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Spotlight
22.06.2007 +Feedback
Nicaragua oder „Nicaraguwua“: Betrachtungen eines Zaunsgastes
Nein, ich war nicht dabei. Stand, wenn mich meine Mutter zum Einkaufen schickte, in der HO (für noch Spätgeborenere: „Handelsorganisation“, Name der DDR-Lebensmittelläden) in einer Schlange und kaufte Muckefuck anstatt in einen Dritte-Welt-Laden hineinflanieren zu können, um zu überhöhtem Solidaritätspreis nicaraguanischen Kaffee zu erstehen, der von einer fröhlich-mutigen Campesino-Cooperative gegen Wind, Wetter & Contras produziert und geerntet worden war. Solche Läden entdeckte ich erst später, nach der Übersiedlung im Frühjahr ´89 – und wunderte mich, weshalb die dort Einkaufenden, darunter so manche meiner Gymnasiumslehrer in Singen am Hohentwiel, plötzlich ihren alemannischen Akzent verbargen und (als wäre es ein 40-Jahre-Film mit Dolores del Rio) mit völlig veränderter Stimme und Zungenschnalzen „Nicaragua“ sagten, die letzten beiden Buchstaben zu einem flotten und anscheinend sehr authentischen wua geformt.
Weshalb aber macht sich jetzt in der Erinnerung weniger Spott als vielmehr eine Art Trauer bemerkbar, fern jedenfalls jener Generation-Golf-Anekdöterei über alte Linke und nervende Gemeinschaftskundelehrer? Weil „Nicaraguwua“ tragischer-, das heißt erwartbarer Weise eben nicht Nicaragua war. Weil es dort dennoch einmal eine Hoffnung gegeben hatte, dem verfluchten Teufelskreis von Armut und Unterdrückung zu entkommen, und weil diese Hoffnung durch die US-unterstützten Contras ebenso zunichte gemacht wurde wie durch das Wirken solch kubahöriger Apparatschiks wie Daniel und Humberto Ortega oder Thomas Borge, von den Untaten der ostdeutschen Stasimitarbeiter im Innenministerium des Letztgenannten ganz zu schweigen. Eine - nun vielleicht doch mit etwas Sarkasmus vermischte - Trauer auch deshalb, weil all die netten westlichen In-den-Bioladen-Geher und kitschsüchtigen Ernesto-Cardenal-Leser sich in Wahrheit schon damals nicht die Kaffeebohne darum geschert hatten, was in dem kleinen mittelamerikanischen Land tatsächlich vor sich ging – und seit einigen Monaten wohl eher kopfschüttelnd der Zeitung entnehmen, dass seit letztem Jahr der nicaraguanische Präsident erneut Daniel heisst, während - um die Tragödie endgültig zur Farce werden zu lassen - der einst im Mittelpunkt des Washingtoner Iran-Contra-Skandals stehende Oliver North bis heute einen der Gegen-Kandidaten von den früheren Contras berät.
Heißt es zu tief im Fußnotendschungel der Geschichte graben, wenn man daran erinnert, dass dieser Mann Eden Pastora heißt, einst legendärer „Commandante Cero“ im Kampf gegen die Somoza-Diktatur, der sich jedoch schon bald nach dem Revolutionssieg 1979 mit den Ortega-Leuten überwarf? Alte Geschichten? Vielleicht. „Pastora hatte Hass auf die Führungskader, aber er war kein CIA-Mann“, erklärt mein Freund Sergio Ramirez, von dem ich mir damals nie und nimmer hätte vorstellen können, mit ihm Jahrzehnte später befreundet zu sein – so, wie er auf den Schwarzweiß-Fotos der DDR-Zeitungen auf den Tribünen zwischen Ortega und Castro stand oder Honecker die Hand schüttelte. Der Genosse Sergio Ramirez, Schriftsteller und Vizepräsident Nicaraguas, zu Gast in unserer Republik. 1990, und damit im gleichen Jahr, als auch diese Pseudo-Republik verschwand, verloren die Sandinisten die von ihnen immerhin akzeptierten freien Wahlen - und ließen sich danach in einer „Pinata“ genannten Aktion die besten Happen des Staatseigentums in ihren Privatbesitz überschreiben. Grund für den längst zum sozialdemokratischen Reformer gewordenen Sergio Ramirez, auf Distanz zu Ortega zu gehen, der ihn schließlich aus der FSLN herausmobben ließ. „Wenn wir über die Fehler der Revolution sprechen, habe ich natürlich zuerst über meine Blindheit, meine aus bestimmten Überzeugungen geborenen Fehler zu sprechen. Anfang der achtziger Jahre war ich nämlich tatsächlich davon überzeugt, dass es richtig ist, den Campesinos, die gerade zum ersten Mal in ihrem Leben eigenes Land erhalten hatten, dieses wieder wegzunehmen und sie statt dessen in Kooperativen zu zwingen, in denen es abends Parteischulungen gab. Und ich war dabei.“
Hätte man es vorher wissen können? Paradoxerweise gab es die Hoffnung auf „Nicaraguwua“ auch in der DDR – und zwar selbst bei denen, die das SED-System ablehnten. Vielleicht gerade deshalb. Waren nicht Olof Palme und Willy Brandt, Grass und Dietmar Schönherr oft in Nicaragua, gab es dort nicht Alphabetisierungskampagnen und endlich Chancen für die Entrechteten?
„Weißt du“, fragt Sergio Ramirez, „was uns Palme bereits Anfang der achtziger sagen musste? Wir seien auf dem besten Weg, uns vom Volk zu entfernen und mit Bürokratismus und Ideologie jegliche Energie abzuwürgen. Das hat er uns ins Stammbuch geschrieben.“
Hatte Ähnliches nicht auch der sozialdemokratische Staatsrechtler Martin Kriele konstatiert und darüber hinaus sogar Beweise dafür geliefert, wie brutal die Sandinisten Tausende von Miskito-Indianern „zu ihrem eigenen Besten“ umsiedelten und terrorisierten, um sie an der Unterstützung der Contras zu hindern? Schade nur, dass Kriele damals lediglich im „ZDF-Magazin“ des Gerhard Löwenthal zu sehen war, der das Kunststück fertig brachte, seinen faktengesättigten Antikommunismus dadurch zu entwerten, dass er in seinen Sendungen gleichzeitig Dunkelmänner wie den pakistanischen Juntachef Zia ul-Haq oder den südafrikanischen Apartheids-Kollaborateur Buthelezi lobend präsentierte. Der Beifall von der falschen Seite… Außerdem: Was war tatsächlich zuerst, die Henne sowjetisch-kubanischer Infiltrationspolitik oder das Ei US-amerikanischer Contra-Unterstützung? Sergio Ramirez, inzwischen 64 Jahre alt, schüttelt im Gespräch den Kopf: „Sie haben Schulen angezündet und Bauern auf ihren Feldern erschossen. Nur: Die meisten von ihnen waren ebenfalls Campesinos, von der Revolution Enttäuschte. Nach 1990 wurde es dann überdeutlich: Der Riss ging oft durch die Familien, wie ja überhaupt in Nicaragua so vieles durch familiäre Zwiste oder Koalitionen zu erklären ist, durch die unendliche Vermischung von Privatem und Politischem.“
Hatte er vielleicht deshalb auf dem Berliner PEN-Kongress im Frühjahr 2006 so skeptisch gelächelt, als Günter Grass in einer umjubelten Brandrede einmal mehr die USA für alle Unbill der Welt verantwortlich machte? „Meine eigene bittere Erfahrung lehrt mich, dass es nie klug ist, Dinge einfach nur schwarz oder weiß zu sehen.“
So wäre am Ende der Utopien wieder alles grau-in-grau? Nicht unbedingt. Ramirez, seit 1994 in einer sozialreformerischen Partei engagiert, hatte große Hoffnungen auf den überaus beliebten Präsidentschaftskandidaten Herty Lewites gesetzt, der bereits als Bürgermeister von Managua gezeigt hatte, wie man effektiv und nicht-korrupt regiert. Im Sommer 2006 aber starb Lewites mitten im Wahlkampf an einem Herzinfarkt. Wer von all den einstigen „Nicaraguwua“-Schwärmern hierzulande hat diese Tragödie noch wahrgenommen? Armsessel-Theoretiker werden sich damit trösten, das es seit 1990 immerhin freie Wahlen gibt. Gegenwärtig aber scheint es, als würde das mafiotisch konservative Establishment mit den nicht minder kriminellen Truppen des Caudillos und Chavez-Freundes Ortega so einige Kompromisse zum gegenseitigen Vorteil schließen. Wirkliche Alternativen sehen wohl anders aus.

