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Spotlight
08.10.2007 +Feedback
Die Erweckung von Córdoba
Der französische Holocaust-Leugner Roger Garaudy betreibt in Andalusien ein „Museum der Toleranz“
„Die Welt ist nicht absurd – das ist die Botschaft.“ Derlei möchte man gern glauben, denn es ist ein sonniger Nachmittag in Córdoba. Der Minarett-Glockenturm der Mezquita, Andalusiens berühmtester Moschee-Kathedrale, reckt sich in den wolkenlos blauen Himmel, und von der über den Guadalquivir führenden Brücke läßt sich auf ein Flußbett aus kleinen Inseln und noch winzigeren Wasserstrudeln blicken, während am anderen Ufer wuchtig der Torre de la Calahorra steht, zu maurischer ebenso wie zu christlicher Zeit ein mächtiger Wachturm mit pyramidenförmigen Zinnen. Seit 17 Jahren beherbergt er das „Museo Vivo de Al-Andalus, ein Museum der Toleranz“. Das Innere ist dämmrig, die Wände sind mit Teppichen und Ornamentmalerei bedeckt, in den Vitrinen das diffuse Glitzern alten Silbers, doch dann beginnt es hinter den roten Absperrschnuren zu leuchten.
„Eine unvergeßliche Reise durch die Vergangenheit. Mit hochmodernen Infrarotkopfhörern versetzen Sie sich hinein in Persönlichkeiten, Wissenschaft, Technik und Musik – eine lebendige Erinnerung an die Kultur von Al-Andalus. Möge dieser Besuch für Sie eine Hochzeitsreise mit der Geschichte der Zukunft sein.“ Die Rhetorik ist orientalisch, doch wird die deutsche Version des Sermons mit einem quasi gealterten und guttural gewordenen Pierre-Brice-Akzent vorgetragen – vielleicht sogar von Roger Garaudy selbst, dem französischen Museumsgründer. Vergessen wir eine Weile, was wir über ihn wissen – ideologischer Einpeitscher der KP, anschließend kritischer Marxist, danach Christ, inzwischen konvertierter Muslim und 1998 in Frankreich gerichtlich verurteilter Auschwitz-Leugner. Jetzt nämlich erklingt im Kopfhörer Zimbelmusik, während in Raum 1 wie auf Knopfdruck die historisch kostümierten Figuren Averroes, Maimonides und Ibn al-Arabi auftauchen. Letzterer beteuert – mit sanft näselnder Stimme, wir erinnern uns erstmalig wieder an einen Diavortrag der Zeugen Jehovas – daß die Maurenepoche von al-Andulus das goldene Zeitalter gewesen sei, in dem Jude, Christ und Moslem zum gleichen Gott gebetet hätten, während plötzlich das Licht über der Maimonides-Figur leuchtet, die mit folgender Weisheit ergänzt: „Der Einzelne kann sich nur in einer gesunden Gesellschaft entwickeln, in der die Pflichten Vorrang haben vor den Rechten.“ Also doch nicht Zeugen Jehovas, denkt der Besucher, eher M/L: Marxistisch-lenistische Kaderschulung mit menschlich-touristischem Antlitz. Hübsch drapierte Blickfänger sind in der Tat das Tisch-Modell der ursprünglichen Moschee von Córdoba und die an Spielzeugeisenbahn-Welten erinnernden Miniatur-Interieurs von Häusern, Schulen, Bädern und Gebetshäusern. Der Jude, der Christ, der Muslim – doch bleibt es in Gestalt von Ibn al-Arabi letzterem überlassen, die historischen Fakten, die von einem mehr oder minder geduldeten und zu Maimonides´ Zeit schon reichlich prekär gewordenen Status der Juden und Christen berichten, mit einer recht eindeutigen Botschaft zu überzuckern: „Gott ist die Einheit von Liebendem und Geliebtem, er ist die Ganzheit, die sich im Koran offenbart.“ Früher hätte Monsieur Garaudy wahrscheinlich an dieser Stelle von Marx´ “Kapital“ und dem dort geoffenbartem „objektiven Bewegungsgesetz der Geschichte“ gesprochen. Soviel Liebe, Ganzheit, weltweite Einheit, Dauer-Toleranz und Verständnis! Und so einer sollte sich tatsächlich in Pamphleten und in seiner vom saudiarabischen Fernsehen verfilmten Autobiographie wahren Haßausbrüchen gegen Israel hingegeben haben? Ein Widerspruch, der keiner ist. Wenn sich heute, so die These, Juden und Muslime feindlich gegenüber stehen, liegt es wohl nur an den aufmüpfigen Zionisten, die partout ihren eigenen Staat haben und sich nicht mehr mit der Position der nur geduldeten „Dhimmis“ zufriedengeben wollten. Im Originalton einer anderen Institution: „Hamas fühlt sich der dem Islam innewohnenden Toleranz gegenüber anderen Religionen verpflichtet. Schutz und Sicherheit kann es nur im Schatten des Islam geben, und neue wie alte Geschichte sind der beste Zeuge dafür.“
Die Zimbelmusik wird lauter, inzwischen sitzen wir auf knarrendem Gestühl in einem kleinen, stickigen Filmvorführraum, wo nun endlich Klartext gesprochen wird: Schuld am Ende der „Hochzeitsreise“ ist selbstverständlich der Westen, dessen „egozentrisches Menschenbild schon in der sogenannten Demokratie“ – die Filmstimme windet sich vor Ekel – „von Athen angelegt ist. Römerreich, Rennaisance und ein pervertiertes Christentum, das ursprünglich im Nahen Osten entstanden war, setzten die Entfremdung fort und schufen ein Leben im Taumel von Halbwahrheiten.“
Das alles ist inzwischen mehr als der süße Brei, den Wilhelm Hauffs diabolische Frau Ahafzi im „Kleinen Muck“ an ihre Dutzenden von Katzen verfütterte, eher sind es ideologische Tropfen aus der alten Westhasser-Apotheke, die hier mit Hilfe jener „hochmodernen Infrarotkopfhörer“ in naive Touristenohren geträufelt werden. Nicht, daß das Plansoll hundertprozentig erfüllt würde; die meisten der Museumsgäste nutzen die Filmvorführung für ein kleines Schläfchen, müde des Dauer-Tremolos im Inneren des Wachturms. Dennoch wird wohl so einiges hängenbleiben – in Fetzen, ganz wie es manipulativ dargereichten Geschichtshäppchen entspricht.
Hat man das Museum – laut Aussage seiner dienstwilligen Angestellten allein durch Eintrittsgelder, ergo westliches Touristengeld finanziert – wieder in Richtung Stadt verlassen, ist man jedenfalls froh, in die lebendige Welt der „Teilwahrheiten“ zurückgefunden zu haben. Gigantisch geht die Sonne über Córdoba unter, und angesichts der kruden Vitalismus-Priesterschaft Garaudys erinnern wir uns an jenen DDR-Witz, als der Feuerball, müde seiner täglichen Begrüßungen durch den SED-Generalsekretär, gegen Abend nur noch spöttisch murmelte: „Rutsch mir den Buckel runter, jetzt bin ich im Westen.“


