112-Peterson: Diversity in der Wissenschaft

Im Folgenden geben wir einen Auszug aus einem Gespräch von Jordan B. Peterson und Gad Saad wieder. Gad Saad ist ein libanesisch-kanadischer Evolutions-Psychologe und Autor des Buches „The Parasitic Mind“.

Gad Saad: Aktuell kursiert an kanadischen Universitäten die „DIE-Religion“, die von der Identitätspolitik herrührt. „DIE“ ist das Akronym aus „diversity“ (Vielfalt), „inclusion“ und „equity“ (Gerechtigkeit). Was für eine furchtbar schlechte, parasitäre Idee! (...) Möchte man jetzt staatliche Forschungsgelder beantragen (...), braucht man ein „DIE“-Zertifikat. Dieses gibt in erster Linie darüber Auskunft, was man in der Vergangenheit getan hat, um „DIE“-Anliegen voran zu treiben. Außerdem muss man erklären, inwiefern man die „DIE“-Prinzipien hochhalten wird, sollte man die Förderung erhalten.

Jordan B. Peterson: Unglaublich!

Gad Saad: Einem Physikochemiker an einer unserer gemeinsamen Alma Maters, der McGill University, wurde ein Stipendium verwehrt, weil er nicht den nötigen „DIE“-Schwellenwert erreicht hat. Es spielte gar keine Rolle, was der inhaltliche Schwerpunkt war, mit dem er sich um eine Förderung bewarb, also der wissenschaftliche Inhalt.

Jordan B. Peterson: Wir sind also an dem Punkt angelangt, wo dieses ideologische Spiel über das Spiel der Wissenschaft erhoben wurde. Das wäre in Ordnung, wenn es sich bei beiden bloß um Spiele handeln würde. Doch Wissenschaft ist kein Spiel. Sie ist eine Technik, um ernsthafte Probleme zu lösen.

Gad Saad: Wissenschaft macht es möglich, dass alte Freunde wie Du und ich, die sich seit Jahren nicht gesehen haben, sich virtuell treffen und wie jetzt ein fantastisches Gespräch führen können, so, als würden wir nebeneinander sitzen. Das verdanken wir der Wissenschaft, nicht dem Post-Modernismus oder indigenem Wissen. Und bevor mir Letzteres jetzt rassistisch ausgelegt wird: Wenn ich zum Beispiel die Flora oder Fauna eines von Ureinwohnern bevölkerten Gebietes erforschen möchte, dessen Volk dort seit tausenden von Jahren lebt, kann ich mich durchaus auf ihr domänenspezifisches Wissen verlassen, weil sie in diesem Ökosystem leben. Spezifisches Wissen über ein bestimmtes Phänomen kann natürlich darauf zurückgeführt werden, dass Gruppe A mehr weiß als Gruppe B.

Jordan B. Peterson: Natürlich! Diese Prinzip wenden zum Beispiel Ethnobotaniker an.

Gad Saad: Aber die Erkenntnistheorie, die Grundlage, nach der ich die Flora und Fauna erforsche, wie ich wissenschaftliche Fragen innerhalb dieses Ökosystems beurteile, steht in keinster Weise in Konkurrenz zur indigenen Form der Wissensaneignung. Es gibt hier nur das eine Spiel, und zwar die wissenschaftliche Methodik.

Jordan B. Peterson: Es geht ja um Wissen. Darum gibt es nur eine Methode. Sobald wir das Wort „Wissen“ verwenden und wir es dahingehend benutzen, dass es sowohl das indigene Wissen als auch das wissenschaftliche Wissen betreffen kann – sobald wir für beide das einende Wort „Wissen“ verwenden, setzen wir voraus, dass „Wissen“ eine bestimmte Sache ist. „Wissen“ müsste demnach bedeuten, Abstraktion zu verwenden, um vorauszusagen und zu kontrollieren. So einfach ist das. Wenn man „Wissen“ anwendet, hat man die Absicht, das Ergebnis zu erhalten, das man sich wünscht. Je besser einem das gelingt, über desto mehr Wissen verfügt man.

Gad Saad: Genau! Und jetzt muss man sich mal vorstellen, dass an der Universität die „DIE“-Prinzipien nicht nur angewandt werden, um zu bestimmen, wer eine Professur oder ein Stipendium erhält oder Assistenzprofessor wird. Sondern auch, um klarzumachen, dass es nicht nur eine einzige Erkenntnistheorie gibt, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen (...) Wir grotesk ist es denn bitte, Studenten so etwas beizubringen? Gibt es demnach einen libanesisch-jüdischen Weg der Wissensaneignung? Oder die wissenschaftliche Methode der Grünäugigen? Ist die Verteilung der Primzahlen etwa eine Beleidigung der Identität der Person, die sich mit Primzahlen beschäftigt? Hilft uns wissenschaftliches Arbeiten nicht vielmehr dabei, uns von den Fesseln unserer persönlichen Identität zu befreien?

Jordan B. Peterson: Man kann diesen Standpunkt vertreten und gleichzeitig feststellen, dass Wissen genutzt wird, um Macht auszuüben. Das ist eine gängige postmoderne Theorie. Diese wird jedoch zu der Aussage übersteigert, dass Menschen Wissen ausschließlich dafür benutzen, Macht auszuüben. Und dies sei wiederum der einzige Grund, warum es sich überhaupt lohnt, sich Wissen anzueignen. Beide Behauptungen sind falsch.

Trotzdem kann man natürlich die Wissenschaft und die Art und Weise, wie sie betrieben wird, kritisieren, indem man postuliert, dass Wissenschaftler genauso voreingenommen und selbstsüchtig sind wie alle anderen und ihre Theorien benutzen, um sich in der soziologischen Welt Vorteile zu verschaffen. Und dann kann man genau aus diesem Grund wissenschaftlichen Theorien skeptisch gegenüber stehen. Dann muss man aber auch darauf hinweisen, dass dies von den Wissenschaftlern selbst erkannt wurde und sie – genau wie die weisen Gründungsväter der USA – ein System von Checks and Balances eingeführt haben. Nämlich, indem sie erklärten, dass sie selbst bei den objektivsten Behauptungen über die Realität von ihren eigenen Interessen geblendet sein können. Somit stehen Wissenschaftler in permanentem Wettbewerb zueinander, um herauszufinden, wer von ihnen ein aufrichtiges Spiel spielt. Überprüfungsmöglichkeiten innerhalb der Wissenschaft gibt es also.

Das bedeutet, dass man schon einiges von der Kritik übernehmen kann, die die Postmodernisten gegen das Spiel der Wissenschaft ins Feld führen – ohne dabei jedoch das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sodass man zu dem Schluss kommt: Abgesehen von der menschlichen Natur, der Primaten-Natur des wissenschaftlichen Unterfangens und dem damit verbundenen Gerangel um Positionen, gibt es trotzdem einen Restwert, der zu einem Wachstum im Bereich des Wissens führt.

Gad Saad: Zum Thema „Checks and Balances“: Die Methode der Replikation zur Überprüfung nimmt einen zentralen Platz innerhalb der Physik, Chemie oder Biologie ein. Nicht jedoch innerhalb der Sozialwissenschaften. Und an dieser Stelle scheitern letztere. Das muss ich Dir ja nicht erzählen, Stichwort „Replikationskrise“.

Jordan B. Peterson: Diesbezogen war ich immer viel weniger pessimistisch als andere, weil ich immer davon ausgegangen bin, dass 95 Prozent dessen, was ich las (an psychologischen Studien, Anm.d.Red.) nicht replizierbar war. Und dass wir schon verdammte Glückspilze sind, wenn sich immerhin 5 Prozent unserer Forschung als richtig erweist. Fünf Prozent Wissenszuwachs als jährliche Rate, sagen wir mal. Das ist immer noch ein unglaublich schneller Wissensgewinn. Und wenn 95 Prozent aller Studien sich als schwachsinnig entpuppen – C'est la vie! Wenigstens nicht 100 Prozent!

Dies ist ein Auszug aus einem Gespräch von Jordan B. Peterson und Gad Saad. Hier geht's zum Auszug und hier zum gesamten Gespräch.

Foto: jordanbpeterson.com

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Wiebke Lenz / 24.02.2021

Es gilt die freie Lehre. Ach, was waren das noch für Zeiten ...

Rolf Lindner / 24.02.2021

Wissenschaft - In nicht zu ferner Vergangenheit war man nicht mehr dazu bereit noch länger des Glaubens Prämissen zu folgen, anstatt ‘was zu wissen. Die alten Dogmen mussten fort, die Welt war jetzt am rechten Ort. Es folgte eine lange Dauer, weiße Männer wurden schlauer, schufen allerhand Maschinen, um sich besser zu bedienen. Konnten plötzlich viel erreichen, Tod und Elend mussten weichen. Schufen auch viel böse Waffen, sich einander weg zu raffen. Zu Ende ging das große Morden,  ‘ne Bombe ist geschaffen worden, die die großen Mächte dieser Welt weitgehend am Frieden hält. Seitdem das Wissen explodierte, viel Nützliches es generierte. Schuf jedoch auch Freiheiten, die Kummer den jenen bereiten, die immer öfter reklamieren, ihre Dogmen sollen die Welt regieren. Vereinen sich in froher Runde, Sozis, Grüne und Kirchen im Bunde. Betätigen sich als Menschheitspalter, dass Glauben regiert wie im Mittelalter.

RMPetersen / 24.02.2021

Zu: equity Spontan dachte ich dabei an Gleichheit, aber es geht ja um Angemessenheit, also Gerechtigkeit. Mirriam-Webster bringt zwei Definitionen: a : justice according to natural law or right (- specifically : freedom from bias or favoritism) b : something that is equitable Gleichheit, wie sie in Deutschland IN TEILEN propoagiert wird, soll durch Inklusion hergestellt werden. Dies Konzept verbeitet es, Leistungskriterien zu setzen als Voraussetzung für Zugang zu Bildungseinrichungen und auch zu Ämtern. Die Konsequenz ist logischerweise ein Qualitätsverlust in den Schulen, Universitäten und Verwaltungen. Paradoxerweise wird das Ziel “Gleichheit” nur erreicht, wenn gegen das Prinzip “Gerechtigkeit” verstossen wird, wenn also Tüchtige nicht belohnt, sondern benachteiligt werden. Dies geschieht bei der schon seit den 80er Jahren laufenden Quoten-Politik. Die SPD hat das schon damals in den von ihnen beherrschten Ministerien betrieben, auf der Staatssekretärs- und Minister-Ebene kam das damals allerdings nur selten an. Das war dann ab den 90ern der Fall. Die These “Die Gleichberechtigung ist erst dann geschafft, wenn dumme Frauen genauso erfolgreich sind wie dumme Männer.” ist, so darf man wohl sagen, voll bestätigt. Nach diesem Erfolg der Frauenquote kann man ziemlich gut voraussagen, wie sich zB der Weg der Migranten-Quote und die Transen-Quoten aussehen wird. (Dies als Ergänzung zu dem Universitäts-Einblicken im Dialog. Schade, dass sich der Wissenschaftsbereich selbst zerstört - aber warum soll der von der allgemeinen Verblödung verschont bleiben? Schliesslich ist kein Gesellschaftsbereich unpolitisch.)

Jeremiah Burke / 24.02.2021

This means : propaganda is more important than truth .

Dieter Kief / 24.02.2021

Replikationsprobleme gibt es auch in der naturwissenschaftlichen Forschung. Zunehmend sogar Fälschungen, Hier irrt Gad Saad. Außerdem gibt es dort das weitverbreitete Phänomen des richtigen, aber beutungslosen Ergebnisses. Der nicht ganz unbedeutende Konstanzer Wissenschaftstheoretiker Friedrich Kambartel sagt, dass betreffe auch erhebliche Forschungsfelder der Mathematik. Ansonsten haben die beiden Herren Saad und Peterson natürlich recht. Die westliche Wissenschaft verliert gerade an vielen hochrangingen Orten den Glauben an sich selber und gibt fundamentale Prizipien preis; an erster Stelle das Prinzip der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Der Konstanzer Biloge Max von Tilzer hat dazu bei Tichy’s Einblick einen formidablen und einen amüsanten Aufsatz gratis online - sehr empfehlenswert. Findet man per google leicht, weil von Tilzer nur diese beiden Aufsätze bei Tichys Einblick publiziert hat.

Heiko Stadler / 24.02.2021

Wir stehen kurz davor, das die Proferor*Xen bei mündlichen Prüfungen mit dem RAL-Farbfächer die Hautfarbe des Prüflings kontrollieren, um den entsprechenden Bouns für die gerechte, antirassistische und inkludierende Benotung zu berechnen.

Marc Jenal / 24.02.2021

In einer aufgeklärten Gesellschaft muss Gerechtigkeit (Equity) doch bedeuten, dass der/die/das/usw. beste Wissenschaftler*In im Fach mit den besten Aussichten die Forschung nach wissenschaftlichen Kriterien und für die gesamte Gesellschaft gewinnbringend voran zu bringen die Forschungsgelder bekommt. Ob dabei ausschliesslich nur oder nach beliebiger Quote gemischt POC, Lesben, weisshaarige Transen, steinalte Rollstuhlfahrer, kurzsichtige Nichtraucher, tanzende Muslime, einbeinige Veganer, Leute, die sich 3 verschieden farbig tätowierte Penisse/Vulvas auf den Kopf operieren lassen, sich als Elefant fühlen oder Bäume umarmen usw. im Forschungsteam teilnehmen ist mir doch verd… noch mal egal und muss es auch nach wissenschaftlichen Kriterien sein! Was oder wer heute in bisher als aufgeklärt geltenden Ländern/Gesellschaften an Einfluss gewinnt bzw. sogar ohne ein minimales Grundwissen die Führung über intelligente Menschen ihres Faches übernehmen darf, scheint zunehmend aus diesem Dunstkreis der krankhaft überspitzten Inklusion/Diversity zu stammen bzw. sich in Teilen aus dem Kreise der nachhaltig Blödesten zu rekrutieren. Es wäre angebracht darüber nachzudenken die kommende Zeitspanne als postaufgeklärt zu bezeichnen.

Marcel Seiler / 24.02.2021

J.B. Peterson ist doch immer wieder eine Inspiration. Hier, wie er den völlig berechtigten Wahrheitsanspruch der Wissenschaft verteidigt und gleichzeitig Raum für berechtigte Kritik an der Wissenschaft gibt. Sehr schön!

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