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Spotlight
23.03.2008 +Feedback
Das Wundergrab von Schiraz
Nachtigallen zirpen und Handys klingeln, Frauen mit schwarzem Kopftuch greifen nach rotem Lippenstift, während junge Männer abwechselnd Videocameras bedienen und sich in Lyrikbände vertiefen. Dabei ist dieser Ort selbst ein Gedicht, die Jasminblütenbeete elegante Zeilen eines hybriden Hymnus, der mühelos die Jahrhunderte überspringt und dabei die Kontraste in einem einzigen Lebensjubel versöhnt – das Grab des Poeten Hafis am Rande der südiranischen Stadt Schiraz. Mögen draußen vor dem Eisenzaun weiterhin die Bilder des grimmigen Chomeini hängen, hier drinnen herrscht andere Zeit, der sanfte Pendelschlag der Poesie. Schon am Tor setzt die Verwandlung ein. Dem genius loci kann sich keiner entziehen, der neben Blumenrabatten oder im Schatten von Zypressen oder Palmen wandelt und dann die wenigen Stufen einer breiten Freitreppe erklimmt, um hinter einem Säulengang auf das Allerheiligste zuzusteuern. Wobei heilig – beinahe eine Provokation im Mullah-Staat des politisch instrumentalisierten Märtyrerkultes – einmal nichts mit Prophetentum und Blut und Opfer, ja auch nur bedingt mit dem Tod zu tun hat. „Ach wie nah sind uns manche Toten – und wie tot manche, die leben“ sang Wolf Biermann einst über die Gräber des Ostberliner Hugenotten-Friedhofes, doch hier, im oktogonalen, nach allen Seiten offenen Säulenpavillon, der Hafis´ Grabstein birgt, könnte er eine noch bessere Erfahrung machen. Denn auch die Lebenden sind sich hier nah auf eine unglaubliche, weil vor allem atmosphärisch greifbare Weise. Eine Frau liest ein Buch – selbstverständlich Gedichte des 1389 verstorbenen Poeten, der in Wirklichkeit Shams ad-Din Mohammad hieß – ein Mann filmt sie dabei, es gibt gedämpftes Gelächter, doch kommt dies bereits von einer anderen Gruppe, wo zwei Freundinnen mit den Umstehenden das Orakel-Spiel beginnen: Wünsch Dir etwas, denke fest daran und ich schließe die Augen, küsse die Seiten des Buchs, konzentriere mich und öffne es dann an einer Stelle, deren Zeilen eine Antwort auf dein Begehr sind. Stundenlang geht das so, ein entspanntes Gemurmel.
„Wenn du zu meinem Grabe /deine Schritte lenkst“, schrieb Hafis, „bring Wein und Laute mit,/ damit ich zu der Spielmannsweise / tanzend mich erhebe.“ Im gegenwärtigen Iran der allumfassenden Verbote klingt dies fast wie eine Aufforderung zum Widerstand und vielleicht es ja ein wenig genau das, was die Besucher der sogenannten Hâfeziye, die seit 1773 existiert, hier jeden Tag so subtil zelebrieren. Vor allem am Abend, wenn die Sonne hinter den Wipfeln der Palmen verschwindet und die Prozession der Dichter-Jünger – Männer und Frauen gemischt, junge Paare trotz regimeoffizieller Missbilligung Händchen haltend – vom Grabstein, auf dessen Alabaster nun rote Rosen liegen, ins nahebei liegende Teehaus pilgert. Mag auch der Wein verboten sein und die Trauben als die berühmtesten Schirazer Früchte eines ihrer Daseinsgründe beraubt - man isst sie dann eben zusammen mit safranversetztem Eis oder jenem Falodeh, das wie gefrorenes, in Rosenwasser getipptes Briefpapier schmeckt; ein ungewohnter, doch nicht unangenehmer Geschmack. Vier effeuumrankte Backsteinwände umschließen das Teehaus, und allein der Himmel ist das Dach. Geblubber von Wasserpfeifen steigt auf, Buchseiten- und Kleidergeraschel ist zu hören, und womöglich war es dieser Geist der entspannten, weil niemals forcierten Entgrenzung, der den alten Goethe im „Westöstlichen Diwan“ noch einmal jung werden und über seinen großen Kollegen Hafis schreiben ließ: „Daß du nicht enden kannst das macht dich groß,/ Und das du nie beginnst das ist dein Los./ Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,/ Anfang und Ende immerfort dasselbe.“ („Goethe – good!“, brüllt dann ein wundersam enthusiastischer Taxifahrer, aber das gilt eigentlich nicht, denn er wartet mit seinem Wagen vor dem Eisenzaun und hat seine Stimme folglich eher dem Lärmpegel der Straße als der Melodie des Hafis-Gartens angepasst.) Ganzheit; hier im Hain des Dichters bekommt die Obsessions-Vokabel der verspäteten deutschen Kulturnation plötzlich und unerwartet ihre Würde und Schönheit zurück und zwar nicht als etwas verkrampft Homogenes, sondern als eine fast unbewusste Lebenshaltung, die um die Widersprüche unserer Existenz weiß – und sie stehen lässt. Beziehungsweise liegen oder knien, denn selbstverständlich gibt es am (nun mit Kerzen erleuchteten) Grab des lebenszugewandten Gottsuchers auch Gebetsteppiche für die Gläubigen. Doch selbst ihren Bewegungen eignet so gar nichts Aggressives, Demonstratives. Sie müssen nichts fordern, nichts beweisen, sondern wollen wohl nur dankbar sein für eine Welt, in der es trotz aller Finsternis einen Ort wie diesen gibt. Auf ihre Weise ist die Hâfiziye von Schiraz in der Tat ein kleiner Gottesbeweis.


