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  23.05.2008   +Feedback

Überläufer

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 23.05.2008

Als im Jahr 2000 die Grüne Vorstandsprecherin Gunda Röstel zur Firma Gelsenwasser AG ging, schüttelten einige Parteifreuden den Kopf, da der neue Arbeitgeber ausgerechnet eine Tochterfirma des Atomkonzerns E.ON war. Inzwischen kommen sie aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Prominente Grüne wechseln nach Abschluss ihrer Politikkarriere offenbar besonders gern zur „Atommafia“. Rezzo Schlauch sitzt im Beirat von EnBW und Jürgen Trittins Ex-Staatssekretärin Margareta Wolf arbeitet in einer PR-Agentur, die sich für längere AKW-Laufzeiten einsetzt. Erstaunlich auch die Karriere des Matthias Berninger, der als grüner Staatssekretär immer so besorgt war, dass Deutschlands Kinder vor den Verführungen der Junk-Food-Industrie geschützt werden. Er ist jetzt Direktor beim Schokoriegel-Riesen Mars Inc. Und die Ex-Abgeordnete Marianne Titz hat ebenfalls ein Herz für Lobbyisten: Sie wurde Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbandes.

Dass erfolgreiche Menschen in den mittleren Jahren sich nach neuen, besseren Arbeitsmöglichkeiten umsehen, ist nicht ehrenrührig. Wir verstehen auch, dass nicht jeder grüne Ex-Politiker bei Greenpeace oder der Rapunzel AG unterkommen kann. Dass sich führende grüne Köpfe aber ausgerechnet für Atomkraftwerke, Junkfood und Zigaretten einsetzen, hinterlässt einen intensiven Beigeschmack. Schließlich gehört es zur rhetorischen Grundausstattung der Partei, Menschen mit anderen Ansichten sofort und reflexhaft vorzuwerfen, sie würden von solch finsteren Mächten bezahlt. Die Vorstellung, dass Argumente auch dann richtig sein können, wenn sie von einer Industrie vertreten werden, existiert im grünen Weltbild nicht.

Das schwache Bild der Überläufer entsteht nicht, weil sie plötzlich eine gegenteilige Meinung vertreten, sondern weil sie vermutlich schon lange vorher an der grünen Dogmatik gezweifelt, aber ihren Mund gehalten haben. Es wäre viel besser um die Partei bestellt, dürften Grüne auch mal in den eigenen Reihen ein Pro-Atomkraft- oder Pro-Gentechnik-Argument vorurteilsfrei abwägen ohne dass gleich „Verrat“ geschrieen wird.

Dass Überlaufen von Spitzenfunktionären zur „bösen Industrie“ wie auch der Parteiwechsel von Oswald Metzger und anderen, die ihren Überzeugungen treu blieben, zeigt wie morsch die Weltanschauung geworden ist. Mit Hängen und Würgen halten die alten Linienpolizisten eine bröckelnde Fassade aufrecht. Doch es wird mit jeden Tag offensichtlicher: Der Energiebedarf Deutschlands kann nicht mit Windrädern und Solardächern gedeckt werden. Der Hunger auf der Welt kann nicht mit Biolandbau gestillt werden. Fröhliche Multikulti-Partys lösen nicht die Integrationsprobleme. Die Zeiten sind vorbei, als man in gut gepolsterten Wohlstandsnischen die Nase über Wissenschaft und Technik rümpfen konnte.

Vielleicht führt der Begriff „Überläufer“ ja auf die richtige Spur. In der Jägersprache bezeichnet er ein junges Wildschwein, das bald erwachsen wird.

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