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Spotlight
Michael Miersch 01.05.2007 +Feedback
Gastbeitrag von Marko Martin: Die Liberalen von Lima
Ein Besuch bei hartgesottenen Menschenfreunden
Er war wie Perú, irgendwann hatte er sich in die Scheiße gesetzt. Er denkt: wann? Vor dem Hotel Crillón kommt ein Hund und leckt an seinen Schuhen: hau ab. Das beschissene Perú, denkt er. Denkt: es gibt keinen Ausweg.
Mario Vargas Llosa, „Gespräch in der Kathedrale“
Zukunftsperspektiven sehen anders aus. Alain Garcia, Gewinner der peruanischen Präsidentschaftswahlen vom Juni 2006, ist ein ehemaliger Bankrotteur, während dessen erster Amtszeit von 1985-1990 das Land in Hyperinflation und Terrorismus mit Zehntausenden Toten versank. Seine Partei, die Apra, wird in deutschen Zeitungen dennoch gern als „sozialdemokratisch“ bezeichnet, was sie vor einem halben Jahrhundert vielleicht tatsächlich einmal war; heute bildet sie ein quasi etatistisches Geflecht, anfällig für Vetternwirtschaft und Korruption. Als im Jahre 1990 der Romancier Mario Vargas Llosa als unabhängiger Präsidentschaftsanwärter in die Politik ging, um seinem heruntergewirtschafteten Heimatland etwas anderes zu bieten als leere Versprechungen und pralle Lügen, brachte er folglich sogleich das ganze Apra-Establishment gegen sich auf – bevor dieses sich dann mit einem dubiosen, wie aus dem Nichts aufgetauchten Ingenieur namens Alberto Fujimori verbündete, der wiederum seine innenpolitischen Gegner bald durch einen autoritären „Selbstputsch“ neutralisierte, ehe er nach seiner Wahlniederlage im Jahr 2000 nach Japan flüchtete. Immerhin aber, sagen die Peruaner mit Ausnahme von Vargas Llosa, der im Ingenieur nur einen weiteren korrupten Diktator in der Geschichte des Landes sieht, hat Fujimori mit dem maoistischen Alptraum der Terrororganisation des „Sendero Luminoso“ aufgeräumt, unter deren Gewalt nicht etwa „die Reichen“, sondern hauptsächlich die bitterarmen Campesinos der abgelegenen Andenregionen zu leiden hatten. Und nun noch einmal Alain Garcia, der einstige Hoffnungsträger, mit 36 Jahren damals jüngster Präsident Perus und Lieblings-Latino von Willy Brandts Sozialistischer Internationale, der
in Verstaatlichungen und Notendrucken das Allheilmittel sah und damit das Desaster nur noch verschärfte? Immerhin, sagt die Mehrheit der Peruaner, hätte es auch schlimmer kommen können, wäre der linksnationalistische Ex-Oberst und Chavez-Freund Ollanta Humala zum Präsidenten gewählt worden, sah dessen Programm doch dies vor: Totale Herrschaft (der bislang tatsächlich diskriminierten) „kupferfarbenen“ Indios bei gleichzeitiger Vertreibung der Weißen, Gelben und Schwarzen. Peru, und das spricht für seine demokratische Reife, hat sich gegen diese Light-Version von Pol Pot entschieden und dafür einem Ex-Präsidenten die Stimme gegeben, der sich noch am Wahlabend für seine Stümpereien in der achtziger Jahren entschuldigte und eine sozial ausgewogene Modernisierung versprach. (Und dafür prompt von Hugo Chavez, der im erklärten Gegensatz zu Chiles sozialistischer Präsidentin Michelle Bachelet dann auch Garcias Amtseinführung fern blieb, das Ettikett des „Verräters“ erhielt). Doch in welcher Form – jenseits einer fatalistischen Philosophie des kleineren Übels - könnte es tatsächlich Hoffnung geben für das südamerikanische Land mit den fünf Klimazonen, das viermal so groß ist wie die Bundesrepublik?
*
„Real Estate“, sagt der Indigena mit dem gewellten schwarzen Haar in ungerührtem Ton, „Real Estate.“
Früher arbeitete Enrique Diaz bei der Weltbank, jetzt sitzt er im klimatisierten neunten Stock eines Hochhauses in Limas wohlhabendem Geschäftsviertel San Isidro und spricht von Büchern - Grundbüchern wohlgemerkt. Wir befinden uns in der Zentrale des 1981 gegründeten Instituto Libertad y Democracia (ILD), des Instituts für Freiheit und Demokratie. Libertad, Democracia? Gehörten und gehören nicht gerade diese zwei Worte zu den am meisten mißbrauchten des Kontinents, von rechten oder linken Militärs und Caudillos immer wieder in die Mikrophone hineingebrüllt, hoch oben von den Tribünen an den Plaza Mayors, während unten das herbeigetrommelte Volk mit Gratisbier bei Laune gehalten wird und Schlägertruppen dafür sorgen, daß an den Rändern alles ruhig bleibt?
„Bis jetzt“, sagt Senor Diaz, „bedeutet Demokratie allzu oft, daß man sich nur wählen läßt, um für sich und seinen Clan die verbliebenen staatlichen Reichtümer abzuräumen, die Privatwirtschaft zu erpressen und anschließend sich und das Geraubte in Sicherheit zu bringen. Wenn das gelungen ist, braucht man nicht einmal wiedergewählt zu werden, sondern kann dann im Fernsehen sogar mit großer Geste die vermeintliche eigene Niederlage anerkennen und dem nächstfolgenden Dieb zum Wahlsieg gratulieren.“
Eine Anspielung auf Alberto Fujimori? Das vernichtende Urteil über die darauffolgende Regierungszeit Präsident Toledos - auch er übrigens ein Indianischstämmiger mit Weltbank-Erfahrung - der bei den letzten Wahlen gar nicht mehr selbst kandidiert? Oder gar eine düstere Vorahnung der kommenden Jahre mit Alain Garcia?
Enrique Diaz´ Lächeln ist vielsagend. Liegt es daran, daß sein gerade zu einer Vortragsreise in Mexico weilender Instituts-Chef, der Ökonom Hernando de Soto, Anfang der neunziger Jahre selbst für die Fujimori-Regierung arbeitete, ehe er sie, frustriert vom Ausbleiben wirklicher Reformen, verließ? (Eine Tatsache, die etwa Mario Vargas Llosa, bei den Präsidentschaftswahlen 1990 Fujimori denkbar knapp unterlegen, noch heute als opportunistischen Makel sieht, weshalb die zwei berühmtesten Liberalen Lateinamerikas – charismatische Alpha-Tiere alle beide – seit langem nur noch in privater Abneigung verbunden sind.) Das allerdings wäre entschieden zu kurz gedacht, besteht doch die Aufgabe des ILD, von der Zeitung „Economist“ immerhin als zweitwichtigster Think-Tank der Welt beurteilt, gerade darin, weltweit Regierungen zu beraten und, streng legalistisch, nichts ohne offizielle Genehmigung zu tun. Und dennoch gleicht das, was man sich hier vorgenommen hat, einer tickenden Zeitbombe im Kampf gegen Armut, Hunger und Korruption.
„Betreiben Sie etwa Mimikry, Senor Diaz?“
Erneut dieses freundliche, jedoch ein wenig unnahbare Lächeln. „Aber woher denn. Unser Programm liegt offen. Und Hernando hat Bücher darüber geschrieben, die auch ins Deutsche übersetzt worden sind.“ Haben wir doch gelesen, geniale Regieanweisungen einer stillen Revolution: „Marktwirtschaft von unten“ und „Freiheit für das Kapital“.
„Um es kurz zu machen: Uns geht es nicht darum, die Reichen ärmer, sondern die Armen reicher zu machen. Das fängt damit an, daß wir uns in jahrelangen Recherchen in den Slums, den Favelas, den Bidonvilles dieser Welt umgesehen und eine Entdeckung gemacht haben: Es liegt nicht an einer sogenannten kulturellen oder religiösen Identität, wenn Kapitalismus in diesen Ländern nicht funktioniert, schon gar nicht an der Hautfarbe.“ Es wird das erste und letzte Mal sein, daß während unseres Büro-Besuchs diese semi-autobigraphische Anspielung fällt. Soll etwa jenem doppelten Unglück – jahrhundertelange asoziale Dominanz der spanischstämmigen Oberschicht und im Gegenzug, ähnlich wie im Bolivien des Evo Morales, eine in vergleichbarem Rassenwahn propagierte Retourkutsche – ausgerechnet mit Büchern begegnet werden, dazu auch noch mit Grundbüchern?
„Das ist das A und O“, entgegnet Diaz ungerührt, während sein Blick kurz über die verspiegelten Hochhäuser gegenüber der breiten Fensterfront seines Büros schweift. „Bei unseren Recherchen haben wir herausgefunden, daß allein in Peru die sogenannten Ärmsten der Armen ein Vermögen von 74 Milliarden Dollar besitzen. Das ist vierzehn Mal so viel wie der Wert aller bisherigen ausländischen Investitionen! Dieses Geld wird in der Schattenwirtschaft verdient, in offiziell nicht zugelassenen Bus- und Taxiunternehmen, bei Klein- und Kleinsthändlern, in Schneidereien und Verkaufsständen. Weshalb aber in der Schattenwirtschaft? Weil es zum Beispiel in unserem Land 289 Tage dauern würde, um eine kleine Schneiderei zu eröffnen, weil man zuvor für Dutzende Genehmigungen zuerst einmal mehr als tausend Dollar an korrupte, regelwütige Bürokraten zahlen müßte. Weil dieses System die Armen ausbremst und nicht aufsteigen läßt. Diese Leute brauchen also weniger westliche Entwicklungshilfe, sondern Rechtssicherheit, Transparenz und bei auftretenden Problemen so etwas Wunderschönes wie die Möglichkeit einer Verwaltungsklage. Vergessen Sie auch nicht deren `Immobilienbesitz`: Hunderttausende von Wellblechhütten und Lehmhäusern, auf die allerdings keiner von ihnen einen Rechtstitel hat.“
Gegenfrage: Ist dies nicht etwas zu rational gedacht, eine kühle Idee kluger Planungsstäbe, deren Mitglieder von amerikanischen und europäischen Universitäten eine Kultur des calvinistischen Arbeitsethos mitgebracht haben, ein Vorsorge-Denken über den Tag hinaus?
Enrique Diaz zieht unmerklich die Augenbrauen hoch. „Könnte es sein, dass der Denkfehler bei Ihnen liegt? Weshalb leben denn die Leute im sogenannten ´armen Süden´ nur für den Tag? Weil sich alles, was darüber hinaus geht, ihrem Einfluß entzieht! Weshalb sparen, wenn morgen die Inflation alles zunichte machen kann oder ein Minister mit den gesamten Goldreserven verschwindet? Weshalb Geld für ein Haus zurücklegen, wenn irgendein Wohlhabenderer mit Hilfe korrupter Gerichte das Grundstück einfach für sich fordern kann? Ich bin bestimmt kein Marxist, aber in einem hatte dieser Deutsche recht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“
Genau hier setzt das Institut an. Das Grundbuch als ökonomisches Pendant zum eigenen Paß, Garantie dafür, daß irgendwann kein Slumbewohner mehr die Bulldozer der Regierung fürchten muß, daß die Masse des mühsam arbeitenden Geldes nicht mehr wie bislang totes Kapital bleibt, sondern legal versteuert, klug investiert oder vererbt werden kann. Die ersten, welche die Sprengkraft dieses auf den ersten Blick reichlich formalistischen Ansatzes entdeckten, waren nicht zufällig die bewaffneten Ideologen vom „Sendero Luminoso“, dem „Leuchtenden Pfad“. Die maoistischen Terroristen, die ab Anfang der achtziger Jahre Peru in einen Bürgerkrieg und staatlichen Gegenterror mit über siebzigtausend Opfern stürzten, wußten genau, daß ihnen die reaktionäre Oligarchie immer wieder Sympathisanten zutreiben würde, das kleine Institut dagegen mit seinem Reformansatz ungleich gefährlicher war: Menschen, die materiell etwas zu verlieren haben, sind nicht unbedingt geneigt, feudale Armut gegen sozialistisches Elend zu tauschen. „Sie haben Bomben auf das Institut geworfen, damals, als wir noch ganz am Anfang standen und nur ein Haus in Miraflores hatten. Ihr Haß war tatsächlich von großer Inbrunst.“
Man kann es sich vorstellen. Welche Provokation aber auch: Weder die Fortführung des traditionellen Eliten-Reibachs in einer gnadenlosen Kapitalismus-Travestie noch das Höllenversprechen kollektivistischer Erlösung, sondern statt dessen ganz klar und fair Privatbesitz für jeden, die Heinrich Heineschen Zuckererbsen auch in den Armenvierteln von Lima, Puno oder Cusco. Erste Erfolge sind inzwischen sichtbar, Deregulierungen und mehr Rechtssicherheit. „Mittlerweile ist es per Verfassung verboten, mehr Schulden aufzunehmen als Geld für Neuinvestitionen auszugeben. Wir wissen aber auch, daß dies nur ein Anfang ist. Schließlich haben alle Regierungen von Belaunde über Alan Garcia bis Fujimori und Toledo Reformen begonnen, aber nie zu Ende geführt. Das heißt“, nimmt Diaz einen möglichen Einwand vorweg, „wir sind keine Reform-Ideologen. Der rechtliche Rahmen muß sich den gewachsenen Strukturen im informellen Sektor anpassen und nicht umgekehrt.“
Seit 1994 ist ILD sogar weltweit tätig: Schätzt das Ausmaß von Schattenwirtschaften und Bürokratie in Ägypten oder auf den Philippinen, beginnt – logistisch und finanziell unter anderem unterstützt von der norwegischen Regierung – mit ordnungspolitischen Reformen in Tansania, sieht konkrete Erfolge in Costa Rica und totales Scheitern in Haiti, hat schließlich sogar auf Putins Wunsch in Rußland recherchiert und entsprechende Lösungsansätze unterbreitet. Und? „Nun“, sagt Senor Diaz, „in Tansania kommen wir gut voran, Wladimir Putin hat sich jedoch bei uns noch nicht wieder gemeldet.“ Hat statt dessen, aber das müssen wir uns als Antwort hinzudenken, mit Michail Chodorkowski genau jenen Mann enteignen und einkerkern lassen, der wie kein anderer Oligarch aus der Raubritter-Logik ausgebrochen war, um mit seinem überaus profitablen und transparent geführtem Unternehmen einen Beitrag zur Modernisierung Rußlands zu leisten. Doch genau hier setzen die Unentwegten des Instituts erneut an: Höherer Wohlstand, so die Logik, schaffe ein zufriedeneres Volk und garantiere auch eine solidere Basis für die nun nicht mehr von Putschen und Revolten bedrohten Politiker, die somit wiederum ein vernünftiges Eigeninteresse hätten, Reformen anzutreiben.
„Verabschieden Sie sich“, sagt Enrique Diaz, als er die wachsende Skepsis auf unseren Gesichtern zieht, „vom Bild des Kuchens und dessen großen und kleinen Stücken. Nach dieser Logik nämlich hätten die Reichen tatsächlich kein Interesse daran, daß die winzigen Stücke der anderen größer werden, würde dies doch ihren Reichtum verkleinern. Aber wie gesagt, nicht alle bildlichen Vergleiche werden der Komplexität von Gesellschaften immer gerecht.“ Tatsächlich nicht? Und was wäre dann mit dem brasilianischen Präsidenten da Silva, dessen Versuche, landlosen Bauern endlich Eigentumsititel zu verschaffen, seit Jahren von der Lobby monopolistischer Latifundistas aggressiv ausgebremst werden? Womöglich auch nur eine Frage der falschen Metapher?
Das Pokergesicht, das der Ex-Weltbanker jetzt aufsetzt, läßt tief blicken - und macht ihn doch sympathisch. „Wir sehen das als Prozeß. Wir versprechen nicht, sofort die Lebensverhältnisse zu verbessern, sondern gehen an die Grundlagen. Wenn die Reichen etwas merken, ist es schon zu spät für sie – im besten Fall. Aber wir sind Liberale, keine linken Idealisten. Wir sind keine Altruisten.“
Spätestens jetzt aber denken wir an „Casablanca“. Hatte nicht damals ein geschniegelter Humphrey Bogart mit der gleichen vermeintlichen Kälte gemurmelt, von wegen Hilfe und selbstloses Engagement, er sei doch kein gefühlsbesoffener Narr? „Aber Sie haben damals Waffen für die Republikaner in Spanien geschmuggelt!“, insistierte leuchtenden Auges Victor Laszlo. „Na und“, lautete Ricks schnöde Antwort, „die haben mir schließlich Geld gegeben.“ Victor Laszlo, lächelnd und unbeirrbar: „Die Faschisten aber hätten ungleich besser bezahlt, und das wissen Sie auch, Monsieur Rick.“
Lima in der Gegenwart: Die gutgekleideten Senoras und Senores Rick´s vom Instituto Libertad y Democracia schmuggeln Pläne anstatt Waffen, pflegen jedoch das gleiche Understatement. Gut möglich, das sie auf ihre stille Art irgendwann ihr Ziel erreichen, womöglich sogar mit Hilfe eines inzwischen lernfähigeren Alain Garcia. Eine Lektion haben sie jedenfalls schon jetzt in die Welt getragen: Wer den Armen und Entrechteten langfristig wirklich helfen will, braucht mehr als ein gutes (Spender-)Herz. Er sollte vor allem fälschungssichere Grundbücher dabei haben.
Postscriptum in Cusco
Eine Galeristin in der Stadt, spezialisiert auf Inka-Kunst, hatte ihn uns empfohlen: Ein pensionierter Physiklehrer und Familienvater, der, um seine karge Pension aufzubessern, mit seinem Wagen für 25 Dollar ganztägige Touren in das Valle Sagrado de los Incas anbietet. Der Mann, ein klug und vertrauenswürdig aussehender Spätfünfziger, begrüßt uns mit würdevoller Freundlichkeit, doch schon wenige Minuten später sitzt er schweißgebadet auf dem Fahrersitz, die rechte Hand mit dem Ehering um das Lenkrad verkrampft, bis die gebräunten Knöchel weiß werden. Noch sind wir nicht aus der Stadt heraus, hat ihn bereits ein müßig herumstehender Polizist erspäht, die zwei Ausländer ausgemacht, den Wagen anhalten lassen und in schnauzendem Befehlston die Zulassungspapiere requiriert.
Amigo, por favor…. Die bittende, jetzt fast winselnde Stimme des ehemaligen Lehrers, dazu die tumbe, gefühllose Mimik im Gesicht des Uniformierten – einer jener Pausenhofschläger, die wahrscheinlich schon als Kinder andere kujonierten - das mit einem Fingerschnippen hergestellte Herr-und Knecht-Verhältnis: Geld gegen Führerschein. Du siehst die Angst in den Augen des Fahrers, der mögliche Verlust des Wagens an einem sonnigen Vormittag in der alten Inka-Metropole Cusco, siehst den wie in einem Film schnurbärtig und dickbäuchig und breitbeinig dastehenden Polizisten mit dem Pistolenhalfter, und während Dir, plötzlich und ohne Vorwarnung, Tränen der Wut in die Augen schießen, denkst du: Jetzt eine Knarre zu haben, jetzt. Erschreckst sogleich über den Gedanken und sagst Dir doch: Aufgewachsen in solch einem Land, hier in Peru, wärst wohl auch Du linksradikal geworden, hättest in einer Phase zumindest ernsthaft mit der Vorstellung gespielt, Gerechtigkeit auf nachdrückliche Weise herzustellen. Jetzt! Und was dann? Das uniformierte Monster plötzlich ebenfalls ein hilfloser Familienvater, blutend oder tot am Boden, Grund für Schmerzenschreie, für Trauer und Rache: Sähe sie etwa so aus, Deine Gerechtigkeit? („Ein Opfer oder ein Opfernder mehr, der mit Händen und Füßen kämpfte, um zu vernichten und nicht vernichtet zu werden, ein peruanischer Bürger mehr?,“ hieß es in Mario Vargas Llosas Roman „Gespräch in der Kathedrale“.)
Unser Fahrer steigt schließlich aus, verhandelt mit dem Polizisten, lädt ihn zum Trinken auf seine Kosten aus, steckt ihm einige Soles-Scheine zu, erhält nach einigem Hin und Her dann seine Wagenpapiere zurück, zittert aber noch immer und fährt uns schweigend über die Serpentinen aus Cusco hinaus. Beim Mittagessen in einem idyllischen Gartenrestaurant in Urubamba erzählt er dann, inzwischen wieder gefasst und mit der überzeugenden Gestik eines guten Lehrers, der an die unbedingte Kraft des Wissens glaubt, dass er damals, im Jahre 1990, natürlich Vargas Llosa gewählt habe und bedauere, daß es Hernando de Soto nicht gelungen sei, eine eigene Partei zu gründen, um bei den jetzigen Präsidentschaftswahlen eine wirkliche Alternative zu bieten. (Er sagt „Mario y Hernando“, spricht vom Wirtschaftswunder im benachbarten Chile und schaut mit einem melancholischen Lächeln über die stille rotgrünbraune Postkartenlandschaft.) „Alain Garcia hatte damals in den Achtzigern den Campesinos Geld gegeben, einfach so. Weil sie aber noch immer keinen eigenen Boden besaßen, kauften sie sich davon nicht etwa bessere Werkzeuge, sondern Goldschmuck und Alkohol, und die Großgrundbesitzer sagten: `Seht Ihr, man muß sie kurz halten.` Falsche Versprechungen und wahre Drohungen, es ist immer das gleiche in Peru.“ Du denkst an die Leute vom Instituto, im fernen Lima, aber nah, so nah, einem der Zentrum des Problems. Also noch immer eine Knarre, empörter Gast aus dem Westen? Wohl eher ein Grundbuch und einen unabhängigen Richter – und erst dann Gewehre, um das Recht effektiv zu schützen. Wenn die Reichen etwas merken, ist es schon zu spät für sie. Wenn schon eine Utopie, denkt Ihr, dann diese.
Ausklang in Lima
Zurück in der Hauptstadt, der letzte Tag der Reise. Im Parque del Amor in Miraflores spazieren junge Paare umher, blinzeln in die Sonne oder schauen hinunter aufs Meer, alte Frauen führen ihre Hunde aus, Studenten lesen in ihren Büchern. Er aber hat Euch sozusagen aufgespickt und sofort in eine nahegelegene Cebicheria geschleppt, der vierzwanzigjährige Salsa-Musiker aus dem bolivianischen La Paz, der heute Abend drüben in Barranco ein Konzert geben wird – zusammen mit seiner älteren Schwester, die bereits da am Tisch sitzt, in Sekundenschnelle Freundschaft mit Euch schließt und bei vier Gläsern Pisco Sour ihren etwas zweideutigen Toast ausbringt: „Arriba, abajo, al centro, al dentro!“ Sie lächeln Euch zu, schnippen mit den beringten Fingern Rhythmen, kramen eine Kamera für Erinnerungsfotos heraus, und mitten in der gemeinsamen Umarmung sagt der Bruder, plötzlich losprustend: „Meine Schwester ist sehr liberal.“ Und sie, in der gleichen tränenlachenden Fröhlichkeit: „Y mi hermano menor tambien.“
Liberalität, sagt dann einer von Euch auf dem Weg zum Flughafen, erschöpft sich nicht in Grundbüchern und real estate. Aber es ist die Basis. Auf der man auch Salsa tanzen kann? Und ob, denkt Ihr beide. Und ob.
Hernando de Soto: Freiheit für das Kapital! Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert. Aus dem Spanischen von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, 287 S., 19, 90 Euro
Mario Vargas Llosa: Der Fisch im Wasser. Erinnerungen. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag, 676 S., 22, 90 Euro

