112-Peterson: Der Hummer in Dir

Hummer sind ständig in Dominanzkämpfe verwickelt. Dominanz ist der richtige Begriff, denn diese Kreaturen sind nicht besonders mitfühlend oder sozial. Also ist es der härteste Hummer, der gewinnt. Was daran so cool ist: Der siegreiche Hummer streckt sich, so dass er größer wirkt. Er signalisiert damit seinem Umfeld, dass er ein Gewinner ist.

Das neurochemische System, das den Hummer dazu bringt, sich aufzuplustern, ist serotonergen. „Na und?“, werden Sie sich vielleicht denken. Aber Serotonin ist dieselbe Chemikalie, die von Antidepressiva im Menschen beeinflusst wird. Wenn Sie deprimiert sind, sind Sie wie ein besiegter Hummer: „Ich bin klein, die Welt ist gefährlich, ich will nicht kämpfen“. Wenn man aber jemandem Antidepressiva gibt, dann richtet er sich auf und ist bereit, es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Und wenn man Hummern, die gerade einen Kampf verloren haben, Serotonin gibt, dann plustern sie sich auf und wollen wieder kämpfen.

Der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Hummern lebte vor etwa 350 bis 600 Millionen Jahren, aber die verdammte Neurochemie ist die gleiche. Das ist ein weiteres Indiz dafür, wie wichtig Autoritätshierarchien sind. Sie sind seit der Entstehung der Hummer konserviert. Damals gab es auf diesem Planeten noch nicht einmal Bäume. Ja, soziale Hierarchien sind älter als Bäume!

Es ist eine Binsenweisheit: Das, was aus Darwin’scher Sicht real ist, ist das, was am längsten existiert, denn es war die längste Zeit einem Selektionsdruck ausgesetzt. Wir wissen, dass unsere Vorfahren in Bäumen gelebt haben, etwas, das circa 60 Millionen Jahre zurückliegt. Soziale Hierarchien sind zehnmal älter. Dass Hierarchien zu den Dingen gehören, die unsere Evolution beeinflusst haben, ist also unumstritten. Wie genau, und was das für uns bedeutet, darüber lässt sich streiten. Aber diese Art von biologischer Kontinuität ist einfach unglaublich.

„Ich verstehe, was dieses arme Schalentier durchmacht“

Hummer haben eine weitere Eigenschaft, die wirklich cool ist: Nehmen wir an, Sie waren lange Zeit ein Alphahummer. Nun sind Sie alt, und ein irgendein jüngerer Hummer hat Sie gerade aufs übelste verprügelt. Also werden Sie depressiv. Das ist natürlich eine Sache, die sich im Gehirn abspielt. Aber Sie haben nicht viel Hirn, weil Sie ein Hummer sind. Was passiert also, nachdem Sie verloren haben? Nun, die Antwort ist: Ihr Gehirn löst sich auf, und es wächst Ihnen ein untergeordnetes Zweithirn.

Darüber lohnt es sich, nachzudenken. Wer schon einmal im Leben eine ernsthafte Niederlage einstecken musste, weiß, wie sich das anfühlt. Es ist wie ein Tod, ein Abstieg, eine Auflösung und – wenn man Glück hat – ein Nachwachsen. Man steht wieder auf, und zwar nicht unbedingt als dieselbe Person, die man vorher war. Bei Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTSB) etwa kommt es zu bleibenden neurophysiologischen Veränderungen.

Dann bewohnen sie eine Welt, die viel gefährlicher ist als die Welt, in der sie zuvor lebten. Denn PTBS (oder auch Depressionen) führen dazu, dass der Hippocampus schrumpft. Der Hippocampus stirbt ab, und die Amygdala wächst. Die Amygdala erhöht die emotionale Sensibilität und der Hippocampus hemmt die emotionale Sensibilität. Wenn Sie sich erholen, wird der Hippocampus wieder wachsen. Dabei können Antidepressiva helfen. Aber die Amygdala schrumpft nie wieder.

Das ist eine weitere Lektion vom Hummer. Eine ziemlich erschreckende Lektion. Aber ist es nicht interessant, dass Sie das nachempfinden können? Sie können einen Hummer betrachten und sagen: „Ich verstehe, was dieses arme Schalentier durchmacht“.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag Biblical Series III: God and the Hierarchy of Authority“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson.

 

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (4)
Peter Wachter / 14.03.2018

Darwin hat aber noch etwas anderes entdeckt: survival for the fittest. Wird meistens mit “der Stärkere wird überleben” übersetzt, richtig ist aber: der/die Angepasste wird überleben! Was könnte das heutzutage bedeuten?

Werner Arning / 14.03.2018

Und wenn sich dann Hippocampus und Amygdala zusammentun und sich ihrer gemeinsamen Stärke bewusst werden, entsteht aus dem eben noch darniederliegenden Menschen etwas Neues. Dann ist da was „nachgewachsen“, ganz ohne Medikamente. Es ist keine Floskel, dass aus einer schweren Niederlage, die der Vernichtung nahe kommt, etwas entstehen kann, was das Vorherige weit übertrifft. Es gesellt sich zu einer entstandenen Stärke (Hippocampus) eine Sensibilität (für die wohl die Amygdala zuständig ist, wie wir lernen), die nicht ohne die vorherige Niederlage entstanden wäre. Die vorgehende Vernichtung als Voraussetzung für Stärke und Sensibilität nach der „Auferstehung“. Deshalb keine Angst vor der Niederlage. Wichtig ist, sie auszuhalten. Sie kann die Basis für etwas Stärkeres sein.

Helmut Driesel / 14.03.2018

Gab es da nicht eine in den USA und Deutschland praktizierte Foltermethode, wo mit Psychopharmaka die Sensoren im Gehirn entfernt werden (schwarze Zellen?), damit die Betroffenen nie wieder ein Gefühl wie glücklich sein empfinden können? Leider ist der Mensch kein perfektes Schalentier.

Richard Rosenhain / 14.03.2018

„Wir wissen, dass unsere Vorfahren in Bäumen gelebt haben, etwas, das circa 60 Millionen Jahre zurückliegt. Soziale Hierarchien sind zehnmal älter. Dass Hierarchien zu den Dingen gehören, die unsere Evolution beeinflusst haben, ist also unumstritten.“ Dieser Schluss ist natürlich Nonsens, denn er folgert aus einer zeitlichen Reihenfolge auf eine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Dass soziale Hierarchien unsere Evolution beeinflußt haben können, kann man sicher glauben. Aber die Argumentation trägt dazu nichts bei.

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