112-Peterson: Handele, als ob es Gott gäbe

Ich werde oft gefragt, ob ich an Gott glaube. Ich mag diese Frage nicht. Sie ist ein Versuch, mich in eine Schublade zu stecken, mich auf eine Seite einer binären Fragestellung zu platzieren. Deshalb antworte ich ungern auf diese Frage. Zum einen lasse ich mich nicht gern in eine Schublade stecken, zum anderen weiß ich nicht, was der Fragesteller unter „glauben“ und „Gott“ versteht. Die Wahrscheinlichkeit, dass er diese Begriffe so auslegt wie ich, ist gleich Null. Deshalb funktioniert diese Frage auf vielen Ebenen nicht. Dennoch möchte ich spontan diese meiner Meinung nach passende Antwort geben: Ich handle, als ob es Gott gäbe. Jeder mag selbst entscheiden, ob das bedeutet, dass ich an ihn glaube.

Die gleichen Fragestellungen erheben sich beim Thema der Göttlichkeit von Christus. Was heißt „göttlich“? Und was heißt „Christus“? Höchst schwierige Fragen. Ich glaube, dass der Logos göttlich ist, sofern wir unter „göttlich“ einen höchsten transzendenten Wert verstehen. Der Logos ist verbunden mit Tod und Wiedergeburt; er reißt nieder und baut wieder auf. Das geschieht, wenn man eine Verfehlung begeht: Dann muss ein Teil von einem gehen, wie ein Opfer, das man bringen und von dem man sich trennen muss. Manchmal ist es ein großer Teil, manchmal auch ein derart großer Teil, dass man tatsächlich stirbt, ohne wiedergeboren zu werden.

Geht die Vorstellung von Tod und Wiedergeburt über das rein Metaphorische hinaus? Ja, in der Tat! Denn es geht um körperliche Wandlungen. Bis zu welchem Ausmaß können die geschehen? Was passiert mit der Welt um uns herum, wenn der Logos mehr und mehr Fleisch wird? Die Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Die Hypothese, die sich in gewisser Weise auch auf Buddha bezieht, lautet, dass es ein oder zwei Individuen auf der Welt gab, die diese Wandlung vollzogen und in dieser Wandlung den Tod selbst transzendiert haben. Sie mögen fragen, was es heißt, den Tod zu „transzendieren“.

Nehmen wir an, Christus war eine historische Person, wofür es nach meiner Meinung und meinem Gefühl eine ausreichende Evidenz gibt. Ist auch seine Auferstehung real? Insofern sein Geist fortlebt, ganz sicher. Stellen wir uns den Geist als ein Muster des Seins vor. Wir wissen, dass Muster auf verschiedene Trägersubstanzen übertragen werden können. Vinyl, Elektronik, Impulse, Luft, Schwingungen im Ohr, neurologische Muster, Tanz – all das sind Übersetzungen dafür, was man als Geist beschreiben kann. Er ist unabhängig von seinem materiellen Träger. Der Geist Christi lebt weiter. Er hat durch alle Zeiten seine gewaltige Wirkung entfaltet.

Ist auch sein Körper auferstanden? Ich weiß es nicht. Die Überlieferungen, oder was sie bedeuten sollen, sind undeutlich. Ich weiß nicht, was mit Menschen geschieht, die sich vollkommenem in Einklang gebracht haben. Darüber gibt es allenfalls Andeutungen. Wir verstehen die Welt nicht besonders gut, wir wissen nicht, wie sie überwunden werden kann. Wir wissen nicht, wie ein Mensch das schaffen kann. Und wir wissen nicht, welche Wandlungen diese Überwindung möglich machen könnte.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus einem im Frühling 2017 gehaltenen Interview mit Jordan B. Peterson Hier geht’s zum Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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armin wacker / 04.04.2018

Wir haben Zeugen und natürlich einem Zeugen muss man glauben. Das kann nicht naturwissenschaftlich bewiesen werden -oder sind wir nur noch nicht soweit? Ich denke, darum bin ich, ich denke nichts und schwupp bin ich nicht mehr.

Georg Dobler / 04.04.2018

Beim lesen der Überschrift dachte ich zuerst es sei ein politischer Artikel, aber nein, dann würde sie ja lauten “Handle als ob es eine gewissenhafte am Grundgesetz orientierten Regierung gäbe ” Aber zum Glück handelt der Artikel von Religion. Allerdings muss ich da,  ... ich mache es ungern, Herrn Peterson auf einen möglichen Irrtum hinweisen. Die Hypothese von Tod und Wiedergeburt besagt nicht dass dies ein oder zwei Individuen bisher gelungen sei, sondern vielmehr sagen die uralten Überlieferungen (Paulo Coelho spricht gern von der “Tradition”), dass dies allen Menschen gegeben ist. Das was möglicherweise nur wenige Individuen geschafft haben ist dass sie diesem Wiedergeburtskreislauf entkommen sind, also nicht mehr fleischlich geboren werden müssen. Buddha soll dies aufgrund seiner Verdienste in zahlreichen irdischen Leben geschafft haben. Bei Christus mag es, wen ich mir diese Vermutung erlauben darf, ein einmaliges auf einem besonderen Auftrag beruhendes Erscheinen auf diesem Planeten gewesen sein.

Leo Lepin / 04.04.2018

Dass man im 21.Jh tatsächlich wieder lesen muss, ob der Leib Christi tatsächlich wieder aufgestanden sei, wisse man nicht, ist traurig. Vielleicht konnte Jesus ja auch wirklich auf dem Wasser wandeln? Die Aufklärung, der wir meiner Meinung nach unsere freie und auch teils sehr angenehme Welt verdanken (siehe z.B. Antibiotika, Schmerzmittel usw.) scheint nicht mehr so angesagt zu sein, auch hier auf der Achse…

Gerd Schmitt / 04.04.2018

Wenn Sie handeln, als ob es Gott gäbe, dann wissen Sie scheinbar, was Gott von Ihnen erwartet bzw. erwarten würde so es ihn denn gäbe. Auf solcherart “Wissen” stützen sich auch unsere lieben Herren Selbstmordattentäter… Meines Erachtens bringt das Berufen auf einen Gott eher Schaden für die Gesellschaft, da Gott vorzüglich instrumentalisiert werden kann. Geht man mit gesundem (gottgegebenen) Menschenverstand an die Sache, so ergibt sich zwangsläufig, das Jesus ein normaler Mensch war, zweifelsohne charismatisch aber eben nicht göttlich. Da “lebt” auch kein Geist weiter, lediglich ein paar seiner Ideen. Genauso lebt die Idee vom Rad, an dessen Nützlichkeit noch mehr Menschen glauben, auch wenn der Erfinder nicht bekannt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen guten Artikeln auf der Achse ist das leider nur Geschwurbel.

Werner Arning / 04.04.2018

Es heißt wohl nicht umsonst das „Glaubensgeheimnis“. Man kann durchaus hören oder lesen und nicht verstehen. Zum Verstehen braucht es unter Umständen mehr als den Verstand. Darin besteht das Geheimnis. Wem es zugänglich gemacht werden soll, dem wird es auch zugänglich gemacht. Demütiges Interesse ist wohl eine Voraussetzung. Ernsthaftes Gebet im Stillen und eine ernstgemeinte Bitte ist vielleicht auch nötig. Vertrauen bildet sich. Zweifel und Unglaube sind normal. Die eigene aktive Rolle darf dabei nicht überschätzt werden. Da weiß schon jemand, wessen ich bedarf.

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