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Bundeswehr in Afghanistan

  05.03.2009   +Feedback

Deutschland-ein Psychokrieg

Von Jost Kaiser
Seit sieben Jahren steht die Bundeswehr in Afghanistan. Lange Zeit, ohne dass die deutsche Öffentlichkeit irgendein Interesse für den Krieg am Hindukusch gezeigt hätte. Auch das afghanische Volk, seit Jahrzehnten vom Krieg gequält, löste keinerlei Empathie in Deutschland aus. Schließlich haben die Afghanen keinen schicken Buddhismus im Gepäck, der müde Manager und esoterische Omas wieder munter macht, so wie das tibetische, das zudem noch einen eloquenten Wanderprediger aufzuweisen hat.
Nein, der aktuelle Liebling unter den edlen Wilden, das sind die Afghanen, diese Looser der Weltgeschichte nicht, obwohl dieses Volk unsere Sympathie und Aufmerksamkeit so dringend nötig hätte.
Wenn sich die Deutschen mit Afghanen und Afghanistan beschäftigten, dann schlossen sie sich einfach den Ethno-Fachleuten Helmut Schmidt und Peter Scholl-Latour an. Deren dumpfe Erkenntnisse gehen im Wesentlichen so: Der Araber und auch der Afghane, die können qua genetischer Prägung einfach keine Demokratie, die brauchen keine Menschenrechte. Ein Irrer, der denkt, man könne solche in diesen Ländern verbreiten.
Dass diese Meinung ein schlimmer Rassismus ist – wer würde sich trauen Helmut Schmidt das ins Gesicht zu sagen?
Seit einiger Zeit haben die Deutschen nun doch einen empathischen Zugang zum Geschehen am Hindukusch gefunden. Und wie immer geht es dabei ausschließlich um sie selbst. Es ist das Thema der traumatisierten Bundeswehr-Soldaten. Meistens wird das Thema mit dem simpelsten aller journalistischen Tricks aufgepeppt: Angeblich sei das ganze ein Tabu. Männer, die nicht zeigen dürfen, wie es ihnen wirklich geht in der Macho-Domäne Armee.
Nun sind die Themen die als “Tabu” angekündigt werden eines nie: ein wirkliches Tabu. Seit Jahren wird über das Thema in langen Reportagen und zuletzt sogar in einem abendfüllendem Film berichtet. Und das ist gut.
Die Entdeckung und Behandlung dieser Krankheit (posttraumatisches Stressyndrom) ist ein Fortschritt der Medizin und zu begrüßen. Traumatisierte Soldaten müssen behandelt werden und man muss sie sozial absichern.
Dennoch hat die journalistische Modewelle, sich dem Aghanistan-Einsatz über das Thema “Traumatisierung der Soldaten” zu nähern etwas Seltsames. Vielleicht ist es einfach so, dass Deutsche sich mit einer Sache vor allem dann gut beschäftigen können, wenn sie selber im Geschehen eine Rolle als Opfer beanspruchen können.
Dann hat dieser Zugang zudem noch die Anmutung erheblichen gesellschaftskritischen Potentials – und das lieben Medien: Da seien “Kämpfertypen”, gefangen in ihrer Männlichkeit, deren Selbstbild es widerspräche zum Psychiater zu gehen, so raunt es aus den Blättern.
Seit 40 Jahren wird Männlichkeit demontiert. Von Tabubruch kann also gar keine Rede sein, wenn über traumatisierte Soldaten berichtet wird.
Böse Zungen würden behaupten: Das mit dem Gefangensein in der eigenen Männlichkeit kann so nicht stimmen, den genau dieser Typus ist in der Bundeswehr selten anzutreffen.
Wiederum böse Zungen behaupten: zu selten. Stattdessen herrscht in der Bundeswehr der sozialwissenschaftliche Sound der “interkulturellen Kompetenz”. Der “Staatsbürger in Uniform” ist weit entfernt von den Fightern, deren Aufgabe Donald Rumsfeld einst so umschrieben hatte: “To killl as many Talibans as possible”.
Nicht der Traumatisierte ist, wenn es um die Bundeswehrberichterstattung geht das Tabu, sondern der gut ausgebildete Kämpfer, der um das Risiko des Einsatzes weiß, und sich sogar in ihm beweisen will. Es gibt ihn in der Bundeswehr.
Das Tabu in Deutschland ist, dass Soldaten dazu ausgebildet werden, um zu töten, und dass sie getötet werden können. Das Tabu ist, dass dieses Jobprofil in bestimmten weltpolitischen Konstellationen eine nützliche Fähigkeit ist. Wir brauchen diese Leute.
Totalitäre Gesellschaften ziehen aus sich heraus einen Typus heran, der zu töten bereit ist.
Liberale Gesellschaften haben das Töten ausgegliedert in spezielle Berufsgruppen, wie zum Beispiel in die der Soldaten. Das Tabu ist: wir brauchen diese Tötungsspezialisten. Und wir machen selbstverständlich von ihnen Gebrauch. 1977 in Mogadischu zum Beispiel.
Dass es sie gibt und dass wir sie brauchen, das ist in Deutschland das Tabu, ganz abgesehen davon, dass es auch ein Tabu ist, deutsche Interessen zu definieren, und was wir bei der Durchsetzung dieser Interessen auch an Menschenleben zu opfern bereit sind.
Auch ist es ein seltsamer psychologisierender Monolog dieser Gesellschaft, angesichts der Tatsache, das ganze Völker traumatisiert sind, zum Beispiel das afghanische, sich immer nur mit den eigenen Traumatisierungen zu beschäftigen. Diese Gesellschaft hat eine Obesession: Sie will Opfer sein.
Die Amerikaner hatten 58.000 Tote in Vietnam und bis heute ca. 2300 Tote in Irak. Es ist unser Glück, dass wir in dieser furchtbaren Statistik mit unter 30 Toten zurückfallen. Wir haben in Wahrheit eine äußerst kommode Rolle in Weltpolitik: eine Mittelmacht, die die Großmacht USA aus sicherer Position unablässig kritisieren kann, ohne beweisen zu müssen und zu können, dass sie es besser kann.
Daher ist es seltsam, dass wir bereits so tun, als sei Afghanistan unser Vietnam. Eine komische Selbststilisierung.
Vielleicht gibt es ja eine psychoanalytische Erklärung für das Phänomen.
Geht es um eine deutsche Armee im Krieg, kann es gar nicht anders sein, als dass die schlimme deutsche Vergangenheit in der Berichterstattung mitschwingt.
Die obsessive Berichterstattung über die traumatisierte Armee, von durch Tod und Töten traumatisierten jungen Männern ist eine nachgeholte Widerstandshandlung, die nichts kostet. Sie kommt 65 Jahre zu spät.
Eine ganze Generation von jumgen Deutschen hat einst nicht nur einen ganzen Kontinent traumatisiert, sondern auch sich selbst. Deshalb müssen wir jetzt bei der Bundeswehr zeitverschoben drüber reden. Obwohl es um eine andere Zeit und andere Armee geht, nämlich die demokratischste und zivilste deutsche Armee aller Zeiten. Seltsames Land.

Mehr von Jost Kaiser: http://jostkaiser.tumblr.com/

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