112-Peterson: Der Anbruch des moralischen Empfindens

Als Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen, ist das bemerkenswerte, dass es die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse heißt und nicht die Frucht vom Baum der Erkenntnis der Blöße. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht. Natürlich kann man sich fragen, warum zum Kuckuck ich überhaupt annehme, dass diese alten Geschichten Sinn machen. Aber es ist ein Spiel, das ich spiele. Sie sind alt, sie sind schon lange da und ich bin nicht sicher, warum sie da sind. Aber sie existieren nun einmal. Sie sind die Grundlage unserer Kultur, wie viele andere Geschichten, von denen wir abhängen, aus deren Wurzeln sozusagen unsere ganze Kultur gewachsen ist.

Und so nehme ich an, dass unsere Vorfahren, die es geschafft haben, Bedingungen zu überleben, die viele von uns Heutigen in sehr kurzer Zeit dahinraffen würden, sehr viel klüger waren, als wir denken. Und ich glaube, dass die mysteriösen Prozesse, die diese Geschichten hervorgebracht und uns gezwungen haben, uns an sie zu erinnern, psychologisch viel bedeutsamer sind, als wir im Allgemeinen annehmen.

Also gebe ich ihnen den Vertrauensvorschuss und versuche zu verstehen, warum diese Mythen einen Sinn ergeben könnten, anstatt von vornherein anzunehmen, dass sie es nicht tun. Das ist nicht einfach, da es sich um komplizierte Geschichten handelt. Und so dachte ich ungefähr 20 Jahre über diesen Komplex nach: Nacktheit und die Erkenntnis von Gut und Böse. Inwiefern hängt die Entdeckung, dass man nackt ist mit der Entdeckung von Gut und Böse zusammen? Und dann eines Tages, hauptsächlich wegen des Studiums des Totalitarismus und der damit verbundenen Gräueltaten, fiel es mir angesichts der Neigung der Menschen, Gräueltaten zu begehen, im Dienste ihres Gruppenglaubens oder vielleicht einfach nur, weil es ihrer Natur entspricht, plötzlich wie Schuppen von den Augen.

Letztlich geht es hier um Moral

Denn ich verstand plötzlich, dass wir hier etwas haben, das die Menschen wirklich von den Tieren unterscheidet. Es ist eine Sache, zu bemerken, dass man nackt ist. Denn das bedeutet, dass man weiß, dass man in Zeit und Raum begrenzt ist, dass man sterblich ist und dass man der Degeneration und der sozialen Erniedrigung und dem eigenen harten Urteilsvermögen unterworfen ist. All das – zu wissen, dass man gegenüber der Welt verwundbar, also definitiv eine Quelle der Scham ist und sich ungenügend fühlt, löst viel in uns aus. Das ist nur allzu verständlich.

Aber die andere Sache ist folgende, und das ist der Haken: Wenn man draußen in der Steppe herumläuft, nicht sehr vorsichtig ist und von einem hungrigen Löwen angefallen und gefressen wird, dann hält man den Löwen nicht wirklich für böse. Vielleicht würde man es als Löwenopfer in diesem Moment denken, aber philosophisch betrachtet ist er nicht böse, er ist nur hungrig. Sobald er nicht mehr hungrig ist, läuft er weiter und schläft, denn es geht ihm nicht um einen bösartigen Streich. Für ihn war‘s das für heute. Aber der Mensch ist eine ganz andere Art von Wesen, weil er fähig ist, jemand anderem schreckliche Dinge anzutun, und zwar bewusst.

Wo liegt hier jetzt die Verbindung zur Nacktheit an sich? Die Sache ist die: Sobald ich bemerke, dass ich verwundbar bin, habe ich in meiner Selbstwahrnehmung ein Modell meiner eigenen Verletzlichkeit. Im Anschluss kann ich das auf andere Menschen übertragen. Ich kann mir überlegen, wie ich durch mich selbst, die Gesellschaft, die Natur oder das Unbekannte verletzt werden kann. Das heißt darüber hinaus, dass ein anderer mit genau den gleichen Mechanismen ebenfalls verletzt werden kann. Und das wird dann unmittelbar Teil meines Spektrums an Fähigkeiten.

Plötzlich ist die Welt nicht länger ein Welt-Garten und ein gut geschützter Ort. Letztlich geht es hier um die Moral. Denn mit der Fähigkeit, Leid zuzufügen, geht die Erkenntnis von Gut und Böse einher. Aus meiner Sicht sind das zwei identische Unterfangen. Denn nun haben wir die Wahl, wie wir uns selbst und andere behandeln. Wir können einander unvorstellbares Leid zufügen und zwar auf durchaus freiwillige und bewusste Weise. Kein anderes Tier wäre in dieser Form dazu fähig. Und das ist der Anbruch des moralischen Empfindens. Die Wahlfreiheit, die wir nun haben, uns zu entscheiden, ob wir Leiden abschwächen oder zuspitzen wollen. Das ist noch nicht alles, aber ein großer Teil davon.

Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug.

Foto: jordanbpeterson.com

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Esther Burke / 26.02.2020

Nackt sein : die eigene Verletzlichkeit erkennen, erkennen, so GEFÄHRDET wie auch GEFÄHRDEND zu sein. und begreifen, dass man hier - zumindest sehr oft - die Möglichkeit der eigenen Entscheidung hat .  Scham : wäre dann das Wissen um die eigene Vulnerabilität , wie auch darüber, manchmal böse, destruktiv zu handeln ? - Mit “Erkennen” wird ja - AT - häufig der Vollzug der ehelichen / sexuellen Vereinigung umschrieben ; Liebe im umfassenden Sinn ,als Erkennen und Erkannt Werden.  Intimität ist etwas Komplexeres, als das bloße “Spaß haben”  sexueller Befriedigung.

Werner Arning / 26.02.2020

Nacktheit kann hier die plötzlich eingetretene Trennung von Gott bedeuten. Adam ist nicht mehr eins mit Gott. Der Zustand bewirkt Scham. Er erkennt seine Schwäche und Hilflosigkeit. Denn die Erkenntnis von Gut und Böse macht ihn keinesfalls zu Gott, wie die Schlange versprochen hatte. Ohne Gott nutzt sie ihm nichts.

Joerg Haerter / 26.02.2020

Scham, ein Tier hat und kennt keine solche. Moral auch nicht. Und ich weigere mich, mich als Tier bezeichnen zu lassen. Menschliches Handeln ist in der Regel überlegt und von Grenzen, Folgen und Vorstellungen geprägt, das hat und kann kein Tier. Geschweige denn kulturell sein, Musik erfinden, dichten etc.. Wer sich für ein höherentwickeltes Tier hält, soll das gerne tun, ich nicht. Der Mensch wurde als Ebenbild Gottes geschaffen, wurde. Dann gab es noch den Sündenfall, nach christlicher Weltanschauung. Ohne eine Verantwortung vor einem höheren Wesen kann der Mensch fast alles rechtfertigen und tun, mit muss er Rechenschaft ablegen und weiss, er hat nicht das letzte Wort.

Peter Holschke / 26.02.2020

Bis ein Tier mit Jacke aufgespürt wird.  Tja, was macht den Menschen singulär? Das ist der gemeine Punkt, meine Damen und Herren! Mit dieser Frage steigt man so tief in philosophische Fach, dass Hochschulphilosophiewissenschaftlerprofessoren wie dumme Erstklässler aussehen. Dazu wäre Einiges zu schreiben. Aber ich haue mal was raus. Menschen verstehen ihre eigenen Worte nicht. Noch genauer.  Menschen verstehen nicht das Verstehen ihrer eigenen Worte. Oder noch anders. Menschen glauben ihre Worte zu verstehen ohne sie zu verstehen. Alles klar? Sicher nicht so richtig. Trifft aber den Punkt. Das bedeutet aber ... Trommelwirbel ... Menschen haben einen Antiverstand, besser kann man das kaum ausdrücken. Oder eben auch Unverstand. Ja, ja, liebe Leute, das ist eine extraordinäre Qualität. Soll ich weiter machen? Dahinter versteckt dich die Fähigkeit zur Dummheit oder zum Wahnsinn. Und das sind wieder Elemente der Spieltheorie. Das haben Tiere auch auf dem Kasten, aber Menschen haben ein Pokerface, was Tiere nicht habe.  Außer Hunde und Affen, und manche Vögel kommen dem nah. Der Anti-Verstand entspricht dem, was Herr Peterson über die Fähigkeit zum Bösen schreibt, Und dahinter steckt nur die Fähigkeit zur Anmaßung einer Prognose. Lange Rede, kurzer Sinn. Der Mensch ist orakelbefähigt und damit zur Kriegsführung geeignet. Der Mensch ist fähig zur Nichtentscheidung. Für Tiere existiert die Frage gar nicht. Aha, Der M;ensch kann bremsen - Frieden, Beschleunigen - Krieg. Das Paket nennt man menschlichen “freien Willen”. Der Mensch hat Unverstand, er weis nicht was er tut und warum er es tut, denn da ist Gott vor. Und hier wird es so richtig spannend, Adam und Eva? In einem hat Herr Peterson auch recht. Kinder sind ad hoc nie Schlauer als die Alten. Jede Generation ist dümmer, als die Summe aller vorgehenden Generation. Eigentlich klar. Man muss sich Greta heißen, um das nicht zu begreifen. Aber das gehört dazu. Also Bibel aufschlagen und Nachdenken was gemeint war.

Roland Stolla-Besta / 26.02.2020

Sehr viel tiefgründiger hat etwa Egon Flaig in seiner „Niederlage der politischen Vernunft“ diese Passage aus der Genesis interpretiert, nicht als eine Erkenntnis der realen Wirklichkeit um uns, um im Überlebenskampf zu bestehen, sondern als die Entlassung des Menschen in die Freiheit. Wir haben die Wahl zwischen gut und böse, und die betrifft weitaus mehr als nur die Möglichkeit, anderen Leuten zu schaden.

Sirius Bellt / 26.02.2020

Stimmt alles, nützt aber nichts, wenn Menschen ihren eigenen inneren Kern (das MENSCHLICHE an sich) verraten haben. Ab da sind sie zu allem fähig.

H.Roth / 26.02.2020

Der Sündenfall ist kein Mythos, sondern eine Realität, deren Auswirkungen wir tagtäglich erleben können. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist die Tatsache,  daß er “im Bilde Gottes” geschaffen wurde. Das bedeutet, dass der Mensch einen Geist zusätzlich zu Körper und Seele besitzt, weil Gott Geist ist. Der Geist ist das Zentrum moralischer Urteilsfähigkeit, aber auch der Kreativität und der Wahrnehmung von Zeit und Raum. Kleine “Abbildungen” von Gottes Eigenschaften, die der Schöpfer uns freundlicherweise gegeben hat. Damit konnte der Mensch aber schon im Garten Eden nicht umgehen, denn er wollte MEHR! Darum glaubte er der Schlange nur allzugerne: “Ihr werdet sein wie Gott.” Und diese Lüge glaubt der Mensch bis heute, nämlich, daß über ihm nichts Höheres ist, und falls doch, so könne man diese Götter manipulieren, indem man irgendwelche Rituale zelebriert. Die meisten sog. Christen sind hierbei keine Ausnahme. Der Mensch meint, die moralische Deutungshoheit gehöre ihm. In der Offenbarung sagt Gott jedoch: “Du hältst dich für großartig, und erkennst nicht, wie nackt, blind und erbärmlich du in Wirklichkeit bist.”

Rupert Reiger / 26.02.2020

Schopenhauer: Legale Handlungen können aus egoistischen Triebfedern hervorgehen, aber nicht echt moralische. Dogmen sind zwar geeignet, Legalität zu erzeugen, aber nicht Moralität. Angenommen, dass der Glaube an Götter, deren Wille und Gebot die sittliche Handlungsweise wäre, und welche diesem Gebot durch Strafen und Belohnungen, entweder in dieser, oder in der anderen Welt, Nachdruck erteilten (Matthäus 6.4: dein Vater im Himmel sieht was du Wohltaten im geheimen tust, wird dich „belohnen“), allgemein Wurzel fasste und die beabsichtigte Wirkung hervorbrächte; so würde dadurch zwar Legalität der Handlungen, selbst über die Grenze hinaus, bis zu welcher Justiz und Polizei reichen können, zu Wege gebracht sein; aber Jeder fühlt, dass es keineswegs Dasjenige wäre, was wir eigentlich unter Moralität der Gesinnung verstehen. Denn offenbar würden alle durch Motive solcher Art hervorgerufene Handlungen immer nur im bloßen Egoismus wurzeln. Dagegen ist das Kriterium der Handlungen von echt moralischem Wert die Ausschließung derjenigen Art von Motiven, durch welche sonst alle menschlichen Handlungen hervorgerufen werden, nämlich der eigennützigen im weitesten Sinne des Wortes. Abwesenheit aller egoistischen Motivation ist also das Kriterium einer Handlung von moralischem Wert .. es lässt nicht jenes selbst zu, das im Mitgefühl sich gefiele (Gutmensch). „Abwesenheit aller egoistischen Motivation ist das Kriterium einer Handlung von moralischem Wert“ entlarft auch den Kantschen Imperativ als nicht moralisch: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ hat als Grund, dass ich deshalb einem anderen den Schädel nicht einschlage, weil ich nicht will, dass wiederum ein anderer ihn mir einschlägt. „So würde dadurch zwar Legalität der Handlungen, selbst über die Grenze hinaus, bis zu welcher Justiz und Polizei reichen können, zu Wege gebracht sein“, aber es bleibt ein egoistischer Grund und somit kein moralischer.

Markus Kranz / 26.02.2020

In Wirklichkeit geht die Aussage viel weiter und zielt darauf ab, dass der Mensch erkennt, wie die Welt funktioniert und dass er selbst bis zu einem gewissen Grad auch nur ein Tier ist - Sexualität bzw. die Nutzung von Kleidung ist dafür nur ein Beispiel. Also nein, hier hat Peterson nicht weit genug gedacht.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Jordan B. Peterson, Gastautor / 27.05.2020 / 10:00 / 6

112-Peterson: Wir sind stärker, als wir glauben

Angesichts des Verlustes zweier Familienmitglieder musste ich mich mit dem Tod auseinandersetzen. Bei den Beerdigungen ergriff ich die Gelegenheit, jeweils mit dem Bestattungsunternehmer zu sprechen,…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 20.05.2020 / 10:00 / 8

112-Peterson: Zwischen Liberalen und Konservativen

Unser Gehirn kann uns signalisieren, wenn wir optimal zwischen Chaos und Ordnung eingestellt sind. Und zwar, indem es in uns das Gefühl von Engagement und…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 13.05.2020 / 10:00 / 8

112-Peterson: Augen auf bei Gefahr!

Wenn wir uns freiwillig einer Bedrohung aussetzen, stellt sich unser Körper auf Erforschung und Beherrschung ein. Wenn wir aber unfreiwillig mit derselben Art von Bedrohung…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 06.05.2020 / 10:00 / 8

112-Peterson: Warum der soziale Status wichtig ist

Wir leben in einer Gesellschaft. Das bedeutet eine ganze Menge. Es geht hier nicht nur um die menschliche Gesellschaft, denn das Leben spielte sich schon…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 29.04.2020 / 10:00 / 11

112-Peterson: Wir sind komplizierter, als wir glauben

Wir tun in einem fort Dinge, die wir nicht verstehen. Wäre das nicht der Fall, bräuchten wir weder Psychologie, Soziologie noch Anthropologie, weil wir ja…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 22.04.2020 / 10:00 / 5

112-Peterson: Unser Gefühl der Unzulänglichkeit

Menschen haben eine Menge Schuldgefühle. Trotzdem gibt es eine Strömung der Sozialpsychologie, die behauptet, dass die meisten Menschen das Gefühl haben, besser zu sein als…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 15.04.2020 / 10:00 / 8

112-Peterson: Warum wir ein Ziel brauchen

Wenn ich Menschen zu motivieren versucht habe, das Future-Authoring-Programm zu probieren (ein von Jordan B. Peterson entwickeltes Online-Schreib-Programm, um sich mit der eigenen Vergangenheit, Gegenwart…/ mehr

Jordan B. Peterson, Gastautor / 08.04.2020 / 10:00 / 13

112-Peterson: Wie weit sollten wir in die Zukunft blicken?

In einem meiner Seminare tauchte die Frage auf, wie weit wir in die Zukunft blicken sollten. Also machte ich mit meinen Studenten folgendes Gedankenexperiment: „Wenn…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com