112-Peterson: Die Arroganz des Intellekts

Nicht jeder ist dazu in der Lage, auf hohem Niveau über abstrakte, kreative Themen zu diskutieren, oder hat ein Interesse daran. Man hört manchmal, dass jeder Mensch kreativ sei, aber das ist schlicht und einfach falsch. Echte Kreativität ist äußerst selten. Wer kreativ ist, oder ein tiefgehendes Interesse an Ideen hat, gehört zu einer Minderheit, genau wie extrem extrovertierte oder extrem verträgliche oder extrem gewissenhafte Menschen.

Als kreativer, intellektueller Mensch sucht man sich Gleichgesinnte, die einen herausfordern. Wenn Gewichtheber mit anderen Gewichthebern konkurrieren, findet das jeder in Ordnung. Aber dasselbe gilt für intellektuelle und kreative Beschäftigungen. Man versucht, eine Gemeinschaft (und wahrscheinlich auch eine Beziehung) zu finden, die zu einem passt. Führt das zu der vielbeklagten Entfremdung zwischen Intellektuellen und „einfachen Leuten“? Ich denke, nein. Was zur sozialen Segregation beiträgt, ist die Arroganz, die oft den Intellektualismus begleitet.

Sich für Ideen zu interessieren und kreativ zu sein, ist erst einmal nichts Schlechtes. Doch es gibt tatsächlich so etwas wie die „Arroganz des Intellekts“, vor der die katholische Kirche seit Jahrhunderten warnt. Zwischen Intelligenz und Weisheit besteht keinerlei Beziehung. Diese zwei Dinge lassen sich nicht gleichsetzen. Intelligenz führt nicht automatisch zu Weisheit. Einige der weisen Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin, waren sogar geistig beeinträchtigt.

Es ist die Arroganz vieler Intellektueller, die zu Abwehrreaktionen führt. Besonders gut lässt sich das in den USA beobachten. Als ich das letzte Mal in den USA war, besuchte ich zum Beispiel sehr intelligente Freunde und unterhielt mich ihnen über Trump-Wähler. Meine Freunde konnten ihre Verachtung für die Trump-Wähler kaum verbergen. Ich dachte mir: Sie sollten lieber aufpassen, denn das sind 50 Prozent der Bevölkerung. Es ist vielleicht bequem, sich einzureden, dass Trump-Unterstützer dumm und minderwertig sind. Doch eine solche Sichtweise befördert nicht das soziale Miteinander und ist außerdem wahrscheinlich falsch, denn es gibt wie gesagt keinen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Weisheit.

Anständigen Menschen aus der Arbeiterschicht Respekt entgegenbringen

Menschen, die neben der Intelligenz auch über charakterliche Reife verfügen, können meinetwegen gerne abgeschottete kreative Gemeinschaften bilden. Denn solche Menschen sind weise genug, alle Dinge anzuerkennen, die einen hohen ethischen Nutzen haben, selbst wenn diese außerhalb der intellektuellen Domäne liegen. Ich denke, das ist einer der Gründe, weshalb Jesus im Neuen Testament ein Zimmermann ist. Erstens gehört Zimmerei zu den Jobs, bei denen Unredlichkeit sofort erkennbar ist. Das Werk eines unehrlichen Zimmermanns bricht zusammen, ein ehrlicher Zimmermann baut ein gutes Haus – das ist eine schöne Metapher. Aber zweitens will das Neue Testament, denke ich, davor warnen, intellektuelle Brillanz und moralische Überlegenheit gleichzusetzen. 

Wenn die Intellektuellen ihr Überlegenheitsgetue ablegen würden (was wohl kaum passieren wird!), würde der Graben zwischen der Arbeiterschicht und den Eliten wieder verschwinden. Tatsächlich haben wir allen Grund, anständigen Menschen aus der Arbeiterschicht Respekt entgegenzubringen. Denn ihre Arbeit – das räumen sogar die Linken, zumindest auf einer theoretischen Ebene, ein – bildet das Fundament unserer gesamten Kultur.

Intellektualität wirkt also nicht zwangsläufig elitär und spaltend. Aber Intellektuelle müssen aufhören, davon auszugehen, dass ihre Nische sie zu etwas Besserem macht. Das scheint intelligenten Menschen jedoch sehr schwer zu fallen. In Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ gibt es eine Szene, wo der Prophet Zarathustra aus den Bergen herabsteigt und einen öffentlichen Platz betritt. Dort steht eine Menschenmenge, die einen Zwerg mit einem riesigen Ohr bewundert. Eine schöne Metapher für die heutigen Intellektuellen. Sie sind Zwerge die, anders als bei Nietzsche, kein riesiges Ohr, sondern einen riesigen Mund haben. 

Das Wesen ist unterentwickelt, aber der Intellekt ist hyperaktiv. Solche Menschen sind extrem unausgeglichen. Erstens können sie außerhalb der intellektuellen Sphäre nicht mithalten, was sie verbittert. Sie denken „ich bin so schlau, alles sollte mir leicht fallen“, aber leider funktioniert die Welt nicht so. Zweitens macht sich ihre arrogante Einstellung sofort bemerkbar, wenn sie mit anderen Menschen reden. Ein schönes fiktionales Beispiel ist der Comicbuchverkäufer bei den Simpsons. Er hat einen IQ von ungefähr 160, ist aber in jeder Hinsicht vollkommen nutzlos. Die Kombination von hohem IQ und praktischer Untauglichkeit ist für die Betroffenen sehr ärgerlich. Leider ist sie auch sehr verbreitet.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Biblical Series VII: Walking with God: Noah and the Flood“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem YouTube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

netiquette:

Gerhard Giesemann / 12.12.2018

Wie recht Sie haben: Intelligenz schützt vor Dummheit/en nicht.

Volker Kleinophorst / 12.12.2018

Intelligenz und Weisheit, worunter ja quasi jeder was anderes versteht, haben meist schlechte Karten, da diese von Macht und Gier ausgeteilt werden. Merke: Die Bank gewinnt immer.

Petra Conze / 12.12.2018

Herr Arning, finde Ihren Kommentar besser als den Artikel obwohl ich dem auch zustimme.  Das ist glaube auch das Hauptproblem von Macron: er ist super intelligent und ein Arbeitstier und meiner Meinung der einzige Politiker den ich in Frankreich nennen kann der die Situation retten kann. Aber er kommt zu arrogant rueber beim einfachen Volk und man weiß nicht ob seine Demut nur gespielt oder echt ist…

Michael Hoffmann / 12.12.2018

Das Phänomen ist mindestens 2000 Jahre alt: “Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden” Röm. 1,22

Detlef Dechant / 12.12.2018

Ich muss zustimmen, dass Weisheit nicht unbedingt auch Intelligenz erfordert. Gleizeitig habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass intelligente Menschen sehr selten arrogant sind. Diese angesprochene Arroganz ist vielmehr den Intellektuellen vorbehalten!

Sabine Schönfelder / 12.12.2018

Daß moralische Überlegenheit nichts mit intellektueller Brillianz zu tun hat, erkennt man deutlich am sogenannten Gutmenschen, der die Sinnhaftigkeit und Einsicht seines ‘Gutmenschverhaltens’ nicht intellektuell, sondern emotional begründet, vielleicht oft , ohne dies selbst zu bemerken. Gruppendynamik und das Bedürfniss nach einem positiven, eingebildeten Gefühlstatus ist dem Gutmenschego wichtiger. Die Genugtuung angesichts der moralischen Überlegenheit steht im Vordergrund und das satte Zusammengehörigkeitsgefühl bei den ‘Richtigen’ dabei zu sein. Bei diesen eher dümmlichen, aber gut ausgebildeten und einseitig intellektuell Geschulten stellt sich zu allem Überfluß auch noch Hybris ein, was Sie Überlegenheitsgetue nennen. Ich denke dieses Getue ist ein klassisches Kompensationsmoment, denn so blöde, daß die Intellektuellen ihr irrationales Verhalten nicht erkennten, sind sie oft nicht. Aber wer schwimmt schon gerne gegen den Strom!

Dr. Ralph Buitoni / 12.12.2018

Es ist ein verbreiteter Irrtum zu glauben, Akademiker seien besonders intelligent oder zumindest befähigt, abstrakt zu denken und komplexe Ideen verfolgen zu können. Die Erfahrung des Alltags an jeder Universität wird sofort zur gegenteiligen Schlussfolgerung führen. Akademiker sind besonders unfähig darin, die Grundlagen und Voraussetzungen der eigenen Existenz und Lebensweise nachvollziehen zu können. Es sind in der großen Mehrheit Drohnenexistenzen, die nur nachplappern können, was drittklassige Schwätzer ihnen Jahrzehnte zuvor eingeredet haben. Die pseudo-intellektuelle Scharlatanerie des Postmodernismus konnte deshalb an den Universitäten ihren Siegeszug erleben. Das bewusst in möglichst unverständlicher Sprache (Langage) gehaltene Geschwätz eines Foucault, eines Derriblablabla - um den Nachvollzug ihrer intellektuell völlig unzureichenden Begründungen und voraussetzenden Annahmen zu verunmöglichen - wird von dieser Klientel eben DESHALB als Ausdruck besonderer intellektueller Superiorität gehalten, WEIL sie es nie verstanden haben. Diese Typen halten auch einen Richard David Precht ernstlich für einen Philosophen.

Werner Arning / 12.12.2018

Die beste Mischung ist womöglich Intelligenz gepaart mit einem bescheidenen Wesen. Oder vielleicht sogar Intelligenz, die sich ihrer selbst nicht einmal bewusst ist. Derjenige, der sich auf seine vermeintliche Überlegenheit etwas einbildet, hat in gewisser Weise schon verloren. Wäre er wahrhaft intelligent, würde er sich darauf nichts einbilden, er wüsste um seine Begrenztheit. Und er würde lernen, mehr mit dem Herzen zu urteilen als nur unter Zuhilfenahme seiner Intelligenz. Der wahrhaft Scharfsinnige ist auch feinsinnig. Fehlt das Eine, fehlt etwas Wichtiges. Wer keine Güte in sich hat, dem nutzt seine Intelligenz wenig. Und der Arrogante sieht nur einen Bruchteil dessen, was sichtbar ist. Deshalb sollte auch etwa ein Politiker oder Staatschef zuvorderst demütig sein. Nur so kann er seinem Volk dienen. Ein weiser Mensch ist wahrscheinlich sehr demütig. Er SIEHT die anderen Menschen. Er versteht vieles und er ist in der Lage zu fühlen. Intelligenz hilft, doch ist sie kein Selbstzweck, sondern hilfreich. Bleibt die Bildung eines Menschen jedoch auf ihre Förderung allein beschränkt, ist es keine Bildung.

Burghard Gust / 12.12.2018

Man darf ja ruhig dumm sein,aber man sollte wissen,wie es geht….. Gattos Thesen (web)sind Realitäten geworden,seitdem der Focus der Schulen und Universitäten in den Nehmerländern nur noch auf die Vermittlung von Sozialkompetenz gerichtet ist,Allgemeinwissen zur Nebensache pervertiert wurde.

Kai Hoeijmans / 12.12.2018

Ich stimme grundsätzlich den Aussagen von Hr. Jordan zu, würde aber gerne den Bogen weiter spannen Soziale Segregation ist natürlich nicht nur auf Menschen mit höhere Intelligenz beschränkt. Alle besonderen Fähigkeiten, Eigenschaften die eine Mensch in sich findet können zur Abgrenzung von anderen weniger talentierten führen, zum Beispiel körperliche Stärke, moralische Ansichten etc. Menschen die gar keine besonderen Fähigkeiten besitzen suchen sich gerne Gruppe um sich wichtig, überlegen zu fühlen. Die Frage und die Antworten die uns Hr. Jordan geben sollte müsste daher meiner Meinung nach eher um die Frage kreisen warum gibt es Soziale Migration und wie kann Mann und Frau diese überwinden zum wohler aller.

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