112-Peterson: Der Unterschied zwischen Unglück und Hölle

Das Leben hat seine Rattennester des Elends, das habe ich über die letzten Jahre herausgefunden, das ist offenkundig. Man kann sogar sagen, das Leben ist meistens ein Rattennest des Elends. Man kann starke Argumente dafür liefern. Aber dann stellt sich die Gegenfrage: Was wäre, wenn man sich bemühte, es nicht elender zu machen, als es sein muss? Wie wäre es dann? Ich habe den Verdacht, dass einiges an Elend dann verschwinden würde, denn es ist das unnötige Elend, das einen wirklich runterzieht.

Wenn zum Beispiel jemand Krebs hat, ist das wirklich beschissen. Aber man kann nicht sagen, dass das nicht passiert wäre, hätte man etwas anders gemacht. Aber wenn jemand auf übelwollende Weise gequält wird oder sich selbst quält, kann man fragen: Ist das wirklich notwendig? Oder ist das nicht vielmehr eine überflüssige Zugabe zum Elend des Lebens? So etwas entmutigt Menschen. 

Wenn Sie sich Ihr eigenes Leben anschauen: wenn Sie nur unter dem unausweichlichen, aber nicht auch noch unter dem selbstauferlegten Elend leiden, dann könnten Sie vielleicht damit fertig werden. Sie könnten es überleben, es ertragen, ohne hoffnungslos davon beschädigt zu werden. Das Ziel wäre also die Erkenntnis, dass das Leben zwar eine Tragödie sein kann, aber es muss nicht die Hölle sein.

Ja, das Leben ist ein Rattennest des Elends und womöglich, aus einem besonders pessimistischen Gefühl heraus, hat es auch alles keinen tieferen Sinn. Dann bleibt die Frage offen: Hat man wirklich alles getan, um es nicht noch schlimmer zu machen? Wie gut könnte man es machen? Und die mindeste Antwort darauf ist: Das Leben kann eine Tragödie sein, aber es muss nicht die Hölle sein. Das glaube ich wirklich. In der schlimmsten aller möglichen Welten könnte Ihr Leben tragisch sein, aber nicht die Hölle. Und das ist viel besser als die Hölle.

Sehr hässliche, tödliche Situationen

Den Unterschied möchte ich Ihnen an einem Beispiel erklären: Sie sitzen am Sterbebett Ihrer Mutter. Das ist tragisch. Aber nun das andere Szenario: Sie sitzen am Sterbebett Ihrer Mutter mit Ihren ganzen idiotischen Geschwistern, und alle streiten sich. Das ist der Unterschied zwischen Unglück und Hölle. Im ersteren Fall findet vielleicht die Familie wieder enger zusammen, aber den zweiten Fall kann niemand ertragen, und man flieht vor dieser Szene, angewidert von sich selbst und allem anderen. 

Es ist oft der Fall, dass unglückliche Umstände „Drachen“ hervorbringen. Der Stress ist immens, und Dinge, mit denen man sich nicht auseinandergesetzt hat, können herausbrechen. Man hat nicht die Energie, etwas zu unterdrücken, und die ganze Bitternis kommt zum Vorschein. Das ist eine harte Lektion, aber es bringt vielleicht die Erkenntnis darüber, wo man selbst steht – auch im Verhältnis zu seinen Geschwistern.

Denn wenn man gemeinsam um das Sterbebett einer sehr nahestehenden Person sitzt, stellt sich die Frage: Wird man damit fertig? Wenn Ihre Antwort „nein“ ist, dann sollten Sie Ihr Leben in Ordnung bringen. Denn es wird passieren, und Sie sollten die Person sein, die da ist und damit umgehen kann, die richtig handelt. Und dann werden Sie herausfinden, dass diese Tragödie nicht Ihr Vertrauen in das Leben selbst erschüttern kann. Ich habe beide Szenarien gesehen. Sehr hässliche, tödliche Situationen. Aber auch das Gegenteil davon, also dass einer Familie zwar schreckliche Dinge widerfahren sind, aber alle zusammengehalten und das Boot sozusagen wieder seetüchtig gemacht haben und weitergesegelt sind. 

Im Bauch des Ungeheuers

Es macht einen Noah aus einem, wenn die Flut kommt. Man stellt sich die Frage: Wer bin ich? Vielleicht hat man keinen Plan, vielleicht ist alles Chaos. Man ist im Bauch des Ungeheuers und das ist die erbärmlichste Situation, in der Menschen sich befinden können. Oder vielleicht zaubert man einen Plan hervor, und der ist dann das Streichholz, an das man sich klammert, das kleine Stück Holz im riesigen Ozean, und man identifiziert sich total mit diesem Plan. Das passiert, wenn man zu einem Ideologen wird.

Doch wie reagiert man dann, wenn man mit etwas Unerwartetem konfrontiert wird? Man will den Plan nicht „loslassen“, weil man befürchtet, sonst unterzugehen. Aber wenn man rigide daran festhält, kann man nichts dazulernen. Dann werden Sie zu einem Totalitaristen und sicher ganz nah bei der Hölle landen und viele Leute mit sich in den Abgrund ziehen. Das passierte schon viele Male. Es ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das geschieht immer wieder.

Und es geschieht in den Staaten, den Unternehmen, den Städten und Provinzen und in den Seelen der Menschen, überall gleichzeitig. Wenn eine Gesellschaft auf diese Weise zugrunde geht, geht sie überall gleichzeitig zugrunde. Das Bild von totalitären Führern an der Spitze gegen die Leute „unten“, die für ihre Freiheit kämpfen, stimmt dann so nicht. Nein, der Totalitarismus entwickelt sich auf jeder einzelnen Ebene der gesellschaftlichen Hierarchie, einschließlich der psychologischen Ebene. Und da möchte man nicht dabei sein. Sie wollen nicht derjenige sein, der sich so fest an sein Holzfloß klammert, dass er es nicht mehr loslassen kann, wenn jemand zur Rettung kommt. 

Sie sind nicht der Plan

Also müssen Sie darüber nachdenken, wer Sie sind. Sie sind nicht das Chaos. Sie sind nicht der Plan. Vielleicht sind Sie das Etwas, das dem Hindernis gegenübertritt. Und ich würde sagen, das ist die kategorische Lektion der Psychologie, insoweit sie etwas mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun hat. Denn das ist es, was man Leuten in der Psychotherapie beibringt, dass sie selbst nicht „der Plan“ sind, sondern das Etwas, das dem Hindernis, das dem Plan entgegensteht, begegnet. Und wenn Sie noch mehr erkennen, nämlich, dass das Hindernis nicht nur ein Hindernis, sondern die eigentliche Chance ist, dann kann sich Ihre gesamte Sicht auf die Welt verändern.

Man denkt, man hat einen Plan, dann kommt etwas dazwischen, und das, was einem in die Quere kommt, könnte etwas sein, von dem man etwas lernen kann, das einen weiterbringt, an eine Stelle, an der man einen besseren Plan entwickeln kann. Man muss sich die Frage stellen: ist das wirklich ein Problem, ist das die einzige Sichtweise, mit der ich es betrachten kann? Oder ist es eine Chance? Ich will nicht naiv optimistisch erscheinen, es ist natürlich ziemlich schwer, das Gold aus der Drachenhöhle zu bergen. 

Der Tod eines Familienmitglieds ist ein gutes Beispiel dafür. Selbst so eine tragische Situation birgt die Möglichkeit, erwachsener, reifer zu werden. Vielleicht möchte man einwerfen, dass es ziemlich mies ist, nach Gold zu graben, wenn gerade jemand ins Grab stürzt. Aber wenn dieser Jemand Sie wirklich liebt, ist es genau das, was er in erster Linie von Ihnen erwartet. Und Sie können die Erfahrung des Sterbens für ihn auch viel erträglicher machen, wenn Sie sich im Sterbezimmer nützlich machen und behilflich sind, anstatt in der Ecke zu zittern und sich zu fühlen, als ob die ganze Welt über Ihnen zusammenbricht. Sie sollten die hilfreiche Person auf der Beerdigung sein. Wie sieht es mit diesem Ziel aus? Es ist ein gutes Ziel! Sie wissen, dass Sie sich in so einer Situation zusammenreißen müssen. Sie sollten derjenige sein, an dessen Schulter die anderen Leute sich ausweinen können. Das ist ein gutes Ziel.

Ich will wirklich nicht naiv optimistisch sein, also wenn ich sage, man soll sein Leben auf die Reihe kriegen, meine ich nicht Rosen und Sonnenschein, das ist nur was für Dummköpfe. Aber es ist wirklich etwas, die verlässliche Person auf einer Beerdigung zu sein. Und darauf kann man hinarbeiten, das ist etwas, das man schaffen kann. Und es bedeutet auch, dass man in der Lage sein wird, einen schweren Verlust zu ertragen, ohne daran zu zerbrechen. Auch wenn das monstermäßig schwer ist.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „2017 Personality 22: Conclusion: Psychology and Belief“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem YouTube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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B.Rilling / 05.09.2018

Vielen Dank Herr Peterson für diesen unglaublichen Artikel! Möge ihn jeder Mensch lesen und verinnerlichen!

Wiebke Lenz / 05.09.2018

Nein, das Leben ist kein “Rattennest des Elends”. Das Leben ist ein Linseneintopf: Damit dieser gut schmeckt, gehören sowohl Essig als auch Zucker hinein. (Wobei Linsengerichte auch durchaus um die Erbschaft bringen können, wie sicher einige wissen.) Sicher habe ich einen anderen Blick als der Autor, da ich nicht in seinem Beruf arbeite. Und ich bin alles andere als der Nabel der Welt. Aber ich wurde durchaus mit einer tiefen Zufriedenheit gesegnet, wofür ich sehr dankbar bin. Dies ermöglicht mir, sowohl kämpferisch zu sein, wenn es etwas zu ändern gilt als auch zu akzeptieren, wenn es nicht zu verändern ist. Mit dem Tod der Eltern habe ich auch schon durchaus Erfahrung. (Altersweise bin ich mit Anfang/Mitte 40 ganz sicher nicht.) Und ich würde tatsächlich den Raum meiner sterbenden Mutter verlassen, nachdem ich mich von ihr verabschiedet habe, wenn ich der “Unruheherd” bin. (Nebenbei: Dass ich wohl einer sein muss, hat mir ein Teil meiner sog. Geschwister nach dem Gehen meines Vaters klar gemacht.) Aber es geht in keinem Falle um mich - es geht um die Person, die geht oder zu Grabe getragen wird. Und ich gehöre nicht zu den Menschen, die plötzlich “hinterherspringen” möchten. Meine Trauer drückt sich in liebevollem (und teilweise auch kritischem) Gedenken aus. Um nochmals auf den Anfang einzugehen: Von der Wortwahl her hat das Leben zwar durchaus große “Hindernisse” und “Schwierigkeiten” parat. Für mich glücklicher Weise aber bisher keine “Probleme”. Nicht umsonst war ich euthym, als ich nach einem Verkehrsunfall auf Grund eines epileptischen Anfalls (kam seit Jahren nicht mehr vor) in die Klinik kam - ich hatte niemanden verletzt. Dafür bin ich dankbar. Ich könnte natürlich auch darob weinen, dass ich einen Unfall hatte. Dies widerspräche aber meiner Art vollkommen.

Werner Arning / 05.09.2018

Vielleicht kann man auch sagen, dass man zwar selber nicht der Plan „ist“, jedoch die Schwierigkeiten, die einem begegnen, Teil eines Planes sind. Diese Sichtweise hilft, diese anzunehmen und zu überwinden. Die Schwierigkeiten als Chance zu begreifen, ist keine leere Floskel. Sie als „Wachstumshilfe“ anzusehen, ist gut. Jede überwundene Schwierigkeit lässt mich, nach dieser Sichtweise, eine Stufe höher steigen auf der Treppe, die „mein“ Plan vorsieht. Dann bedeutet Schwierigkeit Bereicherung. Denn dass es diese gibt, lässt sich verhindern, entweder bestehen sie auf die eine oder die andere Art. Also seien diese angenommen. Und alle dazugehörigen Gefühle der Trauer, der Angst, der Verzweiflung. Denn die Belohnung wird folgen, wandert man durch die Nacht, wartet schon der Sonnenaufgang.

Fanny Brömmer / 05.09.2018

Meine Oma, Gott hab sie selig, hatte zwei Sprüche, die den obigen, sehr guten und praktisch anwendbaren Essay ergänzen oder vielleicht sogar auf den Punkt bringen könnten. Spruch eins lautete “Du gackerst über gelegten Eiern.” Dinge, die schon passiert sind, kann man nicht ungeschehen machen, was aber nicht heißt, sie künftig nicht besser machen oder den angerichteten Schaden nicht beseitigen zu können. Der zweite Spruch war “Wer weiß, wozu es gut war.” Der erklärt sich selbst, und wie wahr er ist, hat jeder Mensch ab einem gewissen Alter schon herausgefunden, vermute ich.

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