Burkhard Müller-Ullrich / 28.04.2017 / 11:30 / Foto: Jwslubbock / 7 / Seite ausdrucken

100 Tage Trump-Tourette

Eine Massenepidemie geht um in Europa, Deutschland ist besonders betroffen. Obwohl die Symptome eklatant und die Diagnosen zweifelsfrei sind, tut sich die Weltgesundheitsorganisation noch schwer mit der offiziellen Klassifizierung. Überhaupt herrscht unter Medizinern große Ratlosigkeit hinsichtlich der Krankheitsursachen, der Übertragungswege, des Verlaufs, der Behandlungsmöglichkeiten und der Prognose. Dies um so mehr, als auch manche Ärzte – trotz professioneller Hygienestandards – häufig von der Trumpolalie befallen werden.

Die Trumpolalie (wissenschaftlich UTLS – „unspecific trumpolalic syndrome“) zeigt sich als zwanghaftes Erwähnen des amerikanischen Präsidenten in den abwegigsten Zusammenhängen. Besonders verbreitet ist es bei Radio- und Fernsehjournalisten, es kann aber sein, daß es bei ihnen nur stärker auffällt, weil ihr Gerede von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Vor allem im Kulturbereich gibt es nichts, keine Kunstausstellung, kein Konzert, keine Architekturdebatte und keinen Theaterabend, was man nicht mit einer abscheugesättigten Bemerkung über Donald Trump verbinden könnte.

Es ist wie Niesen. Es kribbelt im Gehirn und in der Nase; über die Länge von zwei, drei Sätzen baut sich ein neurotischer Druck auf, den sogar die Zuschauer oder Zuhörer mitbekommen, und dann entlädt sich dieser Zwang durch das Hervorstoßen des Einsilbers „Trump“. Trump-wir-wissen-ja; Trump-ist-wie-Hitler; Trump-muß-weg. Die diskursive Anschlußfähigkeit des Namens Trump ist meist durch Themenkreise wie ‚Wahres und Falsches‘ oder ‚Fakten und Meinungen‘ gegeben – also eigentlich immer. Selbst Klimawandel und Holocaustleugnung rufen bei Trumpolalie-Patienten augenblicklich einen Redeschwall, in dem der amerikanische Präsident die Hauptrolle spielt, hervor.

Sein Name liegt wie der magische Märchenfrosch auf der Zunge des kultivierten Europäers. Er muß herausspringen. Der Drang des sinn- und grundlosen Trump-Sagens ist übermächtig. Es gibt noch kein Medikament dagegen. Ein gewaltiger, nicht zu stoppender Wortschluckauf hat unsere Medien und die darin Schaffenden erfaßt. Ihr Verhältnis zu den USA ist allerdings auch sonst nicht ganz gesund. Trump, Trump, Trump. Mein Nachbar möchte eine Gartenmauer bauen. Trump. Die Franzosen werden Le Pen nicht wählen. Trump. Die Kulturförderung bei uns muß erhöht werden. Trump.

Der französische Neurologe Georges Gilles de la Tourette beschrieb Ende des 19. Jahrhunderts eine Serie von Verhaltensauffälligkeiten, die er „Tics“ nannte. Dazu gehören absurde Bewegungen, die von der betreffenden Person ständig wiederholt werden, aber auch Lautäußerungen wie Geräusche und Ausrufe. Wenn letztere aus besonders schmutzigen Wörtern bestehen, spricht man von Koprolalie. Inzwischen hat das Tourette-Syndrom im Journalismus weite Verbreitung gefunden, und zwar in Form von Trump-Tourette.

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Jacek Berger / 29.04.2017

Eigentlich müsste in Deutschland seit 2 Jahren eine massive Merkelolalie herrschen. Dass der Trump für die Deutschen Medien “public enemy” Nr. 1 geworden ist, ist weitere Bestätigung für deutsche Arroganz und Besserwisserei.

Karla Kuhn / 28.04.2017

Dieses Anti-Trump-Geschrei ist lächerlich und zeigt, daß die Schreier panische Angst haben, Trump könnte ihnen das Wasser abgraben. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er ist ein Alpha-Tier und er weiß genau wie er sich ins günstigste Licht setzen kann.  Außerdem hat er kompetente Berater, die leider nicht alle Politiker haben.  Komischerweise, wird Trump verteufelt,  um Erdogan den sehr “lupenreine Demokraten”  ist man sehr bemüht. Man will diesen Mann, bzw die Türkei eventuell sogar in die EU aufnehmen. WAHNSINN !! Wahrscheinlich ist dann das Ende der EU nicht mehr weit.  Wir haben einen sehr fähigen (siehe Israel) Außenminister., der wird es schon richten.

Dorothea Friedrich / 28.04.2017

Danke für die bei mir einsetzende Kicheritis. Diese führt nachgewiesener Weise zu einer erfolgreichen Entspannung.

M.Hofmann / 28.04.2017

Hat das was mit Georg Soros zu tun?

Marcel Seiler / 28.04.2017

Trumpolalie gibt es auch auf Parties. Sie dient zunächst dazu, den Sprecher aufzuwerten, hat aber auch den absolut erwünschten Nebeneffekt, jeder Diskussion über die Einwanderungsproblematik oder die Islamisierung auszuweichen.

Bertram Scharpf / 28.04.2017

Das sehe ich anders. Die Trump-Beschimpfung ist kein zwanghaftes Ausstoßen, das sich einer willkürlichen Steuerung entzieht. Diese Leute können sehr wohl steuern, was sie sagen. Die Beschimpfung des US-amerikanischen Präsidenten (in leicht schwächerer Form kam dieses Phänomen schon bei George W. Bush vor) ist eine moderne Form, wie der Geßler-Hut gegrüßt zu werden hat. Und das geschieht - schlimmer noch - willentlich.

Ottmar Gerster / 28.04.2017

Die von Ihnen erwähnten Meinungsbildungskampagnen, äh Berichterstattungen nerven; viele Leser reagieren und bestellen die Wurst- und Käseblättchen scharenweise ab. So kann es sich ereignen, daß aus den Berichterstattern Bericht-Bestatter werden, die ihre an akuter Trumpose gestorbenen Kollegen, in das letzte Deckblatt ihres jeweiligen Zentralorgans eingewickelt, würdig verabschieden. Natürlich nicht ohne Lichterketten.

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