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Spotlight
Michael Miersch 02.02.2008 +Feedback
Das meistgesuchte Buch der Welt
Rezension von Michael Miersch, erschienen am 02.02.2008 in DIE LITERARISCHE WELT
Wenn den deutschen Feuilletons absolut gar nicht mehr einfällt, kommt immer mal wieder gern die Frage auf: Darf man über Hitler lachen? Eigentlich ist die Frage beantwortet seit Ernst Lubitsch 1942 „Sein oder Nichtsein“ drehte, aber sie sorgt stets für Stimmung im Debattenstadel. Eine etwas zeitgemäßere Variante könnte lauten: Darf man über Osama bin Laden lachen. Dies sollte schnellstens geklärt werden, denn der Terrorfürst hat seine Autobiographie vorgelegt.
Erstaunlich, dass einer der bekanntesten Männer der Erde, sich bisher nur mit statisch inszenierten Videoclips zu Wort meldete und noch keinen einzige Bestseller gelandet hat. Ausgerechnet Osama bin Laden, der wohl bedeutendste Vertreter des zeitgenössischen Terrorismus, trat als Buchautor bisher nicht in Erscheinung. Das ist nun vorbei. Um es gleich vorweg zu nehmen, er hat das Werk nicht ganz allein geschrieben. In dem Jenaer Zeichner Bernd Zeller hat bin Laden einen kongenialen Geist gefunden, der seinen Gedanken in Wort und Bild auf die Sprünge hilft. Warum auch nicht, alle Prominenten beauftragen Ghostwriter. Wenn Tennisspieler, Sänger oder Politiker ihre Gedanken darlegen wollen, heuern sie dafür sprachgewandte Journalisten an. Aus der fruchtbaren Zusammenarbeit des Wahl-Pakistaners mit dem Thüringer entstand „Ein Leben für den Terror“, ein überraschendes und kurzweiliges Werk voller origineller Gedanken über Gott und die Welt, Frauen und Kamele, Blut und Burkha.
Das Buch kommt zu einer Zeit in der bin Laden in eine kontemplativen Phase durchmacht. „Kann Terror heute noch überzeugen?,“ fragt er, und spart dabei nicht mit Selbstkritik: „Mein größter Fehler war die Verbuchung der gesamten Bonusmeilen der entführten Passagiere. Das war damals Usus, aber ich verstehe die Empörung, die es auslöste, sind wir doch gerade dafür angetreten, die Gesellschaft zu verbessern.“ Doch allen, die geglaubt haben, dass der Autor in einer Sinnkrise steckt, ruft er entschlossen entgegen: „Unsere Grundsätze stehen nicht zur Disposition, al Qaida wird niemals für den Abschuss von entführten Flugzeugen plädieren“
Überraschend für viele Leser, ja sogar für die treuesten Fans: Nicht nur die Terrorzelle, die den Angriff vom 11. September 2001 plante, sondern auch bin Ladens selbst lebte lange in Deutschland und hat das Land nach anfänglichen Enttäuschungen kennen und lieben gelernt. Es war nicht leicht, denn durch seinen Migrationshintergrund stieß er auf massive Vorurteile. Er entschloss sich dennoch Dienstleister zu werden und eine Entführerei aufzumachen. Bis heute ärgert ihn, das klingt deutlich durch, dass das Kidnapping von Heribert Prantl ihm nicht den erhofften Durchbruch brachte. Die prominente Geisel lehnte die Befreiung ab, weil die Polizei das Versteck durch Androhung von Folter ermittelt hatte. Ein Rückschlag, den bin Laden aber schon bald durch spektakuläre Erfolge kompensierte.
Zeller zeigt uns den Menschen hinter dem Bart, einen Mensch der auch verletzlich ist, der die Erniedrigung und Beleidigung durch den Westen nicht einfach so wegstecken kann. Es macht nachdenklich, bin Ladens Erlebnisse an Nacktbadestränden, in Fastfood Restaurants oder in der SM-Szene zu lesen. Aber auch heute ist sein Leben nicht immer einfach. Wer von uns weiß schon wie es ist, wenn nachts die amerikanische Kampfjets über die Berggipfel donnern und ihr Dröhnen durch die Höhle hallt. Auch eine Führungspersönlichkeit wie bin Laden hat ihre dunklen Stunden. Dann denkt er zurück an seine Kindheit, als er nie Bonanza sehen durfte. Daraus erklärt sich manches, was seinem späteren Lebensweg so außergewöhnliche Wendungen gab.
Ein großes Ziel hat er erreicht: Schon als Jugendlicher wusste der ambitionierte Saudi-Arabier, dass er „was mit Medien machen will.“ Seine Karriere in dieser Branche war dann überwältigend. Bis heute präsentiert er eines der quotenträchtigsten Programme auf Al-Dschasira und die Blutbäder seiner Mitarbeiter werden weltweit übertragen. Doch all die Prominenz und die ständige Aufmerksamkeit der Medien haben auch ihre Schattenseiten. „Meine Tätigkeit,“ schreibt er, „wird oft in der Öffentlichkeit verzerrt und trivialisiert dargestellt.“ Es ist nicht leicht ein bin Laden zu sein. So klingt es ein wenig melancholisch, wenn er seine Autobiographie mit den Worten schließt: „Ich habe allen gezeigt, dass ich der letzte authentische Rock’n’Roller bin. Und das ist auch gut so.“ Ein Buch für alle, die den Dialog suchen, und verstehen wollen was bin Laden uns mit seinen spektakulären Aktionen sagen möchte.
Ein Leben für den Terror. Die offizielle Autobiographie von Osama bin Laden. Dokumentiert von Bernd Zeller. Macchiato Verlag, Jena. 15,- Euro.


