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28.08.2008 +Feedback
Labyrinth der Wörter
Wo Begriffe ihr Gegenteil bedeuten
Bei den Intellektuellen von Mexico-City
„Wahlfälschung? Bei einem transparenten Zählsystem, wie wir es nie zuvor gehabt hatten, mit Vertretern aller Parteien in den Wahlbüros? Völliger Unsinn, auch wenn es der Verlierer bis zum heutigen Tag nicht akzeptieren will.“ Ricardo Cayuela, Herausgeber von Mexicos angesehenster liberaler Zeitschrift „Lettras Libres“, sitzt mit hochgelegten Beinen hinter seinem Bürotisch im Vorort Coyoacán und wundert sich über die linke Intellektuellen-Elite seines Landes, welche die knappe Niederlage des populären Volkstribuns Andrés Manuel López Obrador bei den Präsidentenwahlen im Juli 2006 noch immer nicht anerkennt. Später allerdings sagt der eher studentisch wirkende Mann mit dem freundlichen Hamstergesicht: „Wir müssen unterscheiden. Liberal zu sein heißt nicht, die Oligarchie zu verteidigen. Diese Kaste nämlich würde eigentlich die Kugel verdienen.“ Das mit Eisentoren und Wachmännern vor der grassierenden Alltagskriminalität geschützte Redaktionsgebäude befindet sich in Fußentfernung zu zwei der wohl berühmtesten Häusern der Welt, der Casa Frida Kahlo – und der Casa Leo Trotzki, wo gerade eine neue Ausstellung zu sehen ist. Mexikanische Malerinnen sehen Trotzki: Ein Mix aus Sozialistischem Realismus und katholisch-indianischer Ikonographie, der Mann mit dem Zwicker im Auge als Schlachtenheld oder mit blutendem Herz á la Frida Kahlo. Während im leuchtend blau gestrichenen Hause Kahlo nicht nur eine Schwarzweißfotografie an der Wand hängt, die den exilierten Revolutionär in inniger Nähe mit der Malerin zeigt (im Hintergrund deren notorisch untreuer Ehemann Diego Rivera), sondern auch das unfertige Staffelei-Bild präsentiert wird, an dem die seit einem frühen Unfall unter unvorstellbaren Schmerzen leidende Frida bis kurz vor ihrem Tod im Jahre 1954 gearbeitet hatte: Ein Porträt des schnauzbärtigen Stalin, der vierzehn Jahre zuvor den gedungenen Mörder Ramon Mercader in Trotzkis Villa geschickt hatte, um dort den Begründer der Roten Armee mit einem Eispickel zu erschlagen. Mexikanische Symbiosen.
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„Selbstverständlich haben sie gefälscht! Vielleicht nicht ganz so dreist wie all den Jahren bis 2000, als die Staatspartei PRI hier alles unter Kontrolle hatte. Dennoch, das Establishment fürchtet ihn einfach zu sehr.“ AMLO, sagt sie, wenn sie von ihm spricht: Andrés Manuel López Obrador. Guadeloupe Loaeza ist eine elegante Dame von Ende fünfzig, künstlich blondiertem Haar, rosé gefärbten Fingernägeln und Goldschmuck, passend zur paillettenbesetzten Handtasche. Seit Jahren eine der bekanntesten Zeitungs-Kolumnistinnen der Hauptstadt, hatte sie darauf bestanden, mich zum Lunch ausgerechnet ins Four Seasons am Passeo de la Reforma einzuladen. Zu Anfang bestellt sie eine Bloody Mary, und als wenig später ihr Ehemann im parkähnlichen Innenhof auftaucht und vom befrackten Kellner an unseren Tisch geleitet wird, sagt sie mit kokettem Lächeln: „Mon Dieu, jetzt auf lieber auf englisch, sein französisch ist pitoyable.“ Später, nach dem Hauptgang, wird das Lächeln verschwunden sein. „Stellen Sie sich das vor. Nachdem ich 2002 dieses Buch über die dunklen Umtriebe und Selbstbereicherungen der Gattin des damaligen Präsidenten Fox veröffentlichte, sorgte diese sofort dafür, dass unser Sohn seine Arbeit im Sozialministerium verlor. Für diese Leute zählt weder Leistung noch der Dienst am Land. Und von Fox´ Söhnen weiß jeder, dass sie in Drogengeschäfte verwickelt sind. Soviel zur großartigen Partei PAN, die sich seit Sommer 2006 nun das neue Gesicht von Felipe Calderón leistet, dem Wahlfälscherpräsidenten.“ Senora Loaezas Gatte nickt ernst, Krebsforscher und Aids-Experte, 1947 als Sohn von Holocaust-Überlebenden in Kassel geboren und kurz darauf mit seinen Eltern nach Mexico eingewandert.
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Draußen auf der Strasse trommelt derweilen das Volk gegen Kürzungen im Gesundheitssystem, schluchzen Frauen in Indigena-Kleidung in Megaphone. Das Volk? Tatsächlich handelt es sich um Funktionäre der mit 200.000 Angestellten absurd überbesetzten und mächtigen Sozialbehörde IMSS, die gegen den drohenden Wegfall mancher ihrer Privilegien mobil machen. „No Más Muertes/ Nicht noch mehr Tote“, steht auf den Plakaten zu lesen – ganz so, als wären Kindersterblichkeit und die miserablen Zustände in den Krankenhäusern nicht auch jenen Hätschelkindern der Staatsbürokratie zu verdanken.
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„Ganz eindeutig: die Staatsquote muss zurückgedrängt werden.“ Freunde und Gegner, Zeitungen und Fernsehen nennen ihn „das Hirn“, den Kopf hinter dem Volkstribun. Dazu ist er offiziell „Finanzminister des legitimen Präsidenten der Republik Mexico“, Mitglied einer seit nunmehr anderthalb Jahren existierenden virtuellen Gegenregierung, die López Obrador im Laufe von Straßenprotesten und Massenkundgebungen ins Leben gerufen hatte. Dabei wirkt der hochgewachsene Rogelio Ramirez de la O mit seinen leicht indianischen Gesichtszügen, dem akkurat gescheitelten blauschwarzen Haar und dem korrekt sitzenden Anzug mit der passenden Krawatte weder wie ein zynischer Spindoktor noch wie populistisch infizierter Intellektueller. Ist das der Mann, der dem mexikanischen Volk eine Art zweiten Hugo Chavez andienen wollte? Weshalb aber beginnt er dann nicht zu poltern, sondern in seiner Bürowohnung in einem der Mittelstandsviertel der Hauptstadt zuerst einmal penibel Aktenblätter aus- und umzuheften – und Lewis Caroll zu zitieren? „In `Alice im Wunderland` gibt es diese wunderbare Beobachtung, dass nicht die Dinge zählen, sondern der Name, den wir ihnen geben – und die Frage, wer die Macht hat, diese Namensgebung dann durchzusetzen.“
Ist Ihr „legitimer Volkspräsident“ also kein Bürgerschreck und potentieller Staatsschuldenmacher, keiner der sich – bis heute – auf den Plaza Mayors des Landes die Kehle aus dem Leib brüllt, um dem Volk ein sofortiges besseres Leben zu versprechen und gegen den „Usurpator“ im Präsidentenpalast zu wettern? „Betrachten wir es einmal ganz nüchtern“, sagt der in Cambridge ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler, dessen französisch- und englischspanische Fachzeitschriftenbeiträge bereits kopiert für mich bereit liegen. „Ich glaube an den freien Markt, also bin ich gegen die herrschende Klasse, die seit Jahrzehnten das Volk in bitterster Armut belässt. Selbstverständlich bin ich kein Linker. Selbstverständlich bin ich für eine Umverteilung des Reichtums, denn hier in Lateinamerika macht man seit jeher Profit nicht etwa durch Fleiß und Cleverness, sondern dank eines Systems feudalistischer Kumpanei. Nennen Sie es einen Sozialismus der Ultrareichen, wenn Sie wollen.“
Und weshalb hat der „Volkspräsident“ dann - wie einst Allende, wenn auch mit glücklicherweise weniger schlimmem Resultat - den schmalen Mittelstand vergrätzt, anstatt sich Verbündete zu suchen, hat durch seine um Haaresbreite in Gewalt umgeschlagenen Straßenaktionen das Vertrauen in die ohnehin fragile Demokratie beschädigt? „Weil er keine andere Wahl hatte. Weil Fernsehen und Radio in unserem Land bislang immer der jeweiligen Regierung zur Beute fallen und die staatlichen Institutionen erst recht. Wer sie dominiert und dort Pfründe scheffelt, kann sich natürlich dann ganz leicht `moderat´ und ´verfassungstreu´ geben und alle sozialen Forderungen als Populismus denunzieren. Wie ich Ihnen sagte: Ein Kampf um die Definitionsmacht über Wörter, aber alles andere als ein folgenlos intellektuelles Spiel.“
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Der Liberale mit seiner Abscheu vor der Oligarchie, die vermeintliche Chi-Chi-Dame als Journalistin mit ausgeprägtem sozialem Bewusstsein, die angeblichen Indios als hartleibige Funktionäre und schließlich der erklärte Ludwig Erhard- und Tony Blair-Verehrer (mit einer Präferenz eher für Milton Friedman als für den staats- interventionistischen John Maynard Keynes) als Finanzminister einer seltsamen „Gegenregierung?“
Nichts ist so wie es scheint in Mexico. Der 31jährige Ulises, den ich zufällig abends in einem Club in der Zona Rosa treffe (kein Rotlichtbezirk, sondern das Ausgehviertel der Hauptstadt mit einer Unzahl von Bars, Cafés, Verlagen und Buchhandlungen), stellt sich trotz seiner hiphop-artigen street-wear als einflussreicher Nachwuchspolitiker der einstigen Staatspartei PRI heraus, mit vollem absurden Namen: Partei der Institutionalisierten Revolution. Der durchaus sympathische junge Mann, dessen Schwester vor einigen Jahren zur „Miss Mexico“ gewählt wurde, spricht von Transparenz und notwendiger Erneuerung einer „Partei der Mitte“, die sich sowohl gegen die rechte PAN des offiziellen wie auch gegen die linke PRD des „legitimen“ Präsidenten positionieren solle. Was aber bedeutet „Mitte“, übersetzt in die Sprache der Macht? Bereits in den siebziger Jahren hatte Octavio Paz, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1990, in seinem Groß-Essay „Der menschenfreundliche Menschenfresser“ geschrieben: „Der von der mexikanischen Revolution 1919 geschaffene Staat ist stärker als der im 19. Jahrhundert. Die Liberalen wollten eine starke Gesellschaft und einen schwachen Staat – wir in Mexico haben das Gegenteil. Dazu ist die Regierung der mächtigste Kapitalist des Landes, auch wenn er, wie wir alle wissen, weder der tüchtigste noch der ehrbarste ist. Eine weltliche Trinität: der Staat ist das Kapital, die Arbeit und die Partei, also die PRI. Trotzdem ist er weder ein totalitärer Staat noch eine Diktatur. Auch haben wir, obgleich viele ihre Vollmacht missbraucht haben, weder einen Caligula noch einen Trujillo gehabt. Im Gegenteil, die mexikanische Institution war ein Mittel gegen die endemische Krankheit der hispanischen Länder: den Caudillismus. Statt dessen entstand ein Netz von Bündnissen und Komplizenschaften. In diesem Netz aber erstickt Mexico.“
Die Idee der Mitte als Synonym für einen verschmierten Korporatismus, der einige wenige rasant aufsteigen, aber wenigstens die breite Masse nicht verhungern lässt. Auch deshalb hat es in Mexiko seit den Revolutionswirren von 1919 weder Militärputschs noch Volksaufstände gegeben – mit der gewichtigen Ausnahme der Studentenproteste von 1968, welche die Regierung niederschießen ließ und damit auch das Tischtuch zur Mehrheit der Intellektuellen zerschnitt. Octavio Paz gab unter Protest seinen Botschafterposten in Indien auf, Carlos Fuentes, nach dem Tod Juan Rulfos Mexicos wohl bedeutendster Romancier, kündigte der PRI die Unterschützung, und die populäre Autorin Elena Poniatowska schrieb ein aufwühlendes Reportagebuch zu jenem Massaker vom Tlatelolco-Platz in Mexico-City. Dennoch sollte es noch zwei Jahrzehnte dauern, bis sich Schriftstellervereinigungen, Stiftungen, Verlage und Medien aus der bevormundenden, aber finanziell üppigen Unterstützung durch die Staatspartei lösten – und zwar notgedrungen auf Grund der Globalisierung. In ihrer Studie „Der Preis der Macht. Intellektuelle und Demokratisierungsprozesse in Mexico 1968-2000“ kommt die Soziologin Martha Zapata Galindo zu einem überraschenden Resümee: „Die neoliberale Umstrukturierung der mexikanischen Wirtschaft hatte positive und negative Auswirkungen auf die demokratischen Tendenzen. In diesem Kontext stand Anfang der neunziger Jahre die Privatisierung des bis dahin einzigen staatlichen Unternehmens (PIPSA), dass das Monopol über den Papierimport innehatte. Dieser Umstand war – zusammen mit anderen Kontrollmechanismen des Staates, die vom Innenministerium ausgingen – für die absolute Kontrolle des Staates über die Massenmedien (Radio, Fernsehen, Kino und Zeitungen) des Landes entscheidend. Die Zensur der Regierung richtete sich grundsätzlich gegen diese Medien. Bücher und Zeitschriften hatten dagegen viele Freiheiten. Es gab jedoch viele Beispiele dafür, wie der Staat mit Unmut und Aggression reagierte, wenn in Fachzeitschriften erschienene Beiträge, die von der jeweiligen Regierung als kritisch eingestuft waren, in einer Zeitung nachgedruckt wurden.“ Die Globalisierung somit als das Ende jener Zeiten, in welcher der Staat die Intellektuellen gängelte? Ein liberaler Traum, aber eben ein Traum. „Ich kann in `Reforma´ meine regierungskritischen Kolumnen schreiben“, hatte Guadeloupe Loaeza gesagt, „aber bei den Tageszeitungen sieht es schon anders aus. Wie beim Fernsehen sind deren private Besitzer auf ein gutes Auskommen mit der Regierung angewiesen, sei es wegen geschalteter Anzeigen oder der ganz banalen, ganz wichtigen Beziehung mit dem Finanzministerium, das gemeinhin auf das konkrete Zahlen von Steuern schaut. Oder zumindest schauen sollte.“ Verkungeltes Mexico.
Und jetzt, sieben Jahre nach der Wahlniederlage der einstigen Staatspartei, deren Basis inzwischen längst das Heil im Paternalismus der rechten und linken Konkurrenz sucht? „Meine Partei muss sich reformieren“, sagt Ulises, „um wieder wie früher im Volk verwurzelt zu sein.“ Trotz seines Lächelns – beinahe klingt es wie eine Drohung. Freilich scheint auch dies eher Theaterdonner zu sein - ungefährlich bis auf die Tatsache, das man die Armen auch diesmal wieder nasführen und durch ein paar Vergünstigungen ködern wird – jene mexikanische Art von Transformation, über die Octavio Paz bereits 1978 hellsichtig geurteilt hatte: „Die PRI ist nicht terroristisch, sie will weder die Menschen ändern noch die Welt retten: sie will sich selbst retten. Allein deshalb möchte sie sich reformieren.... Unser Zyklus besitzt deshalb eine Regelmäßigkeit, die die alten Chinesen und Chaldäer mit Neid erfüllt hätte. Unser politischer Kalender verbindet die astronomische Präzision mit der astrologischen Macht: jede Veränderung im Tierkreis der Macht bewirkt Veränderung hienieden. Für die einen bedeutet es Aufstieg, für die anderen Abstieg. Doch die Harmonie zwischen Himmel und Erde stellt sich bald wieder her, und alles bleibt wie es war.“ Fürst Lampedusas „Leopard“ lässt grüßen.
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Also dann doch lieber, fern aller Rhetorik, die Statistiken von Senor Ramirez de la O? „In Mexiko ist es 312,3 Prozent teurer, mobil zu telefonieren als in den USA. Und wissen Sie weshalb? Weil hier entweder der Staat Monopolist ist oder eine Pseudoprivatisierung für seine Günstlinge ins Werk gesetzt hat, die natürlich den freien Markt fürchten. Nicht zufällig ist der reichste Mann der Welt ein Mexikaner, Carlos Sim, der Chef von Televia. Nachdem das Telecom-Unternehmen 1991 privatisiert worden war, stiegen erst einmal die Preise, ohne dass sich der Service verbessert hätte. Das ist auch heute noch so. Und während in den Staaten bei Kartenzahlungen in den Läden durchschnittlich 10 Cent Bankgebühr anfallen, sind es hier drei Dollar siebzig. Dort, in den USA, hatte schon im Jahre 1890 Präsident Teddy Roosevelt gegen die Ölmonopole und ihre marktverzerrenden Preisabsprachen mobil gemacht – und sich durchgesetzt. 1890!“
Und warum hat dann Ihr López Obrador nicht genau das thematisiert bei seinen Auftritten im ganzen Land? Auf einmal wird das Lächeln melancholisch, sacken die Schultern herab, wird aus dem „legitimen Finanzminister“ dann doch noch der vereinsamte Intellektuelle – integer, korrekt, quantité négligeable im Spiel der Macht. Und nein, neben einem ihm von AMLO gewidmeten Geschenk – einem etwas absurd anmutendenden Miniatur-Zugwaggon aus Zinn, wahrscheinlich ein Symbol für die Dynamik der Gegenregierung – möchte er sich lieber nicht fotografieren lässt. Nimmt statt dessen vor einem Buchregal ökonomischer Jahrbücher Aufstellung, fährt mit einem Kamm nochmals seinen Seitenscheitel nach und sagt: „Vielleicht war es der Stil, der Rausch der schon ganz nah liegenden Macht. So hat er bei einem Gespräch mit Bankiers diese natürlich vergrätzt, als er ihnen auf den Kopf zu sagte, sein künftiger Finanzminister wäre keiner Klientel, sondern ganz Mexico verpflichtet und stelle sich unter das Primat des Politischen. Das bedeute auch, dass man in Armutsbekämpfung und Wirtschaftsförderung gleichermaßen investieren müsse, um irgendwann statt Almosenempfängern selbstbewusste Konsumenten zu haben. Na ja, Sätze eben, mit denen man sich in solchen Kreisen keine Freunde macht.“
Und was wäre gewesen, wenn Lopez Obrador nicht knapp verloren, sondern gewonnen hätte? Wäre Senor de la O dann als nicht nur legitimer, sondern auch faktischer Finanzminister in den Zweifrontenkrieg gegen eine sich links gerierende Beamtenkaste und ein feudales Monopolistensystem gezogen und hätte alle erwartbaren Straßenproteste und verdeckten Obstruktionen in Kauf genommen? Die Bejahung erfolgt ohne Zögern. „Ja, das hätte ich getan. Korrekt und Schritt für Schritt. Auch wenn in der bisherigen Geschichte unseres Landes nicht viel für den Erfolg solcher Unternehmungen gesprochen hätte.“
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Die Intellektuellen und die Ideologen, ineinander übergehende Abstufungen von Macht und Ohnmacht: Zurück nach Coyoacán in die Villa Trotzki. In den von einem Wachturm flankierten, von einer hohen, efeuüberwucherten Mauer begrenzten Garten, hinein in die Wohnräume mit den zum Teil ebenfalls zugemauerten Fenstern: Faszinierende Ballung von Geist und Ort, materialisierter Endpunkt der Utopie, zumindest jener von der Planbarkeit der Gesellschaft. Hier, wo im Frühjahr 1940 der stalinistische Maler David Siqueiros zusammen mit zwanzig Spießgesellen einzudringen versuchte, um Leo Trotzki mit einer Maschinenpistole zu ermorden. (Siqueiros, der für diese Tat einige Zeit in Haft kam und aus dem Land gewiesen wurde, erhielt später wieder staatliche Großaufträge und ist heute neben Diego Rivera die Maler-Ikone Mexicos; das ihm gewidmete Museum entstand dank der Spende eines Multimillionärs und Wirtschaftsmonopolisten.) Hier, wo Trotzki von der Erschießung seines Sohnes und den Verhaftungen seiner Sowjetrussland verbliebenen Familienangehörigen erfuhr. Hier, wo er von der trotz alledem kommenden Morgenröte schrieb (und jeden Tag die Sicherheitsvorkehrungen rund um seinen kleinen Besitz verstärken musste), wo er - erneut trotz allem – in der Abschaffung des Privateigentums selbst im „bürokratisch erstarrten“ Stalinismus einen objektiven Fortschritt entdeckte (und gleichzeitig froh war, dieses Grundstück endlich selbst zu besitzen und als um den halben Erdball gejagter Emigrant nicht mehr allein auf das Wohlwollen des mexikanischen Staates angewiesen zu sein). Hier, wo Peter Weiss sein Stück „Trotzki im Exil“ ansiedelt und den einstigen Revolutionsführer und Kulakenfeind mit einem Fernrohr, das ihn freilich nur noch den Garten mitsamt Kaninchenstall (eine bürgerliche Mini-Idylle) observieren lässt, während er sich fragt, ob seine Wächter Frank Jacson und Sheldon Hart nicht längst von Stalins Abgesandten umgedreht und indoktriniert worden sind. Hier, wo in Joseph Loseys 1972 gedrehten Film „Das Mädchen und der Mörder“ Alain Delon als Trotzkis (gespielt von Richard Burton) Mörder Ramon Mercader alias Jacson irgendwann einen Eispickel ergreifen und auf den Kopf des alten Manns mit der Rundglasbrille niedersausen lassen wird. Hier in der Avenida Viena, wo Hartmut Langes Stück „Trotzki in Coyoacán“ den Gründer der Roten Armee (den Schlächter der Matrosen von Kronstadt) jenen rätselhaften, als radikalste Ablehnung oder verklausulierte Zustimmung zu interpretierenden Satz sagen lässt: „Stalins Terror gegen die Revolution stützt sich auf die Grundlagen der Revolution.“ Und kurz zuvor: „Eine gute Nachricht: Die GPU wird dieses Haus nicht käuflich erwerben. Ich habe mir Geld geliehen, und ab heute Abend speisen die Vertreter der Vierten Internationale in ihrem eigenen Haus.“
Revolutionsvisionen im Schutz bürgerlicher Eigentumssicherheit – und mit Alice und Otto Rühle zwei ebenfalls exilierte, jedoch völlig mittellose deutsche Sozialdemokraten und Individualpsychologen, die bei ihren häufigen Besuchen in der Villa den Hausherrn ebenso freundlich wie direkt auf nicht nur diese Unstimmigkeit aufmerksam machen. Hier, wo Alice Rühle die Inspiration für „Kein Gedicht für Trotzki. Tagebuchaufzeichnungen aus Mexico“ gefunden hat: Aufbrausende Debatten und idyllische Tee-Nachmittage mit Trotzki und dessen Frau Natalja Sedowa, selbstlose Hilfe beim akribischen Widerlegen all der Verschwörungslügen, die man bei den Schauprozessen in Moskau fabriziert hat. Die Rühles in Mexico und in New York der Philosoph und Reformpädagoge John Dewey (1859-1952), der 1938 eine Untersuchungskommission zur Klärung der stalinistischen Anti-Trotzki-Vorwürfe leitete – und sich dennoch von Trotzki in dessen Pamphlet „Ihre Moral und unsere“ der bürgerlichen „Moralausdünstungen“ zeihen lassen musste. Hier, wo Lew Davidowitsch den entscheidenden, unfreiwillig selbstentlarvenden Satz schrieb: „Es ist klar: Revolution und Reaktion, Zarismus und Bolschewismus, Kommunismus, Stalinismus und Trotzkismus – das alles sind Zwillinge. Wer immer daran zweifelt, der mag die symmetrischen Beulen auf der rechten wie auf der linken Schädelhälfte unserer Moralisten nachfühlen.“
Weshalb denke ich bei diesen Sätzen an Ramirez de la O, den von den Rechten so hasserfüllt bekämpften virtuellen Finanzminister, den von López Obradors innerem Machtzirkel jedoch wahrscheinlich diskret verachteten und als nützlichen Idioten betrachteten Ökonomen? Weshalb denke ich an Mariana Frenk-Westheim, Anti-Nazi-Emigrantin auch sie, die mir im November 2003, einem Jahr vor ihrem Tod, so lebhaft von Trotzkis und den Rühles erzählt hatte? Eine steinalte, weißhaarige Frau von 105 Jahren, neben sich ein riesiges Sauerstoffgerät in ihrer Etagenwohnung am Campos Elyseos, aber der Geist noch klar, die Erinnerungen strukturiert und sogar von Ironie durchzogen. „Ich war mit meinem Mann direkt aus Deutschland emigriert, die Rühles waren über Prag nach Mexiko gekommen – Sozialdemokraten waren wir alle drei. Das bewahrte besonders mich davor, in den Kleinkrieg zwischen Kommunisten und Ex-Kommunisten zu geraten. Haben Sie mal in Gustav Reglers Tagebüchern gelesen, wie er an Trotzkis Haus vorbeigeschlichen ist, ohne sich hineinzutrauen? Egon Erwin Kisch verhielt sich ähnlich, während Anna Seghers immer parteitreu war und außerdem dafür Sorge trug, dass Ludwig Renn, der später mit seinem Mexikobuch ´Trini´ in der DDR wohl sogar den Nationalpreis bekam, keinen Skandal verursachte mit seiner Vorliebe für Halbwüchsige männlichen Geschlechts. Nun gut, man hat ihn dann aus Mexico-Stadt an die Provinzuniversität von Morelia geschickt...“
Und die Rühles? Nachfragen nach sechs Jahrzehnten, der rasselnde Atem von Senora Mariana, das grundgütige Lächeln in der Faltenlandschaft ihres Gesichts. „Nun, die waren schlicht großartig. Ließen sich nicht instrumentalisieren, durch keinen und niemand – wie man in meiner Kindheit auf populäre Weise zu sagen pflegte. Kennen Sie den Ausdruck noch? Womöglich nicht… Was ich sagen will, ist, dass Otto 1914 zusammen mit Karl Liebknecht derjenige SPD-Abgeordnete war, der im deutschen Reichstag dem Kaiser die Kriegskreditbewilligung verweigert hatte. Was für ein Mann! Durch halb Europa gejagt und nun hier Trotzki gegen die Lügen der Stalinisten beistehend! Und den vornehmen Lew Dawidowitsch doch daran erinnern, dass er es war, der damals auf die Kronstadter Matrosen hatte schießen lassen, dass er zusammen mit Lenin die linksdemokratische Opposition verfolgt, ja ausgelöscht hatte. Worauf er prompt von Trotzki der Villa verwiesen wurde. Allerdings muss er dies bald bedauert haben, denn irgendwann hatte ich in meinem Telefonhörer die Stimme des Gründers der Roten Armee, der um meine Vermittlung bat und die Rühles wieder zu sich einlud. Kurz darauf aber brachte er es fertig, Alice zu fragen, ob sie nicht ein Gedicht auf seine IV. Internationale verfassen könnte, da sie ja sowieso gern Lyrik schreibe… Nun ja, Alice war amüsiert und entsetzt; in ihrem Buch gibt es eine überaus gelungene Passage über diesen Nachmittag in der Villa.“
Satz für Satz, Wort für Wort zog die alte Frau aus dem Dämmer des Vergessens, das Erinnern strengte sichtlich an, bereitete ihr aber auch Freude, diese immaterielle Gedächtnisleistung im Kampf gegen die Schwerkraft der Zeit. „Zum Schluss muss ich Ihnen aber noch etwas ganz wichtiges erzählen. Ich höre ja wieder die Stimmen und sehe die Bilder. Die Stimme von Alice, die mir voller Aufregung die Geschichten mit Trotzki erzählt, das russisch dahinrollende französisch von Victor Serge, eines vom Zaren verfolgten und verbannten Anarchisten und wunderbaren Schriftstellers, und dazu das antiquierte Expressionistendeutsch von Franz Pfemfert, der hier in der Stadt einen Fotoladen betrieb, eine sozusagen winzige `Peffermühle` mit Säurebad und Entwicklerschüsseln in der Calle Tabasco und der sich nur sehen ließ, wenn es ans Begraben ging. An einem heißen Junitag 1943, drei Jahre nach Trotzkis Ermordung, starb Otto Rühle an Herzversagen. Eine Stunde später stürzte sich Alice aus dem Fenster. Ich habe Zeit meines Lebens geschrieben, Radio-Essays und kleine Geschichten, ich habe mexikanische Schriftsteller wie Juan Rulfo ins Deutsche übersetzt, aber eines würde ich nicht wagen: Verse daraus zu machen. Statt dessen ist dieses Bedauern da, keine Malerin zu sein: Otto (den Freund Serge wegen seiner Rundlichkeit und Gedankenschärfe immer unseren proletarischen Bismarck nannte) Hand in Hand mit Alice vor einem offenen Fenster, vielleicht im Hintergrund die Azteken-Pyramiden oder strenge Kakteen, staubige mexikanische Straßen, auf keinen Fall jedoch irgendeine Morgenröte. Nur diese zwei Menschen und die Hände, mit denen sie einander halten. Auf den Friedhof kamen dann nur wenige und kein einziger der Exilanten, die später in Ostdeutschland Karriere machen würden, keine Anna Seghers, kein Ludwig Renn, kein Egon Erwin Kisch oder Bodo Uhse. Dafür aber der alte Pfemfert, Jacobo Abrams vom Bund der jüdischen polnischen Sozialisten, dessen Freunde entweder von Hitler oder Stalin massakriert worden waren, auch Julian Gorkin von den spanischen Anarcho-Syndikalisten, die man in Barcelona ebenfalls zwischen Faschisten und Stalinisten zerrieben hatte. Und zum Schluss Fritz Fränkel, einer der Gründer der deutschen KP, der sich allerdings von denen bald wieder verabschiedet hatte. Und natürlich auch Victor Serge. Stellen Sie sich die Hitze vor, den skandalös wolkenlosen Himmel, der von all diesen Geschichten nichts weiß und nie wissen wird, schauen Sie sich die weißen Grabsteine an, die Votivbildchen darauf und dazu das halbe Dutzend Menschen vor zwei Särgen und wie sie zum Erstaunen der Mexikaner plötzlich ihre Stimmen erheben, zögernd erst und dann doch die alte Melodie wiederfindend. Die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Natürlich, ich habe Tränen in den Augen, überrascht Sie das? So verflucht einsam, so verloren, so alle Bestien des Jahrhunderts gegen sich und dann trotz allem dieses Lied der Entrechteten und Gedemütigten. Gerade dieses Lied, junger Freund!“
Jahre später sagt der Gatte von Guadeloupe Loaeza am Restauranttisch des Four Season: „Und bei der Verabschiedung von Senora Frenk-Westheim waren Sie irritiert, weil plötzlich ihr Enkel, der Minister, auftauchte und der Hausflur voller Bodyguards war? Nun, Sie hätten es nicht sein müssen: Julio Frenk war als Umweltminister einer der ganz wenigen Nicht-Korrupten in der Regierung Fox.“
*
Und das andere Coyoacán, das der unmittelbaren Gegenwart? Zurück bei „Lettras Libres“. Ricardo Cayuela zählt die verbleibende Zeit an den Fingern ab. „Noch neun Jahre, dann ist mit dem Erdöl die wichtigste Einnahmequelle Mexicos versiegt. Dabei gäbe es vor der Küste weitere Ressourcen, welche die marode staatliche Ölgesellschaft aus Mangel an Know-How jedoch nicht ausbeuten kann. Trotz oder gerade wegen einer aberwitzigen Schar von 120.00 Angestellten, die unter dem Dach von Pemex ihr Auskommen gefunden haben. Und was macht AMLO, unser Möchtegern-Chavez? Zieht noch immer durchs Land und warnt vor Entlassungen und ausländischen Teilhabern, vor dem ´neoliberalen Ausverkauf unserer Seele´!“ Und was tut die Regierung? „Na - nichts. Dafür nennt sie sich ja auch ´moderat´. Es gibt keinerlei `Plan B´.“ Senor Cayuela hält kurz inne, schüttelt den Kopf, findet den Witz offensichtlich nur in Maßen witzig. „Es gibt keinen Plan B, weil es in unseren Breiten ja nicht einmal einen Plan A gibt. Octavio Paz hat das in einen seiner Essays ziemlich scharfsinnig auf das Zeitgefühl zurückgeführt, das in den noch immer jungen, von protestantischem Arbeitseifer und Immigranten-Elan geprägten Vereinigten Staaten eben viel dynamischer und auf die Zukunft gerichtet sei, als hier in uralten Lateinamerika mit unserem Mischerbe aus totalitären Inkas und Azteken und einem spanisch-katholischen Obskurantismus und Obrigkeitskult, der ja auch von einem Aufheben der Zeit im ewigen Ritus träumte.“
Und diese Zeitschrift hier, gegründet 1998 in erklärter Nachfolge zu Octavio Paz´ inzwischen legendärer „Vuelta“ und ebenso antitotalitär, monopolskeptisch und marktfreundlich? „Wir versuchen, das Verwirrspiel mit den großen Worten durch Fakten zu ersetzen. Mehr ist im Moment in Mexico nicht möglich. Dazu zählt natürlich auch eine Positionsbestimmung des Begriffs ´liberal´. Viele Linke verdächtigen die Liberalen, im Grunde genommen Rechte zu sein, die sich nur nicht trauen, dies zuzugeben. Aber das ist falsch: In der Gesellschaftspolitik sind wir nämlich eher der Linken nah – in der Frage der Trennung von Staat und Kirche, von Schwangerschaftsunterbrechungen, Frauen- und Minderheitenrechten oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Allerdings sind wir davon überzeugt, dass nicht nur das Individuum, sondern auch die Wirtschaft frei sein müsse. Man kann nicht einerseits dem Staat misstrauen und andererseits wünschen, von ihm gegängelt zu werden.“
Also purer Markt? Ricardo Cayuela schüttelt den Kopf. „Keineswegs. Alles was sich ´pur´ nennt, ist zumeist nur pure Ideologie, Sätze wie etwa `Der Markt hat gesprochen`, in denen auf verquere Weise sogar noch der marxistische Demiurgenglaube vom ´objektiven Gesetz der Geschichte´ durchscheint. Ich glaube also nicht, dass der Markt Bereiche wie Kultur, das Gesundheits- oder Bildungswesen dominieren sollte. Sogar im Fernsehen würde eine sofortige Marktöffnung nur die amerikanischen Billigkanäle bevorzugen und jenen mexikanischen Sender, der sich – unter dem Engagement unseres Herausgebers, des Historikers Enrique Krauze – bislang landesweit einzigartig der dunklen Flecken unserer Geschichte annimmt, zum Verschwinden bringen.“ (Doch hatte der junge Ulises, ambitionierter Aufsteiger in der PRI, mir nicht am Vorabend in der Zona Rosa erzählt, Krauze sitze auch in der Direktion jenes Senders, sei inzwischen – und dies als Historiker – Millionär und lasse andere für sich die Texte und Bücher schreiben? Allein üble Nachrede, eine weitere Sackgasse im mexikanischen Labyrinth?)
„Senor Krauze mag einflussreich sein, vor allem aber ist er in seiner Gesellschaftskritik mutig gegen links wie rechts“, sagt Chefredakteur Cayuela, während er gleichzeitig bedauert, mir das vor fünf Minuten noch in Aussicht gestellte Gespräch mit dem Herausgeber der „Lettras Libres“ nun doch nicht vermitteln zu können. „Senor Krauze ist gerade aus New York zurück gekommen und noch sehr müde.“ Weshalb kommt mir gerade jetzt Octavio Paz in den Sinn, sein Satz über den seit Jahrtausenden hierarchischen Charakter seiner Heimat? „Jede Kritik Mexicos muss mit einer Kritik der Pyramide beginnen.“
Zum Abschied drückt mir der freundliche Senor Cayuela mehrere Exemplare seines ansprechend gestalteten Magazins in die Hand. Essays und Analysen über Chile und Costa Rica, die zwei Erfolgsgeschichten Lateinamerikas, dazu Buchkritiken, Erzählungen, Gedichte, Untergrundberichte aus Castros Kuba und skrupulöse Untersuchungen über die mangelnde Nachhaltigkeit von Hugo Chavez´ venezuelanischen Sozialprogrammen. Was der Chefredakteur allerdings mit Stillschweigen übergangen hat und mir erst draußen auf der Straße, beim Durchblättern der Hefte, auffällt: Nahezu alle Anzeigen stammen von staatlichen Firmen und Institutionen, so auch vom Sozialmoloch IMSS. Toleranz á la mexicana oder: Pur ist hier tatsächlich überhaupt nichts.
PS: Im Januar 2008 wird entdeckt, dass Mexicos Innenminister Juan Camilo Mourino, der 2006 bereits Präsident Calderons Wahlkampf geleitet hatte und zuvor unter Vincente Fox Energieminister gewesen war, im Namen des staatlichen Ölmonopolisten Pemex Geschäfte mit der Privatfirma Transportes Especializados Ivancar getätigt hatte. Das Unternehmen gehört Mourinhos Vater. Die Dokumente über diesen nichts gutes verheißenden Beginn einer großangelegten Privatisierung wurden der Presse durch Andrés Manuel López Obrador zugespielt, der sich damit in seinem Kurs bestätigt fühlen konnte. Gleichzeitig vermochte er es, einen eher gemäßigten parteiinternen Gegner vom Amt des PRD-Präsidenten fernzuhalten und statt dessen seinem populistisch- konfrontativen Vertrauten Alejandro Encinas in das begehrte Parteiamt zu hieven. Rogelio Ramirez de la O ist bis auf weiteres Finanzminister seiner Gegenregierung.

