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Spotlight
Michael Miersch 11.05.2008 +Feedback
Gut meinen und gut machen
Wem sollen wir helfen, hypothetische Klimaopfer von übermorgen oder konkret leidenden Menschen von heute? Bjørn Lomborg zeigt, wie unmenschlich der moralische Absolutheitsanspruch der Klimaretter geworden ist.
Stellen sie sich vor, sie wäre PR-Berater eines aufstrebenden Politikers. Welches Thema würden Sie ihm für den Wahlkampf empfehlen? Durchfall, Handelsschranken oder Klimawandel? Genau wie Sie würden wohl alle wirklichen PR-Berater ihren Kunden empfehlen, auf Klima zu setzen. „Bekämpfung von Durchfallerkrankungen“ klingt eklig und wirkt peinlich. „Abbau von Handelsschranken“ hört sich trocken und kompliziert an, außerdem macht man sich die Agrarlobby damit zum Feind. Klima dagegen ist wunderbar. Es vereint den Glanz der Weltrettung mit fernstmöglicher Nachprüfbarkeit. Wenn sich in hundert Jahren herausstellt, ob das heute ausgegebene Geld tatsächlich etwas bewirkt hat, liegen der PR-Berater und sein Politiker längst unter der Erde. Außerdem reden alle Menschen gern übers Wetter, das ja bekanntlich nie normal ist. Die Sache ist also populär und löst keinerlei intellektuelle Schwellenängste aus. Klimarettung ist das Idealthema für Politiker, Journalisten, karrierebewusste Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre.
Es gibt einen dänischen Statistikprofessor, der will das partout nicht einsehen. Er heißt Bjørn Lomborg rechnet gern und geht der Frage nach, wie man mit Geld möglichst vielen Menschen helfen kann. Man könnte es zum Beispiel, indem man etwas gegen Trinkwasserverschmutzung tut. Laut WHO sterben jährlich 1,7 Millionen Menschen an Durchfallerkrankungen, die meisten davon Kinder. Sie infizieren sich durch Dreckwasser. Die Therapie würde pro Kind ein paar Cent kosten. Es wäre auch relativ billig in armen Ländern einfache Kläranlagen, Toiletten und Abwasserentsorgung einzuführen, damit das Trinkwasser gar nicht erst verseucht wird. Ein Abbau der Handelsschranken Europas und Nordamerikas würde Millionen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu mehr Einkommen verhelfen, weil sie ihre Agrarprodukte endlich zu attraktiven Preisen verkaufen könnten. Interessiert das irgendwen angesichts der drohenden Klimakatastrophe? „Ich hoffe,“ schreibt Lomborg „dass wir den künftigen Generationen einmal direkt in die Augen sehen und ihnen sagen können, dass wir nicht einfach nur das vermeintlich Gute getan haben, weil es gerade ‚in’ war. Vielmehr haben wir die Welt durch einfache, erprobte und wohlüberlegte Strategien nachhaltig zum besseren verändert. Wir haben nicht bloß irgendwas getan, weil es uns ein gutes Gefühl verschaffte, wir haben etwas getan, das wirklich nützlich war.“ Mit diesen Worten endet sein neues Buch „Cool it – Warum wir trotz Klimawandels einen kühlen Kopf bewahren sollten.“
Im Jahr 2004 hatte Lomborg einen Kreis von international renommierten Ökonomen zusammengetrommelt, darunter vier Nobelpreisträger. Experten für die verschiedenen globalen Probleme erläuterten ihnen den Sachstand auf dem jeweiligen Gebiet. Versorgt mit allen nötigen Daten berieten die Wirtschaftswissenschaftler, wo man am besten ansetzen könnte, um möglichst vielen Menschen möglichst effizient zu helfen. Der Klimaschutz landete ziemlich weit unten auf ihrer Prioritätenliste. Die Veranstaltung wurde unter dem Namen „Copenhagen Consensus“ bekannt. Lomborg verarbeitete die Ergebnisse zu einem Buch („Global Crises, Global Solutions“, Cambridge University Press“), das allerdings recht akademisch war und nur fast nur von Fachleuten gelesen wurde.
„Cool it“ ist die populäre Fassung seiner Überlegungen: Kurz, prägnant, pointiert und leicht verständlich. Wer „Cool it“ liest, gewinnt einen Überblick, über die Übertreibungen im Klimadiskurs und über die sonstigen Probleme der Welt. Probleme, die im Schatten der großen Klimarettung kaum mehr wahrgenommen werden, obwohl hier und heute Millionen Menschen durch sie leiden und sterben. Die wirtschaftlichen Kosten der Umsetzung des Kyoto-Protokolls liegen bei mindestens 150 Milliarden Dollar pro Jahr für den Rest des Jahrhunderts (Spareffekte durch Emissionshandel bereits eingerechnet). Selbst viele Befürworter des Protokolls geben zu, dass sie sich in erster Linie pädagogische Effekte davon versprechen und die reale Wirkung auf das Klima kaum messbar sein wird. „In einer Welt,“ schreibt Lomborg, „in der Milliarden Menschen in Armut leben, in der Millionen an eigentlich heilbaren Krankheiten sterben und in der diese Leben gerettet, das gesellschaftliche Zusammenleben gefestigt und die Umweltbedingungen verbessert werden könnten – und zwar zu einem Bruchteil der Kosten – ist ein solches Vorgehen besonders bedenklich.“ Laut UN-Schätzungen könnte man für die Hälfte der Kosten von Kyoto die schlimmsten Probleme der Welt dauerhaft lösen: Trinkwasser, Sanitärhygiene, Gesundheitsversorgung, Bildung. Eine Investition die sofort Leben retten würde. Und nicht eventuell in hundert Jahren – falls die vorhersagen der Klimamodellrechner eintreffen.
Neben einem überzeugenden Plädoyer für das Prinzip „Zuerst helfen wo die Not am größten ist“ klärt „Cool it“ auch über zahlreiche Mythen der Klimadebatte auf. Zum Beispiel über die Heuchelei europäischer Länder, die bei der Reduktion des Kohlendioxidausstoße kläglich versagen, aber lauthals die Amerikaner anprangern, weil sie das Kyoto-Protokoll nicht unterschrieben haben. Insgesamt nahmen die Emissionen pro Kopf in der EU seit 1990 zu, während sie in den USA immerhin stabil blieben. An vielen Beispielen zeigt Lomborg, wie einseitig die Berichterstattung über das Klima geworden ist. So sind in heißen Sommern die Hitzetoten ein großes Thema und werden als Beleg für die Gefahren der Klimaerwärmung angeführt. Es wird jedoch meist verschwiegen, dass in Europa im jährlichen Durchschnitt zwar 200 000 Menschen an Hitzefolgen sterben, jedoch 1,5 Millionen an Kälte. Lomborg zeigt die Muster dieser „choreographierten Panikmache“. Das Publikum kriegt übertriebene und emotional gefärbte Behauptungen serviert. Es werden immer nur die schlimmen Folgen des Klimawandels herausgepickt (Hitzetote sind ein Thema, Kältetote nicht). Und zu guter Letzt wird als einzige Lösung immer die möglichst heftige Reduzierung von Treibhausgasen präsentiert, ohne dass andere Möglichkeiten überhaupt erwogen werden.
Durch sein Buch „Apocalypse No!“ (zu Klampen, 2002, Originaltitel: „The Seceptical Environmentalist“) wurde Lomborg schlagartig berühmt. Darin überprüfte er die gängigen ökologischen Schreckensszenarien anhand der vorhandenen Daten und kam zu dem Schluss, dass Vieles übertrieben dargestellt wird. Die globalen Umweltprobleme, so sein Fazit, sind gewaltig, aber durchaus lösbar und auf einigen Feldern (zum Beispiel Luft- und Wasserqualität und Waldschutz in den Industrieländern) wurden bereits beachtliche Erfolge erzielt. Dieses und das nächsten Buch enthielten gepresste Fakten, Statistiken und Zahlen, nur unterbrochen durch Kurven und Diagramme. „Cool it“ dagegen ist ein argumentierendes populäres Sachbuch im besten Sinne. Lomborg hat erkannt – oder vielleicht auch bei Al Gore gelernt -, dass es in den großen öffentlichen Debatten in erster Linie um Gefühle geht. Die Frage, der sich alle Sachargumente unterzuordnen haben, heißt: Wer hat die Moral auf seiner Seite? Denjenigen, die mehr Details wollen, stellt „Cool it“ 70 Seiten Fußnoten und Literaturhinweisen im Anhang zu Verfügung.
Und weil Lomborg sich offenbar entschlossen hat, auch die Herzen zu erobern, fängt er sein Buch mit den Kuscheltieren der Apokalypse an, den Eisbären. Das ist nicht nur emotional geschickt, anhand der Eisbären lassen sich alle propagandistischen Tricks der Klimadebatte beispielhaft erklären. Die Eisbären, heißt es, werden weniger. Fakt ist: Zwei von zwanzig Populationen rund um den Nordpol schrumpfen. Eisbären, heißt es, ertrinken, weil sie weit und breit keine Eisscholle mehr finden. Fakt ist: Vor einigen Jahren wurden einmal nach einem Sturm vier ertrunkene Eisbären entdeckt (sie gehörten übrigens zu einer der zunehmenden Populationen). Die bekannte Eisbären-Population in der Hudson Bay geht zurück, heißt es. Fakt ist: Ja, sie sank von 1200 Tieren im Jahr 1987 auf 950 im Jahr 2004. 1981 waren es jedoch nur 500 Bären. Außerdem werden in der Hudson Bay durchschnittlich 49 Eisbären jährlich legal durch Jäger getötet (im gesamten Nordpolargebiet sind es 300 bis 500 pro Jahr). Es kommt also immer darauf an, was man weglässt. Es gibt die traurigen Geschichten, aber es sind nicht die einzigen Geschichten. Und das gilt nicht nur für die Verwandten von Knut und Flocke. Außerdem sollte man beim Lesen oder Hören panischer Klimabereichte immer nach dem Gesamtbild fragen, und das sieht beim Eisbären so aus: In den sechziger Jahren gab es etwa 5000 Exemplare, heute 25 000. Und was mögliche Probleme durch ein Schmelzen des Nordpoleises betrifft: Die Spezies Eisbär hat schon mehrere Warmzeiten überlebt, in denen sie sich offensichtlich erfolgreich wandelnden Umweltbedingungen anpassen konnten.
Die Angaben über Eisbären-Populationen sind überprüfbar, doch an anderen Stellen übernimmt Lomborg die Unsitte seiner Gegner und verfällt in fragwürdige Zahlenspiele. Klimawarner wollen uns weismachen, sie könnten das Hamburger Sommerwetter des Jahres 2050 prognostizieren. Das ist natürlich Bullshit. Doch auch Lomborg jongliert mit Vorhersagen, die einen Anschein von Genauigkeit erwecken, den es nicht geben kann. „Wenn wir,“ schreibt er, „konsequent an der Eindämmung dieses Anstiegs (des Meerespiegels, MM) arbeiten, werden wir ihn wahrscheinlich um 35 Prozent reduzieren können, aber dabei zugleich jeden Menschen durchschnittlich um etwa 30 Prozent ärmer machen.“ Das ist die Art von „wahrscheinlich“, wie sie auch der dramatisch aufgemotzte Bericht des britischen Regierungsberaters Sir Nicholas Stern oder die Verlautbarungen des Potsdam Instituts verwenden. Zum Glück, hält sich Lomborg zumeist mit solchen Prophezeiungen zurück, so dass man ihm die Ausreißer ins Reich der Zukunftsspekulation verzeihen kann.
Dem Mann wird ja sonst nichts verziehen. In kürzester Zeit brachte er es zum meistgehassten Kritiker aller grünen Ideologen zwischen San Francisco und Bad Boll. Er wurde beschimpft, seine Argumente zur Unkenntlichkeit verdreht und jeder noch so nebensächliche Fehler in seinen Büchern zum Skandal aufgeblasen. Er wurde mit Torten beworfen und mit Hitler verglichen. Ein prominenter Klima-Aktivist nannte „Cool it“ eine „Tarnkappenbomber-Attacke auf die Zukunft der Menschheit.“ Das Schrecklichste für seine vielen Gegner ist: Lomborg bleibt cool. Er eifert nicht, er wird nicht wütend, er hört geduldig zu und bleibt sachlich. Er zweifelt nicht einmal am menschlichen Einfluss auf das Klima und an der vorausgesagten globalen Erwärmung. Und er entspricht so überhaupt nicht dem Klischee vom Anti-Öko. Der jugendlich wirkende 42jährige ist Vegetarier, trägt Klamotten, mit denen er zu jeder Attac-Demo zugelassen würde und wirkt kein bisschen eingebildet. Bisher hat auch noch niemand ein geheimes Konto entdeckt, auf dem Ölmultis einzahlen. Eine verdammt harte Nuss für Rufmörder. In „Cool it“ verspricht Lomborg, jeden Fehler, der ihm beim Schreiben des Buches unterlaufen ist, auf seiner Website zu veröffentlichen. So viel Bereitschaft zur Selbstkritik wünscht man sich vergeblich von Al Gore und seinen Jüngern. Ihre Falschbehauptungen könnten eigene Bücher füllen.
Menschen, die weniger mit Statistik und Ökonomie vertraut sind, widersprechen Lomborg häufig mit dem Argument: Warum nicht alles zugleich tun? Das Kyoto-Protokoll verwirklichen und für saubereres Trinkwasser sorgen und Malaria bekämpfen, und Aids, und, und, und. Das klingt prima. Nur leider handeln Institutionen und auch einzelne Menschen niemals so. Wir setzen immer Prioritäten. Auch der größte Tierfreund holt aus dem brennenden Haus zuerst das Kind und dann den Hund. Krankenhäuser retten tagtäglich Menschenleben, dennoch steckt keine Stadt ihr gesamtes Geld in Krankenhäuser, Schulen sind auch wichtig, Straßen sollen repariert werden und der Müll entsorgt. Solche Abwägungen sind moralisch misslich, sie müssen aber sein, denn das Geld reicht nie für alles. Die Frage wie man mit den begrenzten Ressourcen am meisten Gutes tun kann, muss immer wieder auf dem neuesten Stand der Erkenntnis abgewogen werden. Wer heute alles in die Reduktion der Treibhausgase stecken und dafür sogar wirtschaftlichen Niedergang in Kauf nehmen will, sollte sehr gute Argumente vorweisen können. Wie absurd die Klima-über-alles-Bewegung inzwischen geworden ist, kann man in Indonesien und Malaysia besichtigen. Um die europäische Nachfrage nach Biotreibstoffen zu befriedigen, werden der Regenwald abgebrannt und Ölpalmplantagen angepflanzt. Wir opfern dem Klimagott ein einzigartiges Zentrum der Artenvielfalt. Gut, dass es Leute wie Bjørn Lomborg gibt, die diesem globalen Irrsinn widersprechen.
In Kurzfassung erschienen in der LITERARISCHEN WELT am 10.05.2008
Bjørn Lomborg
Cool it
Warum wir trotz Klimawandels einen kühlen Kopf bewahren sollten
Deutsche Verlags-Anstalt
München 2008
272 Seiten, 16,95 Euro
Und für alle, die die den Klimawandel und die Klimadebatte mal kurz, verständlich aber dennoch differenziert (und unterhaltsam!) erklärt haben wollen, gibt es dieses wunderbare Buch von Dirk Maxeiner:
Hurra, wir retten die Welt!
Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen
wjs-Verlag, Berlin 2007
ISBN 9-783-937989-29-7
230 Seiten. 19,90 Euro

