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Kolumnen
Michael Miersch 19.10.2008 +Feedback
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Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen am 17.10.2008 in DIE WELT
Die Koalitionsverhandlungen in Bayern kommen zügig voran. Es herrscht schwarz-gelbe Harmonie in nahezu allen Fragen. Als erstes liberales Signal wird das Rauchverbot in Wirtshäusern abgeschafft. Gestern wollte uns die alte Landesregierung noch vor dem Laster retten und unsere Gesundheit schützen. Jetzt ist viel von Freiheit die Rede, von Bürgernähe, Pragmatismus und bewahrenswerter Kneipenkultur. CSU und FDP liegen sich in den Armen. Die Warnungen von Medizinern und Epidemiologen, auf die man sich gestern noch unentwegt berufen hat, sind vergessen. „Glückseligkeit!“ verkündet ein bekannter Münchner Wirt in einer lokalen Boulevardzeitung.
Uns freut es, dass der Staat ausnahmsweise mal einen Schritt zurück tritt und die Bürger selbst entscheiden lässt, ob sie ihre Abende lieber in einem gediegenen Restaurant verbringen möchten, oder in einem verqualmten Bierkeller. Der Nichtraucherverband weist jedoch zu recht drauf hin, dass die Gefährlichkeit des Rauchens wissenschaftlich vielfach bewiesen wurde. Durch Tabakqualm wird das Risiko an verschiedenen Arten von Krebs und Störungen des Herz-Keislauf-Systems zu erkranken und daran zu sterben massiv erhöht.
Das Stichwort Risiko führt uns zu einem anderen Thema: Der Grünen Gentechnik. Die wird von vielen Menschen in Bayern mehr gefürchtet als das Rauchen. Obwohl, im Gegensatz zum Rauchen, Naturwissenschaftler mögliche Gefahren als extrem unwahrscheinlich einschätzen. „Es ist kein einziger Fall bestätigt worden, der einen durch grüne Gentechnik auf die Menschen und die Umwelt verursachten Schaden dokumentiert,“ schrieb zum Beispiel die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard kürzlich. Seit zwölf Jahren werden gentechnisch veränderte Nutzpflanzen nicht mehr nur von Forschern angebaut, sondern auch von Bauern in aller Welt, mittlerweile auf einer Fläche, die dreimal so groß wie Deutschland ist. Die Erfahrung mit solchen Pflanzen und das Wissen über sie wuchsen dadurch erheblich. Doch das baute die Vorbehalte in Bayern kaum ab, die durch Angstkampagnen starker Anti-Gentechnik-Verbände massiv geschürt werden. Wie löst nun der designierte bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, dass Dilemma, dass viele Menschen zwar keine Angst vor dem erwiesen gefährlichen Rauchen haben aber mächtig Angst vor der erwiesen ungefährlichen Gentechnik. Dazu gab er kürzlich ein interessantes Interview. Er würde ein Brot aus gentechnisch verändertem Mehl essen sagte er darin. „Es gibt keine Hinweise auf gesundheitliche Gefahren.“ Gleichzeitig verkündete er voll Stolz, dass durch seine Anti-Gentechnik-Politik als Gesundheitsminister die Anbaufläche solcher Pflanzen in Bayern zurückgegangen ist. Um dann am Schluss das Ergebnis seiner dialektischen Übung zu präsentieren: „In Bayern bin ich gegen Gentechnik.“ Rauchen erlaubt, Gentechnik verboten - so sieht wahrhaft volksnahe bayerische Politik aus.


