112-Peterson: Die mythologische Bedeutung der Schlange

Menschen mögen im Allgemeinen keine Giftschlangen, und das ist auch sehr vernünftig. Denn schließlich sind diese Tiere seit ungefähr 20 Millionen Jahren hinter uns her. Schlangen und Primaten, darunter unsere Vorfahren, haben sich etwa zeitgleich entwickelt. Die Schlange ist für uns Menschen also eine Repräsentation für das, was außerhalb unserer Komfortzone liegt.

Dabei kann es sich um eine tatsächliche oder aber eine abstrakte Schlange handeln. Eine abstrakte Schlange wäre zum Beispiel ein Feind, eine noch abstraktere Schlange das Böse im eigenen Herzen.

In den westlichen Kulturen entwickelte sich die Vorstellung, dass die Schlange im Garten von Eden Satan sei. Die Ursprünge dieser Idee reichen weit vor die Entstehung des Christentums zurück. Was für eine seltsame Vorstellung! Doch der Grund dafür dürfte sein, dass wir bestimmte Antennen für das Erkennen von Raubtieren besitzen. Ein Paradebeispiel für ein Raubtier ist eine Schlange oder ein Monster mit schlangenähnlichen Zügen, wie ein Drachen oder ein Dinosaurier mit einem furchteinflößenden Gebiss. Ein weiteres Beispiel wäre ein Hai aus den Tiefen des Meeres, der einen nach unten zieht.

Ich kann mir zum Beispiel lebhaft vorstellen, wie unsere Vorfahren einen unappetitlichen Tod starben, nachdem sie in der afrikanischen Savanne an einem Flusslauf Wasser schöpften und dabei von einem Krokodil überrascht wurden. Auch dieses Raubtier schnellt nach oben und zieht uns in die Tiefe.

Furchterregend und faszinierend zugleich

Im übertragenen Sinne geschieht dies auch uns Heutigen. Ständig taucht im Leben etwas Unvorhergesehenes auf und zieht uns in die Tiefe. Und wir benutzen dieselben Alarmglocken für das Aufspüren unbekannter störender Dinge, die wir einst für das Aufspüren von Raubtieren nutzten.

Wir können uns das buchstäbliche Raubtier in Gestalt einer Schlange oder eines Wolfes vorstellen, das in unser Lager eindringt. Das ist ziemlich konkret und biologisch. Schimpansen zum Beispiel hassen Schlangen. Wenn ein Schimpanse in freier Wildbahn auf eine Riesenschlange trifft, bleibt er wie angewurzelt stehen und setzt zum sogenannten „Schlangenschrei“ an, mit dem er die anderen warnt. Daraufhin kommt die restliche Horde angelaufen. Manche bleiben in sicherer Entfernung, andere wagen sich ziemlich dicht heran – und starren die Schlange an. Denn die Schlange fasziniert sie.

(...)

Und jeder, der sich schon einmal an eine Schlange herangewagt hat, wird das bestätigen können – sie sind faszinierend und verströmen eine gewisse Bedeutsamkeit. Auch Schimpansen, die in Gefangenschaft leben und noch nie eine Schlange gesehen haben, reagieren wie ihre Artgenossen in freier Wildbahn: Sie haben Angst vor der Schlange und sind gleichzeitig fasziniert. Uns Menschen geht es oft genauso. Wenn wir irgendwo eine Schlange sehen, beobachten wir sie, weil wir wissen wollen, was sie tut. Gleichzeitig sind wir darauf bedacht, ihr nicht zu nahe zu kommen. Wir sind hin und her gerissen zwischen dem Impuls wegzulaufen und dem Impuls, alles zu beobachten, was die Schlange tut. Eine typische Reaktion auf das Unbekannte: Wir finden es furchterregend, und doch beobachten wir es. Auf einer Metaebene beobachten wir es nicht nur, sondern erkunden es auch.

Wenn wir zurück in die Zeit gehen, als wir noch auf Bäumen lebten – im Garten Eden, wenn man so will – dann lässt sich festhalten, dass die Schlangen uns dort aufspürten und fraßen. Vor allem unseren Nachwuchs. Das war für unsere Vorfahren natürlich sehr unangenehm. Vielleicht fanden sie eines Tages heraus, dass Schlangen es nicht leiden können, wenn man sie mit Stöcken schlägt, weil vielleicht zufällig mal ein Ast auf eine Schlange fiel.

Zur allgemeinen Bedrohung abstrahiert

Vielleicht war die nächste Stufe des Lernens, dass jemand bewusst zu einem Stock griff und die Schlange damit verhaute. Der Erste, der auf diesen Trichter kam, war vermutlich genauso beliebt wie der Mensch, der das Feuer zähmte. Über die Jahre haben wir genau gelernt, wie man sich am besten mit einem Stock eine Schlange vom Leib hält.

Wir stellen uns also die Schlange als Räuber vor, der in den Garten eindringt. Denn es ist unmöglich, Schlangen aus einem Garten fernzuhalten, wie sehr man sich auch bemüht. Als nächstes stellen wir uns eine Meta-Schlange vor. Vielleicht in Gestalt der zerstörerischen Bedrohung durch einen konkurrierenden Stamm. Schimpansen zum Beispiel sind in Stämmen organisiert und führen regelmäßig Kriege gegen andere Clans.

Im nächsten Schritt wird dann der Räuber zu einer Manifestation des allgemein Bösen abstrahiert. Im nächsten Schritt kommt man zu der Erkenntnis, dass der größte Feind die menschliche Fähigkeit zum Bösen ist. Als nächstes spiritualisiert man die Idee der Gefahr in etwas Konzeptionelles, Psychologisches und etwas, mit dem man ständig konfrontiert ist.

Der zentrale menschliche Mythos

Denn eines der grundsätzlichen Dinge, die wir Menschen herausfinden mussten, war, wie man mit Gefahr zurecht kommt. Und zunächst beschäftigten wir uns mit einer konkreten Gefahr und einer spezifischen Lösung dafür. Da wir jedoch außerordentlich klug sind, kamen wir irgendwann auf die Idee, alle Bedrohungen als eine zusammenzufassen und einen allgemeingültigen Modus dafür zu finden, wie am besten mit Gefahren umzugehen sei.

Ich glaube, dass sich aus dieser Entwicklung heraus die Heldengeschichte bildete. In diesen Legenden geht es ja immer um eine Gemeinschaft, die durch das plötzliche Auftauchen eines alten Übels bedroht wird, oft in Gestalt eines Drachens (Man denke nur an „Herr der Ringe“). Der Held ist zumeist ein Ritter, ein bescheidener Typ (wenn auch nicht immer) der sich entschließt, das Ungeheuer zu besiegen, notfalls dringt er bis ins Versteck des Untiers vor.

Auf dem Weg dorthin muss er allerlei Abenteuer bestehen, die ihn von einem nutzlosen, naiven Hobbit (um bei Herr der Ringe zu bleiben) in einen schwertschwingenden Helden verwandeln. Er besiegt den Drachen, bekommt den Schatz, befreit die Gefangenen. Verwandelt kehrt er zurück und teilt mit seiner Gemeinschaft, was er gelernt hat. Das ist die zentrale Geschichte der Menschheit und unser grundlegendes instinktives Muster, dargestellt in mannigfaltigen Mythen.

Dies ist ein Auszug aus einem Seminar von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Seminar.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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Judith Hirsch / 06.01.2021

Im antiken Rom führten sich vestalische Priesterinnen öffentlich Schlangen in den Schoß ein, um so die Römer zum Akt zu animieren und für Nachwuchs zu sorgen. Auch in anderen Kulturen ist die Schlange ein Phallus- bzw. Fruchtbarkeitssymbol.

Frances Johnson / 06.01.2021

@ RM Petersen: Der andere Petersen kennt sich mit Schlangen offenbar nicht aus. Ich schwamm im indischen Ozean mit einer Seeschlange, eine der giftigsten. Mein Mann sah das und war geistesgegenwärtig. Er rief in entspanntestem Ton äußerst liebenswürdig, ich möge doch mal kommen, er wolle mir etwas zeigen. Ich schwamm ganz ruhig ans Ufer. Wenn ich Panik bekommen hätte, wäre ich wohl tot. Jordan hat aber Recht, sie faszinieren uns. Wir betrachten sie im Zoo. Ich finde, sie haben den Effekt eines Horrorfilms. Man weiß auch nicht so genau, warum man den anschaut. Eine Kombi aus beidem ist das B-Movie Anaconda oder der Jurassic Park-Teil mit dem Mososaurus. Obwohl ich beide Filme ablehne, muss ich gestehen, dass ich mir die Passagen auf yt angesehen habe. Vielleicht sind wir mordlüstig. Darauf nimmt er kurz Bezug: “Im nächsten Schritt kommt man zu der Erkenntnis, dass der größte Feind die menschliche Fähigkeit zum Bösen ist.” Ja, vielleicht. Hauptsache, man ist nicht dabei als Opfer. Ich bin nie wieder im Indischen Ozean geschwommen. Das Hotel hatte einen Pool. Letztlich ist der Mensch im Meer der Eindringling und nicht umgekehrt, und mit dem Urwald ist es ähnlich. Im Garten hatte ich nur eine Ringelnatter mit Nachwuchs. Wir taten uns nichts.

Frances Johnson / 06.01.2021

No, Jordan, snakes and humans did not develop at the same time. Snakes and lizards were there long before:  “and by the late Cretaceous most major groups had appeared, including iguanians, geckos, skinks, anguids, and platynotans, as well as many snake lineages. However, with the exception of the marine mosasaurs, all major squamate lineages are thought to have survived the end of the Cretaceous. Consequently, the Cretaceous–Paleogene (K-Pg) extinction that ended the Mesozoic is considered to have had little effect on squamate evolution.” if interested you may find this under the headline “Mass extinction of lizards and snakes at the Cretaceous–Paleogene boundary” on ncbi dot nlm dot nih dot gov. Not that it matters a lot as part of our brain is archaic, inherited, and snakes always liked to feed on rats, our veritable ancestors. But you should get this right. Snakes are many millions of years older than humans. Sorry. With all due respect.

RMPetersen / 06.01.2021

Über Giftschlangen: “Denn schließlich sind diese Tiere seit ungefähr 20 Millionen Jahren hinter uns her.” Das trifft nicht zu; wer das behauptet, hat sich mit Schlangen noch nie befasst. Eine Schlange beisst nur dann einen Menschen, wenn dieser direkt dorthin greift (- zB in einen dunklen Winkel, um etwas aufzuheben) oder tritt (- zB in einen Stiefel, in den die Schlange sich zum Wärmen begeben hat). Wer in Afrika oder Asien (- oder in Australien, wo es die gefährlichsten gibt) unterwegs war und mit dortige Bewohnern spricht weiss, dass die Meisten mit Sandalen und kurzen Hosen laufen; wenn man langsam geht und fest auftritt, fliehen Schlangen. Also: Die Vorstellung ” ... diese Tiere (sind) hinter uns her”, ist Blödsinn. (Sorry, Mr. Peterson)

Rainer Niersberger / 06.01.2021

Unabhängig von der, von Schlangen ausgehenden, Faszination war auch die gespaltene Zunge Gegenstand bestimmter Deutungen. So stand diese Zunge fuer das doppeldeutige Sprechen, fuer List und Taeuschung, fuer fehlende Verlässlichkeit. Offenbar sahen manche Menschen in dieser gespaltenen Zunge das Werkzeug einer gewissen Falschheit und uebertrugen diese (angebliche) Eigenschaft metaphorisch auf ein Geschlecht, dem man(n) im Unterschied zum ehrlicheren Teil aehnliche Eigenschaften unterstellte. Aber natuerlich akzeptieren wir heute richtigerweise nur noch Mythen, und das weiss Gott nicht zu knapp, die das aktuell gewuenschte Ergebnis und die heute angesagte Einteilung in “gut und boese” oder auch “toxisch und rettend” liefern.

Joerg Haerter / 06.01.2021

Ich muss mal intervenieren, die Geschichte von der Schlange hat einen wichtigen Punkt, den Satz: Sollte Gott gesagt haben? Zweifel säen, hinterfragen, scheinbares beweisen einer Unwahrheit. Am Ende verliert der Mensch seine Unschuld, trennt sich von Gott. Erkennbar am Verstecken ob seiner Nacktheit. Ihr werdet sein wie Gott, ein zweiter wichtiger Satz. Bis heute denkt das der Mensch wirklich, an die Endlichkeit menschlichen Lebens wird nicht gedacht, auch nicht an Verantwortung vor Gott. Hybris.

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