Gastautor / 27.11.2015 / 06:30 / 4 / Seite ausdrucken

10 Jahre Merkel – das Prinzip Felix Magath

Von Hans-Martin Esser

Was haben Felix Magath und die Bundeskanzlerin gemein? Beide waren anfangs nicht besonders erfolgreich, hatten dann genau 10 erfolgreiche Jahre und danach kam nichts Berauschendes mehr.

Als Felix Magath 2001 den VfB Stuttgart übernahm, hatte er in Nürnberg, Frankfurt, Bremen und Hamburg eher den Ruf eines Feuerwehrmannes inne, der mit äußerster Härte aufräumte, dessen Methoden aber nach wenigen Monaten nicht mehr ankamen. Erst mit einer offensichtlichen Läuterung konnte Magath zum Aspiranten für höhere Aufgaben aufsteigen. Nach Erfolgen beim VfB Stuttgart ging er zum FC Bayern, wurde zweimal Meister und Pokalsieger und 2009 auch beim VfL Wolfsburg nochmals Meister. Aber schon beim Wechsel zum FC Schalke 04 zeigten sich Risse des erfolgreichsten Trainers der 00er Jahre. Persönlichkeiten und vereinsspezifische Ideale wurden nicht gewünscht, starke Männer neben ihm ebenso wenig. Stattdessen übernahmen getreue Gefolgsleute zentrale Positionen.

Bis 2010 ging dies gut. Schalke wurde Vizemeister. Der damalige Meister Bayern München hatte mit ähnlichen Methoden Erfolg in der Person von Louis van Gaal, so dass dieses Jahr als die Renaissance der harten Hunde gilt. Van Gaal hatte aber im Gegensatz zu Magath jungen Talenten aus den eigenen Reihen die Möglichkeit gegeben, aufzusteigen. Bayern festigte die Identität mit Jugendspielern.  Er war wie Magath ein Systemtrainer, aber einer, der bei aller Autorität nicht von außen zukaufte, sondern die eigenen Potentiale förderte.

Die heutige Dominanz des FC Bayern ist der Tatsache zu verdanken, dass mit van Gaal ein Trainer planvoll Strukturen änderte. Müller, Alaba und Badstuber sind die letzte Generation von Eigengewächsen, die dem Verein bis heute Freude bereitet. Parallel führte Magaths Engagement beim FC Schalke dazu, dass der Verein bis heute den Anschluss an die absolute Spitze verloren hat. Magath hatte in Personalunion sowohl Trainer- als auch Managerposten beim Revierklub inne. Das verleitete ihn dazu, ungehemmt in der Winter- und Sommerpause jeweils 10-15 Spieler zu kaufen, so dass sich der Profikader unnötig auf 35 Spieler und mehr aufblähte.

Die zugekauften Spieler identifizierten sich mit dem Verein genauso wenig wie die Fans sich mit ihnen.  Teure Irrtümer waren dies. Außer Huntelaar und Raul warf niemand einen Schatten. Über Jahre hatte Schalke ein Identitätsproblem bei seinen Fans. Als Magath eine Woche nach seinem Abschied aus dem Kohlenpott umgehend wieder beim VfL Wolfsburg unterschrieb, ging der Irrsinn weiter. Niemand dort widersetzte sich dem Regiment, der Verein trudelte gerade wegen der offenbar willkürlichen Unmenge an Neuzugängen gen Abstiegsränge.

Gut, Wolfsburg ist neben Hoffenheim der traditionsärmste Verein der Liga, dennoch hat dieser auch eine Seele, möglicherweise weniger als Schalke, dennoch kann man einen Verein von der Größe nicht einfach implodieren lassen ohne Rücksicht auf Verluste. Glücklicherweise haben und hatten Wolfsburg und Schalke Verantwortliche, die dem – nennen wir es System Magath – den Garaus machen konnte – rechtzeitig, bevor weiterer Schaden entstand.

Magath änderte auch beim inzwischen zweitklassigen FC Fulham in England seine Methoden nicht.  Es sind Anekdoten überliefert, die erklären, warum der Erfolgstrainer seither nicht mehr im Gespräch ist, wenn bei den Top-Teams ein Wechsel ansteht. Offenbar verlor er jedes Maß, überzeugt von der eigenen Stärke. Fußball ist ein eher marktwirtschaftlich orientiertes Vorhaben. Stimmen die Zahlen nicht, muss der Erfolgstrainer recht schnell gehen.
Merkel hat erstaunliche Parallelen zu Magath vorzuweisen. In den ersten 10 Jahren – also von 1990-2000 – hat niemand die Frau aus der Uckermark für hohe Aufgaben als prädestiniert gesehen. 2000 hingegen änderte sie ihre Strategie, ähnlich wie Magath. Sie wagte sich als einzige aus der Deckung, stieß den einstigen Übervater der Union Kanzler Kohl aus dem Nest.

Als sie im April 2000 als Vorsitzende der CDU anfing, dachte niemand, dass sich diese Frau gegen Koch, Wulff, Merz, Schäuble und Stoiber werde behaupten können.  2005 kam sie per Schlafwagen ins Amt, zuvor hielt man la Merkel für eine Fehlentscheidung. Sie machte aber aus der Partei eine dienliche Institution, vielmehr als dass sie der CDU dient.  Ich selbst trat 2003 der Union bei, verließ sie aber 2014 wieder. Nichts war mehr da, was mich hielt, außer Beliebigkeit. Weder Wirtschaftsliberales noch Konservatives.  Man baut in der CDU sehr stark auf die Bindung derjenigen, die immer schon Mitglied waren oder die Partei aus diffuser Bildung, sozusagen hirnlos wählte. Diese Menschen Stimmvieh oder gar nützliche Idioten zu nennen, ist unfein. Aber es trifft im Grunde zu. Die Kanzlerin hat mit Pofalla, Kauder und Altmaier ihr bedingungslos treue Männer in Position gebracht, die ohne sie nie Karriere in der Partei gemacht hätten.

Es ist – analog zum System Magath – fast wie eine feindliche Übernahme einer Institution. Merkel hat mit der Markus-Lanzifizierung (Weichspülung) der Union alle Grundsätze und leitenden Politiker über Bord geworfen. Jetzt ist die Bundesrepublik dran, nachdem in der Union kein Stein mehr auf dem anderen steht.  Die Union ist genauso platt wie die Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen.

Aber im Sinne von Schumpeter wäre Merkel nicht ein kreativer Zerstörer, der danach etwas Wunderbares erschafft, vielmehr ist sie eine unkreative Zerstörerin, die jetzt ihre Planlosigkeit nicht verhüllen kann. Sie hat die CDU personell ausgelutscht und meint daraus ableiten zu können, Deutschland in die Zukunft führen zu dürfen. Man kann es ideolgy mainstreaming nennen, unfein könnte man es nennen, es sei ja sowieso alles scheißegal, irgendwas wird schon passieren. Hier wieder eine Magath-Parallele: von 20 Spielern werden schon 3-4 gut sein.

Anders als Magath war sie nie ein harter Hund, aber sie hatten beide einfach nur 10 gute Jahre. Es ist wie von einem Zauber geführt. Der Normalo, den man 10 Jahre für ein Genie hält, um danach wieder unter das Normalo-Niveau abzusinken. Das ist die Crux.

Wie kann es hierzu kommen? Indem man es übertreibt. Merkels Passivität hatte etwas Sphinx-haftes, solange es um nicht viel ging, die Probleme in Griechenland, Russland und Amerika waren, sie von den Reformen Gerhard Schröders lustig profitieren konnte, war alles bestens. Magath ließ man gewähren, solange er nicht 20 Spieler pro Saison kaufte und damit die Identität des Vereins vollends verdrehte.

Da ist eine weitere Parallele von Merkel und Magath, der planlose Zulauf. Wenn die CDU und Schalke heute weniger Identität haben als vor 10 Jahren, so wird dies für Deutschland verheerende Folgen haben. Vor Magath gab es Rudi Assauer, der durch persönliche Gespräche mit Aspiranten testete, ob der Spieler zu Schalke passt. Magath tat das nicht so genau, was sein Scheitern erklärt. Merkel tut dies ebenso nicht. Auch sie wird scheitern. Sie vermischt Asylfragen und von demographischen Kalkülen getriebene Zuwanderungspolitik. So nach dem Motto: Wer hier ist, löst ja irgendwie irgendwo irgendwann unsere Überalterungsprobleme.  Analog: von 20 Spielern werden wohl irgendwie 3-4 Treffer sein. Eine vulgäre Anwendung des statistischen Prinzips der großen Zahl.

Leider ist Deutschland kein an Wettbewerbsnormen orientiertes Unternehmen wie ein Fußball-Verein, sonst wäre die Kanzlerin längst weg.
Man kann weder einen Hitzfeld noch einen Guardiola von außen holen. Es gibt eben nur noch Gabriels, Schäubles und de Maizières, alle anderen haben die Politik verlassen. Das Prinzip Merkel ist ein Prinzip der Übernahme und Überführung in Alternativlosigkeit.

Wäre es ihr Kalkül gewesen, Koch, Wulff, Merz, Stoiber nur darum wegzubeißen, damit sie alternativlos im Amt bleibt, weil man sich keinen der Verbliebenen als Kanzler vorstellen kann, wäre sie vielleicht doch ein Genie. Aber nicht ein politisches, sondern nur eines im Sinne von eigenem Machterhalt.

Hans-Martin Esser (37) ist Ökonom und als Unternehmer tätig.

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Leserpost

netiquette:

Roland Müller / 27.11.2015

Eine der Schwachstellen der “Demokratie” ist, dass in ihr Leute wie Merkel, Obama, Hofreiter, Roth usw. oben schwimmen, nicht da sie die Milch zu Sahne getreten hätten, sondern da allein ein von jedem Wissen und vor allem von jeglichem Selbstzweifel befreites, pathologisch aufgeblasenes Selbstbewusstsein ausreichend ist, um nach oben zu treiben.

Danny Wilde / 27.11.2015

Wulff passt in Ihre Auflistung nicht herein. Bzw. doch, wegen des schlechten Stils, mit welchem er gesellschaftlich erledigt wurde. Aber als möglicher Kanzlernachfolger wäre er wohl kaum geeignet gewesen. Ich habe Wulff immer den Leichtmatrosen oder den Unterschriftenautomaten genannt. Er ist Merkels Bruder im Geiste, nur halt offenbar weniger machtgeil. Ach, ganz vergessen: witziger Ansatz! Ich interessiere mich null für Fußball, habe noch weniger Ahnung davon, weiß zwar wie Magath und Assauer aussehen, aber bei van Gaal ist bereits ein riesiger weißer Fleck. Und dennoch, selbst für den banausigsten Banausen, ein Text zum breit Grinsen!! You made my day!

Frank Schmidt / 27.11.2015

Der Vergleich Merkel-Magath ist unkonventionell, aber m.E. nicht ganz überzeugend. Während Magath nach Ansicht des Autors “nur” die Fähigkeit von Fußballvereinen deutscher Meister werden zu können beeinträchtigt hat, hat Merkel die führende Nation Europas so schwer beschädigt, dass nicht mehr nur die Führungsposition, sondern die innere Sicherheit und das Wohlergehen aller hier lebenden Menschen auf dem Spiel steht. Insofern wird die Unheilsbilanz Merkels eher noch verharmlost. Magath ließe sich eher mit dem Amtsvorgänger Schröder vergleichen, der natürlich keine Dekade vollbekommen hat, aber aufgrund von eigenen Defiziten im Regierungshandeln auch nicht wirklich erfolgreich war.

Harald Drings / 27.11.2015

Jetzt liegt es am Volk, Alternativen zu ermöglichen. AfD nach Lucke und Pegida taugen allenfalls Frust zu äußern, aber die Ursache wird eher noch verschlimmert. Das Volk muss wieder lernen Lösungen einzufordern anstatt das ach so schlimme System Merkel alternativlos zu machen. Pegida hat nie auch nur versucht, konstruktive Gegenvorschläge zu machen, und die AfD macht es seit Luckes Weggang nun auch nicht mehr.

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