Wer nicht fest im Leben steht und einen echten Grund hat, weiterzumachen, wird aufgehalten werden. Wenn Sie nicht wissen, wer Sie sind, sind Sie ein elendes Wesen.
Das Problem mit politischen Narrativen ist meiner Einschätzung nach, dass sie sich schnell in Ideologien verwandeln können, und Ideologien sind aus verschiedenen Gründen gefährlich. Der Hauptgrund für ihre Gefährlichkeit liegt meiner Meinung nach – das ist eine Hypothese – in ihrer Einseitigkeit. Denn sie kapitalisieren, parasitieren – ich denke, das ist sogar eine bessere Art, darüber nachzudenken –, eine tiefgreifende, zugrunde liegende Erzählung, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte.
Wenn man also Orientierung in der Welt sucht, weil man sich fragmentiert und chaotisch fühlt, und jemand kommt und liefert einem immerhin eine Teilgeschichte – dann hat das eine integrierende Funktion. In der Psychotherapie kann man Folgendes beobachten: Wenn ein chaotischer, verwirrter Patient einen Therapeuten aufsucht, der eine bestimmte Art von Praxis hat – freudianisch, verhaltensorientiert, kognitiv, rogerianisch, was auch immer –, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Therapieform gut für ihn ist. Vielleicht beginnt er dann sein Leben sogar im Sinne dieser Therapieform zu betrachten und fraget sich, warum gerade diese Therapieform für ihn die richtige ist. Es hätte ja auch eine rogerianische statt einer freudianischen sein können. Die Antwort darauf lautet:
Es könnte durchaus daran liegen, dass – grob gesagt – jedes kohärente Ordnungsprinzip besser ist als gar keines. Aus intellektueller Sicht ist es daher auch sinnvoll, die menschliche Entwicklung so zu betrachten, dass man Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden eine Ordnungsstruktur bieten muss. Das ist ein Sachverhalt, den Menschen, die das dogmatische Element des religiösen Glaubens kritisieren, nicht wirklich verstehen. Sie verstehen nicht, dass man den Menschen eine bestimmte Struktur bieten muss, auch wenn diese einengend und einschränkend ist und sie unterdrückt.
Man muss erst eine disziplinierende Struktur durchlaufen, bevor man, zumindest im Prinzip, frei sein kann. Bevor man diszipliniert ist, ist man nicht frei, sondern nur chaotisch. Deshalb muss man jetzt bestimmte Routinen und Rituale praktizieren. Man könnte sagen, dass diese nicht unbedingt religiös sein müssen, sondern auch weltlich sein können. Man könnte Anwalt werden, man könnte Klempner oder Zimmermann werden. Ich würde sagen, ja, das ist weitaus besser, als nichts zu werden. Aber das Problem mit einer Identität, die nicht in den Archetypen verwurzelt ist, ist, dass sie einen unvollständig lässt, denn die archetypische Verwurzelung der Identität ist es, die uns hilft, mit den grundlegenden existenziellen Problemen des Lebens fertig zu werden.
Die ganze Geschichte
Denn egal, ob Sie Zimmermann, Klempner oder Anwalt sind, Ihre Seele wird sich dennoch nach einer tieferen Form der Identität sehnen. Diese werden Sie nicht finden, ohne Ihre praktische Identität in etwas zu verankern, das aus philosophischer Sicht größer ist und vielleicht sogar tiefer geht als die Philosophie selbst. Ich denke, dass archetypische Geschichten genau das sind: Sie sind die Struktur, in die die Philosophie selbst eingebettet ist, und außerhalb davon gibt es eine Verhaltensstruktur.
Es gibt eine Verhaltensentwicklung, die einer konsensualen Moral nahekommt, und dann entstehen Geschichten über diese konsensuale Moral, und darin nisten sich die Strukturen der Philosophie ein. All diese Dinge muss Ihre Identität bis zu einem gewissen Grad reflektieren, sonst sind Sie schwach. Das ist das Problem. Sonst werden wir schnell von Zweifeln und Ängsten geplagt, die uns leicht aufhalten können und haben nicht viel Motivation. Und nichts davon ist wünschenswert, denn das Leben stellt Sie vor genug echte Hindernisse angesichts echten Leidens. Wer nicht fest im Leben steht und einen echten Grund hat, weiterzumachen, wird aufgehalten werden. Sobald Sie aufgehalten werden, sind Sie ein elendes Wesen. Denn fast erscheint es so, als wäre die Definition menschlichen Elends, durch Angst und emotionalen Schmerz gelähmt zu sein und auch keine Antriebskraft zu haben, um voranzukommen. Es ist ein schrecklicher Zustand, und deshalb will man nicht in diesem Zustand sein. Wir müssen eine Identität haben, die stark und tief verwurzelt genug ist, damit die tiefsten Zweifel, die in Bezug auf unser Leben aufkommen könnten, durch etwas von gleicher Kraft ausgeglichen werden.
(…)
Seit einiger Zeit wird die Vorstellung propagiert, dass Menschen etwas grundlegend Krebsartiges an sich haben. Ich glaube, es war der „Club of Rome“, der verkündete, dass bis zum Jahr 2000 alle Menschen auf der Erde an Hunger sterben würden und dass Menschen nicht besser seien als ein Krebsgeschwür auf dem Planeten. Da muss man sich doch fragen: Ja, es gibt viele Dinge an uns, die verbessert werden könnten, aber wenn man den Menschen nur negativ darstellt, wo bleiben da die positiven Seiten? Warum erzählt uns der „Club of Rome“ diese andere Geschichte nicht? Und um diese andere Seite zu sehen, muss man nur einmal im Krankenhaus liegen und kompetente Pflege bekommen. Man kann dort natürlich auch inkompetente Pflege bekommen. Aber wenn man Glück hat, dann denkt man: „Ja, es ist wirklich gut, dass es da draußen einige Leute gibt, die ihr Leben im Griff haben und versuchen, die Dinge zu ordnen.“ In keiner Geschichte sollte man jedenfalls vergessen, dass es noch diese andere Seite gibt.
Wettstreit zwischen Gut und Böse
Wie sieht also die Landschaft (des Lebens) aus? Die Grundidee ist, dass sie auf einer Prämisse basiert, die man auf verschiedene Weise betrachten kann: Sie basiert auf dem Kontrast zwischen erforschtem und unerforschtem Gebiet. Oder dem Kontrast zwischen der interpretativen Struktur, von der Philosophen wie Kant sprachen, und der realen Welt, deren Existenz die Gültigkeit des empirischen Denkens untermauert. Da wären zum einen Sie und Ihre Struktur, Sie interpretieren die Welt. Aber da wäre auch die Welt, die Sie beeinflusst. Mehr oder weniger steht also das erkundete Gebiet im Gegensatz zum unerforschten Gebiet. Man könnte auch sagen: Auf der einen Seite herrscht Ordnung, auf der anderen Chaos. Eine weitere Variante davon wäre, dass der Held sich ins Unbekannte begibt, um dem Drachen des Chaos zu begegnen und die Informationen zu sammeln, die dort im Unbekannten zu finden sind.
(…)
Eines der Dinge, auf die ich hinweisen wollte, ist, dass man diese archetypische Struktur recht gut auf die Gehirnstruktur übertragen kann, sogar auf die Struktur der Gehirnhälften und die Funktion der subkortikalen Systeme. Aber noch genauer gesagt, kann man sie auf die Funktion spezifischer neuropsychologischer Systeme innerhalb der biologischen Neurologie abbilden. Jeder von uns hat also eine Interpretationsstruktur. Das ist sozusagen Ihre Karte der Erwartungen und Wünsche in der Welt, das ist Ihr Modell. Es gibt einen Bereich im Gehirn, grob gesagt den Hippocampus (obwohl das eigentlich eine zu starke Vereinfachung ist), der diese mit den eingehenden Sinnesdaten vergleicht, was ebenfalls ein Modell ist.
Wir hätten also bekanntes Terrain, unbekanntes Terrain und eine Instanz in der Mitte, die den Vergleich anstellt, das ist der Wissende. Es erscheint mir daher als höchst unwahrscheinlich, dass Sie diese Art von Beweisen über mehrere Forschungsbereiche hinweg sehen, ohne dass es tatsächlich ein Muster gibt, sodass es sich nicht nur um eine nachträgliche Analyse handelt. (…)
Denn alles Komplexe hat eine positive und eine negative Seite, und so kann bereits erforschtes Terrain lähmend und erdrückend wirken – das ist Tyrannei. Aber es bietet auch die Struktur, die uns informiert und schützt. Unerforschtes Terrain hingegen kann uns offensichtlich töten. Aber es ist auch der Ort, an den wir gehen müssen, wenn wir statisch und wie tot sind und neues Wasser, neues Leben und neue Informationen brauchen.
Es herrscht also eine ständige Bewegung hinaus ins Unbekannte und zurück, wieder hinaus ins Unbekannte und zurück. So sind wir Menschen nun einmal. Wir sind Informationssuchende. Aber jedes Individuum ist sowohl positiv als auch negativ. Das wissen wir, weil wir uns selbst und andere Menschen kennen. Jeder von uns hat Teile, die im klassischen Sinne gut sind, und andere Teile, die, gelinde gesagt, eine Menge Arbeit benötigen. Wenn Sie wirklich Pech mit sich selbst oder anderen Menschen haben, dann liegt das nicht nur daran, dass Sie sich nicht genug anstrengen, sondern Sie werden auf etwas in Ihnen oder in jemand anders stoßen, das absolut bösartig und auf Zerstörung aus ist.
Dies ist ein Auszug aus einem Video von Jordan B. Peterson.
Jordan B. Peterson (* 12. Juni 1962) ist ein kanadischer klinischer Psychologe, Sachbuchautor und emeritierter Professor. In seinen Vorlesungen und Vorträgen vertritt er konservative Positionen und kritisiert insbesondere den Einfluss der Political correctness und die Genderpolitik. Sein 2018 erschienes Buch „12 Rules for Life“ war internationaler Bestseller.
Die in diesem Text enthaltenen Links zu Bezugsquellen für Bücher sind teilweise sogenannte Affiliate-Links. Das bedeutet: Sollten Sie über einen solchen Link ein Buch kaufen, erhält Achgut.com eine kleine Provision. Damit unterstützen Sie Achgut.com. Unsere Berichterstattung beeinflusst das nicht.
Beitragsbild: Gage Skidmore CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons
Man kann das Ganze auch kurz fassen. Der Mensch ist vom Willen getrieben, nicht vom Wissen. Und jeder stösst dabei auf seinem Weg irgendwann auf seine eigenen, oder äussere Grenzen. Oder mal als Beispiel, wieso klettern Menschen auf den Everest? Ein Koffer mit Geld hat da noch nie gestanden. Ausser einem Genickbruch im Fall eines Fehlgriffs wartet da nix. Und in den Geschichtsbüchern steht eh nur der Erste, der dies oder Vergleichbares geschafft hat.
# Joerg Machan: Nach meinem Verständnis geht es um den Unterschied zwischen erlernter und ureigener Identität. Diese Ureigene zutage zu fördern ist das Ziel persönlichen Wachstums. Arm ist, wer in erlernt zugelegter Identität feststellen muss, Trug und/oderVerführung aufgesessen zu sein, um seine Identität dann wie ein Kartenhaus zusammenbrechend zu erfahren. Reich hingegen, wer sein Selbst findet, denn diese Identität ist wahrhaftig und trotzt dem Außen. ;-)
Lange Rede kurzer Sinn, mein Vorbild heißt Trump. Und der kommt garantiert in den Himmel. Genau das ist sein Ziel. Könnte hier die fromme Frau, die immer so viel aus der Bibel zitiert, nicht auch einmal erklärend kommentieren. Gott verlangt doch von uns keine Pirouetten und wenn das jüngste Gericht stattfindet werden wir doch alle eine Identität haben. Was würde will uns der Autor eigentlich sagen? Please go on Ilona.
Wie so oft verstehe ich nicht, was mir Mr. Peterson (damit) sagen will … Aber es muss ja Leute geben, die das anders sehen, sonst würde er ja nicht hier veröffentlicht, oder ??