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Spotlight
28.01.2009 +Feedback
Wollt ihr die totale Revision?
Was haben Sie Ihren Lieben an Heiligabend vorgelesen? Das Weihnachtsevangelium? Oder gehören Sie zur prophetischen Avantgarde, die gleich zur Offenbarung des Johannes weitergeblättert hat?
Traditionell überlassen wir den Part des Propheten, der durch unsere unwirtlichen Städte wandert, das baldige Ende der „großen Hure Babylon“ verkündet und die Passanten zur Umkehr mahnt, dem Kreis bibelfester Obdachloser. Doch seit die Finanzkrise Banken gesprengt und die Automobilindustrie ins Stottern gebracht hat, sind auch die gebildeten Stände von einer aggressiven Prophetitis befallen. So war von Thomas Friedman, einem der prominentesten Kolumnisten der New York Times, zum Jahresende 2008 zu lesen: „In letzter Zeit gehe ich in Restaurants, schaue mich an den Tischen um, an denen es immer noch von jungen Leuten wimmelt, und ich habe dieses Bedürfnis, von Tisch zu Tisch zu gehen und zu sagen: ‘Sie kennen mich nicht, aber ich muss Ihnen sagen, Sie sollten hier nicht sein. Sie sollten Ihr Geld sparen. Sie sollten Ihren Thunfisch zu Hause essen. Diese Finanzkrise ist bei weitem noch nicht vorbei. Wir sind nur am Ende des Anfangs. Bitte lassen Sie sich Ihr Steak einpacken und gehen Sie nach Hause.‘“ Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete. Und anstatt zu fragen, ob es nicht atemberaubend unverantwortlich ist, wenn ein einflussreicher Wirtschaftsfeuilletonist den apokalyptischen Harlekin gibt, sinniert der Herausgeber Frank Schirrmacher über „die Evolution einer Krise, deren Dramatik buchstäblich mit jeder Woche neue rhetorische Maßnahmen verlangt.“ Ein herzloser Tropf, wer im Angesicht der Krise als erstes an politische und ökonomische Maßnahmen denkt.
Nun ist der Schwanengesang, das hohe Lied vom baldigen Ende der Menschheit, beileibe keine Erfindung unserer Tage. Die Bibel ist gerade mal sieben Kapitel alt, schon schickt der Herr die Sintflut, auch im Gilgamesch-Epos bestellen die Götter den großen Regen, während die Edda eher auf den Weltenbrand setzt. Die Menschen des Mittelalters waren alle Naslang sicher, von einem Kometen oder der Pest kollektiv ausgelöscht zu werden. Auch das 20. Jahrhundert begann – noch vor der realen Katastrophe des Ersten Weltkriegs – mit der fiebrigen Erwartung des Halleyschen Kometen. Kaum hatte man den nationalsozialistischen Terror hinter sich gelassen, erhitzte die Angst vor dem Atomtod die Gemüter bis an den Rand der Kernschmelze. In den 70ern entdeckte der Club of Rome die Ökologie als weites Feld für Untergänge. Und die 80er bescherten uns die spezifisch deutsche Spielart dieser Angst: Das Waldsterben.
Es ist also nichts Neues, wenn in unseren Tagen wahlweise die Vogelgrippe, der Millenium Bug, die demographische Entwicklung, die Erderwärmung oder aktuell die Wirtschaftskrise als Reiter der Apokalypse besungen werden. Das Geschäft mit der Angst dürfte das in Wahrheit älteste Gewerbe der Welt sein. Neu ist allerdings, dass sich die Apokalypsen in immer rasanterem Wechsel ablösen. So wie Starbucks uns jeden Monat mit einem anderen „Coffee Highlight“ bei Laune hält, kredenzen uns die Massenmedien mittlerweile den Untergang des Monats. Nicht die „Evolution der Krise“ verlangt jede Woche nach „neuen rhetorischen Maßnahmen“. Presseorgane tun es, bei denen der Lautstärkeregler offensichtlich nur in eine Richtung zu drehen ist.
„Es gibt Leute, die sich über den Weltuntergang trösten würden, wenn sie ihn nur vorhergesagt hätten“, notiert Friedrich Hebbel 1845 in seinem Tagebuch. Und Friedrich Sieburg schreibt gut hundert Jahre später: „Ein wesentlicher Reiz unserer Zivilisation besteht in der Reichhaltigkeit der Palette, mit der wir die Menschheit malen, wie sie dem Grabe zuwankt. Man muss auch eine Sache, von der man nichts weiß, zu Ende denken können.“
Doch Sieburg spottet nicht nur, er bietet auch eine Erklärung an für „Die Lust am Untergang“, die er als Lebensgefühl selbst in der aufstrebenden Wirtschaftswunder-Bundesrepublik allenthalben diagnostiziert: „Der Alltag der Demokratie mit seinen tristen Problemen ist langweilig, aber die bevorstehenden Katastrophen sind hochinteressant ... Wenn wir schon mit unserem Dasein nichts Rechtes mehr anzufangen wissen, dann wollen wir wenigstens am Ende einer weltgeschichtlichen Periode stehen. Richtig zu leben ist schwer, aber zum Untergang reicht es allemal.“
Spricht also tatsächlich der Freudsche Todestrieb aus uns, „das wunderbare Sehnen dem Abgrund zu“, wie Hölderlin es nannte? Auf den ersten Blick erscheint die Annahme absurd. Denn unsere Endzeitverkünder sind weit davon entfernt, wie Wotan in Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ zu donnern: „Nur Eines will ich noch, das Ende! Das Ende!“
In einem Punkt sind sich Wotan und die heutigen Apokalyptiker jedoch frappierend einig: Die Welt hat sich in eine grundverkehrte Richtung entwickelt und hätte es dafür verdient unterzugehen. Wie der Wagnergott sein gesamtes zivilisatorisches Werk als „herrische Pracht, göttlichen Prunkes prahlende Schmach“ verflucht, geißeln auch unsere zürnenden Zeitgenossen den way of life, entlarven das fundamental Verheerende an unseren individualistisch-kapitalistischen Gesellschaften. Zweifel und moderate Töne sind ausgeschlossen.
In seinem Bestseller „Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft“, prophezeit Frank Schirrmacher 2006: „Wir glaubten bisher, unser Spiel mit Elementargewalten beschränke sich auf die technisch-wissenschaftliche Welt ... Aber auch die Familie und die verwandtschaftlichen Netzwerke, so müssen wir jetzt erkennen, sind Urgewalten, mit denen wir gespielt, deren Kräfte wir entfesselt haben und deren Kontrolle uns und unseren Kindern zu entgleiten droht.“
Schirrmacher kann auf eine solide bundesrepublikanische Katastrophen-Vorarbeit setzen.
Von sich rächenden Urgewalten weiß der Schriftsteller und Öko-Aktivist Carl Amery (1922 – 2005) bereits in den 80er Jahren zu berichten: „Das Waldsterben“, schreibt er, „ist der untrüglich einsetzende Versuch der Gaia, d.h. des Lebewesens Erde, sich durch eine gewaltige Operation einer misslungenen Spezies zu entledigen ... Es erfordert die totale Revision unserer so genannten Werte. Darunter läuft nichts mehr.“
Philosophisch anspruchsvoller, aber nicht weniger „total“ formuliert taucht der Gedanke des „darunter läuft nichts mehr“ schon gut zwanzig Jahre früher in Karl Jaspers’ Schrift „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ auf: „Vor der Drohung totaler Vernichtung sind wir zur Besinnung auf den Sinn unseres Daseins zurückgeworfen. Die Möglichkeit der totalen Zerstörung fordert unsere ganze innere Wirklichkeit heraus.“
Die Sehnsucht hinter der Katastrophenrhetorik ist: Der Mensch möge zur radikalen Umkehr finden. Deshalb reicht es auch nicht, die krisenhaften Exzesse unserer Lebensform zu benennen und nach konkreten, pragmatischen Auswegen zu suchen. Krisen sind von dieser Welt, gehören zur normalen Entwicklung der menschlichen Geschäfte. Katastrophen jedoch sind Ereignisse, die den Lauf der Dinge jäh unterbrechen, Eruptionen, die das Kontinuum sprengen, die Geschichte in eine andere Richtung zu reißen vermögen. Krisen machen das Leben auf unspektakuläre Weise anstrengend, weil sie die mühsame, sorgfältige Kleinarbeit der Nachbesserung und Feinjustierung erfordern. Katastrophen hingegen sind Zeiten der großen Geste. Die Katastrophe rüttelt das saturierte Individuum auf. Und gleichzeitig erlaubt sie ihm, sich zum Retter aufzuschwingen.
Niemand spielt die Rolle des erschütterten Erschütterers derzeit so gut wie Al Gore. Es ist mehr als eine menschelnde Zutat, wenn der Mann, der sich zu Beginn von „Eine unbequeme Wahrheit“ mit dem Satz: „Ich war früher mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika“ vorstellt, später im Film erzählt, wie seine Wendung zum Klimaretter geschah: Sein sechsjähriger Sohn rang nach einem Autounfall wochenlang mit dem Leben. Die private Katastrophe als Bekehrungserlebnis. Und gleichzeitig gibt der Friedensnobelpreisträger von 2007 halb selbstironisch zu, dass sein globaler Ökokreuzzug eine schöne Ablenkung von der Enttäuschung ist, das Präsidentenamt im Jahre 2000 so knapp verpasst zu haben. Selten lagen Ego-Show und Weltrettungsgestus dichter beieinander.
Seit ihren Anfängen zielt die Warnung vorm Weltuntergang darauf ab, die Menschheit in ihrem Größenwahn zu zügeln, sie daran zu erinnern, dass es Mächte gibt, die größer sind als sie selbst. Doch schlägt die vom Endzeitraben grell vorgetragene Mahnung zur Demut, zur großen Ein- und Umkehr, nicht selbst in Hybris um, wenn sie sich dazu aufschwingt, unsere Gesellschaft insgesamt abzukanzeln und ihr deshalb die „totale Revision“ zu verordnen? Steckt in dem Ekel, den unsere Apokalyptiker angesichts des alltäglichen, tatsächlichen Lebens offenbar empfinden, nicht letztlich doch etwas zutiefst Lebensfeindliches, dem Freudschen Todestrieb Verwandtes?
Um Himmels Willen, nein! würden die guten Menschen von ihren Klima-, Demographie- und Live-8-Gipfeln herab rufen. Wir mahnen und rütteln doch gerade, weil wir das Leben lieben, die Menschheit retten, der nächsten Generation eine nicht-verwüstete Erde hinterlassen wollen. Unser Ekel ist nicht der Ekel vor dem Leben als solchen, sondern der Ekel vor dem falschen, kapitalistischen, ausbeuterischen, entfremdeten, oberflächlichen, egoistischen Leben, wie wir es in den westlichen Gesellschaften führen. Aber warum machen sich unsere Apokalyptiker auf dem wohlwollenden Auge blind, warum sehen sie nur die gierigen Manager, die (noch) nicht beseitigte Armut, den Konsumismus, die billige Plastikkultur, die verschmutzten Flüsse? Und nicht die verantwortungsvollen Unternehmer, die verbesserten Lebensbedingungen auch für die ärmeren Schichten, die Museen und Opernhäuser, die Naturschutzparks, die unsere angeblich so durch und durch verrottete Zivilisation ebenso hervorgebracht hat?
„Die janze Richtung passt mir nicht.“ Der Spruch, den Kaiser Wilhelm II. getätigt haben soll, ziert auch die Wappen unserer unbarmherzigen Levitenleser. Aber was wäre die Richtung, die besser passte?
Den deutlichsten Aufschluss über die Hoffnungen der Endzeitverkünder gibt das Katastrophenkino à la „The Day After Tomorrow“: Geschiedene Väter, die es am Vortag der Katastrophe noch nicht einmal fertig gebracht haben, ihren Sohn pünktlich zum Flughafen zu fahren, marschieren zu Fuß durch die plötzlich hereingebrochene Eiszeit, um eben jenen Sohn aus einem in Eis und Schnee versunkenen New York herauszuholen. Penner und Millionärssöhnchen, die sich eben noch feindlich fremd aus dem Weg gingen, teilen sich den letzten Pullover.
Wem dies zu trivial erscheint, der möge bei Heinrich von Kleist, in „Das Erdbeben in Chili“, nachlesen. Der düstre Dichter ergeht sich ebenfalls in Schilderungen des klassenlosen, von Nächstenliebe durchströmten Idylls im Windschatten der Katastrophe, auch seinen Protagonisten will es – wenigstens vorübergehend – so scheinen, „als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.“
Muss man so extreme Erfahrungen wie die Auschwitzüberlebende Ruth Klüger gemacht haben, um zu erkennen, dass die Vorstellung, besonders großes Leid würde besonders humanisierend wirken, ebenso rührseliger wie fataler Kitsch ist?
Die Menschheit wird sich von dem schlechten Gewissen, das sie plagt, seit Prometheus den Göttern das Feuer geklaut und Eva und Adam vom Baum der Erkenntnis gekostet haben, nicht befreien, indem sie alle fünf Minuten den nächsten Weltuntergang herbei phantasiert und dabei doch nur heimlich hofft, den Schleichweg zurück ins Paradies zu finden. Alle Wege dorthin sind verbaut. Und deshalb wird die Menschheit auch keine gerechteren Gesellschaften kreieren, indem sie an der Utopie festhält, Frieden herrsche erst dann, wenn alle Konflikte, Gegensätze und Widersprüchlichkeiten ausgemerzt, alle Zersplitterungen in einer großen Weltumarmung gekittet sind. Der Mensch ist aus krummem Holz gemacht. Jeder Versuch, aus ihm etwas gänzlich Gerades zu zimmern, hat bislang nur einen Ort erschaffen: Die Hölle auf Erden.
© Thea Dorn 2008
zuerst erschienen im SPIEGEL 02/2009 unter dem Titel „Lust an der Apokalypse“


