112-Peterson: Warum Kinder teilen sollten

Die Erkenntnis, dass Vergnügen zweckdienlicherweise vermieden werden kann, brach mit unglaublichen Schwierigkeiten über uns herein. Eine solche Einsicht steht im völligen Widerspruch zu unseren ursprünglichen tierischen Instinkten, die vor allem angesichts der unvermeidlichen täglichen Entbehrung sofortige Befriedigung erfordern. Um das ganze noch komplizierter zu machen, wird ein solcher Aufschub erst dann nützlich, wenn sich die Zivilisation so weit stabilisiert hat, dass eine verzögerte Belohnung gewährleistet werden kann. Wenn alles, was du hast, zerstört oder schlimmer noch, gestohlen werden kann, gibt es keinen Grund zu sparen. Aus diesem Grund kann ein Wolf mit einer einzigen Mahlzeit 20 Pfund rohes Fleisch verputzen. Er denkt nicht: „Mann, ich verabscheue es, mich vollzustopfen. Ich sollte einen Teil davon für nächste Woche aufheben.“ Im Folgenden werde ich also den Entwicklungsverlauf vom Tier zum Menschen nachzeichnen. Natürlich sehr grob ausgedrückt und im Detail nicht die ganze Wahrheit, aber stimmig genug für unser Thema.

Zunächst gab es überschüssiges Essen. Große Kadaver, Mammuts oder andere große Pflanzenfresser haben das wahrscheinlich ermöglicht. Wir haben viele Mammuts gegessen, vielleicht alle. Bei einem so großen Tier bleibt nach dem Töten noch für später etwas übrig. Das passiert zunächst beiläufig, aber schließlich beginnen wir den Nutzen von „für später“ zu schätzen. Gleichzeitig entwickelt sich ein lockerer Begriff von Verzicht. „Wenn ich jetzt etwas übrig lasse, auch wenn ich es jetzt will, muss ich später nicht hungern.“ Dieses vorläufige Konzept entwickelt sich dann auf die nächste Ebene. „Wenn ich etwas für später übrig lasse, werde ich nicht hungern müssen und meine Nächsten auch nicht.“ Und dann kommt die nächste Stufe: „Ich kann unmöglich das ganze Mammut essen, aber ich kann den Rest auch nicht allzu lange aufbewahren. Vielleicht sollte ich anderen etwas davon abgeben. Vielleicht merken sie sich das und geben mir etwas von ihrem Mammut ab, wenn sie eines erlegt haben und ich nicht, dann bekomme ich jetzt Mammut und später Mammut. Das ist ein gutes Geschäft. Und vielleicht werden die, mit denen ich teile, mir schließlich grundsätzlich vertrauen und dann können wir vielleicht für immer Handel treiben.“

Ohne Teilen keine Freunde

Auf diese Weise wird das Mammut zum Mammut der Zukunft und das Mammut der Zukunft zum persönlichen Ruf. Das ist das Entstehen des Gesellschaftsvertrages. Teilen bedeutet nicht, etwas zu verschenken, was man schätzt, und nichts zurückzubekommen. Das ist nur das, was jedes Kind, das sich weigert zu teilen, befürchtet. Teilen bedeutet, den Prozess des Handelns ordnungsgemäß zu veranlassen. Ein Kind, das nicht teilen kann, das nicht (ver)handeln kann, kann keine Freunde haben, denn Freunde zu haben, ist eine Form, Handel zu treiben.

Benjamin Franklin schlug einmal vor, dass ein Neuankömmling in einer Nachbarschaft einen der neuen Nachbarn bitten sollte, ihm oder ihr einen Gefallen zu tun, und zitierte eine alte Weisheit: „Wer dir einmal einen Gefallen getan hat, wird eher bereit sein, dir einen weiteren zu tun als der, dem du bereits geholfen hast“. Franklins Meinung nach war die Bitte um einen Gefallen, der natürlich verhältnismäßig sein sollte, die nützlichste und unmittelbarste Einladung zur sozialen Interaktion. Eine solche Bitte erlaubte es dem Nachbarn, sich bei der ersten Begegnung als guter Mensch zu zeigen. Es bedeutete auch, dass der Nachbar nun im Gegenzug den Neuankömmling um einen Gefallen wegen der entstandenen Schulden bitten konnte. Auf diese Weise konnten beide Parteien ihre natürliche Zögerlichkeit und gegenseitige Angst vor dem Fremden überwinden.

Es ist besser, etwas zu haben als nichts. Es ist noch besser, das, was man hat, großzügig zu teilen. Am allerbesten ist es, sich durch großzügiges Teilen einen Namen zu machen. Denn das ist etwas, das anhält. Das ist etwas, das zuverlässig ist. Und an diesem Punkt unserer Abstraktion können wir nachvollziehen, wie die Grundlagen für die Konzepte von Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Großzügigkeit gelegt wurden. Die Basis für eine umfassende Moral wurde geschaffen. Der produktive, aufrichtige Freigiebige ist der Prototyp für den guten Bürger und den guten Menschen. Daran lässt sich erkennen, wie aus der einfachen Vorstellung, dass Reste etwas Gutes sind, die höchsten moralischen Prinzipien entstehen können.

Dies ist ein Auzug aus einem Vortrag von Jordan B Peterson. Hier geht's zum Originalbeitrag. 

Foto: jordanbpeterson.com

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Werner Arning / 29.05.2019

Teilen zu können, ist auch eine Frage des Charakters. Geizige Menschen werfen lieber etwas weg, als es unentgeltlich abzugeben. Teilen kann man Kindern angewöhnen. Entscheidend dabei, ist das Beispiel, welches ich ihnen gebe. Das, was ich ihnen vorlebe. Daran werden sie sich orientieren. Kinder beobachten uns Erwachsene sehr genau. Und diese Beobachtungen sind viel prägender als etwa die angewandte „Erziehungsmethode“. Beobachtet das Kind, dass wir gerne teilen, gerne geben, gerne schenken, wird es später diese Großzügigkeit sehr wahrscheinlich auch an den Tag legen. Allerdings können wir Kinder auch leicht zu egoistischen, geizigen und nur auf sich selbst und den eigenen Vorteil bezogene Menschen „erziehen“. Meistens steht der „Ertrag“ dieser „Erziehung“ im Verhältnis zu dem „Beliebtheitsgrad“ der Kinder/Erwachsenen. Geizige Menschen haben meist weniger Freunde und soziale Kontakte als großzügige Menschen. Sie sind häufig einsamer. Alles hängt vom Vorbild ab.

Petra Meinhardt / 29.05.2019

Ich halte es für nützlich, wenn sich der Wille zum Teilen bei jedem Menschen aus sich heraus entwickeln darf. Der Zwang, zu teilen, damit man das Teilen lernt, verhindert meiner Ansicht nach diese Entwicklung. Kinder sollten sich das freiwillige Teilen von den Mitmenschen abschauen dürfen ohne ständig mit der Nase darauf gestoßen zu werden, dass man teilen (können) sollte. Mein Eindruck ist auch, dass dieses Teilungsgeschäft eine gewisse Anspruchshaltung und manchmal auch Neid befördert. Am liebsten teile ich mit Menschen, die bescheiden und frei von einer Anspruchshaltung sind. Es macht mir auch Freude, Menschen einen Einkauf zu bezahlen oder ihnen ein Frühstück bei einer Bäckerei auszugeben wenn diese mich einfach nur nach ein paar Groschen fragen damit sie sich anschließend etwas zu essen kaufen können. Ich weiß nun nicht, ob es egoistisch von mir ist, weil ich ja damit auch eine gewisse Befriedigung empfinde - nämlich die Freude meinerseits einem Bedürftigen eine Freude gemacht zu haben - aber warum sollte man denn nicht das angenehme mit dem nützlichen verbinden? In den Zeiten der Not haben viele Menschen miteinander geteilt, scheint also eine in dem Menschen angelegte Verhaltensweise zu sein. Teilungsersuchen oder Teilungsangebote aus Berechnung finde ich widerrum nicht gut weil es auch durchschaubar sein kann, es ergeben sich von selbst Gelegenheiten, wo man den Nachbarn um eine Büchsenmilch oder 5 Eßlöffel Zucker oder einem Paketklebeband, oder auch um einen Rat etc. fragen muss.

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