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  17.07.2008   +Feedback

Ausländer rein!

Erschienen in DIE WELTWOCHE vom 17.07.2008

Man kann uns Deutschen vieles vorwerfen, nur nicht einen Mangel an Humor. Es ist freilich nicht der derbe Witz der Briten, wie wir ihn von Monty Python, Benny Hill oder Sacha Baron Cohen alias Borat kennen; auch nicht die Krawall-Komik von Louis de Funes oder Pierre Richard, wie sie die Franzosen lieben. Nein, unser Humor ist subtiler. Und man findet ihn oft dort, wo man ihn nicht vermuten würde.

Im Mai hat die Bundesregierung eine Kampagne gegen Fettsucht und Übergewicht auf den Weg gebracht. Unter dem Titel „Deutschland in Form“ sollte „ein Umfeld geschaffen werden, in dem ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung in allen Lebensbereichen fest verankert sind”. Wozu man bemerken muss, dass sowohl Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wie Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU), die für das Projekt verantwortlich zeichnen, eher zu den fülligen Politikern gehören, denen man ansieht, dass sie gerne gut essen und ungern zu Fuß gehen.

Nur zwei Monate später hat Ministerin Ulla Schmidt im Verbund mit Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Bildungsmini-sterin Annette Schavan (CDU) eine Allianz unter dem Titel „Leben hat Gewicht“ ausgerufen. Sie richtet sich gegen den zunehmenden „Schlankheitswahn“ junger Menschen und appelliert an die Mode- und Werbebranche, keine superschlanken Models zu promoten. Denn: Einerseits sind zwei Drittel aller Männer und mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig, andererseits zeigt jedes fünfte Kind schon Anzeichen einer Essstörung. Und immer mehr Teenager hungern sich zu Tode, bevor sie in die Fußstapfen von Heidi Klum oder Kate Moss treten können.

Ob es nun „Deutschland in Form“ oder „Leben hat Gewicht“ heißt, kaum jemand hat etwas daran auszusetzen, dass die Bundesregierung sich darum kümmert, was „der mündige Bürger“ essen oder worauf er verzichten soll. Und niemand wäre überrascht, wenn das Bundeskabinett seine Sitzungen demnächst mit ein paar nahrhaften Antipasti beginnen und mit einer gemeinsamen Liposuktion beenden würde. Denn es kommt nicht darauf an, was die Regierung tut, sondern nur, was sie unternimmt, um das Publikum zu unterhalten.

Nach dem gleichen Prinzip funktioniert inzwischen auch amnesty international. Hat sich die Organisation früher um politische Gefangene gekümmert, macht sie nun in Politainment. Vor kurzem hat die Generalsekretärin der deutschen ai-Sektion die Bundesregierung aufgefordert, Konsequenzen aus einem Urteil des obersten US-Gerichs zu ziehen und Guantanamo-Gefangenen in Deutschland Asyl anzubieten. „Es kann nicht genügen, nur die Schließung von Guantanamo zu fordern, die Bundsregierung muss aus humanitären Gründen konkret helfen.“ Soll heißen: diejenigen Häftlinge aufnehmen, „die das US-Militär freiließe, wenn sich ein Aufnahmeland fände“.

Das ist genau die Art von Humor, die in Deutschland derzeit Konjunktur hat. Denn Guantanamo steht auf der Liste der Sorgen, die uns Deutsche umtreiben, ganz oben, gleich nach der „humanitären Katastrophe“, die seit einem Jahr Gaza im Griff hält. Schon haben sich Bürgerinitiativen gegründet, die Gefangene aus Guantanamo aufnehmen, ihnen Obdach und Vollpension anbieten wollen. Die erste Bewerbung kam aus dem brandenburgischen Dorf Dolgenbrodt, wo 1992 ein Haus abgebrannt ist, in das Asylbewerber einziehen sollten. Was nach einem bedauerlichen Unglücksfall aussah, war sorgfältig geplant worden. Die Bürger taten sich zusammen und schlachteten ihre Sparschweine. Der Brandstifter bekam zuerst 2.ooo.- DM Honorar, später noch einmal 1o.ooo.- DM Schweigegeld. Jetzt will man sich rehabilitieren und mindestens einen Guantanamo-Häftling aufnehmen.

Auch die Einwohner von Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern, wo ein Supermartkleiter aus Angst vor Ladendieben Ausländern den Zugang zu seinem Geschäft verbieten wollte, wären froh, wenn sie ihren schlechten Ruf loswerden könnten. Sie möchten zwei Guantanamo-Gefangene adoptieren. Und im sächsischen Mügeln, wo vor einem Jahr am Rande eines Stadtfestes acht Inder von fünfzig Deutschen verhauen wurden, worauf der Bürgermeister der Gemeinde erklärte, er wäre stolz darauf, „ein Deutscher zu sein“ und sich eine „Vorverurteilung“ durch die Medien verbat, wartet man schon voller Vorfreude auf die Ankunft der Freigelassenen, von deren Unschuld man ebenso überzeugt ist wie von der Notwendigkeit einer humanitären Intervention.

Es kann natürlich sein, dass die Generalsekretärin der deutschen ai-Sektion es gar nicht so gemeint hat.  Dass sie nur mal testen wollte, wie kooperativ die deutsche Öffentlichkeit reagiert, wenn es nicht um Mügeln, Bad Doberan und Dolgenbrodt geht, sondern um ein Gefangenen-Lager in der Karibik, das von den USA betrieben wird. Denn ai Deutschland kümmert sich vor allem um Unrecht im Zeichen des Sternenbanners. Für Menschenrechtsverletzungen in den neuen Bundesländern ist dagegen die ai-Sektion auf Kuba zuständig. Oder sie wollte es humormäßig mit der Bundesregierung aufnehmen, sozusagen in einer Lücke zwischen Übergewicht und Magersucht. Wäre dem so, fiel der Witz etwas zu subtil aus.

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