112-Peterson: Die Macht eines ordentlichen Zimmers

In vielen meiner Videos und Vorträge habe ich den Zuschauern mit auf den Weg gegeben, dass sie anfangen sollten, die Welt zu verändern, indem sie ihr Zimmer aufräumen (...) Das ist natürlich im Grunde ein Witz (...) Dennoch musste ich diese Überspitzung in Bezug auf das Gleichnis vom Senfkorn (ein biblisches Gleichnis über ein großes Wachstum aus kleinen Anfängen, Anm. d. Red.) denken. Die Idee hierzu kam mir durch Carl Gustav Jung und seine Studien zur Alchemie. Jung interpretierte den Wunsch den Alchemisten, den Stein der Weisen zu erschaffen, dahingehend, dass er nicht nur an der Transformation der materiellen Welt beteiligt wäre, sondern auch an einem Prozess der Selbst-Umwandlung, der gleichzeitig mit der chemischen Transformation stattfände. Also wäre es in gewisser Weise eine psychologische Arbeit.

Nehmen wir also an, Sie wollen Ihr Zimmer in Ordnung bringen und verschönern, denn auf Schönheit kommt es schließlich auch an. Sie haben jedoch nur ein kleines Zimmer, denn Sie sind nicht reich. Sie sind arm und haben keine Macht, das kommt noch hinzu. Aber Sie haben wenigstens Ihr kleines Zimmer und damit einen Platz vor der Nase, einen kleinen Teil des Kosmos, auf den Sie Einfluss ausüben können.

Und nun wollen Sie vielleicht wissen, wie Ihr Raum aussieht? Die Antwort darauf lautet, dass es davon abhängt, wie offen Ihre Augen sind. Denn nun könnte man anführen – und William Blake sagte dies beispielsweise, auch Aldous Huxley machte Kommentare, die sehr ähnlich waren – dass man in einem transzendenten Zustand Unendlichkeit im Endlichen sehen kann. Und man könnte sagen: Nun, man kann die Unendlichkeit in dem sehen, was in Reichweite liegt, wenn man den Blick schweifen lässt. Und man könnte hinzufügen, dass das vielleicht beim eigenen Zimmer der Fall ist.

Wie genau anfangen?

Nun wollen Sie Ihr Zimmer in Ordnung bringen. Wie genau anfangen? Ein Zimmer ist ein Ort zum Schlafen. Und wenn Sie also Ihr Zimmer richtig einrichten wollen, sollten Sie zunächst herausfinden, wie Sie gut schlafen können und wann Sie schlafen sollten. Machen Sie sich Gedanken, wann Sie aufwachen sollten, und dann, welche Kleidung Sie tragen, um diese zweckmäßig in Ihrer Kommode anordnen zu können. Sie müssen schließlich einen Platz haben, um Ihre Kleidung unterzubringen. Und wenn Sie sich nun mit Ihrer Kleidung auseinandersetzen, müssen Sie sich darüber klar werden, wozu Sie diese Kleidung tragen werden. Und das wiederum bedeutet, dass Sie herausfinden müssen, was Sie künftig in diesem Zimmer tun werden und dann muss Ihr Zimmer diesem Zweck dienen, denn sonst können Sie es nicht richtig einrichten.

Denn wenn es nicht zweckdienlich eingerichtet ist, werden Sie kaum Freude an diesem Raum haben. Wir nehmen die Welt als einen Ort wahr, an dem wir uns von Punkt A zu Punkt B bewegen können. Und wenn der Ort, an dem wir uns befinden, diese Bewegung erleichtert, dann sind wir glücklich, dort zu sein. Wenn hingegen der Ort, an dem wir uns befinden, dieser Bewegung hinderlich ist, dann sind wir unglücklich, dort zu sein. Einen Raum einrichten heißt also, einen Ort zu schaffen, der Ihnen lohnenswert genug erscheint, um sich dort aufzuhalten. Vielleicht ist es hierfür nötig, den Raum zu verschönern. Das wiederum bedeutet, dass man etwas Geschmack haben muss, jedoch nicht zwangsläufig, dass man hierfür Geld braucht. Sie können im Geld schwimmen und trotzdem einen schlechten Geschmack haben. Geschmack schlägt Geld, wenn es darum geht, Dinge zu verschönern. Natürlich heißt das nicht, das Geld unwichtig wäre, aber der Geschmack ist entscheidend und Menschen, die sehr künstlerisch orientiert sind, können aus praktisch Nichts schöne Dinge machen.

Und nicht nur das, auch in der Literatur gibt es viele Hinweise dafür, dass, wenn man Schönes erschaffen will, gewisse Einschränkungen, denen man unterliegt, die Kreativität fördern, anstatt sie zu beeinträchtigen. Man stelle sich vor, man müsste etwas aus dem Nichts erschaffen, was einem göttlichen Akt gleich käme. Um etwas aus dem Nichts heraus zu erschaffen, muss man kreativ sein. Also bedeutet die Verschönerung Ihres Raumes, dass Sie auch Ihre Fähigkeit zur Kreativität entwickeln müssen.

Die Teufel in Ihrem Haus

So bringt man also seinen Raum zum Leuchten. (...) Wenn Sie dann konsequent anfangen, diesen kleinen Mikrokosmos der Perfektion mit dem, was Sie zur Hand haben, aufzubauen, wird dies sämtliche Pathologien jedes Mitglieds Ihres Haushaltes zum Vorschein bringen (Peterson richtet sich hier vor allem an junge Zuhörer, die noch bei ihren Eltern leben, Anm. d Red.). Ihre Familie wird sich fragen, was Sie zum Teufel da drin vorhaben, wenn Sie plötzlich Ihren Raum so pflegen. Und sie wird nicht unbedingt glücklich sein, nur weil Sie es vielleicht sind. Wenn sich Ihre Familie an einem ungünstigen Standpunkt befindet, und Sie auch und Sie versuchen, diesen Standpunkt zu verlassen, dann sieht der Ort, an dem die anderen sich befinden, umso schlechter aus, je weiter sie sich von diesem Stadium wegbewegen.

Und man könnte sagen: Nun, Ihre Familie sollte Ihren Sieg über das Chaos und das Böse feiern, aber das wird wohl nicht passieren. Was stattdessen passieren wird, ist, dass sie versuchen werden, Sie wieder nach unten zu ziehen. Natürlich tun das nicht alle Familien, aber alle Familien tun das bis zu einem gewissen Grad und einige Familien tun fast nichts anderes.

Wenn Sie also anfangen, Ihr Zimmer zu organisieren, dann müssen Sie sich auch mit den Teufeln in Ihrem Haus auseinandersetzen. Das ist oft eine schreckliche Sache, denn einige dieser Teufel haben Linien, die viele Generationen zurückreichen, und Gott allein weiß, womit man kämpfen muss, um das zu überwinden. Daher ist es also alles andere als eine triviale Angelegenheit, sich selbst und sein Zimmer in Ordnung zu bringen.

Wenn man das gelernt hat, kann man vielleicht anfangen, seine Familie etwas in Ordnung zu bringen. Wenn Sie das geschafft haben, besitzen Sie bereits genug Charakter, um bei allem, was Sie in der Welt tun – im Beruf oder auf breiterer gesellschaftlicher Ebene – eine Kraft des Guten, anstatt des Schlechten zu sein. Denn Sie haben etwas Demut erfahren, indem Sie die Erfahrung machten, wie schwierig es ist, einen verdammten Raum sinnvoll einzurichten. Und schließlich auch sich selbst. Und aufgrund dieser Erfahrung können Sie mit wachsamen Augen dem Guten entgegengehen.

 

Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug und hier zum gesamten Vortrag.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost

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sybille eden / 30.10.2019

Immer wenn ich ich in den letzten 40 Jahren bei Linken und Grünen mal “zu Gast” war ,fiel mir die entsetzliche Unordnung, ja auch der Dreck in den Wohnungen I auf ! Selbst bei den einigermaßen aufgeräumten fehlte es an jeder Struktur und Ästhetik. Von völlig verwahrlosten Zimmern und Wohnhöhlen will ich garnicht reden! ( Kreuzberg ) Ich stelle also fest, Herr Peterson sie haben völlig Recht ! P.S.  Ich rede nicht von der grünen Edelschickeria, die sich ihre Wohnungen von einem “Raumausstatter -Designer “einrichten lassen können !

Hans-Peter Dollhopf / 30.10.2019

Seit Snow Crash sind die Namen unserer Väter und Mütter Whatsapp und Facebook. Sie sagen niemals “Räum endlich dein Second Life auf!” Der Datenmüll der gamenden Hüpf-Rezos ist das personenbezogene Datenfutter des Gottes der Digital-Ratten.

Werner Arning / 30.10.2019

Sein Zimmer aufräumen, bedeutet wohl so viel, wie von einer passiven Lebenshaltung in eine aktive Lebenshaltung überzuwechseln. Sein Leben in die Hand zu nehmen. Sich beispielsweise von Abhängigkeiten und Zwängen zu befreien, denen man zwar ausgesetzt ist, die jedoch nicht als unveränderlich anerkannt werden müssen. Dem Wunsch etwas zu ändern, kann dann der dazu notwendige Mut und die Überwindung der Bequemlichkeit folgen. Dann fängt man an, ein eigenständiges Wesen zu werden, welches beginnt, sein eigener Herr zu werden. Das Individuum ist erwacht und entdeckt seine Möglichkeiten. Nun kann das Leben beginnen. Das selbstbestimmte Leben. Es zu entdecken, kann vergleichbar sein mit der Entdeckung eines neuen Kontinents. Dafür mag symbolisch das eigene Zimmer stehen. Dass die Hausgenossen folgen, kann wünschenswert sein, ist jedoch eher selten und auch keinesfalls zwingend notwendig. Der passende Partner mag sich außerhalb des Hauses befinden.

Wolfgang Kaufmann / 30.10.2019

Bevor die Schneeflöckchen anfangen, die Welt zu belehren, sollen sie erst mal selber was lernen. Bevor sie etwas von der Gesellschaft verlangen, sollen sie erst mal ihre eigenen Pflichten erledigen. Bevor sie andere zum Verzicht drängen, sollen sie erst mal die Schulden abbezahlen, die sie nach 20 bis 30 Jahren Rundum-Sorglos-Vollversorgung angehäuft haben. – Kein Arbeitgeber kann eine Jugend brauchen, die lieber drei Stunden diskutiert als eine Stunde anzupacken. Keine Eltern können Kinder brauchen, die am Tag der Volljährigkeit bereits ihr Erbteil einklagen. Keiner will Mitmenschen um sich haben, die riesige Anforderungen an die anderen stellen und nicht mal die elementarsten Anforderungen an sich selber auf die Reihe kriegen. – Aber vermutlich ist eine verwahrloste Jugend in erster Linie das Ergebnis von orientierungslosen Erwachsenen.

Karla Kuhn / 30.10.2019

Herr Braun, jedem Tierchchen sein Pläsierchen, vielleicht fühlt sich jemand auf der “Müllkippe wohl ? Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel gelesen, daß die Deutschen DREIZEHN Prozent für Lebensmittel ausgeben aber über 30 Prozent für die Einrichtung und noch mehr fürs Auto.  Bei den Franzosen sieht soll es genau umgekehrt aussehen. Um ehrlich zu sein, da sind mir die Franzosen lieber. Die essen nicht, die tafeln und das meist in großer Runde und stundenlang,  und fröhlich und jeder kann reinquatschen wie er will.  Einer meiner sehr wohlhabenden Cousins sagte mal zu mir: “Bei uns ging es zu am Tisch wie bei den Manns, kein Wort und stocksteif.  Bei der Tante Hanni war es das ganze Gegenteil “(Hanni, meine Mutter Johanna)  Als ich noch zu Hause wohnte, wohnte unter mir eine Familie, der Mann war Leiter eines Möbelhauses, wo es auch, Hellerauer Möbel oder andere schöne Stücke, natürlich unter dem Ladentisch, gab. Meine Eltern, bzw. meine Mutter,  hatten noch ihre alten, schönen Möbel von früher und ich welche von dem Bekannten, trotzdem spielte sich unser Leben vorwiegend in unserer großen Wohnküche mit einem großen Kachelofen ab. Keiner wollte hinter in die anderen Zimmer, wir hatten einen sehr langen Gang, alle wollte in die Küche. Und unser Möbel-Bekannter, bei dem es zu Hause wie in einem Katalog aussah, wollte nur in unserer chaotischen Küche sitzen. Er kam oft zu uns, warum ?? ” Unsere Wohnung ist supermodern und teuer eingerichter aber “eiskalt” in der Ausstrahlung, ich fühle mich nur bei Euch so richtig wohl.”  NICHT auf das ÄUßERE kommt es an, sondern auf die Herzlichkeit, Wärme, Ausstrahlung der Menschen und ihrer Wohnung. Ob die aufgeräumt ist oder nicht, auch das liegt, wie bei der Schönheit, im Auge des Betrachters.

Paul Braun / 30.10.2019

Oder aber auch: wie soll denn die bessere Welt aussehen, wenn selbst das eigene Zimmer eher eine Müllkippe mit Schlafgelegenheit ist ?

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