Themen


Spotlight

Protestantismus

  04.10.2008   +Feedback

Luthers Kirche in der Krise

Von Alexander Görlach

Knapp 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers in Wittenberg leben im Kernland der Reformation nur noch 20 Prozent Christen. Die evangelische Kirche setzt auf ihre Gründerfigur wünscht sich 2017 gemeinsame Feierlichkeiten mit den katholischen Glaubensgeschwistern. Dabei zeigt sich, dass die geographische und kulturelle Landkarte Deutschlands bleibend mit dem Namen Luthers verbunden ist.

Aus den rheinhessischen Weiten erhebt sich der Dom zu Worms. Hier zog 1521 vom Norden her, am Rhein entlang, Martin Luther in die Stadt, um vor dem Kaiser und den Großen des Reiches seinen neuen Blick auf die alte Lehre zu verteidigen. Ob ihn dabei ein Gefühl von Angst beschlichen haben mag? Um die Unsicherheit zu vertreiben und sein Vertrauen auf Gott zu untermauern hat er, so sagt es die Tradition, die Silhouette von Worms im Blick, das Lied “Ein feste Burg ist unser Gott” gedichtet. Dabei hatte er die Schriftworte des 46. Psalms im Ohr. Der Choral ist in den knapp 500 Jahren, seit er zum ersten Mal auf einem Pferdefuhrwerk auf dem Weg nach Worms erklungen ist, zu einem festen Bestandteil lutherischen Selbstverständnisses geworden.

Luthers auf dem Reichstag zu Worms gesprochenes großes Wort “Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen” ist heute am Fuße der Statue des größten Reformationsdenkmals der Welt im Stadtzentrum eingelassen. Der große Wittenberger Professor hält in seiner linken Hand die Heilige Schrift und blickt in Richtung des Domes St. Peter und Paul, der, in allen Wirren der nachreformatorischen Geschichte immer ein katholisches Gotteshaus geblieben ist - sieht man von einigen wenigen Wochen ab, in denen die durchziehenden Schweden in der Kirche gemäß der neuen Lehre ihren Gottesdienst gefeiert haben.

490 Jahre sind seit dem Thesenanschlag Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg vergangen. Der in lateinischer Sprache verfasste Text beginnt mit dem Hinweis, dass das Leben der Christenmenschen von Buße geprägt sein solle. Der Einzelne büßt vor Gott, zwischen ihn und seinen Schöpfer tritt keine weitere Instanz. Die Grundlage des neuen Kirchen- und Menschenbildes Martin Luthers wird in diesem Satz erstmals beschrieben.

490 Jahre nach diesem Ereignis sind im Kerngebiet der Reformation, das durchweg auf dem Gebiet der neuen Bundesländer liegt, nur noch 20 Prozent der Einwohner Mitglieder in einer der beiden großen Kirchen. 15 Prozent Protestanten und rund fünf Prozent Katholiken. Die Bedeutung des Einzelnen und die Stimme seines Gewissens spielte in der DDR keine Rolle, dem Kollektiv musste sich der Geist des Individuums unterordnen. Der große Reformator durfte bisweilen im Film die Kulisse geben für die Plausibilierung des Arbeiter- und Bauernstaates. Dennoch: Dass die Wittenberger den Namenszusatz Lutherstadt behalten durften, haben sie dem SED-Regime abgetrotzt. In einer ähnlichen Weise wie die Eisenacher zwei Dekaden zuvor verhindert haben, dass die Nationalsozialisten das große Kreuz vom Turm der Wartburg entfernten.

Im Ensemble der nationalen Heiligtümer spielt neben Worms und Wittenberg auch die Wartburg eine entscheidende Rolle. Hier soll Martin Luther in nur wenigen Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzt haben. Der Reformator warf in der Nacht sein Tintenfass nach dem Versucher, dem Teufel, so will es die Tradition. Der dabei entstandene Tintenfleck ist, ebenso wie die Löcher des Thesenanschlags im Portal der Wittenberger Schlosskirche, ein Kernstück der lutherischen Reliqienverehrung geworden und Ausflugsziel unendlicher Heerscharen von Schülern, die auf Klassenfahrt oder Wandertag diese Überbleibsel des Ringens Luthers mit seinem Schöpfergott begutachten. Sie sind aus einer anderen Zeit, als die Gesellschaft religiös war und jede Faser eines Menschenlebens mit der Transzendenz in Verbindung gesetzt wurde.

So fern diese Zeit ist, an den drei hier herausgegriffenen Schauplätzen der Reformation werden Entwicklungen manifest, die in der Geistes- und Kulturgeschichte Deutschlands einen zentralen Platz einnehmen: In Wittenberg befreit der Gelehrte Luther den Einzelnen aus den Zwängen einer kasuistischen Weltsicht. In Worms besteht er darauf, nicht mit Hilfe der Autorität, sondern der Vernunft und der Disputation Erkenntnisgewinn zu erzielen. Und mit seiner Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche legt er den Grundstein für eine deutsche Hochsprache. Ohne dieses Werk, das mit der Reformation in alle Teile des deutschsprachigen Reiches wandert, könnten Friesen und Bayern, Rheinländer und Preußen heute vielleicht gar nicht miteinander sprechen.

Die wortwörtliche Bibelauslegung Luthers war in der damaligen Zeit eine Kulturrevolution, die das denkende (bekennende, bereuende) Subjekt in den Mittelpunkt stellte und den Kern der Theologie wieder neu in ihrem Ursprung, der für den Glauben grundlegenden Schrift, verortete. Diese Auslegung verfängt indessen heute nicht mehr. Ihr haftet nichts befreiendes mehr an, sie wirkt eher fundamentalistisch und dogmatisch. Darin liegt einer der Gründe für die Krise des Protestantismus heute.

Manche Theologen der Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, schielen daher auf die römisch-katholische Kirche. Für diese Theologen besteht ein eigener Reiz darin, in der Vielzahl der Liturgien und Bekenntnisse, sprich der Traditionen, die seit der Reformation entstanden sind, die Teile eines großen Ganzen, der universalen Kirche Jesu Christi, zu begreifen. Die Tradition wird zur Chiffre des gelebten Glaubens in der Zeit. In ihr erhält sich das ewig gültige, in seiner Bedeutung unwandelbare Wort, nicht andersherum. Das ist dem Verständnis der katholischen Kirche sehr ähnlich, die sich selbst als universal versteht und unter ihrem Dach verschiedene Riten kennt und zulässt. Dieser Gedanke ist aber zugleich nicht mehr ur-reformatorisch. Er hilft aber in die Sinne ansprechender Weise die Brücke zu schlagen zu Menschen, denen das Evangelium und die kirchliche Lehre abhanden gekommen sind. Das reformatorische Erbe, seine Tradition, das Landstriche in den neuen Bundesländern auch heute noch, zumindest optisch prägt, kann eine Klammer bilden zwischen dem Vergangenen und den heutigen Menschen. Deswegen feiert die evangelische Kirche auch zehn Jahre im Voraus das große Jubiläum 2017, das an den Thesenanschlag erinnern wird. Sie möchte aus den äußeren Feierlichkeiten eine innere Sammlung gewinnen und Kraft schöpfen für eine neue Evangelisierung.

Für die Lutherfeierlichkeiten im Jahr 2017 wünscht sich der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, die Christen aller Konfession in Deutschland, dem Land, in dem die Glaubensspaltung des Abendlandes stattgefunden hat, mögen zu einer gemeinsamen Deutung der Umstände, die zu dieser Reformation geführt haben, kommen. Die Geschichte der Spaltung soll gedeutet werden, ein für alle mal, um im Blick nach vorne die Gemeinsamkeiten des christlichen Glaubens, auf einem Kontinent, der schon lange nicht mehr das christliche Abendland ist, herauszustellen und zu sichern. Diese Deutung wird kanonisiert werden und selbst einen Teil der Tradition beider Kirchen in Deutschland werden, wenn es denn so kommt, wie Bischof Huber es sich wünscht.

Der Choral “Ein feste Burg ist unser Gott” ist im katholischen Gebet- und Gesangbuch nicht aufgenommen. Er hat bei den Katholiken schlicht und ergreifend keine Tradition. Die diesem Liede zugrunde liegende Rechtfertigungsvorstellung des Menschen allein aus Glauben und durch Gottes Gnade, das haben die Kirchen bereits im Zuge der gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung in einer Erklärung im Jahr 1997 festgestellt, wird sowohl von Katholiken als auch Protestanten geteilt. Wenn Katholiken und Protestanten aus Anlass des Gedenkjahres 2017 zu einer gemeinsamen Deutung der Vergangenheit gelangen, kommen sie hoffentlich auch zu einer gemeinsamen Strategie und Bestimmung, wie diese Religion, gleich welcher Konfession, die Menschen in Deutschland in den kommenden Jahren erreichen möchte. Denn, ob der Gott der Christen “das Feld behält”, wie Luther in seinem Choral dichtet, ist längst noch nicht ausgemacht.

http://www.a-goerlach.com/

Der Text des Chorals:

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der altböse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.

Druckversion