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Beifahrer

  24.06.2008   +Feedback

Sommer, Sonne, Autobahn

Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 20.06.2008

Wir schreiben an dieser Stelle meistens über Dinge, bei denen wir uns einig sind. Eine Sache, bei der uns das partout nicht gelingen will, ist das Autofahren. Wir meinen das gemeinsame Autofahren. Deshalb nehmen wir meistens die Bahn. Das ist aber manchmal zu umständlich. Deshalb fuhren wir kürzlich mit einem Leihwagen zu einer Veranstaltung im schönen Tirol. Der Urlaubsverkehr war schon voll entbrannt und strapazierte die Nerven - besonders die von Maxeiner. 

Der saß nämlich auf dem Beifahrersitz. Der Fahrer, so sagen Psychologen, empfindet das Auto als erweiterten Körper, den er souverän beherrscht. Der Beifahrer empfindet genauso, nur wird sein Körper beherrscht. Er ist zur Passivität verdammt, und fühlt sich unbewusst als würden seine Organe vom Fahrer gesteuert. Der Beifahrer ist eine Marionette. Knapp 20 Millionen deutsche Beifahrer altern in Rekordzeit - hilflos den Ein- und Ausfällen ihres jeweiligen Piloten ausgesetzt. Ein deutsches Auto ist statistisch mit 1,4 Personen besetzt, der Beifahrer ist also gleichsam nur ein halber Mensch - und so wird er auch behandelt.

Verkehrsexperten empfehlen Beifahrern vor allem Gelassenheit. Sie raten, möglichst wenig Kritik zu äußern oder Angst zu zeigen: Derartige Reaktionen würde nur den Fahrer belasten. Für den Fahrstil, für die Atmosphäre im Auto, ja sogar für die Sicherheit unterwegs sei der Mitfahrer oft entscheidend, und es sei durchaus wünschenswert, das sichere, konfliktfreie und angenehme Miteinander im Auto zu üben. So sei es hilfreich, die Fahrweise der Person am Steuer zu loben. Miersch wurde sehr viel gelobt auf dieser Fahrt.

So eine Ausfahrt auf sommerlichen Autobahnen ist aber auch noch aus weiteren Gründen eine abwechslungsreiche Sache. Dafür sorgen die Radiostationen, die inzwischen zehntausende freiwillige Ver-kehrsmelder rekrutierten. Mit Handy und Pflicht-bewußtsein leisten diese “meldewilli-gen Personen” (WDR-Zitat) ihren Dienst am Auto fahrenden Volk. Ihnen ent-geht nicht der geringste Vorfall, manchmal werden sie sogar live ins Radiostudio geschaltet. Der Ver-kehrs-melder ist unermüdlich und wach-sam, gleich-sam der Flakhel-fer der Stausaison.

Aufschlussreiche Beobachtungen machten wir dann auch noch an unserem Zielort, wo wir uns in einem populären Cafe mit Sommerterrasse von der Strapaze erholten. Früher war es schwierig aufzufallen, weil niemand sich ein Cabriolet leisten konnte. Heute ist es schwierig aufzufallen, weil sich so viele ein Cabriolet leisten können. Knapp ist eigentlich nur noch der Parkplatz, weshalb die vielen schönen Cabriolets samt Fahrer und Beifahrer unablässig um das Straßencafe herumfahren müssen. Das Auto hat in diesen Fällen nicht mehr den Zweck von A nach B zu fahren, sondern unablässig um A herumzukreisen. Der Sehen-und-Gesehen-Werden-Verkehr ist somit das einzige Kinder-Karussell, für das ein Führerschein benötigt wird.

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