Welche Schritte sollte jemand unternehmen, um die Fähigkeit zur Bedürfnisverschiebung zu entwickeln, wenn er ständig der sofortigen Befriedigung seiner Wünsche nachgibt? Ich weiß bis zu einem gewissen Grad eine Antwort darauf. Denn ich habe öfters Doktoranden betreut, die ich wegen ihrer Intelligenz und Kreativität ausgewählt hatte. Die aber im Gegenzug manchmal nicht sehr gewissenhaft waren. Daher fiel es ihnen schwer, Befriedigung aufzuschieben.
Mein Vorschlag für jeden, der sich in dieser Hinsicht disziplinieren will, wäre daher: Sie müssen zunächst eine Richtung wählen, in die Sie gehen möchten. Wählen Sie ein Ziel, das Sie erreichen möchten, ein mittel- bis langfristiges Ziel. Stellen Sie sich etwas vor, das Sie brauchen und erreichen möchten, dessen Verfolgung Sie motivieren würde. Eine sehr gute Frage, die Sie sich stellen sollten, ist: Wenn Sie alles haben könnten, was Sie sich wünschen, was wäre das?
Das ist eine meditative Frage, bei der Sie sich keine Antwort aufzwingen sollten. Sie sollten sich diese Frage so stellen, wie Sie sie jemand anderem stellen würden: Wenn ich alles haben könnte, was ich wollte, wie würde das Ergebnis aussehen? Sie können sich diese Frage auch auf eine differenziertere Weise stellen: Wenn ich die Beziehung haben könnte, die ich brauche und will, wenn ich die Freundschaften haben könnte, wenn ich den Job oder die Karriere haben könnte, wenn ich den Bildungsweg einschlagen könnte, den ich mir wünsche, wenn ich meine bürgerliche Verantwortung auf optimierte Weise übernehmen könnte, wenn ich mich in einem kreativen Unternehmen engagieren könnte, wenn ich richtig auf mich selbst achten würde, wenn ich meine Anfälligkeit für Versuchungen regulieren würde … Wie würde das alles aussehen, wenn es optimiert wäre?
Und dann setzt man sich ein Ziel, das eine gewisse motivierende Kraft hat. Das es wert ist, verfolgt zu werden. Und dann stellt man vielleicht fest, dass man es trotzdem nicht umsetzt. In diesem Fall würde ich sagen, nun, das liegt daran, dass man sich mehr vorgenommen hat, als man bewältigen kann. Der nächste Schritt lautet daher, sich Ihr Ziel vorzunehmen und es in Mikro-Ziele zu zerlegen, bis Sie ein Mikro-Ziel finden, das klein genug ist und dennoch eine Herausforderung darstellt, die Sie angehen werden.
„Ich hasse dieses Schlafzimmer.“
Mittlerweile ist es mein Markenzeichen geworden, dass ich den Leuten rate, erst einmal ihr Zimmer aufzuräumen. Viele, die mich für ihren Feind halten, lachen über diese Regel, weil sie so einfach erscheint. Aber der einzige Grund, warum diese Leute es für einfach halten, ist, dass sie es noch nie ausprobiert haben. Es ist in Wahrheit extrem schwierig. Es ist absolut keine banale Aufgabe, sein Zimmer, sein Büro, sein Schlafzimmer in Ordnung zu halten.
Stellen wir uns Ihr hypothetisches Schlafzimmer vor. Nehmen wir an, Sie sind verheiratet und teilen dieses Zimmer mit Ihrem Partner. Ist Ihr Schlafzimmer wirklich in Ordnung? Ich meine damit nicht nur, ob es ordentlich ist. Vielleicht ist es zu ordentlich. Vielleicht ist es zu aufgeräumt. Vielleicht ist es zu steril. Vielleicht ist es zu kahl. Vielleicht charakterisiert dieses Zimmer Ihre ganze Beziehung. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Zimmer ein Mikrokosmos Ihrer Ehe ist. Und das würde bedeuten, dass die Organisation dieses Zimmers die Organisation Ihres Ehelebens erfordern würde. Nicht zuletzt, weil Sie, wenn Sie dieses Zimmer in Ordnung bringen wollen, mit Ihrem Partner darüber verhandeln müssen, wie das geschehen soll. Und während Sie diese Verhandlungen führen, werden Sie, selbst in Bezug auf die kleinsten Details, fast auf alles stoßen, was in Ihrer Beziehung falsch läuft.
Wenn Sie zum Beispiel beim Betreten Ihres Schlafzimmers denken: „Ich hasse dieses Schlafzimmer.“ Dann sollte Ihnen das zu denken geben. Dann müssen Sie sich überlegen, was Sie tun müssten, damit Sie diesen Raum lieben. Oder, was noch komplexer ist, damit Sie beide ihn lieben, denn das ist schwer zu erreichen. Einfach weil Sie unterschiedliche Geschmäcker haben werden. Unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung. Es gibt alle möglichen Dinge, über die Sie sich einigen müssen, damit das Zimmer, das Sie beide bewohnen, auch für beide angenehm ist.
„Meine Mutter macht immer noch mein Bett und räumt hinter mir her.“
Fragen Sie sich, welches Ziel Sie sich setzen wollen und zerlegen Sie dieses Ziel dann in Einzelschritte, die so klein sind, dass sogar jemand, der sich anstellt wie der erste Mensch, sie bewältigen kann. Das erfordert eine enorme Demut. Das habe ich oft im Zusammenhang mit meinen Klienten erlebt. Wenn ich zum Beispiel eine Analyse der Lebensumstände von jemandem durchführte, der 30 war, aber immer noch das Kinderzimmer bewohnte, in dem er aufgewachsen war. Und dieses sich in einem völlig chaotischen Zustand befand, sowohl moralisch als auch praktisch.
Die Person sagt sich vielleicht: „Nun, ich bin 30. Ich bin wirklich unreif. Ich habe bislang keine Verantwortung für mein Leben übernommen. Meine Mutter macht immer noch mein Bett und räumt hinter mir her.“ Einer der relativ einfachen Schritte, auf die man sich in Bezug auf das Weiterkommen an dieser Stelle einigen könnte, wäre die Aufforderung: Warum fangen Sie nicht einfach jetzt damit an, sich selber darum zu kümmern? Denn einfach so werden Sie Ihr Leben nicht in Ordnung bringen können. Warum versuchen Sie nicht einfach, Ihr Zimmer selbst in Ordnung zu bringen, wie es ein verantwortungsbewusster 14-Jähriger tun würde, anstatt sich wie ein furchtbar trostloser 30-Jähriger zu verhalten?
Zunächst ist es wirklich schwer für jemanden, selbst wenn er verzweifelt ist, zuzugeben, dass das notwendig ist. Weil es so verdammt demütigend ist. Ist man wirklich so verdammt nutzlos, dass das grundlegende Ziel darin besteht, sein Schlafzimmer aufzuräumen? Denn so sieht es zunächst aus. Und eigentlich ist es noch schlimmer. Denn wenn man dies mit dem betreffenden Klienten ausgehandelt hat, sagt er: „Nun, ich werde versuchen, mein Zimmer aufzuräumen.“ Und dann hört man in der nächsten Woche vom Ergebnis.
Sich der chaotischen Katastrophe seines Lebens stellen
Ich hatte einen Klienten, dessen Wochenaufgabe darin bestand, seinen Teppich staubzusaugen. Er war gerade Vater geworden und hatte Angst, dass er einen sehr schlechten Vater abgeben würde, was eine berechtigte Sorge war. Deshalb wollte er sich nun etwas zusammenreißen und kam zu mir. Und er lebte wirklich im Elend. Eine Sache, die wir beschlossen hatten, war, dass er zunächst seinen Teppich staubsaugen könnte. Das hatte er seit zwölf Jahren nicht mehr selber getan, weil das immer seine Mutter machte. Der weitere Verlauf war unglaublich komisch. Er holte also den Staubsauger herbei und brachte ihn in sein Zimmer. Aber er brachte ihn nicht ganz hinein. Er stellte ihn in die Türöffnung. Anstatt sein Zimmer zu staubsaugen, stieg er nun eine ganze Woche lang über diesen verdammten Staubsauger hinweg und kam dann zu mir und sagte, dass er es nicht schaffen würde.
Für mich war dieser Verlauf überhaupt nicht überraschend. Man würde ja denken, es handele sich um eine triviale Sache. Aber wenn es so eine triviale Sache wäre, hätte er ja ein sauberes Zimmer. Dieses Chaos in seiner unmittelbaren Umgebung war ein tiefes Symbol für das Chaos seines Lebens. Es war im Grunde dasselbe. Und damit er überhaupt damit beginnen konnte, Ordnung in das Chaos zu bringen – was übrigens ein göttlicher Prozess und die höchste moralische Anforderung ist –, musste er sich der chaotischen Katastrophe seines Lebens stellen.
Denn das hatte er seit Jahren nicht mehr getan. Warum sollte er gerade in dieser Woche damit anfangen? Nur weil er gesagt hatte, dass er es tun würde? Viel Glück. Was man als Therapeut in einer solchen Situation tut, ist, dass man die Aufgabe so lange verkleinert, bis man eine Aufgabe findet, die so klein ist, dass die Person sie ausführen wird, und dennoch eine Weiterentwicklung erlebt. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Einzelheiten dieses Falles.
Man muss so niedrig anfangen, als wäre man ein Vollidiot
Aber normalerweise würde ich als Therapeut vorschlagen: „Glauben Sie, Sie könnten den Staubsauger umstellen? Glauben Sie, Sie könnten ihn aus dem Flur in Ihr Zimmer bringen? Das ist alles, was Sie diese Woche tun müssen.“ Ich würde dieses Angebot ohne eine Spur von Verachtung vorschlagen. Denn man muss bei solchen Dingen sehr vorsichtig sein. Ich weiß, dass es komplizierter ist, als es aussieht. Und ich weiß auch, dass der erste Schritt zur Beherrschung des Chaos und seiner Umwandlung in Ordnung ein grundlegender und schwieriger Schritt ist. Auch wenn man ihn immer weiter verkleinert, ist es trotzdem in Ordnung, wird es trotzdem funktionieren.
Also würde ich vielleicht sagen:
„Nun, bewegen Sie einfach den Staubsauger in Ihrem Zimmer. Machen Sie nicht mehr als das, wenn dies die Vereinbarung ist, die Sie mit mir und mit sich selbst getroffen haben. Halten Sie sich an diesen Vertrag. Erlauben Sie sich, dankbar dafür zu sein, dass Sie den Mut hatten, auch nur einen einzigen Schritt nach vorne zu machen. Strapazieren Sie Ihr Glück nicht. Denn vielleicht haben Sie einen kurzen Anfall und saugen den ganzen Teppich und dann sind Sie so verärgert darüber, wie Sie Ihr ganzes Leben destabilisiert haben, dass Sie Ihre Versuche, Unordnung zu machen, verdoppeln werden. Und damit Ihr Zimmer für Monate noch unwirtlicher werden lassen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass so etwas passiert, wenn Sie den Vertrag brechen, den Sie mit sich selbst geschlossen haben.“
Natürlich erscheint es einem absolut trostlos, so weit unten anfangen zu müssen. Aber das muss sein, vor allem, wenn es sich um eine wirklich schwierige Sache handelt, die man zu lösen versucht. Man muss so niedrig anfangen, als wäre man ein Vollidiot. Aber das Positive daran ist, dass sich der Fortschritt beschleunigt. Er ist nicht linear. Wenn Sie also den ersten Schritt machen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen etwas größeren zweiten Schritt machen. Und das geht immer so weiter. Sobald Sie also den Ball ins Rollen gebracht haben, sobald Sie den Stein den Berg hinaufschieben, können Sie das immer schneller tun. Selbst wenn Sie auf sehr demütigende Weise beginnen müssen, bedeutet das nicht, dass Sie dort auch enden werden.
Dies ist ein Auszug aus einem Video von Jordan B. Peterson.
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Zum Glück bietet das Leben reichlich Auswahl an Menschen , die sich kulturelle Disziplin erarbeitet haben . Um die möglichst rasch zu erkennen , benutze ich , meistens ironisch- spielerisch , Signalwörter , Zitate aus der Literatur oder der Filmgeschichte ( der letzten 100 Jahre ), Anspielungen aus der Kunst – und Musikgeschichte als Filter , um nicht jedes Mal wieder bei Null anfangen zu müssen . Die Bildungsgockel und – gockelinnen scheiden
sofort aus , aufrichtige , schlichte Leute sind mir lieber , danach folgen die charakterlich Beschädigten , die andere benutzen aus Neid und Phantasielosigkeit zum Aufdonnern der eigenen „ Persönlichkeit “ und die intriganten Rempler und Mobber kommen auch gleich mit in die Tonne . Bleiben die übrig , mit denen man Banalitäten nicht besprechen muß und Jung u. Alt oben u. unten , die sich Herz und Verstand bewahrt haben , also die , denen man Geld leihen könnte und es mit Dankbarkeit und Respekt so schnell wie möglich wieder zurückbekommt , OHNE es einfordern zu müssen . Der Rest kann mir gestohlen bleiben , ich bin es gewohnt , die Menschen so zu nehmen , wie sie sind . Zum Glück bin ich kein Seelenklempner und möcht ‚ auch gar keiner werden . – Du bist am Zug , mein „ Freund “ !
Manchmal – in großen Krisen – kann man überhaupt nur noch 1 / EINEN möglichen, notwendigen unaufschiebbaren Schritt für eine hoffentliche Lösung sehen – der muss dann aber halt gemacht werden. Mit Mut und der Kraft, die man hat.