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Spotlight
26.07.2007 +Feedback
Stefan Zweig in Brasilien. Ein Spaziergang, eine Hommage
Natürlich kann man weder durch Rio noch durch Salvador da Bahia laufen, ohne an ihn zu denken. Weshalb eigentlich? Warum tust du das, fragen mich mitunter gleichaltrige Kollegen: Statt andauernd zu reisen, könntest du mehr Bücher schreiben, und statt vor deinen Reisen soviel über das jeweilige Ziel zu lesen, könntest du ganz spontan.... Unfug. Man sieht nur, was man weiß, und einer, von dem man über die Jahrzehnte hinweg noch Wissen empfangen möchte, weil es so lauter und menschenfreundlich weitergegeben wird, weil man seiner Stimme vertraut und von seiner jugendlich gebliebenen Begeisterungsfähigkeit mitgerissen wird, ist eben jener Stefan Zweig, dessen Geburtstag sich letztes Jahr zum 125. Male jährt. Wäre ich jetzt anders durch Brasilien gereist, hätte ich da schon die deutsche Ausgabe von Alberto Dines´ „Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig“ bei mir gehabt? Ein wunderbar geschriebenes, siebenhundert Seiten starkes Buch über die brasilianische Zeit des von Hitler aus Europa vertriebenen Humanisten, ein Buch über die letzten Monate, Wochen, Tage, ja Stunden eines tapferen Humanisten, der am Schluss einfach keinen Lebenswillen mehr aufzubringen vermochte. Bei den Streifzügen durch Rio und Salvador – man braucht für so etwas eine Hose mit vielen tiefen Taschen für eine kleine Kamera und das Notizbuch, das so verborgen sein muss, dass es zweifelhafte Passanten nicht etwa mit einer prall gefüllten Brieftasche verwechseln, während das eigentlich Geld noch besser versteckt sein sollte und nur wenige Reales-Scheine im Gegenwert von circa fünf Euro in der hinteren Tasche zum quasi problemlosen Zugreifen bei eventuellen Raubüberfällen zu stecken haben – bei all diesem von gewissen Vorbereitungen abhängigen Flanieren wäre das voluminöse Werk sicherlich ein Hindernis gewesen. Aber hatte ich nicht ohnehin, wie der Vorwurf lautete, bereits Wochen vorher mit dem vergnüglich-obligatorischen „Einlesen“ begonnen und mich dabei in die schöne Insel-Taschenbuch-Ausgabe von Stefan Zweigs „Brasilien. Ein Land der Zukunft“ versenkt? Solle jedoch niemand denken, derlei garantiere später ein jauchzendes „Genauso wie ich´s gelesen habe!“ á la Elke Heidenreich, ein ebenso sympathisches wie reichlich naives Missverständnis vom Wesen der Literatur. Eher schon schlängelt sich die Wirklichkeit in das Schweigen zwischen den Zeilen und wertet diese damit auf, und dass eben jenes Wechselspiel in Brasilien unter freundlicher Sonne und blauem Meer vor sich geht, unter von lauen Lüftchen leicht bewegten Palmenblättern und Rhythmen und Blicken, die so allerlei versprechen (und auch halten!), sollte nicht zur Annahme verführen, man wäre plötzlich im Paradies.
Als „ein paar Dinge, die morgen vielleicht schon verschwunden sind“ beschreibt Stefan Zweig die Favelas („die Negerdörfer mitten in der Stadt“) sowie die Bondes, die offenen Trambahnen. Diese aber gibt es noch immer, von der Rua Lélio da Gama rumpeln sie hoch nach Santa Teresa, doch obwohl sie von den Einheimischen in sagenhaft mildem brasilianischen Portugiesisch als „Bondsches“ ausgesprochen werden, trägt der Fahrkartenkontrolleur ab Einbruch der Dämmerung neben seiner abgeschabten metallischen Knipszange auch eine veritable Maschinenpistole bei sich – zum Schutz vor marodierenden Kriminellen aus eben jenen Favelas. „Was Rio allein gehört: seine farbige, unbesorgte Lebendigkeit“, schwärmte Stefan Zweig und natürlich stimmt auch das. Vor allem aber ist es dieses auch, die Präsenz des jeweils anderen: Auch unter Palmen drohender Tod und Vernichtung, auch in den Elendsvierteln lächelnde Hilfsbereitschaft, die einen nicht neppen will, sanfte Musik und schnell gezogene Messer, sanftmütig muskulöse Riesen und schöne Frauen mit dem allzu sichtbaren Dollarzeichen in den Pupillen – ein sowohl-als-auch in einer Idylle, die (um erneut ein realitätstaugliches Klischee zu bedienen) mitunter grausam trügt. All das wäre vielleicht banal, würde man nicht beim Blick über die Allerheiligen-Bucht ganz oben in Salvador da Bahia, beim Schlendern durch die Altstadtgassen von Pelourinho immer wieder das Aufatmen des gejagten, gealterten Emigranten vernehmen, den Wunsch, alles möge endlich gut sein, freundlich, sinnlich und doch gesittet: „Darum beruht auf der Existenz Brasiliens, dessen Willen einzig auf friedlichen Aufbau gerichtet ist, eine unserer besten Hoffnungen auf eine zukünftige Zivilisierung und Befriedung unserer von Hass und Wahn verwüsteten Welt.“ Heute sterben jedes Jahr Zehntausende (sic!) Brasilianer an Schusswaffenverletzungen, werden von Drogen-Gangs vollbesetzte Busse in Brand gesetzt, um Schutzgelder einzutreiben, wird über sechs Jahrzehnte nach dem Freitod von Stefan Zweig und dessen Frau im idyllischen Petropolis zwar nicht jede Hoffnung, aber doch so manche, entscheidende, ad absurdum geführt. So stellt sich, je länger man herumläuft und schaut, zwischen Wachsamkeit und Neugier balanciert, zwischen jubelnder Daseinsdankbarkeit und gesunder Skepsis, irgendwann genau diese Frage: Und wenn es doch nicht allein Hitler war? Wenn es das Böse – freilich nirgendwo in vergleichbar eliminatorisch-massenmörderischem Ausmaß – auch hier geben würde, überaus sichtbar in der mordlüsternen Visage des brutalen Halbwüchsigen an der Ecke, der eben keineswegs allein ein unschuldiges „Opfer der Umstände“ ist? Wenn es aber auch und gleichzeitig und dennoch und trotz alledem nur ein paar Meter entfernt pure Schönheit, die einladende, ehrliche, lockende und im korrekt-kühlen Norden gänzlich undenkbare Geste geben würde – und all dies zwar nicht die Vorstellungskraft Stefan Zweigs gesprengt, wohl aber seine Sprache der „abgerundeten Sätze und abgerundeten Empfindungen“ (Hermann Kesten) überfordert hätte? „Stefan Zweig“, schrieb sein guter Freund und Kollege Kesten in einem Nachruf, „der Bewunderer, Schüler, Patient von Sigmund Freud, war viel zu keusch. Allzu schamhaft, fürchtete er sich vor dem Nackten. So hat er vielleicht nie ein wirklich nacktes, ganz aufrichtiges Wort geschrieben.“ Mag sein. Tatsache jedenfalls ist, dass man nur schwerlich durch Brasilien reisen kann, ohne jenes grundanständigen Menschen zu gedenken, der diesem Land sein allerletztes Buch widmete. Man weiß vielleicht auch das, was man nur ahnt.

