Im Folgenden geben wir einen Auszug aus einem Gepräch von Jordan B. Peterson mit dem US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt wieder. Er ist Autor des Bestsellers „Generation Angst. Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen“.
In den Vereinigten Staaten wurde eine Eltern-WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Wait Until 8th“ („Warte bis zur achten Klasse“) gegründet, die eine großartige Methode entwickelt hat, um das Problem zu lösen, dass der (Smartphone-Konsum bei Kindern) nur kollektiv verhindert werden kann. Es geht um folgendes: Wenn die eigenen Kinder in der zweiten Klasse sind, versucht man, die Eltern der Mitschüler dazu zu bewegen, eine Erklärung zu unterschreiben, dass alle Gruppenmitglieder ihren Kindern bis zur 8. Klasse kein Smartphone kaufen werden. Wenn dann eine bestimmte Anzahl von Eltern in einer bestimmten Schule und bestimmten Klasse unterschrieben hat, tritt die Vereinbarung in Kraft, und die zehn oder 20 beteiligten Eltern halten sich daran. Mittlerweile gibt es Dutzende solcher Gruppen auf der ganzen Welt. (…)
Bereits 2019 hatten sich zahlreiche Mütter entsprechend vernetzt. Aber dann kam COVID – was passierte nun? Was Kinder schon 2019 brauchten, war viel weniger Bildschirmzeit und viel mehr Zeit im Freien. Was haben sie bekommen? Das Gegenteil. „Oh, du darfst nicht nach draußen gehen. Oh, ihr werdet euch mit COVID anstecken.“ In New York City wurden beispielsweise die Spielplätze und Tennisplätze geschlossen. Die Kinder mussten also die ganze Zeit drinnen sitzen. Die psychische Gesundheit hatte sich vorher schon immer mehr verschlechtert. Dann kam COVID, und es wurde noch schneller immer schlimmer. Die Leute dachten, das liege an COVID. Aber bis 2023, 2024 hatten die Menschen erkannt, dass die Ursache nicht COVID war, sondern etwas anderes. Und als dann 2024 mein Buch „Generation Angst“ erschien, war es wie ein Paukenschlag: Überall in der westlichen Welt wurden Mütter aktiv.
Im Buch habe ich vier Regeln (zur Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen) vorgeschlagen, die wir einfach durchgehen können. Die erste Norm, die ich zur Lösung des Problems des notwendigen kollektiven Handelns anbiete, lautet: kein Smartphone vor der Highschool, also wirklich erst ab der neunten Klasse, nicht schon in der achten. Wie schon erwähnt, sind Gruppen wie „Wait Until Eighth“ und „Smartphone-Free Childhood“ explosionsartig gewachsen. Jetzt gibt es so viel Publicity, dass ihre Mitgliederzahlen kontinuierlich steigen. (…) Gruppen von Müttern organisieren sich also enorm, um zu versuchen, 8-, 9- und 10-Jährigen keine iPhones und iPads mehr zu geben. Das wäre die erste Regel.
Die zweite Regel lautet: keine sozialen Medien bis zum Alter von 16 Jahren. (…) Australien hat ein Gesetz verabschiedet, das am 10. Dezember in Kraft tritt und das Mindestalter auf 16 Jahre anhebt und die Unternehmen verpflichtet, dies durchzusetzen. Eine Reihe von Ländern erwägt, diesem Beispiel zu folgen.
Ich denke also, dass wir innerhalb von zwei Jahren eine neue globale Norm sehen werden, nach der soziale Medien – im Klartext intime Unterhaltungen mit anonymen Fremden, von denen einige Männer sind, die Sex oder Geld von Kindern wollen –, einfach nicht mehr okay sein werden. Genauso wie Rauchen oder Glücksspiel für Kinder verboten ist. Ich denke also, dass wir eine globale Veränderung erleben werden, wonach für soziale Medien ein Mindestalter von 16 Jahren erforderlich sein wird.
„Einer totalitären Horrorshow zum Opfer fallen?“
Jordan B. Peterson: Darf ich Ihnen dazu ein paar Fragen stellen? Ich habe mir darüber ein paar ganz praktische Gedanken gemacht, auch über die möglichen Nachteile. Ich bin zum Beispiel sehr skeptisch, was den Nutzen einer digitalen ID angeht. Ich habe mit Entsetzen beobachtet, was in China passiert ist, wo sie „Sky Net“ aufgebaut haben (Anm. d. Red.: Eine seit 2015 aktive geheime Operation des chinesischen Ministeriums für öffentliche Sicherheit. Vorgeblich sollen damit Finanzverbrechen bekämpft werden, indem unter anderem flüchtige Korruptionsverdächtige nach China zurückgeholt werden. Im Rahmen dieser Kampagne sollen aber auch geflüchtete politische Dissidenten zurück nach China entführt worden sein. Kritiker sehen daher die Menschrechte verletzt. Das System basiert auf Gesichtserkennung und KI-Technologie).
Die Ingenieure haben das ganze tatsächlich (nach der menschenfeindlichen KI aus dem Film „Terminator“) benannt, was völlig unfassbar ist. Angesprochen auf den Film, sagten die Erschaffer, sie würden eine gute Version von „Sky Net“ schaffen. 700 Millionen Überwachungskameras, inklusive Ganganalyse. Da fehlen mir die Worte!
Aber zurück zur Altersüberprüfung in den sozialen Medien. Ich verstehe vollkommen, was Sie damit bezwecken wollen. Dasselbe versucht die amerikanische Anwältin, Aktivistin und Autorin Laila Mickelwait in Bezug auf Porno-Plattformen durchzusetzen (Achgut berichtete). Sie ist so etwas wie die weltweit größte Feindin von Pornhub. Sie ist wirklich beeindruckend, und ich wünsche ihr viel Erfolg damit.
Selbstverständlich haben wir ein Problem mit der Anonymität des Internets und der Tatsache, dass Psychopathen sich hier ihrer Verantwortung entziehen können. Die Frage ist jedoch, wie um alles in der Welt man beispielsweise das Alter von Menschen oder ihre Identität überprüfen kann, ohne im Gegenzug einer totalitären Horrorshow zum Opfer zu fallen.
„Es gibt bereits Dutzende von Unternehmen, die Altersüberprüfungen durchführen“
Jonathan Haidt: Es gibt zwei Dinge, die die Leute diesbezüglich offenbar missverstehen. Zum einen gehen sie davon aus, dass Altersüberprüfung bedeutet, dass man Meta oder TikTok seinen amtlichen Ausweis vorlegt. Darum geht es aber nicht, das ist nur eine Möglichkeit, dies zu tun. Das australische Gesetz besagt zum Beispiel ausdrücklich, dass die Unternehmen einen Weg finden müssen, (das Alter ihrer Nutzer zu überprüfen). Und dass sie hierfür nicht ausschließlich einen amtlichen Ausweis verlangen dürfen. Das heißt, das Sammeln von Führerscheinen, Reisepässen und ähnlichem kann eine Option sein, aber sie müssen noch andere anbieten.
Ich stelle mir Folgendes vor: Nehmen wir als Beispiel, Sie möchten ein Konto bei Instagram eröffnen. Sie gehen also auf die Seite, geben Ihre Daten ein und müssen Ihr Geburtsdatum angeben. Sie werden dann auf eine Seite weitergeleitet, auf der fünf Möglichkeiten zur Feststellung Ihres Alters aufgeführt sind. Eine davon könnte sein, dass Sie uns Ihren Führerschein vorlegen. Online-Spirituosenhandlungen machen das bereits. Ganz zu schweigen vom Glücksspiel oder Banken. Es gibt also viele Branchen, die bereits das Alter und die Identität ihrer Nutzer überprüfen. Es ist keineswegs so, als wäre das etwas Neues, das noch nie gemacht wurde. Es wird jeden Tag von allen möglichen Unternehmen durchgeführt.
Zweitens stelle ich mir vor, dass das Gesetz vorschreibt, dass man vier oder sechs verschiedene Möglichkeiten hierfür anbieten muss. Die meisten davon werden nicht von Meta & Co. durchgeführt werden. Sondern die Plattformen werden es an andere Unternehmen weiterleiten, die sich darauf spezialisiert haben. In den Vereinigten Staaten gibt es hierfür zum Beispiel Clear. Clear ist ein privates Unternehmen, das Identitätsprüfungen durchführt, damit ich schnell durch den Flughafen komme. Clear kennt mich und mein Alter.
Wenn ich also auf einer Plattform ein Konto eröffnen möchte, muss ich nur Clear als eine von fünf Optionen auswählen. Ich wähle Clear aus, verifiziere mich, fertig, ich bin drin. Und solange Clear das Unternehmen, das die Anfrage gestellt hat, nicht speichert, würde man selbst bei einem Hackerangriff auf Clear nicht erfahren, wer die Anfrage gestellt hat. Das Unternehmen, das die Altersanfrage gestellt hat, erhält im Grunde nur ein Ja oder Nein. Ist diese Person älter als unser Mindestalter oder nicht? Man erfährt dadurch eigentlich nichts über die Nutzer, nur Ja oder Nein. Es gibt also bereits Dutzende von Unternehmen, die Altersüberprüfungen durchführen.
Schon vor sieben oder fünf Jahren, als ich mich damit zu beschäftigen begann, gab es die länderübergreifende Age Verification Providers Association („Verband der Anbieter von Altersüberprüfungsdiensten“). Es gibt so viele von ihnen, dass es mittlerweile schon einen globalen Verband gibt. (Die Altersüberprüfung) ist eines der Probleme, die die Blockchain lösen sollte. Es gibt alle möglichen Wege, Fakten über Sie zu ermitteln, ohne persönliche Daten weiterzugeben. Ich teile also Ihre Angst vor „Sky Net“, aber die Technologie ist so weit fortgeschritten, dass es Dutzende von Möglichkeiten gibt, dieses Problem zu lösen.
Dies ist ein Auszug aus einem Video von Jordan B. Peterson.
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Hilft es Kindern Schnaps zu verbieten? Ich denke schon.
Vernetzte Mütter .. das ist genau das, was ich von dem Peterson erwartet habe, technokratisches Rumgeonkel.
Dass für das Netz die Grundrechte ramponiert worden sind, nicht mal grundsätzliche Überlegungen finden bei dem statt.
Klar, ab morgen trinke ich mit Gebrauchsanweisung und drei Körner weniger.
Die über allem stehende Frage ist doch: Wozu braucht ein Kind ein Smartphone? Es hat schlicht und einfach nichts dort verloren, wo nur Erwachsene sich betätigen sollten. Man kennt, über Porno und alle sexuell bedingte Bedrohungen hinaus, alle Gefahren der frühen Beschäftigung von Kindergehirnen mit Smartphone und Internet. Trotzdem führt man hochgelehrte Diskussionen, wie man die Seele der Kinder vor Schaden bewahren kann. Kaufen wir Fünfjährigen oder Zehnjährigen ein Auto und lassen sie damit nach Belieben umgehen? Wenn NEIN, warum nicht? Da ist die Antwort auf das Smartphone-Problem: du bist zu klein, warte, bis du alt genug bist. Kürzlich fragte in einem Forum irgendein intelligenzgeminderter Schwachkopf allen Ernstes, ob ein bestimmtes, über 1000 Euro teures Smartphone „gut genug“ sei, für sein Kind (12 Jahre). Wer solche Fragen stellt, ist der lebende Beweis, daß man ohne Gehirn leben kann, nur mit Rückenmark und Anhängseln. Wer meint, sein Kind müsse immer Mama und Papa anrufen können, bzw. anrufbar sein, braucht dazu keinen hochentwickelten „Computer“ in Kinderhand, dazu würde ein simples Handy vom Typ eines Nokia 3310 (keine Werbung, nur symbolhaft) oder ähnlich völlig genügen. Natürlich will die Industrie ihre teuren Geräte absetzen, aber eine Beschränkung auf simple Telefone ohne Zusatzfunktionen würde das Problem erledigen. Wer Kindern Alkohol zugänglich macht, oder sie Autofahren läßt, wird bestraft, dort geht es, warum hier nicht? Und das Argument, „die andern haben auch eins“, wäre damit erledigt. Denn oft ist das genau die elterliche Motivation, bzw. Durchsetzungsschwäche, wenn sie dem Kind das „tollste“ Smartphone schenken. Und nebenbei, wie bekloppt ist eine Gesellschaft, die so teure Geräte Kleinkindern zum Spielen überläßt? Wie verdienen diese Leute ihr Geld? Zu leicht?
Peterson kann das gerne akademisch durchkauen, und jeder kann ihm folgen oder auch nicht. Aber Vater Staat hat da nix verloren. Wer die körperliche Unversehrtheit unserer Kinder mit eingeschleppten Sandleuten und ihrer Gewaltkultur gefährdet, braucht sich um soziale Medien bitte nicht kümmern. In Australien ist das ggf anders, aber hierzulande braucht es nicht lange, bis unsinnige Verbote nachgezogen werden.
@Rolf Wächter, der Unterschied, früher konnte Westfernsehen vielleicht ins Gefängsnis, heute eher ins Irrenhaus, führen.
Eines Tages sitzen die Frömmler des Islam
mit den Frömmlern im protestantischen Christentum an einem Tisch wie eine Familie : Wir haben gemeinsam alle Sinnenlust zur Strecke gebracht . Lasst uns ein Weltkloster der Beckmesserei errichten , in dem wir friedlich bis ans Ende der Welt gesund leben können ! Es lebe die Heuchelei
der Genußunfähigen .
Meine Jugendzeit in 50er Jahren in Ostdeutschland war auch von Verboten geprägt. Kein Westradio hören (Fernsehen für alle war noch weit entfernt). Wer das als Erwachsener
machte und erwischt wurde, konnte sogar ins Gefängnis kommen. Es gab angeblich staatliche Schnüffler, die vor allen abends an Fenstern und Türen lauschten, was drinnen im Radio lief. Trotzdem hat uns das vom Westradio nicht abgehalten. Dabei ging es uns Jüngeren weniger um Politik, aber Rock’n Roll, Country usw gab es nur im Westradio.
Und damit bekamen wir automatisch auch die Informationen vom „bösen Kapitalismus“, der doch vom guten Kommunismus vernichtet werden sollte. Beim Sex war es ähnlich. In der Schule und zu Hause kein Thema, wir wurden von der „Straße“ aufgeklärt, von den etwas Älteren. Teilweise auf ziemlich schweinige Art. Das Verbot von bestimmten Internet-Inhalten wird die jungen Leute von heute nicht davon abhalten, denn gerade Verbotenes lockt sehr. Dann werden evt. auch die etwas Älteren dafür sorgen, das die Jungen erfahren, was dort läuft.