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Michael Miersch 22.07.2008 +Feedback
Problemgruppen wohin man blickt
Die Politik kümmert sich immer eifriger um die Laster und Untugenden der Bürger
Deutschland hat jede Menge Probleme. Über die Hälfte der Erwachsenen sind zu dick. Jedes fünfte Kind leidet unter Essstörungen. Jugendliche besaufen sich oder werden computersüchtig. Alte bewegen sich zu wenig. Gewalt gegen Frauen grassiert, ebenso wie Rechtsradikalismus, Aids und Drogensucht. Offenbar gibt es überall Handlungsbedarf. Wenn Experten nach Prävention rufen, sind Ulla Schmidt, Ursula von der Leyen und Horst Seehofer stets zur Stelle. Die Missstände, klären sie uns auf, sind viel größer als wir dachten. „Gewalt gegen Frauen findet mitten unter uns statt,“ weiß die Familienministerin. Das Gesundheitsministerium stellt besorgt fest, dass 63 Prozent der Jugendlichen „gerne besser aussehen würden. Und findet diese Zahl „beunruhigend“. Der Verbraucherminister fordert mehr Anleitung zum gesunden Essen, ist aber optimistisch, denn „da ist eine lautlose Revolution im Gange.“ Damit hat er eine Entwicklung treffen beschrieben, die tatsächlich das Selbstverständnis der Gesellschaft und des Staates revolutioniert.
Einst galt ungesundes Verhalten zumeist als Privatsache. Unsoziales Verhalten ebenfalls, solange es nicht strafbar war. Heute soll staatliche Prävention Menschen vor Dummheiten und Fehltritten bewahren. Ein Bundespräventionsgesetz, das die Krankenkassen zu gesundheitlichen Präventionsmaßnahmen verpflichten sollte, ist in diesem Frühjahr vorerst gescheitert. „Der Entwurf ist nicht tot, aber er liegt tief in der Narkose,“ sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Unions-Fraktion, Annette Widmann-Mauz. Unterdessen üben sich die einzelnen Ministerien in Prävention wo immer es geht. Die staatliche Lebenshilfe entdeckt laufend neue Problemfelder und gibt Millionen für erzieherische Kampagnen aus. „Man kann einen Menschen,“ schrieb der Aufklärer John Stuart Mill, „nicht rechtmäßig zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, weil dies besser für ihn wäre, weil es ihn glücklicher machen, weil er nach Meinung anderer klug oder sogar richtig handeln würde.“ Das war einmal. Eineinhalb Jahrhunderte nach Mill ist individuelle Unvernunft zur öffentlichen Angelegenheit und zur Aufgabe des Staates geworden.
Raucher sind auf den Sozialstatus von Junkies gesunken. Während in der Wirtschaftswunderzeit Männer noch selbstbewusst ihr Wohlstandsbäuchlein trugen und ihre runden Frauen mit Stolz präsentierten, gelten die Dicken von heute als willensschwache Verlierertypen, die dringend therapiert werden müssen. So wie die Jugendlichen, die vor lauter Panik vorm dick sein in die Magersucht kippen. Selbst der Beitritt zu einer religiösen Sekte wird nicht mehr den Angehörigen, den Freunden oder dem Pfarrer überlassen, sondern ruft das Präventionskommando der nächsten Beratungsstelle auf den Plan.
Wer an soviel Fürsorge Zweifel hegt, wird mit der Dringlichkeit des Problems zum Schweigen gebracht. Immer muss etwas geschehen. Egal ob es überhaupt Daten darüber gibt. Mangelt es an Statistik, reichen oft schon vermutete oder gefühlte Übel. So heißt es im Aktionsplan II der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen: „Die Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen rückt immer mehr in den Mittelpunkt.“ Ein Absatz weiter ist dann zu lesen: „Datenmaterial, welches das tatsächliche Ausmaß der Gewalt gegen behinderte Frauen im sozialen Umfeld belegt, fehlt bislang.“ Auch Horst Seehofers Projekt, ungesunde Lebensmittel kennzeichnen zu lassen, bleibt vorsichtshalber im Allgemeinen. Der Brennwert eines Produkts soll auf der Packung angegeben werden, außerdem der Gehalt an Zucker, Fett, Salz und ungesättigten Fettsäuren. Gestritten wird noch ob das in Form von Farbsymbolen (rot für ungesund, grün für gesund) geschehen soll. Aber was ist gesund? Salz und Fett sind lebensnotwendig. Mäßiger Genuss ungesunder alkoholischer Getränke wirkt lebensverlängernd. Es gibt Fälle von Diätfanatikern die ihre Gesundheit mit Unmengen von Karottensaft und sogar mit zuviel Wassertrinken ruiniert haben. Alles bleibt eine Frage der Dosis.
Bei der Vielzahl gut gemeinter Ratschläge, die in Form von Broschüren, Plakaten, Beratungsstellen und Unterrichtsprogrammen auf die Bevölkerung nieder regnen, stellt sich die Frage nach den Resultaten. Doch der Erfolg ist oftmals genauso nebelhaft wie die Problemlage. Obendrein enthebt die notwendige Langfristigkeit von Prävention die Initiatoren einer wirksamen Kontrolle. Zu ihrem Aktionsplan gegen Essstörungen sagt Ulla Schmidt: „Real werden wir erst in zehn, zwölf Jahren sehen, ob und wie viel die konkreten Präventionsmaßnahmen bringen.“
Für einige Problemfelder gibt es Zahlen und die erwecken nicht gerade den Eindruck, dass die staatliche Emsigkeit von Erfolg gekrönt ist. Obwohl seit 1993 das Benutzen von Kondomen öffentlich propagiert wird, steigt die Zahl der HIV-Errankten wieder an und ungeschützter Sex ist in der Schwulenszene so populär wie lange nicht mehr. Auch die Jungendgewalt ist laut Kriminalstatistik nicht rückläufig, sie nahm im Jahr 2007 zu, allen Initiativen zum Trotz. Ebenso die Straftaten von Neonazis, die seit Jahrzehnten Zielgruppe Hunderter von Präventionsprogrammen sind, die Hass und Rassismus kurieren sollen. Doch das ficht die Anhänger der Präventionspolitik nicht an. Egal ob ein Problem kleiner oder größer wird, beides spricht für Prävention. Sinkt die Zahl der Missetäter, erweist sich die staatliche Geschäftigkeit als wirksam. Steigt sie, ertönt umgehend der Ruf nach mehr Programmen.
Die Probleme gehen niemals aus, es können laufend neue hinzudefiniert werden. Irgendwann gehört jeder zu einer Problemgruppe. Was ist mit den Fernsehsüchtigen, den Autosüchtigen, den Kaufsüchtigen? Verdienen sie nicht ebenso Zuwendung, Beratung und Hilfe wie Raucher und Übergewichtige? Bis alle ein drogenfreies, gesundes, wohl temperiertes Leben ohne Exzesse führen bleibt noch viel zu tun. Ob die Bemühungen des Staates solch einen Olymp der Vernunft herbeiführen werden, ist allerdings fraglich. Denn je häufiger die Obrigkeit dem Einzelnen auf den Pfad der Tugend führt, desto mehr verliert er seine Fähigkeit selbst zu urteilen. Der Citoyen degeneriert zum rundum betreuten Volltrottel. „Die Tendenz Europa in einen Kindergarten zu verwandeln,“ schreibt die Schriftstellerin Thea Dorn, „greift die Fähigkeit des Einzelnen an, Situationen richtig einzuschätzen und sich dementsprechend zu verhalten.“ Schon gibt es wohlhabende Menschen, die sich vor lauter Sorge ums Idealgewicht einen „Personal Foodcoach“ anheuern, der ihren Kühlschrank inspiziert und ihnen „natürliche Ernährungsweise“ beibringt (zweistündige Erstberatung: 600 Euro). In einem Infoblatt des Gesundheitsministeriums zu einer Kampagne für mehr Zufußgehen stehen Sätze, deren Sinn vor der Präventionsära rätselhaft gewesen wären: „Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ging Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt im Februar 2007 zusammen mit Eva Luise Köhler, der Frau des Bundespräsidenten, und europäischen Präventionsexperten 3000 Schritte extra in Badenweiler.“ Welch glückliches Land, in dem ein Spaziergang durch Badenweiler Regierungspolitik ist.
Zuerst erschienen in DIE WELT vom 21.07.2008

