links“. Das Ergebnis ist klar. Zumal der widerständige „ Kampf“ nicht zu seinen Merkmalen gehört. Dazu braucht er andere. Die er zugleich ablehnt. Er ist ein wandelndes Problem. Natürlich rationalisiert er dieses Alles weltmeisterlich. Besonders mit dem „ antirechts“ – Narrativ.
Man kann Helmut Kohl für einen Idioten halten, aber er hatte den Handschlag von Helmut Schmidt. Wer sind Sie, Herr Peterson?