Kolumnen

Streiks

  17.11.2007   +Feedback

Wenn der Verstand streikt

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 16.11.2007

Streiks sind selten besonders lustig. Der Streik der Lokführer beispielsweise amüsierte niemanden wirklich. Eine gewisse pädagogische Wirkung kann man ihm jedoch nicht absprechen. Der moderne Mensch hängt doch sehr von der Bahn ab, selbst wenn er Autofahrer ist - und plötzlich mit den verhinderten Bahnfahrern in langen Staus steht. So ist das nun mal mit Dingen, die man für selbstverständlich hält: Man vermisst sie erst, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Wir stellen uns manchmal vor, die E-Mail würde streiken oder das Mobiltelefon - oder beides auf einmal. Das wäre für viele dann ungefähr so, als seien sie auf einer einsamen Insel gestrandet. Werden die modernen Verkehrs- oder Kommunikationsstränge gekappt, dann kommt das für die Menschen einer Amputation wesentlicher Organe gleich.

Und damit wären wir schon beim nächsten Streik, der nicht lustig ist. Er ist sogar ausgesprochen unlustig: In Amerika streiken nämlich die Gag-Schreiber. Im Gegensatz zu Deutschland gilt Humor in USA als ein wesentliches Organ, und deshalb ist die Aufregung groß.  Und auch in diesem Fall lässt sich eine gewisse pädagogische Wirkung feststellen. Zunächst einmal fällt der Menschheit auf, dass all die lockeren Sprüche der Late-Night-Moderatoren und sonstigen medialen Selbstdarsteller keine spontanen Einfälle sind, sondern vorher hart erarbeitet werden. Ganze Heerscharen Pointen produzierender Sklaven Sorgen dafür, dass Amerika etwas zum Lachen hat. Weil sie jetzt streiken gibt’s nur noch Witze von gestern und die Platzhirsche des flotten Spruchs sehen ziemlich alt aus. Für ein Land, dessen sozialer Kitt auch aus einer gewissen Selbstironie besteht, ist das natürlich eine Katastrophe. Ein stetiger Nachschub an Humorressourcen gehört in USA zur täglichen Grundversorgung - so ähnlich wie hierzulande ein funktionierender Schienenverkehr.

Vielleicht sollten wir bei Streiks künftig einfach mit den Amerikanern tauschen. Wenn dort die Bahn streikt, dann ist das weniger schlimm, weil es ja fast nirgendwo eine Bahn gibt. Und wenn bei uns die Gag-Schreiber streiken, dann ist das auch weniger schlimm, weil es ja ohnehin so wenig zu lachen gibt. Witz ist hierzulande keine geachtete Ressource, denn Deutschlands Kulturelite verwechselt Langeweile mit Ernsthaftigkeit und Trübsinn mit Tiefe. Ein paar zusätzliche Gag-Schreiber könnten der Nation also nicht schaden. Es gibt da nur ein Problem: Die größten Talente sind damit beschäftigt, Gesetzestexte zu formulieren.

Denken wir nur an das neue Gesetz über die „Vorratsdatenspeicherung“, das der Bundestag vor einer Woche verabschiedet hat. Aus Angst vor Terror-Anschlägen müssen künftig alle Telefon- und E-Mail-Verbindungen gespeichert werden. Der Staat erhält dadurch Zugriff etwa auf Kontakte von Rechtsanwälten oder Journalisten. Vergessen wir mal, dass dies gegen von der Verfassung garantierte Grundrechte verstößt. Vergessen wir weiterhin, dass viele Skandale künftig unentdeckt bleiben, weil Informanten Entdeckung fürchten. Ausgenommen von der Regelung sind Abgeordnete. Das überrascht uns nicht, schließlich haben sie ja grundsätzlich nie etwas zu verbergen. Auch Seelsorger sind nicht betroffen, also beispielsweise evangelische oder katholische Geistliche. Allerdings fallen mit etwas Geschick auch Menschen vom Schlage eines Kalif von Köln in diese Berufsgruppe. Wenn das kein Gag ist.

Druckversion