112-Peterson: Die Liebe zum Chaos

Die Menschen westlicher Länder haben heutzutage keine Vorstellung mehr davon, was es heißt, wenn eine Gesellschaft auseinanderfällt. Wir halten alles für selbstverständlich und zelebrieren obendrein noch das Chaos. „Wir wollen Freiheit.“

Nein, das wollt ihr in Wahrheit nicht. Ihr wollt ein kleines Stückchen Freiheit, wohldosiert und eindimensional immer mal wieder verabreicht bekommen. Alles andere soll bitte so stabil wie möglich bleiben. Natürlich vertragen manche Leute mehr Chaos als andere. Wenn man zum Beispiel hinsichtlich der Persönlichkeitsstruktur extrem offen sowie sehr intelligent, gewissenhaft und emotional stabil ist, also nicht übermäßig von negativen Emotionen dominiert wird, kann man mit Chaos besser umgehen als jemand, der nicht über diese Attribute verfügt.

Aber sonst? Was wünschen wir uns denn, wenn wir schlafen? Stille und Vorhersehbarkeit. Also definitiv kein Chaos. Aber eine solche Situation ist kaum herzustellen. Es ist einfach undenkbar, dass wir ein Leben lang jede Nacht durchgängig absolute Stille haben. Jede ruhige Nacht als solches ist Luxus, aber das merken wir erst, wenn wir an Schlafstörungen leiden oder unsere nächtliche Ruhe anderweitig gestört wird.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich mich in meinen Büchern so viel mit Dankbarkeit beschäftige. Verblüffend viele Dinge laufen glatt. Das merken wir aber erst, sobald etwas schief läuft. Ich finde, ein wichtiger Punkt in der Bildung sollte sein, uns immer wieder daran zu erinnern. Ich finde auch, dass Dankbarkeit für all diese Dinge eine viel wertvollere Basis für Patriotismus ist als Stolz. Dankbarkeit dafür, in einem Land zu leben, in dem man sich keine Sorgen um die Stabilität des Fußbodens machen muss.

Wenn man sich in Dritte-Welt-Ländern aufhält, wo es nicht einmal Baustandards gibt beziehungsweise die gesamte Infrastruktur korrupt ist, muss man sich durchaus Gedanken um den Fußboden machen, sobald ein wenig die Erde bebt.

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Gespräch von Jordan B. Peterson mit den britischen Stand-Up-Comedians Konstantin Kisin and Francis Foster. Hier geht’s zum Ausschnitt und hier zum gesamten Gespräch.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

netiquette:

Bettina Gruber / 01.12.2021

Zum Verhältnis von Ordnung/Starre und Chaos grundsätzlich (und besonders mit Hinblick auf das fatale Vermächtnis der 68er und die Postmoderne): Sophie Liebnitz: Antiordnung. Antaios 2020.

Robert Bauer / 01.12.2021

Der satirische Beitrag des Genossen Kurt Müller in dieser Kommentarspalte verdient volle die Hochachtung des gesamten Leser- und Garagenkollektivs hier auf der “Achse”. Seine klassenbewußten Ausführungen lassen sich plakativ und romantisierend in einem Satz zusammenfassen: Es war nicht alles schlecht…

Frank von Bröckel / 01.12.2021

Herr Professor H, wie man wieder Ordnung in die ehemaligen 100 Prozent Mehrheitbevölkerung der Indigenen Indianer bekommt, die aufgrund der eigenen Demographie heutzutage nur 2 Prozent der Gesamtbevölkerung in den USA stellt? Im dem man das erste Indianerreservat einfach SELBST dauerhaft begründet! Gibt es für bedrängte Indigene Alteuropäer auch schon, nennt sich gemeinhin Landkreis Osterzgebirge Sächsische Schweiz! Nur 1,4 km Entfernung zu den weiterhin vernünftigen Menschen genannt Tschechen!

Uta Buhr / 01.12.2021

@Kurt Müller: Sie sind in der Tat der einzige, von dem ich höre, dass er für seine Jugend in der DDR dankbar ist. Natürlich ist schon was dran an einer gratis Tüte Milch und einem Happerchen für 20 Pfennig. Ironie aus. Ich bin sprachlos ob Ihres “Bekenntnisses” zum allein selig machenden und so “gerechten” Arbeiter- und Bauernstaat, in welchem nach Ihren Worten die Freiheit offenbar grenzenlos war. Und so kostbar, dass man eine Mauer bauen musste, um Neider draußen zu halten. Alles claro!  Meine beiden Vettern, die in der Nähe von Schwerin aufwuchsen, wussten da ganz andere Dinge zu berichten. Und weil es in der “Zone” so schön war, sind sie auch unter akuter Lebensgefahr getürmt. Da beide noch am Leben sind, werde ich ihnen gern Ihr enthusiastisches Epos über das wunderbare Dasein im Osten übermitteln. Brüder, zur Freiheit, zur Sonne… PS: Die beiden Vettern waren allerdings keine Arbeiterkinder, sondern :Sprösslinge verdienter Akademiker. Dafür hat sich das Regime auf schlimmste Weise gerächt. Apropos, vielleicht liest ja auch Achse-Autor Chaim Noll ihre Epistel. Der stammt nämlich ursprünglich aus Ost-Berlin und war froh, als er das Paradies östlich der Elbe endlich hinter sich hatte.

Andreas Mertens / 01.12.2021

Die “westliche Gesellschaft” bzw. das “westliche Gesellschaftssystem” hat sich nie von der Urkatastrophe des 1 Weltkriegs erholt. Alles was danach kam war das langsame Siechtum eines multi Moribunden. Nicht das ich das feudal autokratische Europa vor 1914 auch nur ansatzweise verteidigen möchte. Aber der Lebens- bzw. Überlebenswille der “westlichen Gesellschaften” beging zwischen 1914-18 Selbstmord.  1939-45 war nur mehr das offene Ausbrechen eines bereits vorhandenen Gangräns. So unappetittlich wie tödlich. Der beidseitig beinamputierte und zusätzlich lobotomierte Patient wurde seit dem mittels Brot&Spielen; (Hartz-IV& Play-Station) sediert. Jetzt kommt das schmerzhafte Erwachen. Herzlichen Glückwunsch in der Realität.

Ralf Pöhling / 01.12.2021

Zitat:“Die Menschen westlicher Länder haben heutzutage keine Vorstellung mehr davon, was es heißt, wenn eine Gesellschaft auseinanderfällt. Wir halten alles für selbstverständlich und zelebrieren obendrein noch das Chaos. „Wir wollen Freiheit.“” Die Menschen bei uns wollen gar keine Freiheit, sie wollen weniger Gängelung! Denn davon haben sie in den letzten Jahren von ihren Regierungen Unmengen um die Ohren gehauen bekommen und sind es deshalb einfach satt. Echter Freiheitsdrang ist das nicht. Echter Freiheitsdrang geht unweigerlich einher mit umfangreicher Vorbereitung auf die Freiheit. Denn Freiheit bedeutet letztlich folgendes: Kein Sozialstaat der einen finanziell auffängt, kein Supermarkt um die Ecke, wo man von anderen vorproduzierte und fertig verpackte Nahrung einfach einkaufen kann, keine Wohnung, in der man es sich gemütlich machen kann und auch kein Internet und TV, mit dem man sich berieseln lassen kann. Echte Freiheit bedeutet, zu lernen, wie man sich ohne die Hilfe von anderen selbstständig durchschlägt und so überlebt. Echte Freiheit haben damals die Auswanderer aus Europa gesucht und in der Neuen Welt auf dem amerikanischen Kontinent auch gefunden. In vielen Teilen der USA existiert diese Freiheit bis heute. Ich denke da z.B. an Alaska oder auch an Texas, wo die Natur wegen der Wetterextreme und der verhältnismäßig dünnen Besiedlung noch ihren Tribut zollt und vom Menschen Eigeninitiative und Anpassungsfähig erfordert. Den Europäern, besonders den Mitteleuropäern, geht das völlig ab, weil hier alles vom Staat organisiert und dem Volk damit vorgeschrieben wird. Die weltweit nahezu beispiellose Überbevölkerung in der EU, nicht Afrika ist total überbevölkert - wir sind es(!), tut dann ihr übriges, den Menschen vollends von der Natur zu entfremden und zu degenerieren. Wer wirklich echte Freiheit will, der muss selbst etwas dafür tun. Oder eben verhungern oder erfrieren. Aber das wird kein Stadtmensch in Europa einsehen.

Winfried Randhagen / 01.12.2021

Herr Müller, Danke für diese Zeilen, sicher gibt es Ignoranten, die Sie als Ewiggestrigen bezeichnen wollen, aber die werden entwder vom Staat oder der Presse bezahlt und haben überdies keinen blassen Schimmer von den Verhältnissen in der DDR, aber auch von denen in der jetzigen Republik nicht. Winfried Randhagen

Jan Kandziora / 01.12.2021

Entschuldigen Sie bitte, Herr Peterson. Meinten Sie vielleicht „Gewissenlosigkeit“? — Der Umgang mit dem Chaos fällt ganz sicher denjenigen leichter, die sich bereits schon einen Dreck darum scheren, welche Schneise der Verwüstung sie selbst hinterlassen. Die Gewissenhaften dürfen das dann bloß wieder gleichmütig aufkehren. Leicht ist das nicht!

Birgit Hofmann / 01.12.2021

Hm, ich lebe aber nun mal in einem Land, in dem fast nie die Erde wackelt, in Deutschland. Warum sollte ich dafür dankbar sein, es ist, wie es ist. Dankbar höchstens, das ich mit 67.j weitgehends gesund bin, und ich relativ gut, wenn auch bescheiden von meiner Rente leben kann, was ich mir allerdings selbst verdanke. Allerdings, was unsere Gesellschaft angeht, mache ich mir Sorgen, da passiert zur Zeit nicht viel gutes. Seid Corona braucht man ein Gemüt wie ein Elefant, dank dem Chaos der Regierung. Dafür allerdings bin ich nicht dankbar, nee, ich bin WÜTEND.

Thomas Taterka / 01.12.2021

Eigentlich. .. müsste er sich mal langsam mit dieser Julie Ponesse unterhalten. Ist ja nicht so weit von Toronto, Ontario nach Toronto , Ontario. Stattdessen dreht er Commercials für Gott, faselt darin von der Schönheit der Offenbarung und flennt in die Kamera . Ist schon ein toller Hecht . Womöglich brütet er den Heiland nochmal von vorne aus . Fürs Alterskonto . - Aber die Anzüge sind schick . Kompliment an den Schneider .

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