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Markos Reisenotizen 13

  30.08.2008   +Feedback

Maximón, Wolf Biermann und andere Götter

Guatemala im Plural:  Unterwegs in synkretistischer Gegend
Beim dritten Mal hat es geklappt: Seit Januar 2008 ist Àlvaro Colom, mit 52,7 Prozent sozialdemokratischer Wahlsieger vom November letzten Jahres, Präsident von Guatemala. Seinen ersten Auftritt auf der politischen Bühne hatte der Ingenieur, der nie ein militanter Aktivist gewesen war, bereits im Jahre 1999 gehabt, damals noch Kandidat der Ex-Guerilla, die sich seit dem Friedensabkommen von 1996 in eine politische Partei umgeformt hatte. Sozialdemokrat, Guerilla, gar ein neuer Hugo Chavez? Derlei Assoziationsketten wären falsch; der Mann vertritt ein Programm, das man im europäischen Rahmen wohl als sozial-liberal bezeichnen würde. Denn noch immer gilt: Lateinamerika, Deine verwirrenden Begriffe. „Befreier“ werden zu Diktatoren á la Castro oder berlusconi-artigen Tele-Caudillos wie Chavez; „Stabilisierer“ sind vor allem jene Ex-Militärs wie der guatemaltekische Politiker (und mit 47, 3 Prozent unterlegene Präsidentschaftskandidat) Otto Pérez Molina, die in den achtziger Jahren durch Massaker an der Maya-Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitet hatten, während sich kurioserweise als „Liberale“ gerade jene Monopolisten und Latifundistas bezeichnen, die in einem wirklich freien Markt alles zu verlieren hätten und nicht weiter ihre Rentiers-Ökonomie auf Kosten der Allgemeinheit pflegen könnten. Ob Álvaro Colom das Land in Richtung Prosperität und Sicherheit führen kann, steht in den Sternen. Ebenso unsicher freilich ist, ob unser westliches, auf Rationalität und Entweder-oder gepoltes Wahrnehmungsinstrumentarium wirklich ausreicht, um der verwirrenden Vielfalt des synkretistischen Guatemala gerecht zu werden.
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Geschah es in dem Moment, als die wimmernde Frau des Götzenpriesters von Chichicastengo ihre Bettstatt in der wellblechbedeckten Betonkammer krauchend verließ, um mir tränennass die Hand zu küssen? Passierte es bei der nächtlichen Fahrt durch die Hauptstadt Guatemala-City, in der sich verfallene Kolonialpracht mit landflüchtigem Elend mischt und eine absurde, 1934 vom damals herrschenden Diktator Ubico in Auftrag gegebene Eifelturmkopie sich wie ein metallisch gleißender King Kong über der 7. Avenida spreizt und einem dabei jene US-amerikanische Botschaftergattin ins Gedächtnis kommt, die 1954 nach Intervention und schneller Beseitigung einer kurzeitigen Demokratie spontan gereimt hatte: „Wir sind sehr optimistisch/ denn Guatemala ist nicht mehr kommunistisch“? (Mit Präsident Guzman war damals jener angebliche „Linke“ gestürzt worden, der dem Land eine funktionierende soziale Marktwirtschaft verordnen wollte und damit auf den erbitterten Widerstand der ultrarechten Großgrundbesitzer gestoßen war.) Oder geschah es nicht doch am Lago Atitlán, in der geographischen Mitte des Kontinents, als Senor Katt, Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland und in einem seiner vorherigen Leben Veranstalter des allerersten Nena-Konzertes in Berlin, unter den Wolf-Biermann-LP-Postern seines holzgetäfelten Restaurants stand und ironisch deklamierte: „So oder so/ die Erde wird rot.“
Rot wie der Sand am gegenüberliegenden Ufer des vulkanumstandenen, unter Nebel und Sonnenlicht und glitzernden Atitlán-Sees; Sand, den Dutzende Mitglieder einer Evangelisten-Sekte in Eimern wegtragen, um Material für den Bau eines neuen Gebetshauses zu haben? Rot wie die saftigen Fleischtomaten auf dem berühmten Sonntagsmarkt von Chichicastenango oder bordeauxfarben wie die Wände der neuen In-Cafés in der ehrwürdigen Barockmetropole Antigua auf der anderen Seite der Sierra Madre? Oder gar krebsrot wie die Köpfe jener Maya-Babys, gerade eben mit Hilfe dubioser Notare von ostentativ wohlmeinenden Nordamerikanern adoptiert und in den Lobbys der hauptstädtischen Nobelhotels mit plüschigen Mini-Mickymäusen auf ein Leben fern von Maisfeldern und Holzhütten eingestimmt?
Noch immer ist Guatemala ein Armenhaus. Erdbebengefährdet und zu weiten Teilen analphabetisch, dazu bis vor kurzem regiert von einer korrupten Mestizen-Elite, deren Mitglieder – wahre Meister in „bad gouvernance“ - sich seit 1996 quasi friedlich wählen und abwählen ließen, was jedoch immerhin einen Fortschritt darstellte gegenüber dem zuvor Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg mit seinen 200.00 Toten, Opfern von Militär, Polizei, rechtem Paramilitär oder linker Guerilla. Auch heute aber stirbt noch jeden Tag ein knappes Dutzend Guatemalteken eines unnatürlichen Todes. Soweit die Statistiken. Und nun, eher als Ergänzung denn als Widerlegung, die romanesken Geschichten hinter den Zahlen. Hans Jürgen Katt, schwitzender Sanguiniker und Guatemala-Resident seit 1986, weiß nämlich von beiden Extremen zu erzählen: Einerseits hysterisch verschreckte Ausländer, die sich hier in Panajachel nicht einmal hinunter zur idyllischen Seepromenade wagen und in der freundlichen Zurückhaltung der Einheimischen lediglich tödliche Tücke vermuten. Andererseits Traveller, die - angesichts der Goa-Atmosphäre des hiesigen Städtchens in Verzückung geraten – danach drogenhungrig in abgelegenen Dörfern siedeln, im Marihuana-Rausch jedoch fast zwangsläufig einem vom hilfsbereiten Amigo zum Dollar fordernden Mafioso Mutierten zum Opfer fallen. Dabei handelt die bekannteste Story noch nicht einmal von einem Erdolchten, sondern von jenem Israeli, der sich nach dem Genuss magischer Pilze in einen veritablen Baum verliebt hatte und nur unter Einsatz des herbeigeeilten Botschaftspersonals von dem entrückt umklammerten Stamm getrennt und in die Heimat zurückverfrachtet werden konnte. Doch weshalb beginnt der redselige Senor Katt, je länger der Abend wird und draußen vor der Holzterrasse Moskitoschwärme schwankende Lichterketten umkreisen, nun selbst von kosmischem Bewusstsein und derlei zu schwärmen? Resultat früher Biermann-Begeisterung inmitten einer Westberliner Studenten-WG voll feindlicher SEW-Kommilitonen oder natürlicher Tribut an den genius loci eines Landes, dessen bislang einziger Nobelpreisträger, der Romancier Miguel Angel Asturias, in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die seither vielzitierte Wortschöpfung vom „Magischen Realismus“ erfunden hatte?
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In den Patio-Cafés der pittoresken Barockstadt Antigua vertieft sich derweilen eine internationale Reise-Community bei Apfelstrudel und Cappuccino in die Lektüre des „Lonely Planet“, während draußen unter den Kolonnaden mobile Buchhändler neben allerlei Heftchenschund auch Miguel Angel Asturias´ berühmten Diktatoren-Roman „Der Herr Präsident“ aus dem Jahre 1946 (den Erstling dieses Literatur-Genres überhaupt) feilbieten sowie dessen „Die Maismenschen“-Saga, die einen alten Maya-Mythos aufgreift: Nachdem die Götter zuerst erfolglos mit Lehm, dann mit Holz experimentiert hatten, beschlossen sie, die Menschen aus Mais zu erschaffen, wobei sie jedoch entschieden, ihnen einen Schleier über die Augen zu legen, auf dass es keine Revolten gäbe. Halluzination dieses Mittags, oder besitzen die wie einst vom Land in die frühere Kolonial- und heutige Touristenmetropole strebenden Mayas tatsächlich noch diesen verschleierten Blick, dazu die Körperhaltung fatalistisch und geduckt? (Und was wäre, erschrocken wagt man es zu denken, wenn nicht etwa die vielgescholtene moderne Entfremdung, sondern die Präsenz der alten Furchtsamkeitskultur für die fortgesetzte Misere dieser Leute verantwortlich wäre, die hier als quasi Namenlose zwischen all den gutgelaunten westlichen Individual-Reisenden umhergehen?)
Vielleicht aber geschah es ja doch in Chichicastenango. Bereits am Lago Atitlán hatte ich von einer Gottheit namens Maximón gehört, dem aber - quasi noch im Bann der Biermann-Episode - weniger Beachtung geschenkt als der Geschichte des amerikanischen Priesters Stanley, der hier im Jahre 1981 von Schergen der Militärjunta ermordet worden war. Was aber wäre, wenn beides auf vertrackte Weise zusammengehören würde? Der Weg führt in Serpentinen und Haarnadelkurven über die Sierra Madre, trichterförmige Täler und abweisend wirkende Bergketten, von denen dichter Wattenebel bis hinunter auf die Straße kriecht.  Grüngrau dampfendes Zwischenreich, schweigend bis auf das Tuckern der Automotoren, welche die Schritte der am Wegrand dahinschleichenden Quiché-Indianer verschlucken. Während auf der berühmten Panamericana-Straße zwischen Antigua und Panajachel das an Hauswänden aufgemalte Symbol der Biermarke „Gallo“ jeweils den Standort eines Billig-Bordells bezeichnet hatte, werden hier Felsen und Baumstämme, ja selbst das Erdreich auf (macht)politische Weise markiert, um die allerlei Göttern huldigenden Indigenas zu verblüffen: In weiß und orange aufgemalte Sonnensymbole und Slogan-Versprechen einzelner Parteien, alles zum Besseren zu wenden – besonders eindrucksvoll die Präsenz der im Wahlkampf schließlich unterlegenen FRG, jener Partei des ehemaligen Diktators Rios Montt, der noch heute stolz darauf ist, als „Pinochet Guatemalas“ in die Geschichte eingegangen zu sein. Als Parlamentsmitglied wird der dieses Jahr 82 Jahre alt gewordene Massenmörder auch weiterhin Immunität genießen – und respektvolle Furcht bei so manchem Maya.
Und dann Chichicastengo im Hochland! Dieses Betonverließ mit der knarrenden Holztür, wo mir Guatemala quasi die dunkel-faltige Hand entgegenstreckte. Ein wackliger Tisch mit schmieriger Wachstuchdecke, ein klappriger Stuhl (darauf der trotz Pokermiene, Goldzähnen und Goldringen hilflos wirkende Priester), ein Bett (darin unter zerschlissener Decke die sich stöhnend herumwälzende Priestersfrau), vor allem aber der Altar, die schreckliche Herrlichkeit von Maximón, des selbstverständlich nicht kanonisierten „komischen Heiligen“. Wie zum Teufel, zische ich halblaut dem Übersetzer zu, kann man eine überdimensionale Holzpuppe anbeten, die mit ihrer Sonnenbrille, dem schlecht sitzenden schwarzen Anzug und diesem Zigarrenstumpen im Mund nicht nur einem der Blues-Brother´s ähnelt, sondern auch all den Straßenrand-Ganoven in den kleineren und größeren Städten des Landes? „Gerade deshalb“, zischt der Übersetzer zurück. „Sie beten ihn an, um Unheil abzuwenden, das er verursachen könnte, der Herr der Erde.“ „Besser, sie würden all die Maximóns des Landes verweisen anstatt ihnen weiter mit Whisky und Zigarren zu opfern.“ „Sie kennen Guatemala nicht, mein Freund.“ „Ja, mag sein“, antworte ich resigniert. Währenddessen ist das Schluchzen der kompakt wirkenden Frau mit dem eng anliegenden, seidig-schwarzen Haar noch stärker geworden, bis sie sich schließlich ein Herz fasst und von den unerträglichen Schmerzen nach ihrer Blinddarm-Operation zu stottern beginnt. Dabei wäre sie wohl längst schon tot, hätte nicht der kluge Doktor, Gott und Maximón seien gesegnet…
„Spenden Sie ihr Zuspruch“, raunt der Übersetzer. „Sagen Sie etwas, egal was.“ Also erinnere ich mich an meine eigene OP, spreche von Schmerzen, die nach ein paar Tagen bereits vergessen waren und hoffe im übrigen auf die Kunst meines Begleiters, das salopp ermutigende „Blinddarm – det macht bei uns der Pförtner“ kongenial ins Spanische zu übertragen. Er muss es wohl geschafft haben, denn plötzlich wälzt sich die Frau zu mir herüber, küsst mir unter Tränen die Hände, während ihr Priester-Gatte gar Anstalten macht, auf die Knie zu sinken. Guatemala! Ich lächle maskenhaft und frage halblaut den Übersetzer, ob ich den guten Leutchen nicht lieber den Rat geben sollte, von dem Geld, das sie Maximon-Anbetern hier normalerweise abknöpfen, vielleicht einmal ein medizinisches Handbuch zu kaufen. „Keine gute Idee, Senor“, flüstert er zurück. „Sie können den Leuten nicht etwas wegnehmen, was ihre Misere halbwegs erträglich macht.“
„Und wenn die Misere auch aufgrund solch absurder Götter, Maximón oder General Rios Montt, die Leute im Würgegriff hätte?“, frage ich zurück. Mein Begleiter lächelt. „Eine sehr westliche Herangehensweise. Theoretisch plausibel, praktisch jedoch vollkommen unmöglich.“ „Fragt sich nur, wie lange noch.“ „Vamos, mein Freund!“ Mich unter tausend Entschuldigungen dem Griff vier ausgestreckter Hände langsam entziehend, überlege ich, ob es statt Vamos nicht doch besser Quo vadis heißen müsste.
Und Tikal? Tikal, das 1840 wiederentdeckte, fünfhundert Quadratkilometer große Zeremonialzentrum des Maya-Reichs, dessen Blütezeit vom dritten bis zum neunten nachchristlichen Jahrhundert dauerte? Tikal im Norden des Landes an der Grenze zu Belize, Touristenmagnet und von der Hauptstadt sogar per Flugzeug für einen Tagesausflug zu erreichen? Ja, ich war dort.  Sah die (nicht etwa mit Regierungsgeld, sondern mit spanischer und internationaler Hilfe restaurierten) Pyramiden aus dem dichten Dschungel ragen. Hörte von Priestern, die hier einst bei religiösen Festen von der höchsten Stelle der beinahe senkrecht aufstrebenden Bauwerke rituell hinabgestürzt worden waren. Sah den bombastischen Tempel des Großen Jaguars, entdeckte „faszinierende Kultur“ – und dachte dennoch die ganze Zeit (War´s die Hitze, waren´s die Mückenschwärme?): Totalitäre Bande, gnadenlose Herrscherkaste, Kontinuität von Furcht und Unterordnung über die Jahrtausende hinweg. Dachte, in diesem Moment verloren für die zweifellose Erhabenheits-Ästhetik des Ortes, angesichts all der Königs- und Dynastienamen bei völliger Vernachlässigung des Anteils der anonym schuftenden Mayas, weniger an Brechts allzu didaktische „Fragen eines lesenden Arbeiters“ als vielmehr an die illusionslose Einsicht von Octavio Paz, des Literaturnobelpreisträgers aus dem Nachbarland Mexiko: „Jede Kritik unserer Kultur sollte mit der Kritik der Pyramide beginnen.“ Also lieber zurück zu den bunten, beinahe mediterran anmutenden Holzhäuschen in der nahegelegenen Departmentshauptstadt Flores am Petén Itzá-See, zu offenem Blick über das Wasser – und zu einem allerletzten Erinnerungsbild an Chichicastenango. Die Hauswand, in deren Schatten junge Dorffrauen sitzen und auf buntbestickten Tüchern allerlei Kleinigkeiten zum Verkauf anbieten, ist großflächig im Stil naiver Malerei bepinselt. Guatemala, Deine Götter! Im Hintergrund jedoch Flammen und Dahingestreckte, Armeejeeps und Helikopter. Bis man, zwischen den Tüchern der ebenerdigen Verkaufsinseln balancierend, ein paar Meter weitergeht und dieses (vorerst nur gemalte) Szenenbild sieht: Selbstbewusste Maya-Mädchen im Sonnenlicht, vor sich eine Computer-Tastatur oder in den Händen ein Buch und gleich daneben die zuvor noch übermächtigen Götter-Figuren plötzlich geschrumpft zu handlicher Größe, ein Kulturerbe unter vielen. Na klar, würde da wohl der Poet aus Hamburg, am anderen Ende der Welt, trotzig optimistisch klampfen: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. 

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