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Markos Reisenotizen 3

  22.04.2007   +Feedback

Gastbeitrag von Marko Martin: Die Brücke am Kwai

Kommerz heißt nicht Vergesslichkeit: Betrachtungen in ideologiefreier Idylle
Die Brücke ist ungleich kürzer als in der Vorstellung, schmaler, niedriger und vor allem geradliniger. Das Gedächtnis aber beschreibt seine eigenen Windungen, und so scheint es, als müsse just in diesem Moment eine Khakihosen-Truppe im Gleichschritt anmarschiert kommen, auf den Lippen den berühmte Pfeif-Song, während im Takt dazu das Bambusstöckchen von Oberst Nicholson alias Alec Guiness auf und ab wippt. Ein sonniger Spätvormittag in der thailändischen Vierzigtausend-Einwohnerstadt Kanchanaburi, zwei Stunden Autofahrt nordwestlich von Bangkok. In den Souvenir-Läden auf beiden Seiten der schmalen, zum Fluss hin führenden Straße surren die Ventilatoren, draußen aber ist es heiß, 35 Grad im Schatten, eine unsichtbare Hitzefolie, gegen die auch keine der feilgebotenen, kunstvoll aufgeschlitzten Kokosnüsse oder eisgekühlten Coca Cola-Büchsen anzukommen vermag. Dabei muss es doch hier gewesen sein: Die Realität zum Film zur Realität. Die Brücke am Kwai. Der unter der Sonnenglast glitzernde Fluss, die wuchernde, sirrende Vegetation. Und dazu natürlich das Lied, jener bereits 1914 von einem Lieutenant Richards geschriebene “Colonel Bogey March”, von dem Kenner wissen, dass er 1957 in David Leans Film nur deshalb gepfiffen wurde, weil die damalige Zensur die zotigen Soldaten-Strophen gesungen nie und nimmer hätte passieren lassen. Alte Geschichten. Hatte der Autor dieser Zeilen, geboren 1970, nicht sogar jahrelang gedacht, die Gassenhauer-Melodie stamme aus der Spirituosen-Werbung? Komm doch/ mit auf den Under-berg/ komm doch…
Abgesunkenes (Populär-)Kulturgut: Die verschossenen Farben des einst oscargekrönten Streifens zu nachtschlafener Stunde in den Dritten Fernsehprogrammen, die literarische Vorlage von Pierre Boulle dagegen nur noch mit etwas Glück in den obersten, unzugänglichsten Regalreihen kleiner Antiquariate zu finden, staubüberzogener Leineneinband und nach Vergessen riechendes Papier. Buchclub- oder Lesering-Ausgaben, tantenhafte Tintenfüller-Widmungen, in Maßen originelle Geschenk-Ideen einer längst vergangenen Zeit. Abgehakt und vorbei?
Nicht für die holländischen und englischen Touristen, die gleich in der Nähe über den Kanchanaburi War Cemetry laufen, eine ausladende grüne Wiese mit kurzgeschnittenem Gras und knapp siebentausend Gräbern, angeschrägt wie ein steinernes Pult und eine Hand breit aus dem Boden ragend. „Über den Gräbern ist das Gras besonders grün“, schreibt Solschenizyn, und vielleicht wäre es ja eine Überlegung wert, inwieweit Vegetation schroff zum Erinnern provozieren kann oder im Gegenteil eher zu sanftem Vergessen einlädt. Gehen Hitze und Pietät wirklich zusammen, denkt ein Schwitzender vor einem Grab tatsächlich an seinen hier ums Leben gekommenen Vorfahren oder nicht doch an eine funktionierende Klimaanlage?
Die Gesichter der meisten Europäer sind schweißüberströmt, man ist in Gruppen hierher gekommen, Papiertaschentücher und Mineralwasserflaschen werden einander gereicht, und irgendwann beginnt einer der Besucher vom River Kwai Floating Restaurant und dessen Ventilatoren zu erzählen… Wenn es deprimiert, wie selbst das Erinnern, dieser Versuch, Raum und Zeit wenigstens sekundenlang zu überwinden, hoffnungslos von äußeren Faktoren determiniert scheint, so bleibt wenigstens die Chance, dies nicht nur hin-, sondern auch wahrzunehmen, unsere Schwäche zu denken anstatt sich ihr besinnungslos zu überlassen. Wenigstens das, denkt man, während man an den Grabsteinen vorbeiläuft, deren eingravierte Namen nicht im Gedächtnis bleiben werden, wohl aber die Todesjahre 1942 und 1943 und das Alter der Opfer: Age 23 Age 21 Age 25 Age 19. Überraschender Gedanke, in seiner Tröstlichkeit beinahe schon wieder zu billig: Wären all diese jungen Leute nicht glücklich gewesen, wenn sie eines Tages ebenfalls zu Touristen geworden wären, die offensichtliche Brutalität mit der womöglich auch nur vermeintlichen Banalität hätten tauschen können? Auf den Steinen stehen immerhin ihre Namen - im Unterschied zu den geschätzten 100.000 „Kulis“, thailändischen, burmesischen, indonesischen und chinesischen Zwangsarbeitern, die dem japanischen Terrorregiment ebenfalls zum Opfer gefallen waren. Nach seinen Blitzsiegen in Südostasien hatte das Tokioer Kaiserreich 1942 den Bau einer strategisch bedeutsamen Eisenbahnlinie begonnen, die von Bangkok nach Rangoon führte und von dort, so die größenwahnsinnig imperiale Idee, bis nach Indien und Pakistan, ja selbst bis hinauf in den Iran erweitert werden sollte. Besonderes Augenmerk galt dabei der Stadt Kanchanaburi, wo sich die beiden Flüsse Kwai Noi und Kwai Yai vereinigten und zwei Brücken den thailändischen mit dem birmanischen Streckenabschnitt verbinden sollten. Genau dies ist der Moment, in dem anderthalb Jahrzehnte später Buch und Film beginnen, „in der unzivilisiertesten Gegend der Welt“. Obwohl der Romancier und Drehbuchautor Pierre Boulle (1912-1994), der übrigens später mit dem „Planet der Affen“ zu einem bekannten Science-Fiction-Autor werden sollte, im Zweiten Weltkrieg für Charles de Gaulles „Forces de France Libre“ selbst in Indochina gekämpft hatte, galt „Die Brücke am Kwai“ lange als typisches Beispiel westlicher Exotik-Projektionen, vergleichbar etwa mit den ungefähr zeitgleich gedrehten, ebenfalls in der Region spielenden Kassenschlagern á „Suzie Wong“, „Alle Herrlichkeit auf Erden“ oder „Die Fähre nach Hongkong“ mit Orson Welles und Curd Jürgens.
Der „Okzidentalismus“-Vorwurf aber geht ins Leere, beginnt der Roman doch sogleich mit einer suggestiven Frage: „Vielleicht ist der unüberbrückbare Abgrund, der nach Ansicht mancher Menschen zwischen der abendländischen und der morgenländischen Seele klafft, nur eine Sinnestäuschung?“ Oberst Nicholson erscheint jedenfalls in Buch und Film kaum weniger ein wahnsinniger Gefangener rein rationalistischer Lebensauffassung wie sein Gegenspieler, der japanische Oberst Saito. Zwei Männer, die beide mitten im Krieg Brücken bauen wollen, koste es, was es wolle – entweder für den Endsieg des Kaiserreichs oder als Exampel überlegenen westlichen Organisationstalents. Und wie ein Irrsinnslaut irrlichtert der Pfeif-Song über der Flusslandschaft mit ihren Zwangsarbeitern…
Auf der richtigen Brücke aber ist es jetzt sehr still. Der im Zwei-Stunden-Rhythmus abfahrende Touristenzug hat vor ein paar Minuten den Kwai überquert – neugierige, gutgelaunte Weiße in den Fensterrahmen, die Digitalkameras in die idyllische Landschaft haltend – um hoch zum sogenannten Höllenfeuer-Paß zu fahren, wo einst australische Zwangsarbeiter ab dem 25. April 1943 innerhalb von sechs Wochen mit primitivsten Geräten einen Bergdurchbruch zu realisieren hatten. Siebenhundert von ihnen überlebten die Tortur nicht, Opfer von Hunger, Erschöpfung, Moskito- und Schlangenbissen oder Cholera-Epidemien, vom Sadismus der japanischen Wachmannschaften ganz zu schweigen.  Seit 1997 befindet sich am Pass ein Museum, das vor allem an jenem April-Tag, dem Australien Veteran´s Day, von Überlebenden und deren Familien besucht wird. Kein Wunder, denkt man, dass gerade diese Veteranen dem jährlich im Dezember stattfindenden „River Kwai Bridge Festival“ nichts abgewinnen können und vereinzelt sogar dagegen protestierten: Eine Licht- und Ton-Show, welche die nächtliche Brücke erneut zur Filmkulisse macht, flankiert vom Schönheitswettbewerb für eine „Miss Peace“. Tagsüber werden dazu Edelsteine und Schmuck aus der Umgebung feilgeboten, während die Restaurant- und Hotelpreise, so ist von genervten Bangkokern immer wieder zu hören, just um diese Zeit auf das Dreifache klettern. Friedensdividende? Zur Frühlingszeit sind jedenfalls die frischen Fischgerichte im „River Kwai Floating Restaurant“ tatsächlich ebenso schmackhaft wie günstig, schwimmen rotweiße Blüten in einem kleinen Wasserschälchen, geht der Blick beinahe versonnen zur Brücke hin mit ihren geschwungenen Stahlverstrebungen und vermoosten Steinpfeilern. Doch Moment: Stein und Stahl? Waren es nicht eher riesige Holzpfosten, welche von der Mannschaft Oberst Nicholsons enthusiastisch in das Flussbett des Kwai gerammt wurden, während gleichzeitig ein britisches Undercover-Team vom gegenüberliegenden Ufer aus versuchte, dieses Hilfsinstrument für die japanische Expansion in Grund und Boden zu sprengen?
Solcherart Details mögen wohl nur für historisch und technisch speziell Interessierte von Bedeutung sein – wer keine River Kwai-T-Shirts kaufen will, kann deshalb gleich nebenan aus mehrsprachigen Broschüren wählen (und angesichts der fast putzig anmutenden deutschen Übersetzung „Die Toteneisenbahn am Kwai“ erneut ein etwas mulmiges Gefühl bekommen). Immerhin ist hier zu erfahren, dass in der Gegend nicht nur zwei Kwai-Flüsse existieren, sondern dass es auch zwei Brücken gab: Eine provisorische Holz- sowie eine stabile Stahlbrücke, die allerdings nach Bombardierungen durch die Alliierten bereits im November 1944 wieder zerstört wurde. Die Ironie der Geschichte will, dass im Zuge von Reparationsleistungen nach Ende des verlorenen Krieges die Japaner verpflichtet wurden, eben diese Stahlbrücke zu restaurieren. Die aus 1.2000 Bambusbäumen bestehende „Film-Brücke“ wurde dagegen in Sri Lanka aufgebaut und galt 1957, im Jahr der Dreharbeiten, als die bislang größte Brückenkulisse der Filmgeschichte. Merkwürdigerweise erinnert sie viel weniger an das reale Bauwerk über den Kwai, als vielmehr an jene von weiteren Zwangsarbeitern an den Felsen oberhalb des Flusses konstruierte Wang-Pho-Brücke, zu der es in der Broschüre mit unfreiwilliger Komik heißt: „Wegen engen Flächen und dringender Arbeit wurde die Schienelegung nicht so richtig nach Standart gemacht. Bei den ersten Zugtransportierungen sind die Züge hinuntergefallen. Viele indonesische und malayische Lokführer sowie Japaner-Aufseher sind dabei verstorben. Die Japaner mussten daher mit Grausamkeit und Greultat handeln. Körperverletzung gehört zu den Disziplinen der Japaner-Armee, und die Kriegsgefangenen wurden stets geschlagen… Heute wird die Wang Pho Holzbrücke immer restauriert.“
Und doch ist es nicht der häufig ins Pietätlos-Ridiküle abkippende Kommerz und Erinnerungs-Talmi, der irritiert. Die Legoland-Welt rund um die Kwai-Brücke besitzt beinahe etwas Rührendes, sie kreist um sich selbst und transportiert keinerlei Ideologie. Jene nämlich wird man dann erst in Bangkok wiederfinden und zwar in der als Traveller-Meile spätestens durch die ersten Szenen von „The Beach“ weltberühmt gewordenen Khao San Road.
Leonardo DiCaprio aber logiert hier längst nicht mehr, nachgezogen ist jene internationale Community netter junger Leute, die hier gern preiswerte Pizza oder Reisnudeln verspeisen und sich in den Bookstores mit Raubkopien bekannter Bücher und Videos eindecken als da wären die Verfertigungen von Dan Brown und Michael Moore oder – schließlich ist man ja doch in Thailand – unsere „Brücke am Kwai.“ Erst hier, bei genügend Singha-Bier in den ansprechend gestalteten Aufenthaltsräumen mit ihren oben an der Decke angebrachten Videorecordern, wird aus der prallen Abenteuerstory die zähflüssige Milch einer besserwisserischen Gratis-Moral: Jeder Krieg ist Mist - haben wir´s nicht immer schon gewusst? Make love not war, denn ob nun gefangene Engländer oder patrouillierende Japaner – wo schon sollte da der Unterschied sein? Irgendein Junge oder ein Mädchen mit Rastafrisur beginnt mit aufgeräumter Ironie den berühmten Song zu pfeifen, und spätestens in diesem Moment begreift man, dass es wohl ungleich Bedenklicheres gibt als die vermeintlich asiatische Erinnerungsschludrigkeit. Es ist jene durch keinerlei Zweifel angenagte Gewissheit unserer westlichen Globetrotter, dass tatsächlich nichts über strikt durchgehaltene Coolness und sich selbst betätigende Gelassenheit geht. Der japanische Faschismus wird in Gestalt des brüllenden Oberst Saito dann ebenso zum skurrilen, belächelten Phänomen wie der islamistische Terror, dem man höchstens übelnimmt, gemeinerweise immer wieder die Strand-Idylle von Bali heimzusuchen. Vielleicht gilt ja das berühmte Lächeln der Thais nicht zuletzt auch der Wahnsinns-Ignoranz ihrer vortrefflich zahlenden Gäste.

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