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Das Schweigen der Quandts

  26.10.2008   +Feedback

Lobrede am 16. 10. 08 in Köln für einen Film von Eric Friedler

Von Wolf Biermann

Lieber Eric Friedler, es wird Sie nicht wundern: Der Film über das Schweigen der Familie Quandt riß bei mir alte Wunden auf, erinnerte mich an die Qualen der Häftlinge in den Kerkern und in den Konzentrationslagern der Hitlerzeit. Dieses Elend ist mir grauenhaft vertraut von Kindheit an. Der Hamburger Kommunist Biermann geriet als Widerstandskämpfer sechs Jahre in den Knast und wurde dann, weil er ja nebenbei auch noch Jude war, im Februar 1943 aus dem Gefängnis Bremen-Oslebshausen entlassen - direkt nach Auschwitz.  Mein lieber Vater hatte dort leider keine Chance mehr, für Hitlers Kriegsindustrien zu schuften wie die Arbeitssklaven der Familie Quandt.  Dagobert “Israel” Biermann entkam der Gaskammer nicht durch Arbeit für die IG-Farben oder für Quandts Batterie-Fabrik. Er durfte im KZ Auschwitz nicht mehr für die UNION-Munitionsfabrik arbeiten und nicht für die Deutschen Hydrierwerke in Blechhammer malochen, wie mein Freund, der Historiker des Jüdischen Widerstands, Arno Lustiger aus der Stadt Bendzin in Polen.
Durch Zufall beim Zappen war ich in den Film über die Quandt-Familie geraten. Und hatte mich gleich davonzappen wollen zu einem Fußballspiel. Aber mein Finger auf der Fernbedienung verkrampfte sich.
Dabei kenne ich all das! und doch konnte ich den Blick nicht abwenden.
Der Film “Das Schweigen der Quandts” liefert weder das Schweigen der Lämmer noch die Todesschreie der Lämmer.  Eric Friedler zeigt die Schlächter, die unmittelbaren und auch die indirekten, mit Bildern, mit Fakten und Zeitzeugen. Der Film schreit die Wahrheit aus, daß am immensen Reichtum dieser deutschen Industriellen-Familie, das Blut der KZ-Häftlinge klebt.  Unschuldiges Blut am besten Auto der Welt: BMW. Das mochte für manche die Sensation sein, aber nicht für mich.
Mir blieb das Herz stehn und der Mund offen, als im hinteren Teil des Filmes die Passage kam mit dem unschuldigen Quandt-Erben Sven! Ich ließ die Sentenz im Computer noch mal zurücklaufen, so konnte ich mir das goldene Wort korrekt notieren:
“Wie kann ich dafür verantwortlich sein. Habe ich da gelebt? Nein.”
Diese brachiale Unschuld erschütterte mich und hat mich das Fürchten gelehrt. Dem smarten Quandt-Enkel wird im Film die Chance gegeben, sich bis zur Kenntlichkeit vorzuführen.  Er ist immerhin das einzige Mitglied dieser schwarzbraunen Familienbande industrieller Lichtgestalten, das sich vor die Scheinwerfer der Kamera von Eric Friedler wagte. Dieser Mensch lieferte uns kaltlächelnd sein Credo: “Wie kann ich dafür verantwortlich sein. Habe ich da gelebt? Nein” - diese elf Wörter waren die Sensation, sie haben mich erschüttert.  Sowas nenne ich vollendete Geschichtslosigkeit.
Genau so! dachte ich, muß eine wirkungsmächtige Geschichtslüge formuliert werden:  jedes Wort wahr!  Der Quandt-Erbe Sven wurde elf Jahre nach dem Krieg geboren. Dieser elegante 2-Meter-Mann genießt also die Gnade der späten Geburt. Weder im Kopf noch im Herzen weiß er offenbar, wessen Eigentum eigentlich der sauteure Renn-Jeep ist, mit dem er Afrikas Wüsten verwüstet, wenn er begleitet vom eigenen Racing-Team, bei der Ralley über die Pisten fliegt und rumpelt und crasht.  Dieser hightec- aufgebrezelte Rennwagen, dachte ich, kostet mehr als eine Villa, aber der ist eigentlich das Eigentum des alten Mannes, der da durch das überwucherte Werksgelände der Quandtschen Accumulatoren AG tappert. Carl-Adolf Sörensen. Diesen alten Mann aus Dänemark kann Friedler uns im Film zeigen, weil er das firmeneigene Quandt-KZ in Hannover überlebt hat.  Es ist ein verstörter und störrisch aufrechter Mensch, einer von all denen, die in den Fabrikhallen von Günter und Herbert Quandt, bewacht von der SS, ohne irgendeine Schutzkleidung hatten schuften müssen, in der irdischen Hölle der Werkhallen, in den Baracken des Lagers, wo diese Quandt- Sklaven dann auch starben wie die Fliegen. Sie krepierten an den Bleivergiftungen und an den Chemikalien, an Hunger und Kälte und Folter.
Das scheint seit Urzeiten ein Grundgesetz der Menschheits-Geschichte zu sein:  Am Ende einer blutigen Tyrannei, nach dem Zusammenbruch dieses oder jenes Willkürregimes, nach dem Sturz einer mörderischen Diktatur sind Mörder keine Mörder, Folterknechte keine Folterer, Nutznießer keine Nutznießer. Alle Täter sehen sich als Opfer. Und ihren Opfern verzeihen die Täter nie.  Kein Verbrecher zieht die Konsequenz und nimmt die Schuld auf sich. Da gibt ´s kein mea culpa, kein “Es tut mir leid ...” - kein kindliches “Ich will es auch nimmer wieder tun!” Geschweige denn gestotterte Scham im kleinlauten Ton - ach!  keine Red davon!
Der NSDAP-Genosse, der mächtige Wehrwirtschaftsführer Quandt rettete sich 1945 vor den Nürnberger Prozessen durch die tolldreiste Behauptung, er sei im Grunde sogar ein Verfolgter des Naziregimes gewesen.  Er lotste sein Vermögen durch die Untiefen und Unwetter der Nachkriegszeit in die Epoche der Demokratie. Sein Sohn Herbert, Vater von Sven Quandt, hatte im richtigen Moment ein Händchen, denn er kaufte 1959, auch mit dem geretteten Blutgeld, billig die bankrotten Bayrischen Motoren-Werke und machte sie zum Weltkonzern BMW.

Unter uns, das Beispiel Sven Quandt empört mich nicht nur, in Wahrheit rührt es mich auch.  Dieser Mensch wurde geprägt von chronischen Schuldverleugnern, wie soll er da sich verantwortlich fühlen für eine Schuld! Wie kann einer anerkennen, was er gar nicht erkennen kann! Wir spielen doch alle ein bißchen Gott und formen unsere Kinder nach dem eigenen Ebenbild. In diesem Sinne ist der reiche Erbe der verwandten Täter auch ein armes Opfer.
Aus der Perspektive politischer Moral finde ich den Status des aufreizend unbekümmerten Rallye-Piloten jedenfalls nicht so skandalös wie das zynische Schmierentheater, das seit dem Zusammenbruch der DDR uns von der Nomenklatura der SED und von den Offizieren und Spitzeln des MfS vorgespielt wird.  Diese Canaillen leugnen lachend, leugnen aggressiv und selbstgerecht ihre Verbrechen. Die haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht, die leben gemütlich von den Renten und hohen Pensionen aus der Schatulle des alten Klassenfeindes. Und diese entmachteten Allmächtigen genießen vor allem klammheimlich die Erlösung von den ewigen Ängsten vor dem eigenen totalitären Machtapparat.
Der smarte Kapitalist Sven Quandt ist also nicht so verlogen und verkommen. Er leugnet ja nicht die Verbrechen der Nazizeit, und er ist ja, wie meine Kinder sagen würden: als Kind der Quandt-Familie “in echt” unschuldig. Aber er entzieht sich offensichtlich der Verantwortung für die Verbrechen, deren unmittelbarer Nutznießer er ist. Auf diese fatale Weise wird er mit einer Zeitverzögerung von sechs Jahrzehnten zum induktiven Mittäter. Und das genau ist für mich die Sensation des Filmes: Eric Friedler bringt dieses Lehrbeispiel schuldloser Schuld kühl und klar zur Erscheinung.
Aber wie gesagt - ich lebte in beiden deutschen Diktaturen und also denke ich auch bei Gelegenheit dieses Films über die Nachgeborenen der Nazizeit mit Kummer und Zorn auch an die politischen und materiellen Erben der zweiten Deutschen Diktatur.  Die Nomenklatura der DDR hat nicht etwa Millionen, sondern Milliarden des Reichtums der armen DDR beiseite geschafft und rechtzeitig global geparkt, als Firmeneigentum, Kapital auf Konten, als Immobilien, als Aktien in verschachtelten Besitzstrukturen über Privatpersonen, an die kein Wirtschaftskriminalist jemals herankommt.  Sie sollten bedenken, dass die bankrotte DDR im Vergleich zur Menschheit, zu der wir ja ganz nebenbei auch noch gehören, trotz der realsozialistischen Planwirtschaft damals der zehntstärkste Industriestaat der Welt war. Im Ostblock war die DDR das mit Abstand reichste Land, aus Moskauer Sicht ein Wohlstandsparadies.  Über die kaltschnäuzigen Verweser des Kapital-Imperiums, das einst Schalck-Golodkowski für die wahren Besitzer des Volkseigentums so genial gemanagt hat, wird vielleicht der Sohn von Eric Friedler mal einen erschütternden Film dieser Art drehn, in, sagen wir, etwa dreißig Jahren. Denn auch Eric Friedler spielt Gott und formt seine Kinder nach dem eigenen Ebenbild.
Der berühmteste Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen:” gilt auf teuflisch dialektische Weise auch für das Schweigen der Familie Quandt. Und so schweigt sie eben!
Es ist eine große Leistung, dass Eric Friedler uns nicht mit seinem eigenen Zorn und schon gar nicht mit seinem Entsetzen behelligt hat. Er lieferte uns einen Dokumentarfilm, der auch ohne die verlogene Äquidistanz auskommt, ohne dieses political correcte Pose, ohne dieses feige Einerseits-Andererseits. Aber Friedler und seine Crew liefern uns genau die Fakten, den klar strukturierten Stoff, den wir brauchten, um unser eigenes Urteil zu festigen oder auch zu korrigieren. Mehr kann so ´n Werk nicht leisten, aber weniger darf man von einem solchen Film auch nicht erwarten.

Ja ja, das ewige Problem mit der Schuld! Die Schuldigen waren alle unschuldig am Ende der Nazizeit, die kleinen Lumpen wie die großen. Mir gelang es allerdings doch, einen Hauptschuldigen zu finden, und den will ich bei dieser Gelegenheit beim Namen nennen: Es ist der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein. Sie alle hier im Studio des WDR haben es ja noch frisch im Ohr, dieses schon fast stumpfzitierte Wittgenstein-Wort: “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen” Der Vater des Philosophen war ein schwerreicher Stahl-Industrieller in der Donau-Monarchie. Und der vererbte seinem superklugen Sohn damals ein gewaltiges Millionen-Vermögen. Der junge Jude Wittgenstein hatte aber als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg zu viel Tolstoi gelesen. Also verteilte er seines Vaters Millionen unter anderem an den avantgardistischen Architekten Adolf Loos, an den expressionistischen Dichter Georg Trakl und an seinen Lieblings-Lyriker Rainer Maria Rilke.
Es ist nun aber ein Zufall, daß der ganz junge Wittgenstein in Österreich ab 1903 die Realschule in Linz besucht hatte. Als ich nun ein Foto aus diesen Jahren entdeckte, auf dem der jüdische Knabe Wittgenstein abgebildet ist, zusammen mit einem Schüler aus Braunau: dem späteren Judenfresser Adolf Hitler, da wurde mir klar, wer Schuld ist an allem, am Siegesgebrüll der Nazis und also auch am Schweigen der Quandts.  Tja, hätte damals dieser meschuggene Ludwig Wittgenstein, statt sein Erbe so großherzig zu verschleudern, großzügig dem mittellosen jungen Postkartenmaler Adolf Hitler im richtigen welthistorischen Moment ein Maler-Atelier gekauft und übereignet, egal in Wien oder in München, dann hätte es die ganze Nazibewegung womöglich überhaupt nicht gegeben, keine Machtergreifung 1933, keinen Zweiten Weltkrieg und keine Shoa.  Also war mal wieder der Jude an allem Schuld!
Rein marxistisch ist solch eine rückwärtsgerichtete Geschichtsprognose nicht zu halten, denn nach der marxistischen Auffassung von der Historie als einer Geschichte von Klassenkämpfen, wäre eine Diktatur der kapitalistischen Monopolbourgeoisie auch dann über uns gekommen, wenn der Säugling Adolf in Braunau an Blattern gestorben wäre. Aber wenn wir an des Soziologen Max Webers Theorie von der charismatischen Herrschaft denken, dann leuchtet mein Deutungsversuch wohl ein. Der Kelch wäre an uns allen womöglich vorüber gegangen; Ohne den verführerischen Führer hätte es kein Heil-Hitler-Deutschland gegeben, also auch keinen PG Quandt und logo: Wir hätten auch nicht uns heute hier im Studio des WDR getroffen, um den Dokumentarfilm “Das Schweigen der Quandts von Eric Friedler zu feiern, ein Werk, das gut genug ist für den angesehenen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis in Köln.

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