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Spotlight
Michael Miersch 17.04.2007 +Feedback
Gastbeitrag von Marko Martin: Kleine Typologie des Herumsitzens
Von Magdeburg nach Marrakesch
Erinnert man sich noch? Vor einigen Jahren musste ein sachsen-anhaltinischer Minister zurücktreten, da er in einem „Spiegel“-Interview die als despektierlich empfundene Bemerkung geäußert hatte, in seinem Bundesland gäbe es doch arg viele Mitbürger, die nichts täten, als im Unterhemd aus dem Fenster zu schauen, das Sofakissen unter die verschränkten Unterarme geschoben. Nun hätte dieser Satz schon wegen seiner nahezu marcel-proustschen Beobachtungsdetailliertheit einen Preis anstatt politisch korrekter Schelte verdient. Andererseits aber wurden aus Magdeburg und Halle auch keine gewalttätigen Proteste gemeldet, weder der „Spiegel“ noch eine Minister-Puppe waren öffentlich verbrannt worden, und anstatt sich „gedemütigt“ zu fühlen – schaute man weiterhin verdrossen aus dem Fenster. Mal sehen, was wird. Vielleicht fühlte sich der Autor dieser Zeilen, vor ein paar Tagen noch in Marrakesch unterwegs, ja deshalb so an Magdeburg erinnert: Höchstens unterschwellige Aggressivität, dafür aber eine habituell gewordene Frustration, ein offensichtliches Sich-nicht-wohlfühlen in seiner Haut, das jedoch vom Herumsitzen nicht abhielt oder – aber dies könnte schon wieder der vielkritisierte „westliche Dominanzblick“ sein – gerade erst von jener Kultur des Abwartens und Grummelns herrührte. Nicht, dass der Reisende in anderen Teilen der Welt allein auf (nun ebenfalls nicht gerade spaßige) calvinistische Arbeitsmoral gestoßen wäre. Südostasiatische oder afrikanische Dörfer – die gleichen ausgeleierten Unterhemden, dafür in Ermangelung mehrstöckiger Häuser und Ausblick schenkender Fenster ein ebenerdiges Hocken auf hornigen Fußsohlen, vor allem aber: Welche Gelassenheit, welcher in sich ruhende Friede, welches somnambule Lächeln! Offensichtlich ist Sitzen nicht gleich Sitzen. Es muss dabei wohl nicht einmal Kontemplation sein. Wer einmal von Mexico bis Peru gezogen ist, wird auch jenes andere kennen: Warten, bis sich die Gelegenheit zu einer vermeintlichen Schandtat bietet (Drogen verkaufen und Sex feilbieten – zu verhandelbarem Preis oder gleich gratis, die Kirche mit dem Beichtpriester liegt ja gleich dahinten, an der Plaza Mayor). Die Unruhe beim Sitzen auf Bänken, Steinmauern, an Uferbefestigungen oder Straßenrändern kann somit durchaus zielgerichtet sein – wenn auch keinesfalls metaphysisch, so zumindest marktorientiert. Dürften von beiden, denkt man irgendwann, Magdeburg und Marrakesch doch etwas lernen! Was die sachsenanhaltinischen Fenster-Bewohner mit ihrem Unterleib tun, bleibt jedoch schon aus quasi bautechnischen Gründen ein Geheimnis, dafür aber ist evident, dass in Marokkos angeblich zauberhaftester Stadt der Griff an den eigenen Schritt eine Art Begrüßungsformel für vorbeiflanierende junge Europäer beiderlei Geschlechts darstellt. Ach, täte man es doch wenigstens mit mutwilligem Grinsen! Statt dessen aber erfolgt das Kratzen, Fingern, Jucken mit ins Gesicht geschriebenem schlechten Gewissen, das – und dies ist nun wirklich mirakulös – sofort auf die Fremden übergeleitet wird: Schaut nur, zu was ihr mich zwingst, Schande über euch. Lieber Gott, denkt man da, lass schwedische Jungfrauen regnen, auf dass sich die Anspannung andere Erlösung suche! Oder besser noch, beende die babylonische Sprachverwirrung und mach´, dass ein beliebtes ostdeutsches Mantra nun auch im Orient Gelassenheit verbreiten darf: Der Kohl und die Merkel ham´ uns verkohlt – tja, kannste nischt machen. Höchstens weiter abwarten und (Minz-)Tee trinken.

