112-Peterson: Die Psychologie des kapitalistischen Systems

Jean Piaget ist ein sehr interessanter Psychologe, der nie richtig gelehrt wird, denn er war ein merkwürdiger Mann. Viele große Denker waren merkwürdig, und ihre Merkwürdigkeiten wurden aus den Geschichten über sie oft herausgeschnitten, was wirklich zu schade ist, denn sie sind viel interessanter, wenn man weiß, wie merkwürdig sie waren! Jean Piaget war besessen von der Trennlinie zwischen Religion und Wissenschaft, und sein Ziel als Denker war es, die beiden miteinander in Einklang zu bringen. In gewisser Weise suchte er nach einer biologischen Grundlage für Moral, so könnte man es sagen. Zumindest wollte er einen biologischen Unterbau für eine sich entwickelnde Moralität aufzeigen. 

Eine seiner Ideen war die folgende: Stellen Sie sich zwei Systeme vor. Beide bewegen sich auf ein Ziel zu, irgendein Ziel. In dem einen handeln die darin befindlichen Menschen unter Zwang. Im anderen handeln die Menschen freiwillig. Die freiwillig handelnden Menschen werden die gezwungenen Menschen übertreffen, denn um Zwang aufrechtzuerhalten muss man eine signifikante Menge Zeit und Energie auf diesen verwenden. Dazu kommt, dass die Leute, wenn Sie sie nur stark genug tyrannisieren, sich selbst verletzen werden, nur, um Sie damit auch zu treffen. Solche Menschen sind bereit, einiges einzustecken, um dafür Gerechtigkeit zurückzugewinnen. So etwas sollte man wissen. Dies macht das System ineffizient. Wenn jedoch alle gerne dabei sind, dann muss man überhaupt nichts an Zwang verschwenden, die Menschen überzeugen sich dann selbst. 

Dies nannte Piaget einen Zustand des Equilibriums. Gemeint ist damit, dass man sich hinsetzt und verhandelt, wirklich verhandelt, d.h. ehrlich überlegt, was man eigentlich machen will. Alle stecken ihre Köpfe zusammen und überlegen, was zu tun ist und wie dies gut für uns alle ist, und gleichzeitig, jeder für sich, wie dies gut für den Einzelnen ist. Zum Beispiel, wenn die eigene Familie gut funktioniert, dann bewegt sie sich zusammen vorwärts, aber jedes einzelne Mitglied bewegt sich für sich selbst ebenso vorwärts. Jeder, der schon einmal tatsächlich verhandelt hat, kennt das, man versucht eine Situation zu schaffen, in der die eigenen Interessen mit denen des Gegenübers übereinstimmen. Ist das gelungen, muss man sich nicht um den Deal selbst sorgen, denn alle Parteien haben ein Interesse daran, ihn am Leben zu halten. 

Die Idee, dass Kapitalismus in irgendeiner Weise auf der Tyrannei der Wenigen an der Spitze beruht, ist falsch. Das passiert, wenn das System korrupt ist. Es passiert aber überhaupt nicht, wenn es richtig funktioniert, und zwar aus dem einfachen Grund, dass Vereinbarungen, die nicht im Interesse der Gemeinschaft und der beteiligten Individuen gleichzeitig sind, mit Zwang, meist in Form von Anwälten, durchgesetzt werden müssen. Dann ist es vorbei.

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel The Psychology Behind an Efficient Capitalist System auf dem YouTube-Kanal Jordan B Peterson Clips von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Alfons Kuchlbacher / 17.10.2018

Ich entdecke immer mehr Parallelen zwischen Peterson und Ayn Rand. Faszinierend!

Marc Stark / 17.10.2018

Ziemlich einleuchtend! Danke. Allerdings “Die Idee, dass Kapitalismus in irgendeiner Weise auf der Tyrannei der Wenigen an der Spitze beruht, ist falsch. Das passiert, wenn das System korrupt ist.” Nun, das System muss nicht korrupt sein, es reicht das Fehlen von Regulation um eine extreme Einkommens-Differenz zu generieren. Wenn die UNO oder IWF oder wer auch immer VERBINDLICH klar macht und auch umsetzt, das Privatvermögen bspw. größer 100 Millionen KOMPLETT verstaatlicht wird und alles über einer Million bis zum MAX einer harten Progression an Steuer"belastung” unterliegt, wäre das System uU das nahezu perfekte System. Solange hier ohne Kontrollgremien gemauschelt werden kann, ist das System ziemlich imperfekt, auch ohne korrupt im eigentlichen Sinne zu sein!

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