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Kolumnen

Europa und Amerika

  02.11.2008   +Feedback

Zwist unter Geschwistern

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 31.10.2008

Fremdenfeindlichkeit ist eine besonders hässliche Eigenschaft von Menschen, über die schon viel geschrieben wurde. Viel seltener dagegen ist die Feindseligkeit unter Gleichen ein Thema. Die alltägliche Erfahrung und die Geschichte lehren uns jedoch, dass Menschen besonders viel streiten, wenn sie sich ähnlich sind. Die meisten Eltern wissen allzu gut, wie der dauernde Geschwisterzank an den Nerven zerrt. Der Kriminalstatistik kann man entnehmen, dass auch Gewalt zumeist innerhalb der eignen sozialen und kulturellen Gruppe eskaliert. Junge türkischstämmige Männer werden in mehr als einem Drittel aller Fälle von jungen türkischstämmigen Männern verprügelt. Die meisten Kommunisten wurden in der kommunistischen Sowjetunion ermordet oder eingesperrt. Die Opfer islamistischer Terroristen sind zum allergrößten Teil Muslime, in Algerien, im Irak und anderswo.

Er liegt also nahe, erhöhte Aggressivität als Zeichen von Nähe zu deuten. Das bringt uns zu einem Artikel, den wir in der Schweizer „Weltwoche“ lasen. Dort verglich der kalifornische Geschichtsprofessor Peter Baldwin die Vereinigten Staat mit Westeuropa. Alle kennen die üblichen Erklärungsbilder für das nun schon viele Jahre anhaltende Misstrauen. Die Europäer kommen von der Venus, die Amerikaner vom Mars, heißt es. Diesseits des Atlantiks walten die Segnungen der sozialen Marktwirtschaft, jenseits herrscht der ungezähmte Raubtierkapitalismus.

Für sein Buch über den „Narzissmus des kleinen Unterschiedes“, das im nächsten Jahr erscheinen wird, machte sich Baldwin die Mühe, einmal möglichst viele messbaren Fakten über das Leben auf beiden Kontinenten zusammenzutragen: Statistische Daten über Armut, Umweltverschmutzung, Kriminalität, Essgewohnheiten, Schulbildung, Religion und vieles andere. Die Überraschung: bei fast allen Indikatoren liegen die USA irgendwo im Mittelfeld. Viele westeuropäische Länder haben mehr Arme und geben weniger für Soziales aus. In Frankreich gibt es viel mehr Bestechungsfälle und die Deutschen haben mehr Autos. Das reichste Prozent der schwedischen Bevölkerung besitzt 21 Prozent des gesamten Vermögens, genau wie in Amerika. Addiert man das Geld, das legal außer Landes gebracht werden darf, ist die Konzentration des Reichtums im egalitären Schweden noch viel extremer. In USA transportiert die Bahn zwar weniger Passagiere, dafür viel mehr Fracht als in Westeuropa. Bei der Reduzierung der Treibhausgase sind die Amerikaner erfolgreicher als neun westeuropäische Länder. Angesichts der Fülle des statistischen Materials, das Baldwin zusammengetragen hat, fragt man sich, ob Amerika für Manche eine Fiktion ist, ein Ort auf den man alles überträgt, was das eigene Selbstverständnis bedroht. Psychologisch betrachtet gleicht die transatlantische Zwietracht einem typischen Geschwisterstreit.

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