112-Peterson: Das Kreuz mit der Neugier

Im „König der Löwen“ besteigt Mufasa mit seinem Sohn Simba eine Klippe, um ihm sein Königreich zu zeigen. Mufasa sagt, er sei der König von allem, was das Licht berührt. Das ist eine sehr alte Vorstellung, das versteht jeder. Jenseits des Lichts ist die Finsternis. Dort ist der Elefantenfriedhof, dort lauern Tod und Gefahr, dort hängen die Hyänen ab. Ein Ort, den man meiden sollte.

Natürlich ist Simba (genau wie Harry Potter) ein Held, der die Regeln bricht, also geht er sofort dort hin. Es ist die Idee der „verbotenen Frucht“. Wenn man möchte, dass jemand etwas Bestimmtes tut, ist der beste Ansatz, ihm zu sagen, dass er es nicht tun sollte, und keine Erklärung zu liefern.

Wenn ich zum Beispiel am Anfang einer Vorlesung zu meinen Studenten sagen würde „Es gibt nur eine Regel: Setzen Sie sich auf gar keinen Fall auf diesen Stuhl!“, würden sie sich das ganze Semester lang fragen, was mit dem Stuhl los ist. Er bekäme eine magische Aura. Einige Studenten würden vielleicht früher kommen, um herauszufinden, was passiert, wenn man sich auf den Stuhl setzt (na gut, wahrscheinlich nicht, weil das Beispiel absurd ist).

Menschen sind von Natur aus neugierig. Auch das ist eine sehr alte Geschichte. In der griechischen Mythologie erschafft Zeus die erste Frau, Pandora, und gibt ihr eine Büchse, die unter keinen Umständen geöffnet werden darf. Natürlich öffnet sie die Büchse, und alle Schrecken der Welt entweichen.

„Nein, dieses Fass sollten wir nicht aufmachen.“

In Ihrem Leben werden Sie immer wieder die „Büchse der Pandora“ öffnen, das können Sie mir glauben. Denn Ihre Angehörigen, Ihr Partner oder Ihre Kinder werden „Büchsen“ haben, in denen Dinge sind, über die Sie etwas herausfinden wollen. Sie werden sagen: „Ereignis X macht mich wirklich neugierig, erzähl mir doch was dazu.“ Und Ihr Verwandter oder Partner oder Kind wird sagen: „Nein, dieses Fass sollten wir nicht aufmachen.“

Sie werden immer weiter nerven, bis der andere tatsächlich seine „Büchse“ öffnet, und dann werden alle möglichen Dinge herausquellen, die Sie nicht erwartet haben. Und vielleicht denken Sie sich: „Es wäre besser gewesen, wir hätten die verdammte Büchse geschlossen gelassen.“ Natürlich funktioniert das Ganze auch bei einem selbst.

Konzepte wie die „verbotene Frucht“ oder die „Büchse der Pandora“ sind äußerst einflussreich. Die jüdisch-christliche Denktradition entwickelte den Begriff der „Erbsünde“. Ich denke, unter anderem deshalb, weil Schimpansen mit überentwickelten Gehirnen und wenig Verstand alles zwanghaft erkunden müssen. Sie erforschen ihre Umgebung und machen dabei immer wieder Entdeckungen, die das Paradies zerstören, in dem sie leben. 

Jede wichtige Lernerfahrung wirkt psychologisch verdammt destabilisierend. Sie erfahren etwas, das Sie glücklich macht? Egal. Das bedeutet nur, dass Sie etwas richtig gemacht haben. Das ist nett, aber nicht wirklich informativ. Sie tun etwas, und Chaos bricht aus? Das zwingt einen zum Nachdenken. Vielleicht hört man sein ganzes Leben nicht damit auf.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Personality 04/05: Heroic and Shamanic Initiations“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem YouTube-Kanal von Jordan B. Peterson.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (3)
Rolf Lindner / 11.07.2018

Das trifft im Guten wie im Bösen aber nur auf wenige Prozent der Menschheit zu. Die meisten sind doch Schafe, die sich für ein bisschen Pseudosicherheit das Fell scheren lassen und die verunsichert sind, wenn man ihnen sagt, dass sie nicht wie alle anderen Schafe blöken.

Peter Volgnandt / 11.07.2018

Wenn ich meinen Studenten was erzählt habe mit dem Zusatz, das können Sie wieder vergessen, dann haben sie es sich garantiert gemerkt.

Werner Arning / 11.07.2018

Adam und Eva ging es gut. Sie hatten alles, was man zum Leben braucht. So hätte es ewig weitergehen können. Und doch aßen sie von dem Baum. Die Schlange versprach ihnen nämlich, sie könnten danach Gut von Böse unterscheiden. Also zu Bewusstsein kommen. Anschließend müssen sie mit den Konsequenzen der Bewusstwerdung leben. War es ein Fehler von Baum gegessen zu haben? Was das unbeschwerte Leben betrifft, war es einer. Was die persönliche Weiterentwicklung angeht, war es keiner. Entwicklung kommt nur zustande, wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu tragen. Ohne Risiko und Unanehmlichkeiten keine Weiterentwicklung. Der Wunsch nach Weiterentwicklung muss größer sein als Angst und Bequemlichkeit. Der Lohn kommt später. Auch die Schlange kann, obwohl es vielleicht gar nicht ihr Anliegen ist, einen Beitrag dazu leisten.

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