Spotlight

Markos Reisenotizen 8

  24.12.2007   +Feedback

Timur und sein Trupp: Herrn Lehmanns Verwandte leben und warten in Reykjavik

Herr Lehmann könnte hier gewesen sein, das heißt: hier herumgehangen haben. Die dem „Kaffibarinn“ angemessene Sitzhaltung ist nämlich jene der moderaten Horizontale: Ob auf dem breiten, leicht zerschlissenen Samtsofa unterhalb des fleckigen Spiegels im Goldrahmen oder auf diversen Stühlen und Barhockern – am besten, man sackt sogleich in die Klappmesser-Fragezeichen-Zeitungsleser-Haltung. Mühelos lässt sich so ein Schläfchen halten, Wegdämmern am späten Nachmittag, Zusammensacken am frühen Morgen, jedenfalls ein Vor-sich-Hinlümmeln die ganze Zeit, das verblüffenderweise jedoch weniger schlaff wirkt als vielmehr körperbewusst und cool. Traten und treten nicht auch Rocksänger in dieser Weise auf die Bühne, ihre Oberkörper den an die Hüfte gepressten E-Gitarren zugewandt, als gelte es etwas – einen Rhythmus, einen Text, eine Melodie - zu beschirmen, oder besser noch: Ein Geheimnis zu erlauschen?
„Robert Plant liegt über Reykjavik, und Autos schlängeln sich durch sein Haar, diese lange veraltete Zeppelin-Matte.“
Das fortwirkende Mysterium der Café-Bar „Kaffibarinn“, gelegen im Bohemeviertel der isländischen Hauptstadt, besteht wahrscheinlich darin, dass ihr Text bereits geschrieben wurde. (Natürlich, höhnt da die vermeintlich wissende Stimme aus dem Off, von jemand anderem als diesen freundlich-amorphen Stammgästen, denn von nix kommt nun mal nix. Welch partieller Irrtum!) Der Schriftsteller Hallgrimur Helgason, Jahrgang 1959, lebte zwar eine Weile in München, Paris und New York, betrachtete Reykjavik jedoch stets als sein eigentliches Kraftzentrum – jener Kraft, die aus der Ruhe kommt, einer geradezu mönchischen Kontemplation, die selbst vom höheren Getöse eines Robert Plant oder Kurt Cobain nicht gestört, sondern verstärkt und veredelt wird. Die Geburt des Freaks aus dem Geist von Esoterik und geradezu calvinistischem Arbeitseifer: 1996 erschien Helgasons bald darauf auch ins Deutsche übersetzter 400-Seiten-Bestseller „101 Reykjavik“, der nicht nur den mit dieser Zahl benannten Postzustellungsbezirk zum Kultort machte, sondern darüber hinaus einen isländischen Vorgänger zu unserem Kreuzberger Herrn Lehmann schuf. „Ich heiße Hlynur Björn Hafsteinsson. Ich bin geboren am 18.02.62. Heute ist der 15.12.95. Zwischen diesen Tagen: alle meine. Zwischen diesen Daten liege ich.“ Falls er nicht zu Hause bei seiner Mutter hockt und heimlich Porno-Sites im Internet durchstöbert oder sich – dies schon mit größerem Selbstvertrauen – die monatliche Sozialstütze abholt, liegt oder hängt oder lümmelt oder wartet dieser Herr Hafsteinsson dann im „Kaffibarinn“, im Roman kurz und knapp „K-Bar“ genannt. Logischerweise wurde hier auch der gleichnamige Film zum Buch gedreht, der vor drei Jahren mit großem Erfolg selbst in deutsche Kinos kam, während sich das „Kaffibarinn“ im fernen Reykjavik nun endlich aus der Masse ähnlicher locations herausgehoben wusste. Zu Ehren des Ortes sei gesagt, daß man dennoch auf Reputations-Tineff verzichtet: Keine Filmposter und peinlich fraternisierende Autor,Regisseur&-Gäste-Fotos an den Wänden, statt dessen alternative Veranstaltungsposter, an der Ablage neben dem Zigarettenautomaten auf dem Weg zur (übrigens peinlich sauberen) Toilette Flyer für Konzerte, Lesungen und dergleichen, jedoch nirgendwo eselsohrige A 4-Blätter mit Unterschriften für, sagen wir, den Weltfrieden. Wer, und das ist wahrscheinlich der entscheidende Unterschied zu Kreuzberg, ins „Kaffibarinn“ tritt, muss sich und andere nicht erst herrisch seiner progressiven Haltung versichern, sondern kann selbige sogleich überführen in einen bereits per se friedlich vegetabilen Zustand. Auch Drogen spielen kaum eine Rolle, dafür sorgen schon die Flughafen – und Schiffszöllner der Insel. Schließlich kann man auch mit Cappuccino high werden an einem verregneten Nachmittag 1995 oder 2005, wenn es draußen windet und innen heimelige Wärme herrscht, von Ozzy Osborne aus dem stets nur halblaut gestellten Lautsprecher noch verstärkt: I´m just a dreamer. Und so lebten sie im „Kaffibarinn“ vor sich hin – weder offensichtlich deprimiert noch anscheinend von größeren Zukunftsplänen in Anspruch genommen; schließlich hatte einer von ihnen, primus inter pares, in seinem Roman ja bereits der gesamten lesenden Welt Kunde von ihrer Existenz gegeben. („Timur wohnt in der K-Bar. Er ist zuverlässig. Coole Seele. Timur trinkt Tee mit Rum. Außer Rum beschäftigt Timur allerlei Esoterisches.“) Timur, Hlynur inclusive all ihrer realen Wiedergänger an diesem Nachmittag mögen nun nicht gerade geschaffen sein nach dem Weltbild der Arbeitgeberverbände, immerhin sind ihre Schritte über die stets glänzenden und kaum je mit Zigarettenkippen verunreinigten Holzdielen keineswegs schwankend, auch scheinen sie nicht von antikapitalistischen Ressentiments getrieben zu sein. Der Besitzer der Ladens, mit dem sie alle da so angeregt plaudern, ist nämlich kein anderer als der erfolgreiche (und als solcher wohl nicht ganz mittellose) Regisseur der Romanverfilmung. Durch den Raum dringt jetzt die krächzende Stimme Mick Jaggers, doch die junge Frau hinter der Bar – modischer Kurzhaarschnitt statt Dreadlocks – sitzt noch immer hochkonzentriert vor ihrem Laptop. Wartet nicht irgendetwas ab, sondern schreibt. Hat dabei keine Zeit, auf die anderen herabzusehen, wird von den anderen nicht scheel beäugt. Egalität ohne Ismus. Leben und Leben-Lassen auf isländisch.

Druckversion