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Spotlight
13.03.2008 +Feedback
Der Affe im Straflager und andere Überraschungen
Eine Reise über die südchinesische Insel Hainan, das „Hawaii des Ostens“:
Frau Qi, Vizebürgermeisterin der fünfhunderttausend Einwohner zählenden Bademetropole Sanya, ist eine strenge Beamtin. Sitzt unter dem unermüdlichen Summen der air condition-Anlage kerzengerade hinter ihrem Tisch, zupft kurz und energisch an der spitzenbesetzten Bluse, friert dann ihr Lächeln ein, bis die feingeschwungenen Lippen ebenso starr wirken wie ihr wellenförmig onduliertes Haar, und sagt: „ 4 A. Vier A! Oberste Attraktivitätskategorie. Hainan hat zahlreiche dieser Standorte, und sie werden effizient kontrolliert, schließlich sollen sich die Gäste wohlfühlen. Deshalb sagen wir seit den neunziger Jahren auch: Hawaii des Ostens. Unsere Lebenserwartung ist die höchste ganz Chinas, dazu gibt es 20.000 Hotelbetten. Zwanzigtausend! 3,6 Millionen Touristen besuchten unser tropisches Eiland letztes Jahr, doch diese Zahl wird planmäßig erhöht. Wir haben ein großes Potential, heiße Quellen, die sauberste Luft und das klarste Wasser des Landes, aber wir möchten keinen Massentourismus. Neben Südkoreanern und Russen sind uns auch Deutsche willkommen. Wer nicht oben in der Hauptstadt Haikou, sondern hier in Sanya landet, benötigt kein Visum, das wird ihm inzwischen direkt am Flughafen ausgestellt, eine kluge Entscheidung der Zentralregierung. Im übrigen“ – das Lächeln nähert sich wieder Plusgraden - „wir haben ein spezielles Wort für Deutschland: Land der Tugend!“ Dann beginnt Frau Qi, ihren eigenen Worten rhythmisch Beifall zu klatschen – solange, bis sich auch der tugendhaft verdutzte Gast aus dem Ausland anschließt. Willkommen auf Hainan!
Es ist bereits der fünfte Tag der Reise, doch noch immer wird man begrüßt, handgeschüttelt, willkommen geheißen, mit Hochglanzbroschüren und Statistik-Poesie umgarnt. Chinas südlichste und zweitgrößte Insel – nach Taiwan, dessen demokratische de facto-Unabhängigkeit von den Pekinger Machthabern jedoch bis heute nicht anerkannt wird – liegt direkt auf dem Schnittpunkt zwischen subtropischer und tropischer Klimazone. Palmen, schneeweiße Strände, Meeresfrüchte und Kokosnüsse, im Landesinneren Regenwälder und Mangrovensümpfe, Reisplantagen und Mangobäume, nicht zu vergessen die planmäßig entwickelten – und dennoch schön gestalteten – Hotels, Ressorts, 5-Sterne-Unterkünfte, deren genau Zahl Frau Qi an diesem Nachmittag vermutlich ebenfalls genannt hatte. Die wirkliche Grenze aber – das hat man in den letzten Tagen begriffen - verläuft ganz woanders, weniger zwischen geographischen als vielmehr kulturell-mentalen Klimazonen, manchmal sichtbar, häufig aber auch nur zu ahnendes Zickzack mitten durch Städte, Häuser, Situationen und Gesten.
Wie sanft etwa glitt der Buggy über das Auf und Ab des schmalen Asphaltweges, zu dessen beiden Seiten sich wellengleicher, kurzgeschnittener Rasen, Pinien und ovale künstliche Teiche erstreckten! Hundert Löcher habe sein Golfplatz, hatte der vierschrötig-bürstenhaarige Manager zuvor mit Stolz verkündet, in Anzug und Krawatte unter dem kapitellartigen Vordach der protzigen Eingangshalle hin und her schreitend, überaus verbindliches Lächeln für den Gast und gleichzeitig ein harsches Husch-Husch-Fingerschnippen, damit die Angestellten endlich einen der Buggies heransurren lassen. Fünfzehn Golfplätze gibt es bereits auf Hainan, weitere seien anvisiert, doch wäre sein Club, verkehrsgünstig an einer Ausfallstraße der Hauptstadt Haikou gelegen, besonders bei Ausländern beliebt, Japanern und Südkoreanern. „Schon für zwölftausend Dollar bieten wir eine siebzigjährige Mitgliedschaft von zwanzig Euro pro Monat, überdies kann man alles nach einem Jahr wieder verkaufen. Warum also kamen letztes Jahr nur viertausend Deutsche hierher? Dabei haben wir das beste Klima, acht Prozent Wirtschaftswachstum, 75 Prozent Luftfeuchtigkeit und weder SARS noch Vogelgrippe. Und auch keine Kriminalität, bei uns gibt´s nämlich die Todesstrafe und wer sie erhält, dessen Familie bekommt danach die Rechnung, soundsoviel Yuan für Aufwand und Gewehrkugel, aber die Inflationsrate ist stabil, ho-ho-ho.“ (Warum, fragen wir uns, während wir unser Entsetzen hinter einem freundlichen Pokerface verstecken, beschreiben reisende Westler eigentlich Chinesen fast immer als kichernde, Hihihi-Laute ausstoßende Wesen? Dabei zieht doch keiner von ihnen die Wangen hoch und die Mundwinkel auseinander, um jenes ominöse Hihihi loszuwerden. Statt dessen: Konzentrierter Blick, leicht eingestülpte Backen, halbgeschlossener Mund und dann aus Richtung Gaumen dieses sinistre Bärengebrumm: Ho-ho-ho! Oder sollte es sich hierbei nur um eine Art speziellen Funktionär-Humors handeln, um quasi amtliche Witzigkeit angesichts der atemberaubenden Transformation des dialektisch-historischen Materialismus Marx-Maoscher Provenienz in die neue Partei-Doktrin eines zentral geplanten puren Geldscheffelns?)
Auf dem Weg zurück nach Haikou - moderne, glasverzierte Gebäude und Neureichen-Villen wechseln sich mit Sechziger-Jahre-Betonblöcken ab, von großblättrigen Palmen effizient verhüllt – kommen uns immer wieder schwarze Limousinen mit zugehängten Seitenfenstern entgegen, deren Nummernschilder mit zwei Nullen beginnen. Parteichef und Bürgermeister, „Nummer 1 und Nummer 2“, sind, so ist zu erfahren, normalerweise in Wagen mit den Chiffren 0001 bzw. 0002 unterwegs. Folglich scheint jetzt also gerade der obere Mittelbau Kurs auf den Golfclub mit den hundert Löchern und Suite-Unterkünften zu nehmen, in denen vor ein paar Jahren sogar die Teilnehmerinnen eines Miss-World-Festivals genächtigt hatten – nach dem Golfplatz war uns in einem der Nobelräume noch das goldgerahmte Foto von Miss Tanzania gezeigt worden. All dies wurde möglich, nachdem in den späten Achtzigern die Partei die gesamte Insel zur Wirtschaftssonderzone erklärt hatte – übrigens parallel zu Shanghai, der boomenden Festlands-Konkurrenz, mit der man sich messen will, wenngleich es bis jetzt die Shanghaier Immobilienhaie sind, die auf Hainan Boden erwerben und Gebäude westlichen Zuschnitts hochziehen, Shopping-Malls oder Konferenzzentren wie jenes auch international bekannt gewordene Asia-Forum im ehemaligen Fischerdörfchen Boao, das einmal sogar George Bush Senior zu seinen Tagungsgästen zählen durfte.
Das „Tal der heißen Quellen“, inmitten eines üppigen Gartens am anderen Ende der Stadt gelegen, ist gar kein wirkliches Tal. „Möglicherweise ein Übersetzungsproblem“, erklärt der Dolmetscher, ohne mit der Wimper zu zucken, was jedoch auch kluge Mimikry sein könnte. „Tal kann im Chinesischen auch ´Kader´ bedeuten – suchen Sie sich´s aus.“ Und schon kommen – Trippeln, rennen, hasten, huschen, eilen, jagen? – die eifrigen Hüter des Tals bzw. die Diener der Kader herbei, um uns dies zu zeigen: Eine nach vorn offene Bambushütte, auf deren blitzblanken Boden Dutzende Decken für eine kollektive Fußmassage aufgereiht sind, desweiteren mit hellen Holzwänden quadratisch umstellte Separés, die mit einer poolartigen Steinwanne sowie WC ausgestattet sind und zahlungskräftigen Gästen die Möglichkeit zu geben, in Damenbegleitung die Heilwirkung der heißen Quellen zu genießen. „Man kann dem Wasser auch noch Gurken- oder Spargelsaft beimischen, das hilft dann gegen Pickel und Verstopfung.“ Die bauchigen roten Laternen aber, die an den traditionell geschwungenen Dächern des ganzen Areals hängen und allein Kraft ihrer Farbe inmitten der grünen Vegetation leuchten, sie sind kein ideologisches Markenzeichen, sondern ein Symbol von alters her: „Rot bedeutet Glück.“ Der Übersetzer zieht bei diesen Worten die Wangen ein, schon ist man auf höhnisches Ho-ho-ho gefasst, aber die Subversion bleibt aus oder manifestiert sich zumindest auf unangreifbare Weise in hochgezogener Nase und anschließendem Ausspucken eines Schleimklumpens.
Die Reiseroute führt nun in Richtung Süden, entfernt sich von der Küste, jedoch nicht von den Ambitionen der Verantwortlichen, auf der 34.000 Quadratmeter großen Insel den realexistierenden Tourismus sozusagen gesetzmäßig zu verankern. Erst im Jahre 2004 wurde etwa der Tempel Boao Chan Si eröffnet, und tatsächlich fehlt nichts: Weder der golden dickbäuchige, entrückt lächelnde Buddha noch der Duft von Räucherstäbchen, weder architektonische Pagoden-Feinheiten noch farbliche Nuancierungen oder von Blumenrabatten eingefasste Kieswege, sogar die knienden Mönche sind echt. Diese aber werden vom Staat bezahlt, und wer als einheimischer Nicht-Tourist im Tempel beten will, muss dafür umgerechnet vier (oft unerschwingliche) Euro zahlen, so dass während der Besichtigung bald nicht nur der Geruch frischen Betons und gebeizter Holzleisten in die Nase steigt, sondern auch die Absicht offenkundig wird: Entkernte, handzahm gemachte Religion als touristischer Standortvorteil, nach Golfspiel, Fußmassage und Gurkensaft der pseudo-spirituelle Kick einer Räucherstäbchen-Zeremonie und trotz – oder gerade wegen - aller feinziselierten Kopierarbeit nirgendwo auch nur der Hauch einer nicht auf Linie gebrachten Gegenwelt. Diffuse Erinnerung an bereits halb vergessene Klageverse von Chamisso, Uhland oder Eichendorff über zerstörte oder verlassene Schlösser und Weiler, doch bei dreißig Grad Tagestemperatur, entschieden freundlichem Sonnenschein, hellblauem Himmel und einem offensichtlich von Reisegruppen fleißig frequentierten Tempel verliert selbst diese Melancholie ihren Ort, wird der Gedanke an die unzähligen einst von Mao ermordeten Mönche zu purer Spekulation.
Und doch musste es in diesem selbsterklärten Hawaii des Ostens etwas geben, was dem Zugriff der Partei entzogen ist, was sich als resistent erwies oder unter den tausend Augen der Planer schlicht unbemerkt geblieben war. There lie they, and here lie we/ Under the spreading chestnut tree. Aber war in Orwells 1984 nicht sogar der Wald zum überwachten Territorium geworden, mit Mikrofonen im Unterholz? Die unzähligen Palmen und Betelnussbäume an den menschenleeren Hängen jenseits des Weges beherbergen dagegen wohl keine Wanzen – ihre Köpfe sind geknickt, die Stämme halb aus dem Boden gerissen. Das war der letzte Taifun. Weshalb aber sind darüber hinaus die künstlichen Terrassen derart verwildert und verwaist, so dass sich – etwa im Vergleich zum gartenähnlichen Bali – jetzt diese ebenfalls nicht gänzlich ideologiefreie Frage aufdrängt: Kujoniert man im Sozialismus womöglich sogar die Natur? Der Übersetzer, bemüht um Neutralität, erklärt lakonisch: „Mao sprach vom ´Kampf gegen die Natur´. Landschaft sollte urbar gemacht werden, Berghänge zur Reisproduktion dienen.“ Das Resultat ist noch heute sichtbar: Terrassen, die aufgrund mangelnder Qualität wohl bereits vor Jahrzehnten aufgegeben wurden, sperriges Unterholz und nachwachsende Bäume, die gleichwohl in der veränderten Erdstruktur keinen Halt finden und so jedem Tropensturm aufs Neue hilflos ausgeliefert sind, knochige, pflanzenüberwucherte Mikadostäbchen eines alten Spiels, dessen Meister aus Peking schon längst entschwunden ist. Irgendwann aber ziehen sich die Berge zurück, um dem Wanquan, dem „Fluss der zehntausend Quellen“ seinen Weg hinunter ins Südchinesische Meer zu ebnen. Der Fluss ist trotz seiner Strudel und Stromschnellen mit robusten Booten befahrbar, und wenn sich am dichtbewachsenen Ufer der dampfende Bodennebel hebt, wenn nach einigen Kilometern auf einer Lichtung dann die Fischerhütten der Miao-Minderheit sichtbar werden, sich am braunsandigen Ufer aber gleichzeitig das pfostengestützte Transparent „Soldaten und Fischer gemeinsam gegen den Taifun“ wichtigtuerisch aufreckt – dann sind die weißen Schriftzeichen auf rotem Grund trotz allem wenig mehr als ausgebleichte Ideologieknöchelchen, vom vitalen Grün des Urwalds längst abgenagt. Und oben auf dem Hügel - nach dem ersten Vorhang der Dämmerung fiel bald auch der zweite der Dunkelheit, von Petroleumlampen filigran durchlöchert – ist das zweite Transparent-Tor bereits zum Einlass geworden zu einer Welt von Fischern, die für ihre Gastfreundschaft weder Beifall noch Protokoll benötigen. Konische Dächer über runden Holztischen, unter den Schemeln sich balgende Katzen und kleine Hunde, in den Schüsseln, die von kräftigen Frauenarmen aus einer per Generator funktionstüchtig gehaltenen Küchenhütte herausgetragen werden, aber dies: Schweinefüßchen in würzigem Sud, mit Kräutern verfeinerte Ziegenherzen, limonenbeträufelte, mit Mangowürfeln garnierte Flussfische und als „Sättigungsbeilage“ etwas Spinatartiges, auch „Revolutionsgemüse“ genannt, da es angeblich einstmals Maos Soldaten im Kampf gegen die Soldaten Chiang Kai-sheks nährte. Das Urwalddunkel ringsum scheint belebt, ein Surren und Pfeifen jenseits der kleinen Raststätte, und obwohl an den Tischen jetzt ein Schmatzen und Schlürfen sondersgleichen eingesetzt hat (die chinesische Art, dem Gastgeber für schmackhaftes Essen zu danken), obwohl nur die Wadenschläge gegen vorwitzige Moskitos und das Zischen von Tsingtao-Kronkorken das Reden und Lachen kurz unterbrechen, kehrt - vom anderen Ende der Welt, aus anderer und doch ähnlicher Zeit – die „Einladung zu einer Tasse Jasmintee“ ins Gedächtnis zurück, Reiner Kunzes berühmte drei Verse aus der bedrückenden Ulbricht-DDR der sechziger Jahre: „Treten Sie ein, legen Sie Ihre/ traurigkeit ab, hier/ dürfen Sie schweigen.“
Oder: Hier dürfen Sie tanzen. Der Abend des nächsten Tages, eine Stadt namens Qionghai. Ein neonbeleuchteter Gebäudewürfel, im Inneren eine riesige Halle, durch ein hüfthohes Holzgitter zweigeteilt und im ersten Stock von Galeriegängen umrahmt. An den Tischen vorn wird gegessen - und zwar äußerst manierlich und mit wohlabgewogenen Gesten auf weißem Tischtuch und mit Hainaner Rosé zu Bambussprossen und Saté-Spießen. Wie sich die hier versammelte Jeunesse dorée (Alles nur Sprösslinge der Doppelnull-Wagenbesitzer oder nicht doch Vorboten einer wirklichen Mittelschicht?) zusätzlich aber unterhalten kann, bleibt ein Wunder, denn das Dröhnen des Techno lässt sogar die Tischbeine merklich vibrieren. Der Lärm fegt orkangleich durch die ganze Halle, doch die Tanzfläche, genauer: eine Art Tanzsonderzone, ist ein streng umgrenztes Terrain. Zuerst hatte der ausländische Besucher die Männer auf den vier Eckpodesten noch für perfekte Village-People-Imitationen gehalten, für Gogo-Tänzer, die zum Aufheizen der Masse vorerst eben noch diese Uniformen trugen, typische Militärpolizei-Helme und in ihren auf den Rücken verschränkten Händen die hölzernen Schlagstöcke. Y-M-C-A; das würde vielleicht Gaudi geben! Doch obwohl der Minutenzeiger stetig auf ein Uhr und damit aufs Ende des Tanzvergnügens zu rückt, obwohl die Tanzenden sich ganz wie ihre Altersgenossen in anderen Ländern auch hier, hands in the air, im gleißenden Licht von Punktstrahlern von den harten Soundbytes euphorisch durchrütteln lassen – die Wachposten zeigen keinerlei Regung, verharren breitbeinig auf ihren Podesten, scheinen jetzt mit ihren Schlagstöcken geradezu die Verkörperung der Grenzen popkultureller Subversion. Andererseits, wäre zu fragen, während man sich nun ebenfalls unter die Tanzenden mischt, seltsamerweise jedoch nur blicklose Blicke kassiert, als sei man unsichtbar, andererseits: Ist hier nicht – trotz fortgesetzter Kontrolle, trotz überdeutlichen Winkens mit dem Repressionspfahl – eine zweite Kulturrevolution im Gange, die dröhnende Ablösung asketischer Selbstverleugnung durch eben jenen Hedonismus, für dessen mildere Varianten nur vier Jahrzehnte zuvor den Menschen noch die Haare geschoren und die Knochen gebrochen wurden? Weshalb aber dann jene den Fremden so wesenlos durchbohrenden Androiden-Augen? Das Rätsel erhält eine chinesische Auflösung, denn schon kommt der DJ auf die Tanzfläche gerast und schreit unter Kichern und Entschuldigungsgesten dem ausländischen Gast die Frage „Where from?“ ins Ohr. Als er die Antwort hört, schlängelt er sich unter erneuten Entschuldigungsformeln zurück zu seinem Mischpult, läßt es über die Lautsprecher kurz knarren und rauschen und schon ertönt, unterlegt mit härtestem Techno, über die Tanzfläche der südchinesischen Inselstadt Qionghai die Stimme Wolfgang Petrys: Das ist Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle? In genau diesem Moment recken sich wohl an die hundert Arme in die Höhe, und hundert Stimmen wiederholen Hölle-Hölle-Hölle, ehe man sich auf den deutschen Gast stürzt, ihm minutenlang die Hände schüttelt, an seinem Hemd herumzureißen beginnt und fashionbewusste Teenager beiderlei Geschlechts – nicht zu Hunderten, aber immerhin – immer wieder auf sich und ihn zeigen, Hotel-sleep, hotel-sleep schreien, ehe sie hinter vorgehaltenen Händen in vermeintlich grundloses Kichern ausbrechen.
Kulturelle Codes und wie man sie (miss)versteht: Die nächste Lektion wartet bereits knapp hundert Kilometer weiter auf der südöstlich vorgelagerten Insel Nanwan, vom Festland aus entweder per Seilbahn (inklusive gigantischem Meer- und Bergblick) oder mit Booten erreichbar. Zweitausend Affen leben hier frei im unzugänglichen Hinterland, ungefähr drei Dutzend von ihnen aber hat man hinunter in Strandnähe gebracht, wo sie in einem touristischen Areal allerlei Kunststückchen vollführen, Miniaturversionen der hier als Hainan-Shirts bezeichneten knallbunten Hawaiihemden tragen, mit Motorrädern fahren, jedoch auch dies tun: Eine Fahnenstange in die Klauen nehmen und sie gleich darauf fallen lassend, bis ein scharfer Pfiff des Dompteurs signalisiert, dass der Auftritt noch längst nicht beendet sei. Fünf chinesische Affen nehmen also Haltung an, marschieren stramm an den beifallklatschenden Touristengruppen vom Festland vorbei, und die Fahne, die sie tragen, die ist rot. Affirmation oder höchste Stufe des Protestes? Wahrscheinlich keines von beiden, denn auch die Tatsache, dass derlei im sowjetisierten Ostblock von ´89 den Gipfel der Provokation dargestellt hätte – Die Insignien der Partei in den Händen von Affen! – hier bedeutet es vermutlich nur ein weiteres Amüsement ohne Subtext. Die von Reiseführern mit bellenden Megaphonen geführten Gruppen ziehen jedenfalls so gleichmütig wie zuvor weiter, in Richtung eines riesigen Käfigs, vor dessen Maschendrahtgitter die bemalte Pappfigur eines Affen mit Schlagstock sichtbar wird und dahinter im Inneren reale Tiere, die langsam und wie eingeschüchtert ihre Kreise ziehen. „Umerziehungslager!“, sagt der Dolmetscher, und wieder bleibt das erwartete Ho-ho-ho aus. Mit der Hand weist er auf eine blaue Tafel, auf der in weißen Schriftzeichen tatsächlich das Wort Umerziehungslager zu lesen steht und die Besucher informiert, dass man hier für eine Weile jene Tiere gefangen halte, die entweder Touristen an den Haaren gezogen oder sich dem Dressurplan verweigert hätten. Unser nachfolgendes Erstaunen aber wandert wie ein Matrizenabzug auf das Gesicht des Übersetzers. „Na – Umerziehungslager“, wiederholt er mit gutturaler Stimme, verblüfft von der offensichtlichen Begriffsstutzigkeit reisender Westler.
Was dagegen leicht zu begreifen ist: Die Badestadt Sanya gleicht mit ihren weißen Hochhäusern, bunten Supermärkten, ihren Palmenstränden und malerisch anrollenden Wellen tatsächlich Honolulu. Das Klima ist ganzjährig von angenehmer Milde - zumindest so weit es sich in Celsiusgraden messen läßt. Die unweit der Stadt am Ende eines Promenaden-Quais errichtete, 108 Meter hohe weißgraue Guanyin-Statue – drei Manifestation von Buddha blicken überlebensgroß in drei Himmelsrichtungen, eine vierte konzentriert sich geschlossenen Auges auf sich selbst – wartet nämlich mit etwas ganz Besonderem auf. „Zwölf Meter höher als die Freiheitsstatue in New York“, hatte bereits Vizebürgermeisterin Frau Qi am Konferenztisch triumphiert, und damit die entscheidende Information nicht etwa verlorengehe, wird sie vom Dolmetscher am Fuße der gigantischen 4 A-Sehenswürdigkeit nochmals wiederholt: „Zwölf Meter höher!“ Wäre dies also das fernöstliche Pendant zu jener längst historisch gewordenen SED-Parole vom „Überholen ohne Einzuholen“, mit der man Wirtschaftswachstum ohne störende liberale Nebeneffekte herbeidefinieren wollte? Immerhin: Der Referenzrahmen befindet sich, überraschend genug, nicht etwa in Peking (und schon gar nicht beim kleinen puritanischen Bruder in Pjöngjang) sondern in - New York City. Außerdem gibt es in Hainan - ohne jede Engpässe und Warteschlangen - nicht nur Bananen, sondern auch Kokosnüsse und Mangos zu kaufen. Passend dazu wird auf einem der vorgelagerten Eilande – „Grenzinsel“ genannt, weil hier exakt die Linie zwischen subtropischer und tropischer Klimazone verläuft – bereits am Hafen für luxuriöse Lodge-Unterkünfte in traumhafter Lage geworben, auch stundenweise zu mieten. Stundenweise? „Na, viel sexuelle Aktivität bei guten Wetter“, erklärt der Übersetzer und lässt nun tatsächlich ein gurgelndes Ho-ho-ho folgen. Was jedoch noch länger und wohl für immer im Gedächtnis bleiben wird, ist jene aus mythenbesetzten Felsen bestehende und mit emsig fotografierenden Bunthemden-Touristen gefüllte Strandsehenswürdigkeit namens „Das Ende der Welt“, oder genauer: Deren breite Toreinfahrt. Rot auf weiß steht es da zu lesen, in einem Transparent-Satz komprimierte Ingredienz unverwechselbaren Hainan-Gefühls: „Der Standort `Das Ende der Welt` grüßt die Kontrolleure der 4A-Kategorie!“


